E-Book, Deutsch, Band 1, 350 Seiten
Wagner Tannbacher Totentanz
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9434-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der erste Fall von Hauptkommissar Korbinian Gschwendtner und Polizeiobermeisterin Jette Hansen
E-Book, Deutsch, Band 1, 350 Seiten
Reihe: Ein Fall für Gschwendtner und Hansen
ISBN: 978-3-6957-9434-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Wagner ist ein Kind des Bayerischen Waldes. Er kennt die nebligen Täler Niederbayerns ebenso gut wie die sturen, aber herzlichen Charaktere, die dort leben. Seine Liebe zur Heimat und sein feines Gespür für die unfreiwillige Komik des Alltags fließen direkt in seine Kriminalromane ein. Wenn er nicht gerade an neuen Fällen für seinen eigenwilligen Kommissar Korbinian Gschwendtner tüftelt, findet man Andreas Wagner meistens auf Wanderungen abseits der Touristenpfade, immer auf der Suche nach dem nächsten perfekten Tatort. Tannbacher Totentanz ist der Auftakt zu seiner neuen Niederbayern-Krimi-Reihe.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Ort: Gschwendtner-Hof, Tannbach-Öd
Zeit: Dienstag, 11. November, 07:30 Uhr
Der Nebel hing wie nasse, graue Watte im Tal von Tannbach-Öd, schwer und unbeweglich, als hätte jemand die Zeit angehalten und vergessen, sie wieder zu starten. Er kroch die Hänge hinauf, umschlang die knorrigen, aber akkurat geschnittenen Apfelbäume auf den Streuobstwiesen wie kalte Finger und verschluckte die dunklen Wipfel der Tannen, die wie stumme Wächter den Talkessel säumten. Es herrschte eine Stille, die so tief und allumfassend war, dass man das eigene Blut in den Ohren rauschen hören konnte – oder das sanfte, rhythmische Swish-Swish eines sündhaft teuren Mikrofasertuches auf frisch poliertem Lack.
Hauptkommissar Korbinian „Korbi“ Gschwendtner stand unter dem ausladenden Vordach der Scheune, deren Gebälk so massiv und gut erhalten war, dass es vermutlich noch drei Generationen überdauern würde. Korbi war fünfundvierzig Jahre alt, ein Meter fünfundneunzig groß und eine Erscheinung, nach der sich in München auf der Leopoldstraße die Frauen umgedreht hatten – und es wohl immer noch tun würden, wenn er sich dort blicken ließe. Er trug keine Gummistiefel, wie es hier oben üblich war, sondern halbhohe, rahmengenähte Lederboots, die keinen Fleck aufwiesen. Dazu eine perfekt sitzende dunkle Jeans und einen grauen Wollpullover mit V-Ausschnitt, der den kräftigen Hals betonte. Sein dunkelblondes Haar war akkurat kurz geschnitten, die Schläfen frisch rasiert – Korbi legte Wert auf Äußerlichkeiten, vielleicht als unbewusster Protest gegen die ländliche Hemdsärmeligkeit, die ihn umgab.
Er trat zwei Schritte zurück, neigte den Kopf leicht zur Seite und betrachtete sein Werk mit der kritischen Miene eines Kunstexperten im Louvre: Ein BMW X5, schwarz wie die Nacht, sauberer als ein Operationssaal in einer Privatklinik.
Es war nicht irgendein Auto. Es war sein Dienstwagen. Ein „Sonderleasing für den alpinen Bereich mit erhöhter Geländegängigkeit“, das Korbi mit einer bürokratischen Hartnäckigkeit und seitenlangen Begründungen über „unzumutbare Zufahrtswege“ beim Innenministerium durchgeboxt hatte, die ihresgleichen suchte. Offiziell war der Wagen ein notwendiges Einsatzmittel, um im Notfall jede entlegene Almhütte im Landkreis erreichen zu können. Inoffiziell war er Korbis heiliger Gral, sein Baby, seine Festung gegen den Rest der Welt. Er hütete den Schlüssel, als wäre es der Zugang zu den Kronjuwelen, und führte das Fahrtenbuch mit einer Akkuratesse, die jeden Buchprüfer zu Tränen gerührt hätte.
Während links von ihm das Haupthaus des Gschwendtner-Hofes in der Morgensonne (sofern sie sich durch den Nebel kämpfen konnte) prachtvoll da stand – der Putz strahlend weiß und ohne Risse, die Holzbalkone dunkel eingelassen und im Sommer von einer Geranienpracht überquellend, für die Touristen anhalten würden –, hatte Korbi nur Augen für das bayerische Blech. Der Hof war das Lebenswerk seines Vaters Georg, perfekt in Schuss gehalten, modernisiert, effizient. Ein Vorzeigehof. Der BMW hingegen war Korbis kleine Rebellion.
„So g’hört sich des“, murmelte Korbi zufrieden und faltete das Tuch penibel auf Kante zusammen. Er hasste Schmutz auf Staatsbesitz. Zumindest auf diesem speziellen Teil des Staatsbesitzes. Ein toter Käfer auf der Windschutzscheibe konnte ihm den ganzen Tag ruinieren.
Ein schepperndes, ungesundes Husten, gefolgt von einem metallischen Rasseln, riss ihn aus der Idylle.
Der gelbe Post-Caddy von Alois quälte sich den makellos gekiesten Feldweg herauf. Der Wagen klang, als würde er gleich seine Einzelteile in den Matsch spucken; der Auspuff hing schief, und der Kotflügel hatte eine Farbe, die man wohlwollend als Rostrot bezeichnen konnte, aber eigentlich nur Rost war.
Korbi zuckte zusammen. Er stellte sich instinktiv und schützend vor den linken Kotflügel des BMWs, breitbeinig wie ein Türsteher, bereit, jeden hochspritzenden Kieselstein mit seinem eigenen Körper abzufangen.
Alois bremste scharf, die Reifen blockierten kurz auf dem Kies. Alois kurbelte das Fenster quietschend herunter. Dichte Rauchschwaden von billigem Tabak zogen nach draußen und vermischten sich mit der klaren Bergluft.
„Morgen, Korbi! Mei, polierst scho wieder unsere Steuergelder?“ Alois grinste zahnlückig, die selbstgedrehte Zigarette wippte dabei im Mundwinkel auf und ab. Seine Postuniform spannte bedenklich über dem Bauch. „Wenn du so viel Eifer bei der Verbrecherjagd hättest wie bei dem Dienstwagen, gäb’s in ganz Bayern koane Kriminellen mehr. Da müssten wir die Gefängnisse wegen Überfüllung schließen.“
„Das ist ein Einsatzfahrzeug, Alois. Das muss repräsentieren. Das ist das Gesicht des Gesetzes in Tannbach. Außerdem ist das deutsche Ingenieurskunst, die braucht Respekt. Pass auf mit deiner Rostlaube, der Kies hier ist frisch gerecht. Wenn du mir da eine Scharte in den Lackmachst, zieh ich dir das vom Porto ab.“
Alois lachte dreckig, ein Geräusch wie Schotter in einer Betonmischmaschine. „Jaja, Herr Hauptkommissar. Is ja gut. Da schau her.“ Er kramte im Beifahrersitz herum und reichte schließlich einen grauen Brief heraus, dessen Ecken leicht geknickt waren. „Dienstpost. Aus Landshut. Wahrscheinlich fragen sie nach, ob du den Lack abkratzt hast beim Polieren oder ob du wieder Sonderbudget für Felgenreiniger brauchst.“
Korbi nahm den Umschlag entgegen, wobei er peinlich genau darauf achtete, Alois’ Finger nicht zu berühren. Personalabteilung. Das Behördensiegel wirkte bedrohlich offiziell. Sein Magen zog sich leicht zusammen. Post aus Landshut hieß selten „Gehaltserhöhung“ und meistens „Ärger“.
„Und?“, fragte Alois, der den Motor laufen ließ – vermutlich aus Angst, er würde nicht mehr anspringen. „Hast es ghört vom Hias? Gestern Nacht beim Hirschen. Voll wie eine Strandhaubitze war er, sag ich dir. Hat rumkrakeelt, dass er jetzt reich wird, dass er das ganze Tal aufkauft. Dann is er rausgetorkelt in die Nacht.“ Alois schüttelte den Kopf, Asche fiel auf seine Jacke. „Depp, elendiger. Na ja, Hochmut kommt vor dem Fall, gell? Pfiati, Korbi.“
Der Postbote legte den Rückwärtsgang ein, das Getriebe heulte protestierend auf, und er tuckerte davon, eine Wolke aus Dieselruß hinterlassend. Korbi wedelte den Gestank weg und blickte auf den Brief. Er riss ihn auf, überflog die Zeilen, und seine Miene verdüsterte sich mit jedem Wort.
...aufgrund der personellen Engpässe... Zuweisung... Polizeiobermeisterin Hansen... zur operativen Unterstützung... sofortiger Dienstantritt...
„Des darf doch ned wahr sein“, grummelte er und zerknüllte das Papier beinahe. Unterstützung. Eine Frau. Aus dem Norden. In seinem Revier. Und schlimmer noch: Sie würde vermutlich in seinem Auto mitfahren wollen. In seinem X5. Auf dem Beifahrersitz. Mit Schuhen, die vorher wer weiß wo waren.
Er steckte den Brief in die Gesäßtasche, warf einen letzten, besorgten Blick auf den makellosen Lack und ging zum Haupthaus. Er brauchte Kaffee. Dringend.
Beim Eintreten in die große Wohnküche schlug ihm eine Wand aus Wärme und penibler Sauberkeit entgegen. Hier blitzte alles. Der Boden war gewischt, die Kupferpfannen an der Wand poliert, bis man sich darin spiegeln konnte. Es roch intensiv nach gebratenem Speck, Zwiebeln und starkem Bohnenkaffee. Es war das Reich seiner Mutter, und hier galten ihre Gesetze.
Am massiven Eichenholztisch, der so solide war, dass man darauf einen Panzer hätte parken können, saß sein Vater Georg. 77 Jahre alt, Hände wie Schaufeln, das Gesicht gegerbt von Wind und Wetter, aber noch kerzengerade im Rücken. Er trug seine Arbeitsweste und las die Zeitung, als müsste er jeden Artikel auswendig lernen.
Am riesigen, holzbefeuerten Herd stand Maria, seine Mutter. Mit 75 wirbelte sie noch immer durch die Küche wie ein junges Mädchen, jonglierte mit Pfannen und summte dabei.
„Da is er ja, der feine Herr“, brummte Georg hinter dem Lokalteil hervor, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, aufzublicken.Seine Stimme klang wie ein Mühlstein. „Auto is sauber, ha? Spiegelt’s gnug? Aber dass am Stadl das Scharnier vom hinteren Tor a bisserl quietscht, des hörst ned, oder? Lieber wienerst das Polizeiauto, das dir nedmal ghört, als dass du dich um dein Erbe kümmerst.“
Korbi seufzte lautlos und ließ sich auf die Eckbank fallen, die unter seinem Gewicht ächzte. Das war das tägliche Ritual, so sicher wie das Amen in der Kirche.
„Morgen, Papa. Das Tor öl ich am Wochenende. Versprochen. Und der Hof steht doch da wie eine Eins. Was willst denn? Der Putz ist neu, das Dach ist dicht, die Silos sind voll.“
„Dass du ihn übernimmst!“, blaffte Georg und knallte die Zeitung auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirrten. „Schau dir den Hof an, Korbinian! Das ist ein Juwel! Beste Böden, alles saniert, schuldenfrei. Andere würden morden für so an Erbhof. Und du? Spielst Dorfscheriff,...




