Wagner | NESTSCHUBSER | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Wagner NESTSCHUBSER

Krimikomödie
überarbeitete Ausgabe
ISBN: 978-3-95835-777-8
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Krimikomödie

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-95835-777-8
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Evelyn, Ende 40 und notorisch bindungsunwillig, hat ein großes Problem: Der über alles geliebte Hund Fou-fou ihrer Freundin Olivia wurde aus ihrer Obhut entführt. Während Olivia, eine erfolgreiche Schlagersängerin, gemeinsam mit ihrem neuen Grufti-Freund Gregor in einer einsamen Waldhütte ihre 'dunkle Seite' erforscht, macht sich Evelyn auf die Jagd nach dem Kidnapper. Unterstützt von ihrem Jugendfreund und Polizist Ludwig stürzt sie sich dabei in eine ganze Reihe von skurrilen und haarsträubenden Situationen.

Marion Wagner ist 48 Jahre alt und lebt mit ihrem Ehemann, einem Kind und zwei Katzen in der niederbayerischen Gemeinde Thyrnau, nahe der Dreiflu?ssestadt Passau. Ihren Beruf als Assistentin der Geschäftsleitung in einem Industriebetrieb u?bt sie neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit in Teilzeit aus. 'Nestschubser' ist ihr zweiter Roman.
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Solange kein Blut fließt


»Eeeeevi!! Parzival stirbt!«

Lucys panischer Ruf erreicht mich auf der Toilette. Eben hat alles noch einen recht friedlichen Eindruck gemacht, sodass ich mich leise davongeschlichen habe, um den einzigen Ort in diesem Gebäude aufsuchen, der dauerhaft einen Lärmpegel von weniger als 60 Dezibel aufweist: die Personal-Toilette. Seufzend unterbreche ich meine Fünf-Minuten-Resillience-Meditation, durch die mich die schmeichelnde Stimme aus meinem Handy führt, und erhebe mich von dem geschlossenen Klodeckel.

Lucy ist siebzehn und unsere neue Praktikantin. Ich habe vergessen, sie auf Parzival vorzubereiten.

»Komme schooon!«, brülle ich, während ich im gestreckten Galopp den Gang in Richtung Ausgang zum Garten entlanglaufe, so schnell meine Birkenstock-Schlappen es erlauben. Auf dem Weg schnappe ich mir vorsorglich ein kleines Verbandspäckchen aus dem mit bunten Marienkäfern dekorierten Erste-Hilfe-Kasten, der neben dem Ausgang hängt. Schwer atmend reiße ich die Glastür auf und betrachte die sich mir bietende Szene. Parzival liegt reglos auf dem Boden, unmittelbar neben dem großen Kletterholzpferd. Lucy ist wimmernd damit beschäftigt, die Gliedmaßen des Kindes brezenartig zu verknoten. Ich vermute, das soll eine stabile Seitenlage werden. Eine Traube Kleinkinder hat sich rund um das Pferd versammelt und reckt die kleinen Hälse, um herauszufinden, weshalb Lucy, die aussieht wie eine Meerjungfrau, nur ohne Fischschwanz und mit obenrum mehr an, so seltsame Geräusche macht.

»Er-er ist auf das Pferd geklettert, u-und dann hörte ich ihn röcheln, u-und als ich das nächste Mal hingeschaut habe, lag er am B-boden!«, schluchzt die Meerjungfrau. »Er bewegt sich nicht!«

»Parzival«, spreche ich den Jungen an. Äußere Verletzungen sind nicht ersichtlich.

In meiner Kindheit galt der Grundsatz: Dieses Credo ist leider mit den Jahren in Vergessenheit geraten und durch die großzügige Verabreichung kleiner weißer Kügelchen in allen Lebenslagen verdrängt worden.

Ich kann mich noch gut erinnern, als meine Tochter Romina in der Mutter-Kind-Gruppe mit Schwung von ihrem Hops-Pferd fiel. Das Geheul war infernalisch, wie es nur die Stimmbänder von Vierjährigen hervorzubringen imstande sind, nachdem ihnen schreckliches Leid widerfahren ist. Fernsehverbot. Gummibärchen-Entzug. Ein Zahnarzt-Besuch. Oder eben ein Hopspferd-Absturz. Ich tröstete das plärrende Kind und untersuchte es nach sichtbaren Verletzungen, die nicht vorhanden waren. Dann wurde mir bewusst, dass die Augen der anderen Mütter erwartungsvoll auf mich gerichtet waren. Schließlich, als sich abzeichnete, dass ich nicht beabsichtigte, dem Kind mehr als tröstende Worte und eine liebevolle Umarmung zukommen zu lassen, wurden mir einige kleine Röhrchen mit winzigen Kügelchen über den Tisch zugeschoben. »Arnika« wurde da gemurmelt. »Calendula« und »Symphytum«. Ich schämte mich kurz, bedankte mich herzlich und schickte mich pflichtschuldig an, großzügig Kügelchen in dem weit aufgerissenen Kinderschlund zu versenken. Dabei bemühte ich mich, den Eindruck zu erwecken, ich hätte das schon unzählige Male gemacht. Eine Beule bekam Romy trotzdem. Mal ganz unter uns: Was soll denn auch so ein Zuckerbällchen ausrichten, an dem, wenn überhaupt, nur von Wirkstoff feststellbar sind? Außer vielleicht Karies? Ich gebe es zu: Ich bin ein Ungläubige. Aber derartige Blasphemie darf man als Erzieherin niemals in Anwesenheit von Erziehungsberechtigten äußern. Eltern schwören heutzutage auf die Kügelchen mit »Informationen« von allem, was das Kräuterbeet so hergibt. Meine Generation musste es ohne Arnika-Globuli oder Remedy-Essenzen schaffen. Wir haben allein mit einem kühlen Waschlappen und einem Kakao zur Beruhigung überlebt.

»Parzival!«, wiederhole ich lauter und klopfe dem Jungen leicht auf die Wange. Dann kitzele ich ihn am Kinn. Er gibt würgende Geräusche von sich. Ich richte mich auf. »Hol einen Kugelschreiber!«, weise ich Lucy an. »Wir machen einen Luftröhrenschnitt!«

»Wa-wa-wa…«, blubbert die Meerjungfrau panisch. Mit weit aufgerissenen blauen Augen starrt sie mich an, tritt einen Schritt zurück und hebt abwehrend die Hände. »So-soll ich nicht vielleicht einen Krankenwagen rufen?«

»Ach was, bis der Notdienst hier ist, hab ich den Kugelschreiber längst drin. Ich habe alle Chuck-Norris-Filme gesehen, das ist ganz einfach. Wir müssen nur hier einen kleinen Schnitt machen …«, ich deute auf eine Stelle an der Kehle des Jungen, »und dann mit ordentlich Wupps das Röhrchen hinein.«

Lucys Gesichtsfarbe ist mittlerweile bedenklich, selbst für eine Meerjungfrau, die umständehalber nie viel Sonne abbekommen. »A-aber er atmet doch noch …?«, gibt sie schwach von sich.

In mir regt sich mein schlechtes Gewissen. »Du hast recht. In diesem Fall machen wir einfach die Kleinkind-Reanimation nach Liebich.«

»Liebich? So wie dein Nachname?«

»So ist es.« Mit diesen Worten kitzle ich Parzival hinter den Ohren. Das Kind rollt sich zusammen und bricht in prustendes Gelächter aus.

»Du sollst unsere Praktikantinnen nicht erschrecken, das habe ich dir schon tausendmal gesagt!« Ich stemme die Hände in die Hüften und mache ein sehr, sehr strenges Gesicht. Parzival wälzt sich derweil auf dem Boden vor Lachen. Lucy ist der Unterkiefer heruntergeklappt. Fassungslos schaut sie erst den Jungen an, dann mich. Ich ziehe das kichernde Kind am Arm hoch, gehe in die Knie und blicke ihm in die Augen. »Parzival, solche Scherze sind nicht lustig! Stell dir vor, du fällst mal wirklich irgendwo runter und tust dir richtig weh. Vielleicht würde Lucy dann denken, du machst wieder nur Spaß und gar nicht erst nach dir schauen. Du gibst mir jetzt dein größtes Ritter-Ehrenwort, dass so etwas nicht mehr vorkommt, verstanden?«

Parzival guckt mich mit großen blaugrauen Augen treuherzig und leicht bedröppelt an. »Größtes Ritter-Ehrenwort, Evelyn.« Mit für einen Fünfjährigen erstaunlichem Pathos legt er dabei die Hand auf die Brust. »Machichnichmehr.«

»Okay.« Ich richte mich auf und verkünde das Urteil. »Du wirst dich jetzt bei Lucy entschuldigen, das muss ich nicht extra sagen, oder? Und heute kein Eis als Nachspeise für dich.«

Parzivals Gesicht verdüstert sich. Vereinzelt hört man die anderen Kinder nach Luft schnappen. Heute ist Donnerstag, unser Eis-Tag, an dem nach dem Mittagessen immer ein Eiswagen auf dem Wanderparkplatz in der Nähe des Waldschlösschen-Kindergartens Station macht. Es ist für die Kinder der Höhepunkt der Woche, wenn wir nach dem Mittagessen zu der Wendeplatte im Wald wandern, wo der weiße Lieferwagen mit der gelb-weiß gestreiften Markise bereits auf uns wartet, und der junge dunkelhaarige Mann mit der weißen Mütze laut ruft: »Vanilleschokoladeerdbeeroderzitrooooone! Wer wille eine Eis von die Beppooone?«

Auch ich freue mich immer auf den Donnerstag und zwei große Kugeln Stracciatella und Eierlikör. Manchmal lasse ich mir von Beppone heimlich noch ein Mützchen mit Sahne auf die Eiskugeln sprühen.

Mit gesenktem Kopf wendet sich Parzival an Lucy. »Entschuldigung. Machichnichmehr.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, trottet er davon, in Richtung Bällebad. Oje, das Eisverbot hat ihn wohl hart getroffen. Wahrscheinlich versucht er nun, seinen Kummer im Meer der bunten Plastikbällchen zu ertränken. Jetzt tut er mir leid, wie er so zerknirscht um die Ecke schlurft. Vielleicht stecke ich ihm nachher ein Tütchen Gummibärchen zu, wenn alle anderen Kinder ihr Eis schlecken. Aber Strafe muss sein. Ich nehme mir vor, heute auf mein heimliches Sahnehäubchen zu verzichten. Schließlich habe ich Lucy mit meinem Luftröhrenschnitt auch einen ganz schönen Schrecken versetzt. »Machichnichmehr«, flüstere ich, ehe ich in die Hände klatsche und die anderen Kinder wieder an ihre Spielsachen scheuche.

Es ist nicht das erste Mal, dass Parzival eine solche Show abzieht. Vermutlich sollte ich ein Elterngespräch einberufen, um zu klären, wieso der Junge es so irrsinnig lustig findet, Kindergarten-Praktikantinnen mit seinem vermeintlichen Ableben zu erschrecken. Aber ich kenne Parzivals Eltern. Die Aussicht auf ein Gespräch mit dem Ehepaar Becker-Stöblein ist in etwa so attraktiv wie eitrige Nagelbettentzündung. Außerdem weiß ich, dass der Kleine einen großen Bruder hat, der aus dem Bob-der-Baumeister-Alter raus ist und viel Zeit mit Computerspielen verbringt, in denen gerne mal abgetrennte Gliedmaßen durch die Gegend fliegen. Ich denke daher, die Ursache zu kennen. Die Sache mit dem Luftröhrenschnitt per Kugelschreiber hat Parzival gestern beim Morgenkreis mit vor Begeisterung leuchtenden Augen erzählt. Hach, pädagogisch richtig war es nicht. Aber lustig.

Ich setze mich auf eine kleine Holzbank an der Hausmauer und winke Lucy, sich zu mir zu gesellen. »Tut mir leid, dass ich dich nicht vorgewarnt hatte. Parzival übertreibt es mit seinen Streichen leider manchmal. Aber andererseits hattest du Glück. Bei seinem letzten Auftritt als Unfallopfer gab es Schaschlik zu Mittag. Du willst nicht wissen, was hier los war, als er mit der Soße in den Haaren unterm Pferd lag.«

Lucy zuckt leicht zusammen, sagt aber nichts. Ich öffne den kleinen Verbandskasten und hole einen Kirschlutscher heraus. Eigentlich habe ich ihn zur Beruhigung eines verletzten Kindes zu den Pflastern und Bandagen gepackt. Außer es handelt sich um Lilia, deren Papa ist Zahnarzt. Oder Marietta, die ist allergisch gegen Industriezucker. Ich denke, Lucy kann ein bisschen Nuckeln am Kirschzuckerbällchen jetzt nur guttun. Ich reiche ihn ihr....



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