E-Book, Deutsch, 372 Seiten
Wagner Es begann lange vor Oktober
6. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7779-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gespräche mit Menschen aus Palästina, Israel und Österreich
E-Book, Deutsch, 372 Seiten
ISBN: 978-3-6957-7779-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Astrid Wagner ist Strafverteidigerin und weiß, welch grausame Gewaltspiralen Unfreiheit, Unrecht und Unterdrückung auslösen können. Anhand der Lebenswege von Menschen aus dem Nahen Osten und Österreich zeigt sie auf, wie ein jahrzehntelang schwelender, eng mit der europäischen Geschichte verwobener und immer wieder blutig ausbrechender Konflikt die Schicksale einzelner beeinflusst. Wir erfahren interessante, tragische und manchmal unfassbare Details, über die man in den etablierten Medien nichts lesen kann. Eine Kluft tut sich auf: zwischen der Lebensrealität von Menschen, die unmittelbar von Krieg, Gewalt und Tod betroffen sind, und der verzerrten Art und Weise, wie hierzulande darüber berichtet - oder vielmehr: geschwiegen - wird. Dieses Buch vermag mitzureißen, man wird es kaum aus der Hand legen können, bevor man es fertiggelesen hat. Zugleich fördern die zahlreichen Interviews mit ganz unterschiedlichen Menschen neue Sichtweisen zutage, die zum Nachdenken anregen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Legende der Wüste, die zum Blühen gebracht wurde
Ich glaube, die Natur hat mich mit einem Quäntchen zu viel von dem ausgestattet, was man früher „Mitgefühl“ nannte. Heute bezeichnet man solche Menschen als empathisch: Als Kind konnte ich tagelang wegen des Todes eines Vogels betrübt sein. Ich litt mit den Straßenkatzen, die es an unserem damaligen Wohnort bei Paris zuhauf gab. Ich denke heute noch an den geistig behinderten Buben, den die anderen gemieden hatten. Ich wollte ihn zum Mitspielen einladen, doch ein Erwachsener erklärte mir: Lass den, der ist nicht normal.
Ich habe wohl auch ein Quäntchen zu viel von dem mitbekommen, was manche „Gerechtigkeitssinn“ nennen. Mein bester Freund aus der ersten Klasse Volksschule war ein Bub aus einer armen Familie, der von den anderen wegen seiner zerschlissenen Schultasche gehänselt wurde. Ich habe ihn verteidigt. Und natürlich war ich beim Spielen immer auf Seiten der „Indianer“, obwohl in den Filmen – mit der Ausnahme von – die „Weißen“ als die Helden dargestellt wurden, im Gegensatz zu den „bösen Rothäuten“.
Und dann ist da dieses Revoluzzer-Gen, mit dem ich mir heute noch mitunter Probleme einhandle. Ich war vierzehn und mitten in der Pubertät, als es so richtig ausgebrochen ist. Es fiel mit der Zeit meines politischen Erwachens zusammen: Ich begann mich für das zu interessieren, was in der großen weiten Welt vor sich ging. Eine Welt, die damals für mich ziemlich weit weg schien, denn nach Aufenthalten in Wien und Paris lebte meine Familie inzwischen im beschaulichen Kleinstädtchen Fürstenfeld in der Oststeiermark, wo mein Vater zum Direktor eines neu gegründeten Thermalbades berufen worden war. Mein Vater war ein kaufmännisch talentierter, studierter Ökonom, darüber hinaus durch sein Studium in den USA und viele Auslandsaufenthalte von Russland bis Nordafrika sehr polyglott. Sein offenkundiges Interesse an Fragen der Weltpolitik zeigte sich an unserer Hausbibliothek, die auch mit politischen und gesellschaftskritischen Büchern verschiedener Sprachen bestückt war. Eines der Bücher hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt: Am auffälligen Cover prangte ein Hakenkreuz neben einem Davidstern, der Titel lautete . Das Buch schilderte die dramatische Flucht eines deutschen Juden aus dem Vernichtungslager Auschwitz. Ich habe es regelrecht verschlungen, auch weil ich die klare Schönheit der englischen Sprache schon immer liebte.
Dann kam der „heiße Herbst“ des Jahres 1977. Deutschland wurde von der Terrorwelle der linksradikalen (RAF) überrollt. Der Höhepunkt war die Entführung des Lufthansa-Urlaubsfliegers durch vier palästinensische Terroristen, die damit deutsche Gesinnungsgenossen aus dem Gefängnis freipressen wollten. Die spektakuläre Entführung beherrschte tagelang die Schlagzeilen, war Gesprächsthema Nummer eins unter den Menschen, und natürlich verurteilten alle den Terror aufs Schärfste. „Die Israelis wissen, wie man kurzen Prozess mit diesen Terroristen macht“ – diese Bemerkung meines Vaters ist mir in Erinnerung geblieben.
Die „Terroristen“, das waren die Palästinenser. In diesem „heißen Herbst“ hatte ich zum ersten Mal von ihnen gehört. Glaubte man den Medien, so agierten diese Palästinenser in mannigfaltigen „terroristischen“ Gruppierungen. Der blumige Name ist mir im Gedächtnis geblieben: Eine Terrororganisation, die als Drahtzieher zahlreicher Attentate in den siebziger Jahren gilt. Anführer der (PFLP), die in den Medien stets als „linksextreme Terrororganisation“ tituliert wurde, sollen darin involviert gewesen sein. Ich las über Leila Khaled, die junge Palästinenserin, die als Angehörige eines Kommandos ein Flugzeug gekapert und in die Luft gesprengt hatte – freilich erst, nachdem die Passagiere ausgestiegen waren.
Eine zentrale Figur war der stets im olivgrünen Drillichanzug und Kufiya-Tuch auftretende und spätere Vorsitzende der (PLO) Yassir Arafat, der einst die palästinensische Fatah2 gegründet hatte. Eine Organisation, die für zahlreiche terroristische Anschläge und Bombenattentate auf israelische und jordanische Ziele verantwortlich gemacht wurde.
Ich begann, mir Fragen zu stellen: Kann es sein, dass Menschen als „Terroristen“ geboren werden? Dass ein ganzes Volk mit einer Art „Terror-Gen“ ausgestattet ist?
Ich begann nachzuforschen und alles zu lesen, was ich zum Thema Palästina finden konnte. Es war nicht leicht, die Quellen waren spärlich. Damals gab es noch kein Internet. Man war auf das angewiesen, was im „Mainstream“ veröffentlicht wurde.
Bei einem Ausflug in Graz entdeckte ich eine alternative Buchhandlung, den Namen habe ich vergessen, und wurde fündig. Mein im Geschichtsunterricht vermitteltes Bild geriet ins Wanken: Wir hatten gelernt, dass der Staat Israel nach dem Zweiten Weltkrieg als Heimstatt für die in Europa verfolgten Juden gegründet worden war. In einer Wüste, die dank der Tüchtigkeit der jüdischen Siedler wie durch ein Wunder fruchtbar gemacht worden wäre: „Sie haben die Wüste zum Blühen gebracht“, lautete einer der Standardsätze. Ökologische Aspekte spielten damals freilich noch keine Rolle: Das 1953 begonnene Großprojekt des „National Water Carrier“, der ganz Israel mit Wasser aus dem See Genezareth versorgt, ist die Hauptursache für die Austrocknung des Jordanflusses und des von diesem gespeisten Toten Meeres. Ein anderer Stehsatz, der uns eingebläut wurde, lautete: „Palästina war ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land.“
Und nun, mit knapp vierzehn Jahren, erfuhr ich aus Büchern und Zeitschriften, die ich in der alternativen Buchhandlung erworben hatte, erstmals von der „Nakba“, was auf Arabisch „Katastrophe“ bedeutet.
Die Geschichte war offenbar doch nicht so schön und rund, wie man uns in der Schule weismachen hatte wollen. Palästina war schon vor der Ausrufung des Staates Israel bewohnt gewesen – von den Palästinensern! Ein arabischsprachiges Volk von sesshaften Kleinbauern, Händlern und einigen Beduinenstämmen.3 Die meisten waren moslemischen Glaubens, viele aber auch orthodoxe Christen, einige wenige bekannten sich zum Judentum. Als aber der Nazi-Terror in Europa ausbrach, flohen von dort zusehends Juden nach Palästina. Sie wurden von den Einheimischen wie Brüder und Schwestern empfangen und bereicherten die multireligiöse und multikulturelle Vielfalt dieses vom Geist der britischen Kolonialmacht geprägten Landes.
Ich las erstmals über die Zionisten, wie sich jene Juden aus Europa nannten, die in diesem Palästina ihr „gelobtes Land“ erblickten. Ein Land, welches ihrer Ideologie zufolge nicht den einheimischen Palästinensern gehören sollte, sondern für alle Zeiten untrennbar und ausschließlich mit der „jüdischen Nation“ verwoben wäre. Ich las über die blutigen Terrorakte, mit der diese aus Europa gekommenen Zionisten die einheimische Bevölkerung zusehends in Angst und Schrecken versetzten. Denn Menschen nichtjüdischer Herkunft sollten der Ideologie des Zionismus zufolge freilich keinen Platz mehr in diesem Land haben.
Ein Höhepunkt war der Terroranschlag auf das King-David-Hotel in Jerusalem durch die zionistische Untergrundorganisation , dem einundneunzig Menschen zum Opfer fielen. Der -Kommandeur Menachem Begin wurde später israelischer Regierungschef und erhielt den Friedensnobelpreis.4 Ich las über die „Balfour-Deklaration“, betrachtete die von der britischen Kolonialmacht ausgearbeiteten Teilungspläne, und für mich war klar, dass sie die arabische Urbevölkerung benachteiligten.
Die Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948 war kein Heldenepos gewesen, wie man uns in der Schule hatte weismachen wollen. Sie war mit viel Leid und Blutvergießen einhergegangen. Namen wie Deir Yassin oder Tantura kamen mir unter. Arabische Dörfer, in denen paramilitärische zionistische Einheiten blutige Massaker unter der Bevölkerung angerichtet hatten. Mehr als siebenhunderttausend arabische Palästinenser waren geflohen oder vertrieben worden, ihre Dörfer mit den Olivenhainen dem Erdboden gleichgemacht, um darauf moderne israelische Städte zu bauen.5 Seitdem, so erfuhr ich, leben die Palästinenser in der Diaspora und, vor allem in den arabischen Nachbarstaaten, unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern. Bürgerrechte wurden und werden ihnen dort weitgehend verweigert, was mit einem „Rückkehrrecht nach Palästina“ begründet wird. Ich las über heute längst vergessene Menschen, wie den Offizier und Philanthropen Graf Folke Bernadotte. Er hatte im Zweiten Weltkrieg Zehntausende KZ-Häftlinge gerettet, darunter Tausende Juden. 1948 hatte er sich als Vermittler der Vereinten...




