Wagner | Das Erbe der thebäischen Legion | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 412 Seiten

Reihe: Marcus von Arbona

Wagner Das Erbe der thebäischen Legion

Historischer Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-6333-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, Band 2, 412 Seiten

Reihe: Marcus von Arbona

ISBN: 978-3-7562-6333-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schwaben im Jahr 928. Auf den Spuren der sagenumwobenen thebäischen Legion begibt sich ein junger Krieger vom Bodensee auf eine gefährliche Mission in den Süden des jungen Herzogtums. Zwar herrscht im frühmittelalterlichen Schwaben gerade Frieden, doch zwei Jahre nach den verheerenden Ungarneinfällen ist dieser mehr als trügerisch. Zwischen den Ostfranken und den Ungarn herrscht ein brüchiger Waffenstillstand. Als Gerüchte über das Auftauchen der siegverheissenden Heiligen Lanze kursieren, droht plötzlich ein alter Konflikt mit dem benachbarten Burgund zum Flächenbrand zu eskalieren. Erneut liegt es an Marcus, für das gemeinsame Glück mit Anna zu kämpfen und das umstrittene Herzogtum zu alter Stärke zu führen. Erneut entführt uns Marcus von Arbona ins frühmittelalterliche Schwaben - spannende Lesestunden auf einer gefährlichen Reise durch die wilde Landschaft der Schweiz vor über 1000 Jahren. Ein Mythos der Antike verschmilzt mit historisch fundierten Begebenheiten des Mittelalters.

Rafael Wagner ist leidenschaftlicher Mediävist und Autor. Der Historiker lebt mit seiner Familie nahe dem malerischen Städtchen Zofingen im Kanton Aargau. In der Ostschweiz aufgewachsen, studierte er in Frankfurt am Main Geschichte, Provinzialrömische Archäologie und Ältere deutsche Literaturwissenschaften. Anschliessend arbeitete er an der Universität Basel, im Stiftsarchiv St. Gallen sowie für einen Wissenschaftsverlag in Zürich und ist heute als Redaktor in Bern tätig. Das Schreiben begleitet ihn seit Kindertagen und erlaubt ihm, die Lücken in der historischen Überlieferung mit Fantasie zu füllen.
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Am Tag des heiligen Mauritius

Voller Angst blicke ich hinab auf meine zitternden Hände. Ich wage weder nach links noch nach rechts zu blicken. Hie und da vernehme ich das erleichterte Ausatmen eines Kameraden. Die Entscheidung über Leben und Tod wurde gefällt, als mir eine Bohne in die Hand gelegt wurde. Würden die Söhne Roms wirklich ihre Brüder töten? Worauf warten sie? Ich versuche meinen Atem zu kontrollieren. Mein Herz schlägt beinahe schmerzhaft gegen die Brust. Ich versuche mir angestrengt vorzustellen, was wohl nach dem Tod kommt. Doch sehe ich vor meinem inneren Auge immer nur das Gesicht meiner Mutter. Würde mich bald das Paradies erwarten? Gott? Zumindest erzählen uns dies die Priester, seine auserwählten Diener.

Ich bin wie alle meine Kameraden Christ. Einst hielt ich mir gleichzeitig den einen oder anderen alten, urrömischen Gott als Gewähr für Glück, Sicherheit und eine gesunde Familie in der Hinterhand, wie sie in fast allen Legionen Roms verehrt werden. Doch seit sich selbst unsere Kaiser für Götter halten, hege ich Zweifel. Woran ich nicht zweifle, ist ein Leben nach dem Tod, das ewige Himmelreich. Zumindest zweifle ich nicht mehr daran, seit wir auf der Überfahrt von Aegyptus nach Gallia im geeinten festen Glauben an den einen wahren Gott und seinen Sohn Jesus Christus allen Stürmen und Untiefen getrotzt haben. Wie ein Wunder hat jeder einzelne von Mauritius‘ Legion diese beschwerliche Reise unbeschadet überstanden. Doch nun sollen wir Feinde Roms bekämpfen, die wegen ihrer Überzeugung als Christen eine Gefahr darstellen, zumindest aus der Sicht des Kaisers. Wie sollen wir als Christen unsere Brüder und Schwestern aufgrund ihres Glaubens töten? Als dem Kaiser klar wurde, dass wir selbst alle an Christus glauben, wurden wir vor die Wahl gestellt. Sollen wir plötzlich unserem Glauben abschwören und unter Druck der kaiserlichen Garde die alten Götter annehmen? Wir würden den sicheren Tod ereilen. Also entschied sich der Kaiser persönlich für die grausamste Form, der bislang immer treu dienenden Legion seinen Willen aufzuzwingen: Die Decimation.

»Gewährt euren Kameraden einen raschen Tod, oder sie werden von den Speculatoren zu Tode geprügelt«, höre ich die Stimme des Praetorianertribuns. Quintus, mein Centurio, der Rom sein ganzes Leben gedient hatte und nun ausnahmslos mit seinen Soldaten und Kameraden der Decimation ausgesetzt ist, spricht uns Mut zu. Wie oft schon stand er einem unbarmherzigen Feind Roms gegenüber? Wie oft schon hat er seine Männer zum Sieg geführt? Ich kenne nur die Geschichten, die man sich am Lagerfeuer erzählt. Meine Zeit in dieser Legion hat erst begonnen, doch wird sie wohl bald zu Ende sein. »Alle mit einer braunen Bohne vortreten!«, befiehlt der Tribun erneut.

»Hat keinen Zweck, sich dagegen zu wehren«, höre ich Quintus hinter mir sagen, »stellt euch eurem Schicksal wie Männer.« Meine Augen immer noch nach unten gerichtet, öffne ich meine Hand. Sinnesbetäubende Erleichterung durchströmt mich. Die Bohne in meiner Hand ist weiß. Fast gleichzeitig durchfährt mich die schmerzende Erkenntnis, dass ich damit nur einer von neun bin, die gleich ihren zehnten Kameraden töten müssen. Nun höre ich kein erleichtertes Ausatmen mehr. Es herrscht Totenstille, während immer mehr meiner Kameraden aufstehen und tapfer nach vorne treten, um ihr Ende zu empfangen. Hinter mir spüre ich Bewegung und das Rasseln eines schweren Wehrgehänges. Quintus tritt an mir vorbei. Mir stockt der Atem.

»Die jüngsten Legionäre sollen es tun«, befiehlt der Praetorianercenturio vor uns, »das wird sie zur Vernunft bringen.« Einer der Speculatoren tritt auf mich zu und zerrt mich nach vorne, wo er mir seinen Gladius in die Hand drückt. »Bringen wir es hinter uns.«

Doch ich vermag das Schwert kaum zu halten. Verängstigt suche ich den Blick meines Centurios. Quintus schaut mir lächelnd in die Augen. Wie gefasst dieser Mann dem Tod entgegensieht, müsste meinem Herzen Mut und meinen Armen Kraft verleihen, doch noch immer halte ich das Kurzschwert nur lose in der Hand. Ich bin nicht bereit, meinen Mentor zu töten. »Für die Legion« spricht Quintus plötzlich und umfasst dabei meine Schulter während er mit der anderen Hand fest meine Schwerthand umklammert. Was hat er vor? Im Augenblick der Erleuchtung ist es bereits zu spät. Quintus zieht mich ruckartig zu einer brüderlichen Umarmung an sich heran und stürzt sich so selbst in die Klinge Roms. Ein Grundpfeiler des Reiches fällt durch meine Hand. Würde man sich seiner erinnern? Dunkelheit umgibt mich.

Mit dem Schwert in meiner Hand schrecke ich hoch und reiße damit auch Anna aus dem Schlaf. »Was ist los?«

»Etwas Schreckliches ist geschehen!«, flüstere ich.

»Du hattest bestimmt nur einen Traum, Marcus«, versucht mich Anna schläfrig zu beruhigen. »Lass meinen Arm los und komm näher zu mir.« Sie hat den Kopf bereits wieder hingelegt und nachdem ich den Griff um ihren Arm, den ich offenbar für ein Schwert gehalten hatte, gelockert habe, ist sie wieder eingeschlafen. Doch kann ich nun keineswegs an Schlaf denken. Woher kamen diese Bilder? Ich packe das beinerne Amulett, das ich stets an einer Hanfschnur um meinen Hals trage und das sich beim Liegen schmerzhaft in meine Brust gedrückt hat. Es ist überraschend warm, wärmer als meine Haut. Den letzten Traum, der sich so real angefühlt hat, durchlebte ich wegen meiner Fieberschübe vor zwei Jahren während der Kämpfe gegen die Ungrer. Was hat dieser neue Traum zu bedeuten?

Mittlerweile sind zwei Winter vergangen, doch kann ich mich noch gut an den Sommer vor zwei Jahren erinnern: Auf dem Weg in den heimatlichen Turagau waren wir der steten Gefahr ausgesetzt, von hungernden Bauern überfallen und getötet zu werden. Nach dem Schrecken der Ungrer sollte sich jeder Tag wie der schönste Tag unseres Lebens anfühlen und das Land um uns herum sollte nun friedlich und fruchtbar erblühen. So zumindest dachten wir nach unserem Sieg. Doch auf den sichtbaren Feind folgte das schwelende Elend. Hunger, Misstrauen und Verzweiflung überzogen das Land der Alemannen wie eine Seuche; Krankheit und Tod wurden zu ständigen Begleitern. Täglich wurde ich an den Tod meines jungen Freundes Jacob erinnert, an sein Opfer sowie jenes seines Vaters Liubman und der unzähligen anderen Gefallenen.

Obwohl der geschnitzte Knochen des heiligen Mauritius mir schon damals Halt gab, wusste und weiß ich noch immer, dass ich dieser Reliquie eigentlich nicht würdig bin. In den richtigen Händen könnte das Amulett ganz Alemannien vereinen. Doch wer wäre würdig genug, es zu tragen, ohne dessen Macht zu missbrauchen? Nach dem blutigen Sieg über die Ungrer, den wir einem in letzter Sekunde erscheinenden Grafen aus der Alsaza zu verdanken hatten, hätte ich dieses Symbol der obersten Führung Alemanniens unserem Retter überlassen können und ich muss zugeben, dass ich einen Moment lang daran gedacht hatte. Doch ließ seine herrische Art nichts Gutes vermuten, sodass ich die Reliquie schließlich dem Bauernkrieger und Anführer Hirminger anvertrauen wollte, der den eigentlichen Widerstand gegen die Ungrer organisiert hatte. Dieser lehnte das Amulett wiederum ab, was durchaus für ihn gesprochen hätte.

Mit schweißnasser Faust halte ich die Reliquie so stark umschlossen, dass meine Knöchel weiß hervortreten. Abgesehen von der Würde ist mir natürlich auch schon früh der Gedanke gekommen, dass mein wertvoller Besitz schnell einmal zur tödlichen Last werden könnte. Und kurz nur erschrecke ich, als mir dabei einfällt, dass seit der Schlacht, die ich schon fast für verloren gehalten hatte, nun unzählige Personen vom Amulett des heiligen Mauritius wissen. Hoffentlich würde uns das nicht eines Tages in große Schwierigkeiten bringen. Inzwischen ist der Anhänger um meinen Hals mehr als nur ein Anhängsel mit der Erinnerung an Jacob geworden. Über die Monate fühlte ich immer mehr den Drang, etwas Bedeutendes zu tun, dem Amulett gerecht zu werden. Doch dann habe ich die Reliquie als meinen Glücksbringer akzeptiert und sie niemandem mehr gezeigt. Hat der Traum der letzten Nacht etwas zu bedeuten? Ruft mich Mauritius erneut zu den Waffen? Dabei bete ich doch regelmäßig dafür, dass die Tage der Schlachten nun für alle Zeiten gezählt sind. Wenn der Traum bloß kein böses Omen darstellt.

Vor zwei Jahren fürchtete ich bei unserer Ankunft in den heimatlichen Wäldern schon, vom Amulett eingeholt zu werden. An Annas Seite kämpfte ich mir damals einen Weg durch das dichtbewachsene Land der Alemannia. Seitdem wir den sicheren Hof des Bauernkriegers Hirminger im Frichgau verließen, war schon über eine Woche vergangen. Das Verlangen nach einer Heimkehr an den Bodamansee war stärker als die vielen Warnungen von Hirminger, seiner Frau und den anderen Mitstreitern. Wo hätte ich sonst hingehen sollen? Immerhin kannte ich kaum etwas anderes, nachdem ich als kleiner Junge...



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