E-Book, Deutsch, 335 Seiten
Wagner Die edle Kunst des Mordens
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-5577-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Clara Annerson ermittelt. Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 335 Seiten
ISBN: 978-3-7325-5577-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wie begeht man den perfekten Mord? Clara Annerson braucht dringend Inspiration für ihren neuen Roman. Deswegen greift sie sofort zu, als sie die Einladung bekommt, ein paar Tage auf einem Landschloss in der Nähe von Wien zu verbringen - schließlich lässt es sich wohl kaum stimmungsvoller morden als inmitten von Kunstschätzen. Dumm nur, dass einer der anwesenden Gäste das offenbar genauso sieht wie Clara: Kaum angekommen, stolpert die Autorin über eine Leiche in der Bibliothek ...
Alex Wagner, geb. 1972, lebt in Wien. Ursprünglich Betriebswirtin, experimentierte sie sich durch die Jobwelt - von Private Banking und Versicherungsvertrieb über Coaching und Hypnose bis zu Weltretten bei Greenpeace. Derzeit schreibt sie an der Fortsetzung von Die edle Kunst des Mordens.
Autoren/Hrsg.
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Er ging langsam, ließ Lohenstein und Bischoff auf der Treppe den Vortritt. Ich blickte mich um, erwartete den Jungen mit der Adlerfeder hinter uns, der offensichtlich Arcimboldos Assistent war, doch er war uns nicht gefolgt.
Als Lohenstein und Bischoff bereits einen deutlichen Vorsprung gewonnen hatten, lächelte mein Begleiter mich an und blieb stehen. »Sie können meinen Arm jetzt loslassen, Frau Annerson«, sagte er mit seiner Samtstimme.
»Woher kennen Sie meinen Namen? Was für ein Spiel spielen Sie hier, zum Teufel? Und wieso nennt man Sie Arcimboldo?«, sprudelte es aus mir heraus.
Er lächelte nur. Und sprach – im deutlichen Gegensatz zu mir – langsam und völlig unaufgeregt. »Ich hätte mich Ihnen ja vorhin schon vorgestellt«, sagte er. »Das hätte allerdings ein wenig eigenartig anmuten können, wo Sie doch meine Freundin sind, nicht wahr?« Sein Lächeln wurde breiter, und seine blauen Augen funkelten.
»Aber jetzt, wo wir unter uns sind: Mein Name ist Raffael Lamarck. Nennen Sie mich Raffael. Ich freue mich sehr, dass wir uns persönlich kennenlernen. Ich bin ein Fan, kann man sagen.«
»Ein Fan?«
»Ihrer Bücher.«
Verdutzt starrte ich ihn an. »Meiner … Bücher? Sie lesen Liebesromane?«
»Gelegentlich«, sagte er, und seine Stimme war jetzt süß wie Honig. Noch immer hielten mich seine Augen fixiert, und noch immer funkelte darin etwas Schalkhaftes.
»Ich war bei einer Lesung von Ihnen«, sagte er. »Erst kürzlich.«
Ich glaube, daraufhin wurde meine Kinnlade ein Opfer der Schwerkraft.
»Ich fand den Titel Ihres letzten Buches ungewöhnlich«, fuhr er fort und war mit einem Mal wieder ernst. »Merlins Rabe. Wie sind Sie darauf gekommen? Eigentlich wollte ich Sie das schon bei der Lesung fragen.« Seine Augen bohrten sich jetzt fast in meine. In meinem Nacken kribbelte es.
»Das ist eine lange Geschichte«, sagte ich ausweichend. Ich hatte jetzt wirklich keine Lust, meine Bücher zu diskutieren. Die Art Bücher, die ich nicht mehr schrieb. Zu viele eigene Fragen brannten mir auf der Zunge.
»Diese Männer … aus dem Rudolfsbund, wieso nennen die Sie Arcimboldo? Und was für ein Spiel haben Sie inszeniert?«
Raffaels Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, bevor er antwortete. Der Themenwechsel schien ihn nicht zu überraschen. »Kaiser Rudolf II. hatte einen Hofkünstler namens Arcimboldo. Sein bevorzugter Zeremonienmeister. Eventmanager, würde man heute sagen. Aber Sie kennen wahrscheinlich am ehesten seine Naturalienporträts? Einige hängen hier im Kunsthistorischen Museum.« Er sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Naturalienporträts? Ja … die hatte ich gesehen. Erst heute Nachmittag. In der italienischen Gemäldegalerie des Museums. Groteske Köpfe, die ganz aus Obst, Gemüse, Fischen oder allem möglichen Gerät bestanden, von Zündhölzern bis Kanonen – je nach der Thematik des Gemäldes. Groteske Bilder, aber dennoch faszinierend. Genau wie dieser Mann.
»Und was das Spiel des heutigen Abends anbelangt«, fuhr Raffael fort, »das war eine von mir inszenierte Schnitzeljagd rund um die Liebschaften des Göttervaters Zeus. Die Rudolfsbündler lieben derartige Zerstreuungen.« Er strich sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr.
»Mein Assistent Andreas, dem Sie auf so bühnenreife Art die Adlerfeder entrissen haben, spielte Ganymed, jenen Hirtenknaben, den Zeus in Gestalt eines Adlers auf den Olymp entführte. Und die junge Frau mit der Goldmünze im Mosaiksaal war Danaë, die Königstochter, der sich Zeus als Goldregen näherte.«
Ich nickte stumm. Raffael hatte mich also bereits im Mosaiksaal entdeckt, während ich geglaubt hatte, ihn unbemerkt zu beobachten.
»Und das Museum hat nichts gegen diese Nutzung der Sammlungen als Spielwiese für Ihren Bund?«, fragte ich. Raffael hatte sich wieder in Bewegung gesetzt, und ich schritt an seiner Seite die Marmortreppe hoch.
»Christian Lohenstein ist einer der großzügigsten Gönner dieses Hauses«, sagte er, über seine Schulter gewandt. »Das heißt, eigentlich seine Frau, Lavinia. Es ist ihr Geld. Und was die Spielwiese anbelangt: Wir verhalten uns ja leise und gesittet und kommen den Kunstschätzen auch nicht zu nahe. Noch kein Mitglied des Rudolfsbunds hat sich je gegen eine Vitrine geworfen.« Er lächelte, und in seinen Augen lag wieder dieses Funkeln.
Ich starrte auf meine Schuhspitzen, als müsse ich mich aufs Treppensteigen konzentrieren. Er aber hakte nach. »Wollen Sie mir nicht verraten, was genau Sie da getan haben? Im Gegensatz zu Lohenstein weiß ich, dass Sie heute Abend ganz sicher kein Bestandteil meiner Inszenierung waren. Was hatten Sie denn mit dieser Vitrine vor? Und mit der Adlerfeder?«
»Ich … ich war so in meinen Mord vertieft, dass ich die … dass ich die Situation wohl ein wenig fehlinterpretiert habe.«
»Ihren Mord?« Seine Augen weiteten sich.
»Meinen Krimi, meine ich«, sagte ich rasch. »Ich arbeite an einem neuen Buch.«
»Oh. Aber Sie schreiben doch Liebesromane, oder?«
»Ich … nein … also früher natürlich schon. Das wissen Sie ja. Aber jetzt nicht mehr. Ich bin mit der Liebe fertig!« Den letzten Satz bereute ich, noch während er über meine Lippen glitt. Das ging diesen Fremden doch wirklich nichts an.
»Sie haben sich also gegen diese Vitrine geworfen, weil Sie dachten …?«
»Ich wollte den Alarm auslösen«, nuschelte ich in Richtung meiner Schuhspitzen. »Ich dachte, dass Sie einen Kunstraub planen.«
Ich rechnete es ihm hoch an, dass er nicht in schallendes Gelächter ausbrach.
»Verstehe«, sagte er nur, und ich spürte seine Augen auf mir, obwohl ich noch immer zu Boden starrte.
Rasch wechselte ich das Thema. »Christian Lohensteins Frau, die das Museum so großzügig unterstützt, ist heute Abend auch hier?« Kunstsponsoring interessierte mich in etwa so sehr wie Fußball, aber alles war besser, als meinen peinlichen Auftritt weiter zu diskutieren.
Raffael hielt abrupt an. »Lavinia? Nein. Sie kommt nie hierher. Sie verlässt das Haus generell nicht. Und empfängt auch keine Gäste. Sie hat gesundheitliche Probleme und hasst jede Art von Publicity. Ich selbst habe sie in den zwei Jahren, die ich Christian Lohenstein kenne, noch nie zu Gesicht bekommen. Nur einmal durfte ich ein antikes Perlenhaarnetz für sie besorgen.«
»Ein was?«
Er sah mich an und lächelte wieder. »Wenn ich nicht gerade Partys für exzentrische Sammler organisiere, bin ich Kunsthändler, wissen Sie. Und Lavinia Lohenstein liebt Schmuck. Perlen im Besonderen.«
»Oh«, sagte ich nur. Für Perlen hatte ich mich noch nie besonders erwärmen können.
Als wir den Kuppelsaal erreichten, war das Dinner bereits in vollem Gange. Der Tisch des Rudolfsbunds war eine lange, festlich geschmückte Tafel in der Mitte des Raums. Lohenstein und Bischoff diskutierten mit einigen anderen Gästen lautstark und wortreich die Höhepunkte, Schwierigkeiten und Fallen der heutigen Schnitzeljagd.
Als ich mich neben Raffael niederließ, nickten mir einige der Rudolfsbündler einen kurzen Gruß zu. Meine Anwesenheit bei Tisch wurde von niemandem hinterfragt. Ich atmete erleichtert aus.
Eigentlich hätte ich an dieser Stelle gehen können, die Rätsel und Missverständnisse des Abends waren gelöst. Doch ich blieb. Was – abgesehen von dem exquisiten Essen – vor allem an Raffael Lamarck lag. Ich genoss es, an seiner Seite zu sitzen und seiner wundervollen Stimme zu lauschen. Er erzählte mir alles über die schier unendlichen Liebschaften des Zeus, und mir kam der Gedanke, dass die antiken Götter wesentlich lebensfreudiger waren als jene, die wir heute so verehrten.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis der Gewinner des Abends eintraf. Ein Mann Mitte vierzig, mit der Art von Gesicht, das zwar angenehm anzusehen war, aber keinerlei bleibenden Eindruck hinterließ. Er trug einen sehr korrekten Scheitel, auf der schmalen Nase eine Brille mit dünnem Goldrand. Und er war ziemlich außer Atem.
Höflich begrüßte er mich, sogar mit einer kleinen Verbeugung. »Frank Hofstädter, es freut mich sehr, Sie kennenzulernen.«
Seine Stimme klang schwermütig, und er zögerte, wo er sich niederlassen sollte. Raffael deutete auf den Stuhl neben mir und lächelte ihm aufmunternd zu. Kurz darauf wurde der Neuankömmling von allen beklatscht, weil er heute Abend die meisten Rätsel von Raffaels Schnitzeljagd gelöst hatte. Die Aufmerksamkeit und das Lob waren Frank Hofstädter sichtlich unangenehm.
»Christian Lohenstein und ich haben zusammen studiert«, sagte er nach einer Weile, als müsse er mir seine Anwesenheit an diesem Tisch erklären. »Alte Freunde. Ich sammle zwar auch, bin aber bei weitem nicht in Christians Liga. Römische Münzen und Gemmen, wissen Sie. Ein überaus faszinierendes Gebiet. Ich …«
Weiter kam Hofstädter nicht, denn an dieser Stelle erhob sich Christian Lohenstein und schlug zweimal mit dem Kaffeelöffel gegen sein Champagnerglas.
»Meine lieben Freunde«, begann er und blickte in die Runde wie ein wohlwollender Fürst, der zu seinen Untertanen sprach. »Sie alle wissen, welcher besondere Tag sich am kommenden Samstag zum 460. Male jährt. Es ist mir eine große Freude, dass wir den Geburtstag unseres Schirmherrn dieses Jahr endlich im passenden Rahmen feiern können. Sie werden es nicht glauben, aber nach fast drei Jahren Bauzeit – gefühlt eher...




