E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Wagner Das Prozesstagebuch von Jack Unterweger
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-7254-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich habe wie eine Ratte gelebt!
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-7693-7254-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach mehr als dreißig Jahren, in denen unzählige Berichte, Dokumentationen, Filme und sogar Theaterstücke über den mutmaßlichen Serienmörder Jack Unterweger erschienen sind, kommt dieser hier erstmals selbst zu Wort: In Form des Tagebuchs, das er während des Jahrhundertprozesses verfasst hat. Zeilen voller Wut, Verzweiflung, aber auch Leidenschaft, die neue, ungeahnte Facetten des Menschen Jack Unterweger zum Vorschein bringen. Es ist eine Abrechnung mit falschen Freunden, Justiz und Polizei, die seiner Meinung nach einen Unschuldigen vorverurteilt haben. Und doch auch eine Ode an die Liebe, die er zeitlebens viel zu exzessiv ausgelebt hat. Ergänzt wird dieses brisante Zeitdokument durch Interviews mit den damaligen Verteidigern, einem Gutachten über die kriminalistische Arbeit und privaten Briefen Unterwegers an die Herausgeberin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
»ENTLASSUNG UND FREIHEIT ODER 673 TAGE SCHÖNHEIT«
La formule de la vie! Dum fata sinunt vivite laeti. (Seneca) Formel des Lebens! So lange das Schicksal es euch vergönnt, lebt heiter.
FÜR SIE, DIE WISSEND IST!
Blicke. Stimme und Haut. Duft, ein Traum. Während ich dich auf die raue Wolldecke lege, streichle, küsse ich deinen halb geöffneten, wartenden Mund, herze deinen Hals, die kleinen, dunklen Spitzen deiner Brüste, meine Hand gleitet über den Alabasterglanz deines Leibes, zu deinen Beinen, Innenschenkel, immer weiter nach oben, und zu dem eigentlichen Geheimnis: Schwarzes Gekräusel über einem harten Hügel …
Geschehnisse entsprachen der Wirklichkeit.
Zeit und Orte erscheinen, wegen der auftretenden Personen, nicht immer chronologisch zum Ereignis abgestimmt. Namen von Personen sind unkenntlich gemacht, wer sich betroffen fühlt, ist erstens selbst schuld, zweitens aus seiner Denkweise heraus dazu angehalten, drittens will er erkannt sein.
Als Autor distanziere ich mich von dieser Art von Identifikationen und bestätige jedem eidesstaatlich, dass er/ sie keinen Grund hat, sich zu erkennen.
Jack Unterweger1
1. April 1992
Ausgelebt. Im Kreislauf der Gefühle eingekerkert. Aus dem Leben, einem wunderschönen Traum herausgerissen. Hingerichtet die erkämpfte Freiheit. Chaos, Visionen zertrümmert, Herbst im Frühling, Zerrissenheit. Miami. Ohne Vice. Appartement im Art-Deco-Viertel. Täglich on the Beach, Weite, nirgends Enge. High Noon. Dreißig Grad im Schatten. Hohe Luftfeuchtigkeit. The hell who loved me! Ein Alp. Ocean Drive, Noon-Time. Love and the end. Pünktlich. Collins Avenue, dann, Minuten nur, langsamer gehend, 11th Street, überquerend, weiter, bereits hektisch, wissend, nahe dem Finale, Washington Avenue. Nerven. Schneller, flatternd, am Ende. Miami Beach Court House, zu sehen, dahinter, ein betonierter Hof dazwischen, Miami Beach Police Station. Keine hundert Meter bis zum Ziel, das Nest, die Wohnung, umgeben von Kulissen zu Miami Vice. Von Don Johnson weit entfernt. Endstation nach weltweiter Hetzjagd: Wien, Zürich und Basel, Paris-Orly, New York, Miami International Airport.
Der kleine Knabe aus dem österreichischen Bergland flog die Route seiner Träume. Davongejagt, von Träumen blieb der Alp. Kein Kind mehr im Manne, nur noch alt gewordene Jugend. Ich! Flüchtig, einsam zu zweit, das Crescendo verzerrt das Mienenspiel. Wortlos. Bianca führte von Gossau nach Miami, drei Tage nach meiner Festnahme war sie zurückgekehrt, nicht allein, eingehakt beim Kriminalbeamten, lächelnd die Gangway betretend. Sie wurde abgeholt, die Beamtin teilte Ehebett und Zimmer mit ihr. Auf österreichische Staatskosten, ohne Haftbefehl, gesetzliche Grundlagen außer Kraft gesetzt und nach Wiener »WIR SIND WIR«-Mentalität, perfekte Amtshandlung in Miami, ohne Wissen der US-Behörden. Wien ist Wien und überall. Nach unserer Ankunft, am frühen Abend, in unserer Winterkleidung, aus Europa kommend, standen wir hilflos, fragend vor der Ankunftshalle des Airport. Ein Taxifahrer, Kubaner, entschied für uns, brachte uns in ein Hotel im Kubaner- Viertel auf Miami Beach, und er zeigte uns die Orte, die wir als Touristen meiden müssten, wollten wir nicht überfallen werden. Dreißig Dollar und keine Fragen. Er ahnte nichts vom Verdacht: Serial killer of prostitutes!
Seit Wochen erzeugen Schlagzeilen Kopfbilder, schmücken Titelseiten, weltweit, und niemand bringt Fakten. Many arguments, no proof. No evidence! Wen interessiert das noch? Verbissen, von Rache geführte, geplante Vernichtung, die konsequente soziale Hinrichtung: Ex-Polizist Schenn2, seit Jahren Pensionist, und sein ebenso altes Versprechen, ausgesprochen vor neun Jahren, am ersten April 1983, im Zuchthaus Stein, war Wirklichkeit geworden. »Solltest du je vom Zuchthaus freikommen, mach
ich dich fertig! Wenn die Leute schon so blöd sind und die Bücher eines Verbrechers kaufen, wirst du nichts davon haben! « Hass total. Ich hatte ihn nie ernst genommen, fast vergessen, und jetzt feiert er, überglücklich, unterstützt von schlagzeilengeilen Medien. Ich bin wieder, nach zwei herrlichen, wilden Jahren in Freiheit, verhaftet, in der Zelle. Innocent! Wenige Monate nach meiner Entlassung hatte er mit der Verfolgung begonnen, noch ohne konkrete Beschuldigungen treffen zu können. Er schwor, rief immer wieder an, versprach, » … und wenn nichts anderes geht, die zwei Jahre Untersuchungshaft machst!« Warum auch immer.
Monatelang terrorisierte er mich mit Anrufen, nur nachts, anonyme Kontrollanrufe, die ihm sagten, wo ich mich bewegte. Ich ärgerte mich, lachte, dachte und sagte allen: »Der kann mir nichts anhaben, weil ich nichts anstelle!« Errare humanum est. Journalisten wollten eine Geschichte daraus machen, ich lehnte ab. Ich ahnte nichts von seiner Gemeinheit, dem von ihm ausgesandten Aktenvermerk an alle Polizeidienststellen.
» … in Bezug auf die ungeklärten Prostituiertenmorde ergeht der Hinweis auf …, er habe bereits zwei Prostituierte mit ihren eigenen Kleidungsstücken erdrosselt und ist wegen zweifachen Prostituiertenmordes vorbestraft …, wurde er aus der Sonderanstalt Mittersteig entlassen …«3
Niemand prüfte, was vor achtzehn Jahren geschah. Nie hatte ich in seiner Stadt einen Mord begangen, nie hatte ich eine Prostituierte ermordet, nie hatte ich irgendwo zwei Menschen ermordet, und nie war ich auch nur einen Tag in dieser Sonderanstalt. Die Beamten nahmen den Hinweis dankbar auf, sie hechelten seit Jahren dem oder den unbekannten Frauenmördern nach. Später wurden die ungeklärten Morde, die vor meiner Entlassung passierten, ausgeschieden. So einfach. Polizeilicher Kunstgriff. Beamte hetzten im Rotlichtmilieu gegen mich, und sie nützten meine Vergangenheit dazu voll aus, wussten, dass mich viele im Milieu hassten, weil ich von ganz unten, mit Hilfe von Kraft, Hirn und Umdenken, einer neuen Lebenseinstellung, nach oben gekommen war. Neid fraß alle Vernunft. Die Jagd begann!
Hofferl4, Kripomann im Sicherheitsbüro, prüfte als Erster alle Angaben von Schenn und bezeichnete seinen Ex-Kollegen als » … nicht ganz richtig im Kopf!« Nach der Vernehmung ging ich nach Hause. Auch nach zwei weiteren Einvernahmen.
Schenn zog erfolglos von Wien ab. Sein Hass aber blieb. Als nächstes Zielgebiet kam Graz in Frage, auch hier warteten vier Dirnenmorde auf Aufklärung, zwei davon konnten zeitlich meinen Freiheitsaufenthalten zugeordnet werden. Die anderen beiden blieben abgelegt.
Ein Grazer Journalist, Hänschen Breitmaul, pickelgesichtig und Möchtegernpolizist, war sofort begeistert, gemeinsam mit einem Beamten, der seit Jahren erfolglos gejagt hatte und vor der Pensionszeit stand, wurden alle Karten neu gemischt, alles auf meine Person zurechtgebastelt.
Zeugen, Prostituierten wurden meine Bilder so lange vorgehalten, bis mich einige erkennen mussten … Beamte, Kollegen und Vorgesetzte wurden in bester Art von Gehirnwäsche davon überzeugt, dass ich der Mörder sein muss!
Geigerlein, karrierescharfer Quereinsteiger im Wiener Sicherheitsbüro und wegen der vielen ungeklärten Morde unter starkem Druck von Politik, Vorgesetzten und Milieu, war dankbar für diesen neuen Rettungsanker. Die Öffentlichkeit musste ruhiggestellt werden, zwei kleine Mädchen fielen der Bestie erst vor wenigen Monaten in die Hände …
Die Wiener Staatsanwaltschaft bremste den Eifer der Jäger. Die vorgebrachten Behauptungen hatten keine Grundlage, nach dem Aktenstudium wurde ein Haftbefehl abgelehnt. Die Jäger, der rechten Reichshälfte zugehörig, sahen mich nie, sprachen nie mit mir, kannten mich nicht, aber sie jagten mich als Serienkiller. Endlich, wieder in Graz, erfüllte ihnen ein befreundeter Untersuchungsrichter den Wunsch: Haftbefehl! Er verlangte weder Akteneinsicht noch Beweise. Der Rest blieb den Medien, allen voran, exklusiv natürlich, Breitmaul, überlassen. Geigerlein lud etliche von ihnen ein, mit ihm in meine Wohnung zu fahren, live dabei zu sein …5
Ich war nicht zu Hause, sie durchwühlten gemeinsam meine Räume! Geigerlein stapelte die ungeklärten Fälle, die in meine Zeit eingereiht werden konnten, auf den Tisch, gab Journalisten Einsicht, referierte und macht es bis heute.
Sein Minister untersagte öffentliche Auftritte, er kümmerte sich nie darum, Geigerlein feiert mich weltweit als seinen gesuchten Serienmörder! Telegene Auftritte absolvierte er gekonnt, seine Hofberichterstatter ergänzten das Puzzle. Beweise? Niemand stellt Fragen, wenn der Herr Doktor spricht. Kein Hinterfragen, Recherchieren mehr, die Schlagzeile wird von ihm geliefert. Die jahrelange erfolglose Killer-Fahndung, die Opfer der Vergangenheit sind kein Thema mehr.
Gemordet wird immer, als Opfer Frauen, mit »ähnlichem modus operandi«, mit verbalen Behauptungen ersetzt er fehlende Beweise. Neue Fälle werden kollektiv verschwiegen, nur Kleinstberichte in den Medien. Schlagzeilen, jetzt, vor dem Prozess, darf es nicht geben, zumindest keine neuen. Peinliche Diskussionen müssen verhindert werden. Gestern, heute, so lange, bis ich abgefertigt bin. Wien, Graz, Bregenz, Linz und Salzburg, keine Stadt ohne mehrere Opfer,...




