E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Wagner Rotkäppchen geht nicht mehr in den Wald
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-5747-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verführung verstehen - Identität am Leitfaden der Libido
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7504-5747-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Miriam Wagner hat in Bonn Philosophie und Anglistik studiert. Nach ihrem Magister Examen unterrichtete sie an einem College in Großbritannien, danach an einem Gymnasium in Bonn. Über die Philosophie entwickelte sie ihr Interesse für die Psychoanalyse von Jacques Lacan. Sie wurde Mitglied im "Psychoanalytischen Kolleg Freud/Lacan", war Gründungsmitglied des Arbeitskreises "Textura Freud/ Lacan Köln", hielt Vorträge zum Thema Philosophie und Psychoanalyse und begann ihre Arbeit als Lifecoach in eigener Praxis in Bonn. Sie nahm an internationalen Tagungen zur Psychoanalyse Lacans teil und ist aktiv in einer Forschungsgruppe, die in Zürich, Paris und Berlin tagt.
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Einleitung: Weshalb Rotkäppchen?
Rotkäppchen, das kleine Mädchen aus dem Märchen, erlebt eine Geschichte, die sein Leben verändert und seine Zukunft prägt. Im Wald begegnet es nämlich dem Wolf. Beide zusammen jedoch – Rotkäppchen und der Wolf – sind die zwei Seiten der Libido, die ich zeigen möchte.
Libido ist einmal Ausdruck von Trieb und Sexualität und zugleich Ausdruck unserer Identität. Wenn Rotkäppchen sich fragt: »Wer bin ich?«, dann meint sie damit auch die Art und Weise, wie sie ihre eigene Identität gestaltet und ihre Libido investiert.
Das macht sie über ihr Umfeld und ihr eigenes Selbstbild. An beiden richtet sie ihre Libido aus. Also wird es darum gehen, Umfeld und Selbstbild genauer zu verstehen.
Würden wir nur fragen: Wie sehen mich die Menschen in meinem Umfeld? Was denken sie über mich? Was erwarten sie von mir?, dann würden wir uns abhängig machen von den Erwartungen der anderen. Wir wären einseitig abhängig von ihrem Urteil.
Unser Selbstbild hat jedoch eine eigene Geschichte. Ist nicht einseitig geprägt durch die Meinungen der anderen. Deckt sich nicht mit dem, was andere Menschen über mich denken und sagen. Aber auch nicht mit dem, was ich bewusst über mich selbst sage. Was ich jederzeit beschreiben könnte in einem Fragebogen »Wie sehen Sie sich selbst?«.
Mein Selbstbild hat nämlich immer mit meiner Libido zu tun. Und die reicht über mein Bewusstsein hinaus. Ohne meine Libido aber gäbe es keinen Austausch zwischen mir und den Erwartungen der anderen. Dieser Austausch ist nicht bewusst, wie meine Antwort im Fragebogen. Hier gibt es keine fertigen Antworten, keine fertigen Erklärungen.
»Frau M. hat immer Probleme in ihren Beziehungen. Sie hatte halt eine schwere Kindheit, ihre Mutter war alkoholkrank, ihr Vater hat sie geschlagen.« Das ist so etwas wie ein kausales Erklärungsmuster. Aber was genau erklärt es? Auf keinen Fall spiegelt es wider, was Frau M. tatsächlich lebt und erlebt, ihre gelebte Identität im Alltag.
Um Zugang zum täglichen Leben und Erleben zu gewinnen, braucht es etwas anderes als statistische Erhebungen und wissenschaftliche Theorien. Die Libido ist ein solcher Zugang.
Alles nämlich, was für uns im Alltag anziehend, aber auch abstoßend oder widerlich erscheint, ist mit unserer Libido-Energie verbunden. Sie hat immer Anteil daran. Tatsächlich bin ich in einem Kreislauf von Verführung und Verführbarkeit, von Lust und Angst. Vielseitig und ambivalent.
In allen Situationen meines Lebens spielt diese Energie eine Rolle. In meinen Beziehungen genauso wie bei der Frage, was ich lese, anziehe, kaufe oder unternehme. Die Libido gehört zu meiner Identität, zu meinem Ich und meinem Habitus. Wie ich Situationen wahrnehme und erlebe, wie ich spreche und mich bewege.
Also gehört sie auch zu meinem Körper. Mehr noch, sie ist die Brücke zwischen Körper und Psyche. Wie ist das zu verstehen? Wie kann die Libido die Brücke zwischen Körper und Psyche sein?
Wieder über ein Bild. Hier über mein eigenes Körper-Bild in mir.
Unser Körper-Bild spiegelt sich in unseren Gedanken und Gefühlen. Wir können uns nicht erinnern, wie es einmal entstanden ist. Wir können es kaum beschreiben. Aber immer, wenn wir auf etwas reagieren, reagiert auch unser Körper. Und zwar über das unbewusste Bild, das wir von ihm haben.
Auch der Körper erinnert sich nämlich und teilt unsere Erwartungen an Menschen und Dinge.
In einem Test soll jemand sich selbst malen. In Umrissen als gesamte Erscheinung. Einmal mit der rechten Hand, dann mit der linken. Immer kommen dabei zwei verschiedene Bilder zustande, wie von zwei verschiedenen Personen. Diese Bilder geben uns aber einen Hinweis auf das unbewusste Körper-Bild der Person.
Jeder Moment meines Lebens ist begleitet von der Wahrnehmung meines eigenen Körpers und der Körper der anderen. Es gibt keinen Moment ohne Körperreaktion. Wir sind jedoch nicht in der Lage, den Sinn zu erklären. Der Sinn bleibt verborgen, unterhalb bewusster Wahrnehmung. Wir können ihn nicht erfassen.
Nun ist dies aber eine Zeit, in der das Unbewusste für viele ein Mangel ist, nicht zählt. Nur das Bewusste ist wichtig, unsere bewusste Vernunft. Wir sollen bewusst und vernünftig kommunizieren, uns selbst und unser Leben vernünftig regeln. Auch unsere Gefühle und Gedanken. Tolerant, offen und gerecht.
Im Namen der Vernunft. Gleichzeitig alles im Griff haben. Nicht nur unseren Emotionen folgen, egoistisch sozusagen.
Vernunft und Bewusstsein sind heute nämlich das Credo. Die Norm.
Neben Vernunft und Bewusstsein gibt es aber nicht nur Emotionen. Es gab immer auch unsere Libido, verschämt, verdrängt und fast vergessen. »Wer bin ich?«, fragt nämlich immer auch nach dem Bild unseres eigenen Körpers und unserer Libido.
Die folgt einer eigenen Logik. Es ist eine Logik der Praxis und des Habitus. Der Soziologe Pierre Bourdieu nennt das »praktischen Sinn«. Als Habitus kommt unser praktischer Sinn jeden Augenblick zum Ausdruck. In der Art, wie wir sprechen, uns bewegen, Dinge erleben und bewerten.
Ein neuer Nachbar grüßt mich freundlich. Er grüßt höflich, man erwartet das unter netten Menschen. So weit, so gut, aber in diesem Augenblick geschieht noch etwas anderes.
Ich erlebe den Gruß des Nachbarn, nehme seine besondere Art und Weise wahr, in dieser Situation zu reagieren. Seine Stimme, sein Blick, seine Bewegungen. Daran werde ich mich erinnern, nicht an Regeln der Höflichkeit. Dass es sich gehört zu grüßen.
Meine Erinnerung ist mir jedoch kaum bewusst.
Ich erinnere mich nämlich an den Habitus des Nachbarn als Ausdruck seiner Identität. Woran er in seinem Habitus festhält. Er hält eben nicht nur an Regeln der Höflichkeit fest. Bewusst und vernünftig, als Verhaltensregeln. Anständig. Er hat die Begegnung mit anderen Menschen in einer bestimmten Weise mit seiner Libido besetzt. In seinem eigenen »praktischen Sinn«.
Wie ist das zu verstehen? Welchen Weg geht unsere Libido, hin zu unserer Libidoposition als praktischem Sinn?
Über diese Energie identifizieren wir uns mit etwas anderem und grenzen uns zugleich ab: eine Person, ein Bild, ein Wunsch. Im Spannungsfeld von Identifizierung und Abgrenzung ist die Libido unsere psychische Bindung. Erst dadurch, dass wir etwas mit ihr besetzen, hat es für uns Bedeutung.
Es wird unser Eigenes, wir nehmen es psychisch in Besitz. Das wirkt auf unsere Beziehung zu Menschen und Dingen. Von nun an haben wir Erwartungen an sie. Zugleich erinnern wir uns.
Erinnerungen und Erwartungen sind jedoch mehr als meine emotionale und mentale Aufmerksamkeit in einem bestimmten Moment. Mehr als eine kurzfristig erzeugte Emotion oder ein Affekt. Hier und jetzt in meiner psychischen Gegenwart. Vielmehr sind sie der Horizont, in dem meine psychische Gegenwart überhaupt erst entsteht. Im Alltag, jeden Augenblick.
Vieles in der Welt bleibt für uns jedoch ohne Erinnerung und Erwartung. Jenseits von Liebe, Schuld und Aggression. Körper und Psyche reagieren nicht. Vieles bleibt fremd. Erst wenn das Fremde uns tangiert, verliert es seine Bedeutungslosigkeit. Wir lassen uns vom Leid der anderen tangieren, empfinden Mitleid. Tatsächlich aber lassen wir uns über unsere eigene Libidoposition dazu bewegen.
Nicht jedoch über das Gebot der Nächstenliebe. Moralische Gebote allein richten nämlich gar nichts aus. Erst wenn sie mit Liebe, Schuld und Aggression aufgefüllt werden und wir sie mit unserer Libido besetzt haben, nehmen wir sie wahr. Als unsere eigenen.
Weshalb Liebe, Schuld und Aggression? Und weshalb grenzen wir uns zugleich ab? Was bedeutet Identität als Identifizierung und Abgrenzung? Was genau macht die Libido dabei? Wie wirkt sie im Körper und in der Psyche?
Wir sprechen von psychosomatischen Reaktionen, wenn wir vor einer Prüfung Durchfall bekommen, wenn wir die Dinge nicht mehr kontrollieren und bei uns behalten können. Unsere Prüfung bedeutet plötzlich alles, Liebe, Schuld und Aggression. Gebündelter Affekt. Er liegt uns plötzlich schwer im Magen. Alles steht auf dem Spiel. Meist wird gesagt, es sei die Angst – Prüfungsangst –, aber das ist zu einfach. Wir können uns nämlich nicht mehr abgrenzen.
Mit der Frage der Abgrenzung entsteht eine dynamische Qualität.
Der Beginn eines Kreislaufs.
Nun ist es aber nicht so, dass wir unsere Libido beliebig auf Dinge und Menschen investieren und wieder abziehen könnten. Nach Lust und Laune sozusagen. Dieser psychischen Energie haftet eine gewisse Zähigkeit an. Sie ist wie ein träger Stoff, der zwar dynamisch ist, aber mich gleichzeitig bindet.
Dieser Stoff reicht nämlich über die Grenzen meines Bewusstseins hinaus. Ich kann da nicht einfach aussteigen. Unsere Libido bindet uns und wir binden uns durch sie. In unseren Erinnerungen und Erwartungen, unserer gelebten Identität.
Freud schreibt dazu: »Es ist allgemein zu beobachten, dass der Mensch eine Libidoposition nicht gerne verlässt, selbst dann...




