E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Wahl Die Botschaft Joels an das 21. Jahrhundert
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-7457-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum das biblische Buch Joel für unsere Zeit geschrieben wurde
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-7578-7457-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Volker Wahl ist seit vielen Jahren Christ und arbeitet in seiner Freizeit in verschiedenen Bereichen des Gemeindelebens mit.
Autoren/Hrsg.
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8. Wie eine Heuschreckenplage
4 Was der Nager übrig gelassen hatte, fraß die Heuschrecke; und was die Heuschrecke übrig gelassen, fraß der Abfresser; und was der Abfresser übrig gelassen, fraß die Heuschreckenlarve.
5 Wacht auf, ihr Betrunkenen, und weint! Heult, ihr Weinsäufer alle, über den Most, denn er ist weggerissen von eurem Mund!
6 Denn eine Nation ist über mein Land heraufgezogen, mächtig und ohne Zahl; ihre Zähne sind Löwenzähne, und sie hat das Gebiss einer Löwin.
7 Sie hat meinen Weinstock zu einer Wüste gemacht und meinen Feigenbaum zerknickt; sie hat ihn völlig abgeschält und hingeworfen, seine Ranken sind weiß geworden.
Der Vers 4 beschreibt auf den ersten Blick entweder vier Stadien der Heuschreckenentwicklung oder vielleicht auch vier verschiedene Insektenarten. Plausibel scheint, dass hier vier Entwicklungsstadien gemeint sind, da Heuschrecken mehrere Larven- und Nymphenstadien durchlaufen25, von denen jedes durch eine Häutung abgeschlossen wird.
Aber wieso beschreibt der Prophet die Katastrophe dieses Heuschreckenüberfalls, indem er die verschiedenen Stadien nennt? Wenn nach dem Überfall am Ende nur Wüste übrig bleibt, dann wäre es doch letztlich egal, in welchem Stadium sich die Heuschrecken alles einverleibt haben.
Zudem fällt auf, dass hier gar nicht von einem Heuschreckenschwarm geschrieben wird. „Nager“, „Heuschrecke“, „Abfresser“ und „Larve“ werden jeweils im Singular genannt. Außerdem spricht der Verfasser im vierten Vers in der Vergangenheit. Später werden wir sehen, dass einige Verse in Kapitel 2 im Futur gehalten sind. Das, was Joel sieht, lässt sich offenbar nicht in einen bestimmten Zeitraum begrenzen. Aber Gott zeigt ihm etwas, das vom „Tag des HERRN“ aus gesehen, der später öfter erwähnt wird, in der Vergangenheit liegt. Vielleicht sind es die ersten Anzeichen der Endzeit.
Das Erschreckende an Vers 4 sind nicht die Stadien der Heuschreckenentwicklung, sondern die Brutalität der Handlungsweise. „... was der/die ... übrig gelassen hatte, fraß der/ die ...“. Das heißt, was der ersten Plünderung entkommen ist, fiel der nächsten Plünderung zum Opfer. Die Plünderer werden niemals genug haben. Es wird immer eine Steigerung geben müssen, praktisch eine Steigerung des „Gewinns“ gegenüber der vorhergehenden „Angriffswelle“.
Das erinnert an die Versprechen von „jährlichen Gewinnsteigerungen“ an den Aktienbörsen, die Menschen dazu bringen sollen, dem Kapitalmarkt ihr Geld anzuvertrauen. Dass die großen Gewinne oft auf Kosten von verletzten Menschenrechten gemacht werden, spielt meist keine Rolle. Für die Anleger und Händler im Aktiengeschäft sind letztlich nur die Renditen entscheidend. Und jeder Jahresabschluss muss eine Gewinnsteigerung gegenüber dem Vorjahr aufweisen. „Wachsen oder welken“ ist das Konzept. Ein Konzern, der nicht wächst, läuft Gefahr, von einem Konkurrenten übernommen zu werden.
2005 verglich Franz Müntefering die extremen Auswirkungen des Kapitalismus damit, dass es Unternehmen gibt, die vorgehen wie die „verantwortungslosen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell.“26
Es scheint, dass dem Propheten Joel hier gar nicht die lokale Naturkatastrophe einer Heuschreckenplage vor Augen geführt wurde, sondern die weltweiten Auswirkungen von verantwortungslosem Handeln von globalen Wirtschaftsunternehmen. „... was der/die ... übrig gelassen hatte, fraß der/ die ...“, beschreibt die Plünderung von Nahrungsmitelressourcen, Boden-schätzen und menschlicher Arbeitskraft, Gesundheit und Lebensqualität. Für Aktienunternehmen sind dies alles nur Mittel zum Zweck der Gewinnmaximierung, wobei Gewinnmaximierung nur ein Euphemismus für den Begriff „Habgier“ zu sein scheint.
Hier wird also eine habgierige und dekadente Gesellschaft beschrieben. Diese Dekadenz kommt auch im nächsten Vers zum Ausdruck.
Sicher beschränkt der Prophet seine Aussage nicht nur auf den Konsum von Alkohol. Wir können davon ausgehen, dass die Botschaft, die er von Gott verkünden soll, viel weiter geht. Er spricht hier eine Gesellschaft an, die den Bezug zur Realität verloren hat, so wie ein Betrunkener nicht mehr fähig ist, klar zu denken. Die Menschen, die Joel meint, berauschen sich lieber an den Angeboten einer dekadenten Gesellschaft, anstatt die Zeichen der Zeit zu erkennen. Dies hat in den vergangenen Jahrtausenden schon zum Untergang vieler Hochkulturen geführt und droht letztlich auch zum Untergang der Menschheit zu führen.
„Wacht auf!“, kommt der Weckruf. Doch von einer Nation, die bequem geworden ist und sich lieber dem Dauerkonsum verschreibt, anstatt aktiv daran zu arbeiten, das eigene Leben auf dem Weg zu führen, den Gott vorgesehen hat, kann man kaum erwarten, dass der Ruf überhaupt gehört wird. Selbst in christlichen Kreisen ist es eher unwahrscheinlich, dass das Buch Joel in einer Predigt zitiert wird oder dass man in einem Bibelkreis darüber spricht.
Die Menschen, die berauscht sind von ihren eigenen Leistungen (die letztlich doch nur mit Gottes Gnade zustande kommen können), sollen weinen, wenn sie endlich aufgewacht sind. Wie muss es für die Leute sein, die endlich aufwachen, nachdem sie ihr ganzes Leben in einem Rausch verbrachten und sich damit praktisch nie der Realität stellen mussten?
Das Jahr 2022 hat gezeigt, wie erschreckend dieses Erwachen ist. Am 24. Februar 2022 melden die Nachrichtensender die Reaktionen der deutschen Spitzenpolitiker auf den Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine. Dabei wird die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock27 zitiert mit den Worten: „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“ Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erklärte: „Nun ist das Unfassbare geschehen.“
Diese zwei Aussagen zeigen, dass schon die ersten Verse des Joelbuches durchaus Bezüge zum 21. Jahrhundert haben. Natürlich sind die Menschen nicht in einer anderen Welt aufgewacht, weder in Europa, noch global gesehen. Aber die Aussagen der scheinbar verwunderten Politiker und Politikerinnen zeigen doch die ehrliche Überraschung, die das Erwachen aus einem Zustand mit sich bringt, der einem Rausch gleicht, in dem man die Welt nicht so wahrnimmt, wie sie ist.
Die Welt und die führenden Politiker auf diesem Planeten sind auch am 24.02.2022 noch immer dieselben, aber für all diejenigen, die die Realität nicht so sehen wollten, wie sie ist, erscheint sie wie eine neue Welt. Das ist im beinahe wörtlichen Sinne zum Heulen. Und genau dazu fordert der Prophet auf: „Wacht auf, ihr Betrunkenen, und weint!“
Auch Habecks Aussage: „Nun ist das Unfassbare geschehen“, hat Parallelen zu den ersten Versen. In Vers 2 wird gefragt: „Ist solches in euren Tagen geschehen oder in den Tagen eurer Väter?“ Da Robert Habeck 1969 geboren wurde28, also 24 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, wird er nicht von ähnlichen Ereignissen aus eigener Erfahrung berichten können. Und welche Kriegsereignisse sein Vater bewusst erlebt hat, darüber schweigt die Presse. Aber gab es wirklich keine Vorzeichen für den russischen Angriffskrieg? Muss man wirklich von einem „unfassbaren“ Geschehen sprechen?
Wenn man vom 24.02.2022 genau 3½ Jahre in die Vergangenheit schaut, wird man feststellen, dass es bereits zu diesem Zeitpunkt Vorzeichen gab. Davon abgesehen gab es bereits 2014 eine Annexion der Krim und bereits 2021 zog Russland schon Soldaten und schwere Waffen an der ukrainischen Grenze zusammen.
Aber was berichten die Archive über den 24.08.2018, also das Datum genau 3½ Jahre vor dem Kriegsbeginn? „The Ukrainian Weekly“ 29 meldete im August 2018, dass ab dem 24. August 2018 die gängige Grußform und der beliebte Slogan „Slawa Ukrajini – Herojam Slawa“ (übersetzt: „Ruhm der Ukraine – Ruhm den Helden“) der offizielle militärische Gruß der ukrainischen Streitkräfte wird.30 Die Begrüßung war erstmals in diesem Zusammenhang bei der Unabhängigkeitsparade in Kiew am 24. August 2018 zu hören.
Die Website welt.de meldet am 24.08.2018: „Putin sagt sich vom Dollar-Diktat los“.31 Auf chroniknet.de kann man über diesen Tag nachlesen32: „Im Zuge der Spannungen mit Russland und der militärischen Fortschritte Chinas ist die am 4. Mai 2018 bereits angekündigte Reaktivierung der Zweiten US-Flotte im Atlantik formell erfolgt.“ Offenbar war die Welt im Jahre 2018 doch keine völlig andere als 2022. Und warum in diesem Buch der Zeitraum 3½ Jahre...




