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E-Book, Deutsch, 170 Seiten
Wagner Ein Affe auf dem Westweg
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-5417-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 170 Seiten
ISBN: 978-3-6957-5417-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Wagner wurde 1965 in der Schwarzwaldhauptstadt Freiburg geboren. Mittlerweile lebt er in der Region Basel vor den Toren des südlichen Schwarzwalds. Wenn es ihn nicht in den Schwarzwald zieht, dann auf den Jakobsweg, wovon er drei klassische Varianten auf seinem Palmarès hat.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2 Etappen
2.1 Dobel
Der Einstieg in den Westweg lässt sich gemütlich an. Die Landschaft ist ruhig, der Verkehr nicht. Zeitweise ist die Strasse nicht weit entfernt und muss zur Kenntnis genommen werden. Ansonsten geht es auf unspektakulären Forstwegen durch den herbstlich schönen Wald. Die Szenerie erinnert tatsächlich an Pilgeretappen auf dem Camino Santiago. Als passende, kleine Überraschung ein unerwarteter Zuruf »Guten Westweg!«, ganz wie das »Bon Camino!«, das einem auf dem Weg nach Santiago ab und an mitgegeben wird. In Neuenbürg wird eine kleine extra Schleife fällig, um die einzige am Montag offene Einkehrmöglichkeit sowie Einkaufsmöglichkeiten zu erreichen.
Der in Dobel gesprochene Dialekt bewegt mich zu einer kurzen Recherche: Pforzheim, der Startpunkt, ist badisch, aber Dobel württembergisch. Tatsächlich, der Westweg wechselt anfangs zwischen den ehemaligen Landesteilen Baden und Württemberg hin und her. In Forbach (Etappe 2.2) befindet man sich wieder in Baden, ebenso wie am zu Seebach (Ortenaukreis) gehörenden Mummelsee (Etappe 2.3). An der Alexanderschanze (Etappe 2.4) ist man wieder in Württemberg, bevor man dann bis zur Schweizer Grenze auf badischem Territorium geht.
Paviane
Das Kap der Guten Hoffnung ist ein beliebtes Reiseziel in Südafrika. Es ist fast der südlichste Punkt Afrikas, und der Tourist lässt es sich nicht entgehen, diesen Punkt zu besuchen, auch wenn es nicht wirklich viel zu sehen gibt. Man stellt sein Auto auf einem Parkplatz ab, der von Pavianen belagert wird. Die Paviane haben gelernt, dass es beim Touristen etwas zu fressen gibt. Manche Touristen füttern gedankenlos wilde Tiere und stören sie auf diese Art in ihrem natürlichen Verhalten. Der Affe meint nun, der Mensch sei etwas in der Rangordnung unter ihm Stehendes, was ihn füttert, und wenn dieses Futter nicht mehr kommt, dann schreit er. So wird der Pavian aggressiv gegenüber Touristen, die ihm nichts zu fressen geben. Dieses Bild war die Inspiration für den Buchtitel: Der Affe, der schreit, wenn er etwas nicht (mehr) bekommt, worauf er meint, Anspruch zu haben.
Wertsachen
Der Westweg beginnt in der »Goldstadt« Pforzheim. Die in der Broschüre[1] erwähnte Gelegenheit, beim Aufenthalt in der Schmuck- und Designstadt eine der vielen Schmuckund Kunstausstellungen anzusehen, ergab sich nicht. Einige »wertvolle« Gedanken kamen dennoch des Wegs:
Einer von Jules Vernes weniger bekannten Romanen, »Ein Lotterielos«[4], handelt in Norwegen. Ein Schiffbrüchiger übergibt sein Lotterielos einer Flaschenpost, welche auf wundersame Weise zu seiner Verlobten gelangt. Das Los bietet Aussicht auf den bald zu ziehenden Hauptgewinn von 100000 Mark, und dies bei einer Gewinnchance von eins zu einer Million. Angesichts der tragischen Umstände lassen sich viele Leute zur Ansicht verleiten, das Los müsse unweigerlich den Hauptgewinn landen, was Interessenten zu immer höheren Geboten bis zu 8000 Mark für den Erwerb des Loses verleitet. Die Verlobte denkt selbstverständlich nicht daran, das letzte Lebenszeichen ihres Geliebten zu veräussern, bis es schliesslich doch – den Umständen geschuldet – dem Antagonisten des Romans gegen Erlass einer Hypothek von 15000 Mark überlassen werden muss. Als diese Geschichte ruchbar wird, erlahmt das öffentliche Interesse an dem Los schlagartig und das Ansinnen des Wucherers, das Los mit Gewinn weiterzuverkaufen, läuft ins Leere. Vernes Herz-Schmerz-Geschichte - deren Ausgang hier nicht verraten werden soll1 – wird somit gewürzt durch ein kleines, satirisch angehauchtes Börsenspiel zwischen Hausse und Baisse.
Um viel Geld geht es auch in der wunderbaren Erzählung »Das Flaschenteufelchen«[5] von Robert Louis Stevenson, die vielleicht auch vage Bezüge zu Wilhelm Hauffs Schwarzwaldsaga »Das Kalte Herz« aufweist (die Märcheninstallation im Zweigmuseum des Badischen Landesmuseums in Neuenbürg war leider geschlossen). Der von Hawaii stammende Keawe kauft in San Francisco für fünfzig Dollar ein kleines, milchiges Fläschchen, der darin befindliche Teufel erfüllt ihm jeden Wunsch. Einen Haken hat die Sache, bevor er stirbt, muss er die Flasche wieder loswerden, sonst wird er in der Hölle schmoren. Und – das macht die Sache kompliziert – der Preis muss niedriger sein als der, den er selbst bezahlt hat. So ist der Preis von anfänglich in Millionenhöhe mit den vielen Besitzerwechseln drastisch gefallen, und Keawe ist zunächst froh, das Fläschchen wieder loszuwerden, nur um es später noch einmal – für einen Cent! – zu kaufen. Wer das Fläschchen für nur einen Cent kauft, der wird es ja nicht mehr los! Aber nein, es gibt ja noch andere Währungen auf der Welt, auf Tahiti gilt der französische Centime, der ist weniger wert als ein Cent . . . Das Ende der Geschichte soll hier nicht erzählt werden2, fragen wir uns lieber, wer denn Interesse an einem solchen Fläschchen von unermesslichem Wert und lächerlichem Preis haben würde. Für die kleinstmögliche Münze der Welt wohl niemand, es drohen ja unwiderruflich Höllenqualen. Aber dann kauft man es auch nicht für die zweitkleinste Summe, die möglich ist (egal in welcher Währung), denn man würde es nicht mehr verkaufen können. Aber dann kauft man es auch nicht für die drittkleinste Summe, und so weiter ... Es scheint paradox, wir können dies immer weiter bis ins Unendliche spinnen, niemand würde das Fläschchen kaufen wollen!? Das Paradoxon wird aufgelöst wie in Stevensons Erzählung, indem das Fläschchen eben doch einen Käufer findet, solange der Preis noch hoch genug ist und ein Wiederverkauf möglich erscheint. Erst als der Preis sehr niedrig ist, müssen andere Motive hinzukommen, aber das sei hier nicht verraten.
2.1 Erste Etappe nach Dobel
2.2 Zweite Etappe nach Forbach
2.2 Forbach
Die zweite Etappe ist über weite Strecken ebenso unspektakulär wie die erste, bis dann ab dem Latschigfelsen der kräftige Abstieg ins Murgtal kommt, das durchquert werden will. (Am nächsten Tag muss man sich diese Höhe wieder erarbeiten, um zur Schwarzenbachtalsperre zu kommen.) Äusserst schön ist allerdings der Plankenweg entlang des Hohlohsees.
Die touristische Infrastruktur am Weg ist bislang eher dünn und anfangs Woche durch Ruhetage gezeichnet, vereinzelt auch Betriebsferien oder gar dauerhafte Schliessungen. Als grosser Pluspunkt erweist sich daher die KONUS-Gästekarte, mit der man im ganzen Schwarzwald im Nahverkehr unterwegs sein kann. Oft ist es recht einfach, sich mit Bus oder Bahn in einen Nachbarort zu begeben, in dem man noch ein geöffnetes Restaurant oder Einkaufsmöglichkeiten vorfindet.
"Klofrauen"
Der von mir so schmerzlich vermisste Kabarettist Georg Schramm hat in seinem letzten Auftritt im »Scheibenwischer« (ARD, 25. Mai 2006) gesagt: »Diese Politkasperle dürfen auf der Bühne der öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren, und wenn es nach Verrichten ihren intellektuellen Notdurft noch nachtröpfelt, dann können sie sich noch bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne unters Volk mischen.«[6, S.154] In den Sendungen der »Bedürfnisanstalten«, gegen die Schramm so gewettert hat, und die heute teils von anderen »Klofrauen« (oder auch -männern) geleitet werden, treffen Interessen aufeinander, die damals wie heute vordergründig mit Argumenten gegeneinander ausgefochten werden. Selten genug verweile ich bei solchen Sendungen, in Erinnerung geblieben ist mir jedoch die Sendung von »Klomann« Markus Lanz, in der am 15. Juli 2025 (ZDF) die designierte Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf zu Gast war. Diesmal zwar ohne »Politkasperle«, dennoch eine journalistische Sternstunde, welche die Frage aufwirft, welche Interessen Lanz mit seiner Sendung verfolgt hat. Frau Brosius-Gersdorf liegt auf dem Seziertisch. Ihre Äusserungen zu heiklen politischen Themen werden mit chirurgischer Präzision analysiert. Lanz meint, es komme auf jedes Wort an. Auch in der anschliessenden Debatte mit zwei Journalisten fällt man immer wieder auf Brosius-Gersdorf zurück und verliert sich in Wortklaubereien. Es bleibt eine Randnotiz, dass die Regierungsparteien politisch handwerkliche Fehler begangen hätten. Das Wort Medienkampagne hört Lanz nicht gern, und die Hetzkampagnen auf anderen Kanälen sind gar nicht erst der Diskussion wert. Das wäre allerdings das einzige gewesen, was mich an diesem Fall je interessiert hat, wie es möglich ist, dass nicht die politischen Parteien eine Verfassungsrichterin bestimmen, sondern ein Pöbel im Deckmantel der sogenannten sozialen Medien. Diese Frage wird auch in Lanz’ Sendung am Folgetag nonchalant entsorgt, Brosius-Gersdorfs Gesinnung und Spahns...




