Wagner | Entscheidung am Bodensee | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 244 Seiten

Reihe: Marcus von Arbona

Wagner Entscheidung am Bodensee

Historischer Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-5409-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, Band 3, 244 Seiten

Reihe: Marcus von Arbona

ISBN: 978-3-7583-5409-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schicksalsjahr 933. Der ostfränkische König Heinrich beschwört einen neuerlichen Konflikt mit den Ungarn herauf. Doch während er seine Truppen im Norden bei Merseburg versammelt, dringen sarazenische Kampfverbände von Südfrankreich in die Alpentäler und bis nach St. Gallen vor. Als in der Bodenseefestung Arbon auch noch eine alte Fehde neu entflammt und es zu Spannungen zwischen Alemannen und Rätern kommt, muss der junge Krieger Marcus alles riskieren, um seine Familie zu beschützen. Marcus von Arbona kämpft zum dritten Mal um das Schicksal des Herzogtums Schwaben und um das eigene Vermächtnis. Ein historisch fundierter Abenteuerroman im frühmittelalterlichen Bodenseeraum.

Der Historiker und Autor Rafael Wagner lebt mit seiner Familie nahe dem malerischen Städtchen Zofingen im Kanton Aargau. In der Ostschweiz aufgewachsen, studierte er in Frankfurt am Main Geschichte, Archäologie und Germanistik. Anschliessend arbeitete er an der Universität Basel, im Stiftsarchiv St. Gallen sowie für einen Wissenschaftsverlag in Zürich. Heute ist er als Redaktor in Bern tätig. Das Schreiben begleitet ihn seit Kindertagen und erlaubt ihm, die Lücken in der historischen Überlieferung mit Fantasie zu füllen.
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Cap. I


Mittwoch, 13. März 933


Entfernte Schreie und der Gestank nach Rauch versetzen mich in angsterfüllte Aufregung. Meine Handflächen sind tropfnass, als ich die Griffe meiner umgehängten Waffen betaste, so als müsste ich sichergehen, dass ich nicht plötzlich wehrlos in einen Hinterhalt laufe. Dabei habe ich es seit unserem Aufbruch vom Bodamansee nicht mehr gewagt, die lange, doppelschneidige Spatha sowie den kürzeren, einschneidigen Sax abzulegen. Inzwischen sind über drei Wochen vergangen.

Vorsichtig schleichen wir zwischen den Bäumen hindurch, achten auf jedes noch so kleine Geräusch. Dann erreichen wir den Waldrand und Mangold zieht einen Pfeil aus einem Stamm. Das Dorf vor uns – knappe zwei Dutzend Schritte entfernt – steht in Flammen. »Ein ungrischer Pfeil«, betrachte ich die mit einem Dorn auf den Holzschaft gesteckte, eiserne Pfeilspitze. Diese Pfeile würde ich jederzeit wiedererkennen. Vor sieben Jahren steckte eine solche Spitze mit rautenförmigem Blatt in meiner Schulter. Die Wunde zeichnet mich bis heute und manchmal – nicht selten, wenn sich über dem Horizont am Bodamansee ein Wetterwechsel ankündigt – spüre ich noch immer den Schmerz.

Die Gerüchte sind also wahr, die Ungrer sind zurück. Der König hatte Recht. »Wir müssen ihnen helfen«, spricht mein Freund Matheus eindringlich zu Mangold, der das bewaffnete Aufgebot des Bischofs von Constantia anführt.

»Wir dürfen nichts überstürzen«, antwortet Mangold laut genug, damit ihn alle hören. »Erst müssen wir wissen, mit wie vielen dieser Bastarde wir es zu tun haben.« Mangold verteidigte einst Constantia gegen eine Überzahl von Ungrern. Er weiß, was er tut, und niemand würde seine Entscheidung in Frage stellen, doch kann keiner die Ungeduld verbergen. Man könnte meinen, warten sei schlimmer als der eigentliche Kampf. All die Ängste und die Vorstellungen, was uns gleich begegnet, stellen die anfängliche Entschlossenheit selbst des mutigsten Mannes in Frage. »Snato, geh mit zwei Kämpfern da drüben in Stellung, vielleicht könnt ihr von dort mehr erkennen«, befiehlt Mangold.

Matheus und ich schließen uns unserem alten Kampfgefährten an und begeben uns auf die andere Seite des Dorfes. Snato nockt einen Pfeil an und hält seinen Kriegsbogen bereit. Mit seinen scharfen Augen dürfte er zuerst erkennen, was im Dorf vor sich geht. Doch auch mir wird das Ausmaß des Überfalls sofort bewusst. Überall liegen die Leichen von Dorfbewohnern. Diese Menschen wurden ohne Vorwarnung überfallen. Wie schon damals im Turagau erschienen die Ungrer wohl auch hier scheinbar aus dem Nichts auf ihren schnellen Pferden und überzogen die Einheimischen mit Feuer und Tod, in der Hoffnung auf schnelle Beute. Durch ihre Schnelligkeit und ihr grausames Vorgehen verunmöglichen sie jede organisierte Gegenwehr und nehmen ihren Opfern das letzte bisschen Mut, überhaupt zum Schwert zu greifen.

»Hätten wir nicht längst auf Heinrichs Armee treffen müssen?«, flüstert Snato weniger fragend als verärgert, während er nach Ungrern Ausschau hält. Tatsächlich haben wir nicht damit gerechnet, erst auf unsere Feinde zu treffen, bevor wir unsere Verbündeten finden. Doch wir können nicht zuschauen, wie vor unseren Augen noch weitere Menschen getötet werden, während wir uns verstecken und auf Verstärkung warten, die vermutlich nie kommen wird. Snato scheint niemanden entdeckt zu haben, weshalb er uns zu verstehen gibt, dass wir uns zu den ersten Häusern vorwagen können. Ich winke Mangold zu und zeige mit der Hand Richtung Dorf, worauf Mangold mit Sintwart, Ratpert und Wolco rechts des Pfads vorrückt. Ich schätze diese Männer nicht nur als herausragende Kämpfer, sondern darf sie seit unserer Mission in die Burgundia vor einigen Jahren auch meine Freunde nennen. Für den bevorstehenden Kampf kann ich mir keine besseren Gefährten vorstellen.

»Los, zu dem Haus da«, befehle ich Matheus, während uns Snato weiterhin mit seinem Bogen Deckung gibt. Parallel zu Mangold bewegen wir uns leise und mit gezückten Schwertern auf der linken Seite des Wegs. Gerade als ich das Haus erreiche und um die Ecke blicken möchte, wird eine Tür aufgestoßen und ein Ungrer mit vor Blut tropfendem Schwert tritt heraus. Ich könnte problemlos den Kopf hinter die Ecke zurückziehen und den Mann einfach passieren lassen, doch im selben Moment entdeckt dieser Mangold, der auf der gegenüberliegenden Seite hinter einem Stall Schutz suchen will. Ich reagiere blitzschnell und ramme dem Mann meinen Sax in den Bauch, während ich vorstürme und ihn mit einer Hand auf seinen Mund gedrückt zu Boden stemme. Beinahe hätte er seine Kameraden verständigt. Was ich nicht bedacht habe, ist, dass er nicht allein im Haus war. Brüllend stürmt ein Krieger auf mich zu und beinahe hätte er mich mit seinem Dolch erledigt, hätte nicht Snato seinen Kriegsbogen singen lassen. Mit tödlicher Wucht wird der Angreifer von einem Pfeil in die Brust getroffen und knickt augenblicklich weg.

»Verdammt!«, flucht Mangold, »der Lärm wird auch die anderen Plünderer alarmiert haben.« Mit einem schrillen Pfiff gibt er den im Wald unter Warsinds Kommando verborgenen Kämpfern des Bischofs Befehl zum Angriff, während er selbst mitten auf den Pfad tritt und seinen drei Begleitern befiehlt, den nebenan liegenden Stall nach versteckten Feinden zu durchsuchen. Matheus und ich laufen links an Mangold vorbei, werfen ebenfalls einen Blick ins Haus, woraus eben noch die zwei Ungrer kamen, und bereiten uns auf weitere Gegner vor.

Und der Feind lässt nicht auf sich warten. Vermutlich vom Hauptplatz des kleinen Dorfs stürmt rund ein Dutzend Ungrer auf uns zu. Sie werden uns erreichen noch bevor Warsind mit der Verstärkung da ist. Entweder wir ziehen uns Richtung Wald zu unseren Freunden zurück, um gemeinsam anzugreifen, oder wir nutzen den Engpass zwischen den zwei ersten Gebäuden am Dorfeingang, wo bereits die zwei toten Ungrer liegen. »Zu mir!«, ruft Mangold und führt uns in dieser ungewissen Situation mit fester Hand. »Wir müssen sie zum Nahkampf zwingen. Lassen wir ihnen zu viel Platz, erledigen sie uns mit ihren Bogen.« Statt zurück eilt er deshalb gar einige Schritte vorwärts und schafft zwischen den zwei nächsten Gebäuden einen neuerlichen Engpass. Wolco tritt zu seiner Rechten, während ich links Aufstellung nehme. Sintwart, Matheus und Ratpert stellen sich dicht hinter uns.

Da sich Warsind und die übrigen Krieger aus Constantia ohne Gebrüll und Waffenlärm dem Dorf nähern, erkennen die Ungrer vorerst nur uns als Gegner, weshalb sie – tatsächlich ohne ihre Bogen in Betracht zu ziehen – wütend mit ihren langen und leicht gekrümmten Schwertern auf uns zu rennen. Da wir keine Schilde führen, setzen wir uns ebenfalls in Bewegung, kurz bevor die Ungrer uns erreichen. Wir würden ihnen nicht die alleinige Kraft des Ansturms überlassen. Freilich würde dies alles nur funktionieren, wenn unsere Freunde rechtzeitig eintreffen und uns von den Seiten entlasten. Ich vertraue auf Mangold, verdränge jegliche Panik, die in mir hochzukommen droht, sehe Annas Gesicht vor mir und verbanne die Angst durch lautes Kampfgebrüll aus meinen Gedanken. Dann treffen wir aufeinander. Statt auszuweichen, pariere ich den Hieb des Mannes vor mir mit meinem Sax und vertraue darauf, dass Matheus hinter mir den Augenblick nutzt und sein Langschwert an mir vorbei in den Körper vor mir stößt. Doch warte ich nicht, dass der Ungrer zusammensackt, sondern drehe mich am erschlaffenden Schwertarm vorbei zum nächsten Kämpfer, dem ich die Klinge meines Kurzschwerts gegen den Kopf schlage.

Das erste Aufeinandertreffen verlief für uns glücklich, doch nun im Handgemenge zählt jedes einzelne Schwert und wir sind in der Unterzahl. Auch Mangold und Wolco sind nur mehr knapp in der Lage, die heftiger werdenden Schwerthiebe zu parieren. Lange würden wir nicht durchhalten. Dann, angekündigt durch lautes Fluchen, stürmen hinter den zwei Gebäuden vor uns Warsind und die Kämpfer aus Constantia hervor und fallen den überraschten Ungrern in die Flanken. Nach dem, was sie hier im Dorf angerichtet haben, ist den Feinden klar, dass sie kaum mit Gnade rechnen dürfen, weshalb sie todesverachtend kämpfend einen Ausweg suchen. Doch sie werden bis auf zwei rechtzeitig zurückweichende Krieger alle niedergemacht. Sintwart möchte gerade die Verfolgung aufnehmen, doch Mangold hält ihn zurück: »Lass sie laufen. Wir gehen kein Risiko ein. Wer weiß, ob noch mehr dieser Bastarde auf uns warten. Und sie sollen ihrem Kriegsfürsten ruhig hiervon berichten. Dieses Mal sind wir es, die sie das Fürchten lehren.« Die Hauptmacht dürfte nicht zu weit entfernt sein. Und bestimmt ist sie gewaltiger als jene Verbände, denen wir damals im Frichgau und in der Alsaza gegenüberstanden. Doch dieses Mal sind wir vorbereitet.

Haus für Haus durchsuchen wir das Dorf,...



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