E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Lübbe
Wagner Lünsch-Mord
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-3075-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Sauerland-Krimi
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-3075-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das ist die Sensation im sauerländischen Städtchen Lüdenscheid: Ein Mann wurde ermordet! Für den Nachbarn des Toten, Frührentner Theo Kettling, ist der Fall glasklar - in seinem geliebten 'Lünsche' treibt sich ein Serienkiller herum. Damit Theo nicht sein nächstes Opfer wird, will er den Mörder selbst aufspüren. Tatkräftige Unterstützung erhält er dabei von Lieselotte Larisch, einer resoluten Schulrektorin im Ruhestand. Die Ermittlungen des Rentnerduos führen zunächst überall hin, nur nicht zum Mörder - bis die beiden auf ein Ereignis stoßen, das weit in der Vergangenheit des Sauerlands liegt ...
Michael Wagner, Jahrgang 1968, ist diplomierter Ingenieur der Produktionstechnik und gelernter Journalist. Heute arbeitet er als PR-Experte für ein großes Industrieunternehmen und lebt in der Nähe von Marburg. Sein Krimi-Debüt um das skurrile Duo Theo Kettling und Lieselotte Larisch ist eine Liebeserklärung an seine Heimat, das Märkische Sauerland.
Autoren/Hrsg.
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1
Cleo hatte keine Lust, Gassi zu gehen. Wie immer, wenn es regnete, versuchte sie sich unter ohrenbetäubendem Jaulen und mit vollem Körpereinsatz zu drücken. Und wie immer nutzte ihr das nichts, denn ihr Frauchen war äußerst resolut und prinzipientreu.
Lieselotte Larisch hatte die Deutsche Dogge zwei Jahre zuvor gekauft, kurz nachdem sie das alte Bauernhaus in Rölvede erworben hatte und dort eingezogen war. Früher, als vielbeschäftigte Rektorin der Grundschule Spormecke, hatte sie von einem solchen Leben auf dem Land geträumt, und nachdem sie in den Ruhestand gegangen war, erfüllte sie sich ihren Traum.
Zu den wenigen Störungen in ihren harmonischen, aber streng durchorganisierten Tagesabläufen gehörten die Kämpfe mit Cleo, wenn diese ein Bad oder, wie an diesem Abend, einen kurzen Fußmarsch im Regen verhindern wollte.
Lieselotte Larisch hatte freilich schon Erfahrung mit solch unerfreulichen Situationen und setzte zumeist auf den Überraschungseffekt.
So auch diesmal: Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – sie tat so, als suche sie etwas scheinbar Heruntergefallenes auf dem Fußboden der Diele – appellierte sie an Cleos Neugier. Die Hündin konnte, obwohl schon zigmal auf ähnliche Tricks hereingefallen, schließlich nicht widerstehen und kam näher.
Dann kam der Angriff. Mit einem schnellen und entschlossenen Griff bekam sie den rechten Vorderlauf Cleos zu fassen und stürzte sich im nächsten Augenblick, ihre ernst zu nehmenden Arthrose-Beschwerden ignorierend, auf die Knie. Schon umklammerte sie im Stil eines Ringers den Rumpf des stattlichen Tieres und zerrte es unter dessen energischem Protest in Richtung Haustür. Cleo versuchte immer wieder, mit ihren Läufen Halt auf dem glatten Parkettboden zu finden, rutschte aber stets ab und verlor dabei wertvolle Zentimeter. Zweimal zwickte sie Lieselotte Larisch sogar in die Hand, worauf jeweils ein gellender Schrei folgte. Davon kurzfristig beeindruckt, verfiel Cleo für einige Sekunden in völlige Erstarrung, was ihrer Besitzerin ebenfalls einen nicht unerheblichen Raumgewinn einbrachte.
Hund und Frauchen brachten zusammen gut und gerne 200 Kilo auf die Waage und füllten fast die gesamte Breite der Diele aus. Eine wild fuchtelnde, stöhnende und knurrende Masse, die sich langsam, aber kontinuierlich fortbewegte.
Endlich draußen angekommen, stieß Lieselotte Larisch mit dem linken Fuß und in artistischer Bewegung die Haustür zu. Wie gewohnt fand sich Cleo von diesem Punkt an mit der Situation ab und fügte sich, zwar ohne Begeisterung, aber auch ohne nennenswerten Widerstand, ihrem Schicksal. Lieselotte Larisch, nach Luft ringend und mit zerzauster Dutt-Frisur, entfuhr dennoch ein »Dämliches Mistvieh!« – eine völlig unangemessene sprachliche Entgleisung, für die sie sich im nächsten Moment selbst rügte, denn noch immer war sie mit jeder Faser ihres Körpers leidenschaftliche Deutschlehrerin.
Rölvede war eine kleine Siedlung, die seit der Kommunalreform des Kreises Altena vor drei Jahren zur Gemeinde Schalksmühle gehörte und auf einem langgestreckten Höhenkamm in unmittelbarer Nähe der neuen Autobahn 45, der Sauerlandlinie, lag. Obwohl die Lärmbelästigung, wohl durch die etwas höhere Lage der Fernstraße, sich in Grenzen hielt, hatte Lieselotte Larisch die Immobilie zu einem echten Schnäppchenpreis bekommen. Knapp ein Dutzend Häuser standen hier, zumeist alte Bauernhäuser, aber auch einige moderne im typisch unbeholfenen Stil der fünfziger und sechziger Jahre. Der Verkehr auf den beiden schmalen Straßen, die durch den Ort führten, war schon vor Fertigstellung der Sauerlandlinie mehr als überschaubar, seitdem aber tendierte er gegen null. Lieselotte Larisch boten sich hier zahlreiche Variationsmöglichkeiten sowohl für kurze als auch für ausgedehnte Spaziergänge zu den umliegenden Dörfern. Wegen des schlechten Wetters und weil es bereits dunkel geworden war, entschied sie sich an diesem Abend für eine ihrer Kurzstrecken, die aus dem Ort hinaus in Richtung Rummenohl zum Waldrand führte.
Sie spannte ihren Knirps-Automatikschirm auf, den sie vor der Auseinandersetzung mit Cleo in die Manteltasche gesteckt hatte, und marschierte los. Die Hündin lief dicht neben ihr und begnügte sich damit, ihrem Unmut durch gelegentliches Jaulen und Knurren Luft zu machen.
Bis zum Waldrand, der unmittelbar hinter einer sanften Kuppe lag, waren es etwa 400 Meter. Als Lieselotte Larisch das Ortsausgangsschild passierte und an den links und rechts der Straße liegenden Weiden entlangging, wurden Regen und Wind abrupt stärker. Sie versteckte sich hinter dem Schirm und kämpfte sich bis zum Forstweg vor, der den Beginn des dichten Fichtenwaldes markierte. Obwohl der Regen gleich darauf schon wieder etwas nachließ und auch der Wind nicht mehr so erbarmungslos blies, hielt sie den Schirm noch immer dicht vor sich. So wäre sie beinahe vor einen VW Käfer mit zerbeultem Kotflügel gelaufen, der, ungewöhnlich für diese Uhrzeit, an der Einfahrt zum Forstweg stand.
Wenn Cleo ihr Geschäft verrichten sollte, dann musste Lieselotte Larisch zumindest ein kleines Stück mit ihr in den Wald gehen. Sie selbst hatte das der Dogge im Welpenalter so beigebracht, und bei widrigen Witterungsverhältnissen rächte sich das nun. Die Hündin lief etwa zwanzig Meter voraus und begann gerade damit, sich einen geeigneten Platz zu suchen, als sie plötzlich laut bellte, um einen Moment später ängstlich zu jaulen.
»Nun hör doch mit dem Theater auf und stell dich nicht so an«, rief Lieselotte Larisch, die stehen geblieben war, weil sie einerseits im Innern des Waldes kaum die Hand vor Augen sah, andererseits aber keine Lust hatte, ihre stets mitgeführte Taschenlampe aus der Reißverschluss-Innentasche des Mantels zu kramen.
Wieder bellte Cleo, halb aus Angst, halb zornig, und im nächsten Moment hörte Lieselotte Larisch ein deutliches Knacken, als ob ganz in ihrer Nähe ein Ast gebrochen wäre. Nun knöpfte sie doch die oberen drei Knöpfe ihres Mantels auf und holte umständlich mit einer Hand – die andere hielt nach wie vor den Schirm – die Taschenlampe hervor.
Sie leuchtete links neben sich, konnte aber außer dem Labyrinth aus nass-schwarzen Baumstämmen nichts entdecken. Dann schwenkte sie langsam nach rechts und sah Cleo im Lichtkegel, die jetzt etwa zehn Meter von ihr entfernt stand, sie irritiert anstarrte und gleich wieder losbellte.
Lieselotte Larisch schwenkte die Taschenlampe weiter nach rechts und betrachtete für einige Sekunden einen etwa anderthalb Meter hohen und fünf Meter breiten Holzstapel, der von Forstarbeitern kürzlich nach Fällarbeiten angelegt worden war. Rechts daneben, im Schein der Taschenlampe gerade noch zu erahnen, stand ein hoher Baumstumpf.
Sie hatte sich schon umgedreht, um zu schauen, ob sie hinter sich etwas entdecken konnte.
Doch dann führte sie den Lichtstrahl noch einmal zurück – und erkannte, dass das, was da ein paar Schritte von ihr entfernt stand, kein Baumstumpf war, sondern der Oberkörper eines Menschen.
Ein Blitz fuhr durch Lieselotte Larisch. Ihre Finger umklammerten verkrampft den Griff der Taschenlampe, deren Licht eine unwirklich erscheinende, entstellte Fratze beschien.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte der andere sie an, die Haut alt und faltig, doch mit einer wirren Lockenfrisur und riesigen, dicken Augenbrauen.
Lieselotte Larisch war alles andere als ein ängstlicher Mensch, aber in diesem Moment überfiel sie eine fremdartige Furcht. Sie hörte ihren eigenen Herzschlag in den Ohren; er war, so schien es ihr, viel lauter als Cleos Bellen, das sie dumpf und wie durch einen Filter wahrnahm.
Und nun erkannte sie auch, warum nur der Oberkörper dieser grauenhaften Gestalt zu sehen war. Mit den Beinen stand ihr Gegenüber in einem Erdloch, offenbar selbst gegraben, denn die rechte Hand umfasste den Stiel einer Schaufel. Im Augenwinkel nahm Lieselotte Larisch Cleo wahr, die an ihr vorbei aus dem Wald rannte – vermutlich zurück ins Dorf, wie aus der Richtung des leiser werdenden Bellens zu schließen war.
Dann wich die Ohnmacht des Schockzustandes einer sich rasend schnell in ihrem Kopf ausbreitenden Panik. Sie versuchte noch einige Sekunden standzuhalten, ergriff aber schließlich wie fremdgesteuert die Flucht. Dabei nahm sie nicht den Forstweg, sondern rannte zur leicht erhöht liegenden Viehweide, die nur wenige Meter entfernt lag und schneller zu erreichen war als die Straße.
Der Sachschaden war dafür umso größer: Ihren noch immer aufgespannten Knirps-Schirm ruinierte sie sich, als sie damit zwischen zwei Ästen hängen blieb, und an einem vorstehenden Nagel im Zaunpfahl riss sie sich den teuren Lodenmantel auf einer Länge von rund 20 Zentimetern auf. Zu allem Überfluss bekam sie noch, am Weidezaun mit nassen Händen zerrend, mehrere Stromschläge. Den Zaun schließlich mit Mühe und Not niedergerungen, rannte sie zwischen einem Dutzend aufgeschreckter Fleckviehkühe schräg auf die Straße zu. Diesmal versuchte Lieselotte Larisch, den Elektrozaun durch einen beherzten Sprung zu überwinden, musste aber feststellen, dass sie ihre sportlichen Fähigkeiten dramatisch überschätzt hatte. So blieb sie mit beiden Beinen an den Drähten hängen und stürzte kopfüber die etwa einen Meter hohe Böschung hinunter. Die Brille fiel auf die Straße. Das Gestell zerbrach, und ein Glas sprang heraus. Lieselotte Larisch drehte hektisch den Kopf nach hinten, doch allmählich begriff sie, dass der Fremde ihr nicht folgte, und sie wurde ruhiger. Sie sammelte die Fragmente der Brille zusammen, dann ging sie schnellen Schrittes zurück zum Haus.
Die Anhäufung der Katastrophen...




