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E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Wahl Kill


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-446-26076-4
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-446-26076-4
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die ganze Stadt steht unter Schock: Einen Tag, nachdem Kommissar Fors von unbekannten Tätern brutal überfallen und bestohlen wurde, ereignet sich in der Schule eine Schießerei, bei der drei Kinder ums Leben kommen - erschossen mit Fors' gestohlener Dienstwaffe. Die Ermittlungen gehen mühsam voran, bis entscheidende Hinweise eingehen, wer Fors die Waffe entwendet hat. Doch hat die Polizei mit den drei Jugendlichen, die Fors zusammengeschlagen haben, auch den Amokschützen?

Mats Wahl, 1945 geboren, zählt zu den großen skandinavischen Jugendbuchautoren. Er hat über 40 Bücher veröffentlicht, darunter Romane für Kinder und Jugendliche, Theaterstücke, Drehbücher für Fernsehfilme und TV-Serien und pädagogische Fachbücher. Für sein Werk erhielt er neben zahlreichen anderen Preisen auch den Deutschen Jugendliteraturpreis. Bei Hanser erschienen u. a. Du musst die Wahrheit sagen (2011), Wie ein flammender Schrei (2014) sowie die ersten drei Bände der Sturmland-Saga: Sturmland - Die Reiter (2015), Sturmland - Die Kämpferin (2016) und Sturmland - Die Gesetzgeber (2016). Die vierte Band der Reihe, Sturmland - Die Lebendigen, folgte im Frühjahr 2017.
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1


Wenn kleine Kinder wissen, dass sie sterben müssen, haben sie keine Angst vorm Tod, denn sie können ihn sich nicht vorstellen. Kleine Kinder, die wissen, dass sie sterben müssen, haben Angst, allein gelassen zu werden.

Der Mann, der aus dem grünen Golf stieg, trug Jeans und ein helles Leinenjackett, er war mittelgroß und braun gebrannt. Er betrat den Laden, der auch abends geöffnet hatte, und das Mädchen hinterm Tresen sah ihn zu den gekühlten Waren gehen, eine Glastür öffnen und eine Packung Milch herausnehmen. Das Mädchen fragte ihn, ob er eine Tüte für die Milch haben wollte, und er nickte. Sie steckte die Packung in eine Tüte und reichte sie ihm.

Der Mann hatte kurz geschnittene graue Haare. Er zog seine Brieftasche aus der Gesäßtasche seiner Hose, nahm einige Scheine Wechselgeld entgegen und hatte die Brieftasche noch in der Hand, als er wieder hinaus auf die Straße trat. Er hatte sein Auto am Fußgängerüberweg geparkt und wollte die Brieftasche gerade in die Gesäßtasche stecken, als ihn der Tritt im Nacken traf. Er fiel gegen das Auto und kippte mit dem Oberkörper über den Kühler. Ihn traf noch ein Tritt, diesmal an der Wange. Er fiel neben dem Vorderrad des Autos auf die Knie und bekam mehrere schnelle Tritte gegen Rücken, Arme und Brustkorb und noch einen gegen den Kopf.

Bevor er das Bewusstsein verlor, hörte er: »Das Messer, nimm das Messer!«

Im Krankenwagen kam er wieder zu sich. Ihm war schlecht und er übergab sich in eine Pappschale, die man ihm unters Kinn hielt. Er hörte zu, wie man sich über Funk über seinen Blutdruck unterhielt. Im Krankenhaus wurde er in ein Untersuchungszimmer gerollt und eine Ärztin mit rabenschwarzen Haaren und einem unaussprechlichen Namen kümmerte sich um ihn. Die Wunde über seinem Auge wurde genäht und Fors bat telefonieren zu dürfen. Er rief bei der Kripo an. Stjernkvist meldete sich.

»Hallo, hier ist Fors.«

»Grüß dich, hast du nicht frei?«

»Ich bin überfallen worden.«

Stjernkvist verstummte und Fors sah auf seine Armbanduhr.

»Halb zehn, vor dem Laden im Ugglevägen. Sie haben mir die Pistole geklaut.«

»Sie haben dir die Pistole geklaut«, wiederholte Stjernkvist. »Wo bist du?«

»In der Notaufnahme, hier bin ich seit fast einer halben Stunde. Warum ist niemand von der Schutzpolizei hier?«

»In Skäggesta brennt es.«

»Gib eine Fahndung raus wegen der Pistole. Und schick jemanden in den Ugglevägen.«

»Hast du sie gesehen?«

»Einige Tritte, und dann wurde alles schwarz. Ich hab absolut nichts gesehen. Auf der anderen Straßenseite standen Leute bei der Würstchenbude. Jemand muss es gesehen haben.«

»Ich fahr selbst hin«, sagte Stjernkvist. »Und ich unterrichte Hammarlund — nein, der ist in Sälen. Also benachrichtige ich Nylander. Wie geht es dir?«

»Ich muss gleich kotzen«, sagte Fors.

Dann legte er das Handy weg, und die Schwester hielt ihm wieder eine Pappschale hin. Fors erbrach Galle.

»Wie haben Sie geschlafen?«, fragte die Schwester, die das Frühstück brachte.

»Danke, gut. Aber ich glaube, ich möchte nichts essen. Wie spät ist es?«

»Halb neun.«

»Ihr müsst mir ein starkes Schlafmittel gegeben haben. Es ist lange her, dass ich mal bis nach acht durchgeschlafen habe.«

»Im Flur sind ein paar Herren, die Sie sprechen wollen.«

»Lassen Sie sie rein«, sagte Fors. »Ich möchte nur ein Glas Wasser. Nehmen Sie den Kaffee bitte wieder mit. Von dem Geruch wird mir übel.«

Die Frau nickte und nahm das Tablett. Sie stieß die Tür mit der Schulter auf und verschwand. Die Tür hatte sich kaum geschlossen, da wurde sie von der anderen Seite geöffnet und Molgren und Kranz von der zentralen Ermittlung kamen herein. Molgren trug Jeans, eine Jeansjacke und ein blendend weißes T-Shirt, Kranz einen schlammfarbenen Kordanzug. Das Jackett trug er überm Arm. Sie nickten Fors zu und Kranz nahm auf dem einzigen Stuhl Platz. Molgren schaltete das Tonbandgerät ein und stellte es auf den Tisch neben Fors.

»Armer Kerl«, sagte Molgren. »Wie geht es dir?«

»Mir ist schlecht.«

»Musst du länger hier drin bleiben?«

»Die Ärztin von der Notaufnahme meint, ich sollte vielleicht zur Beobachtung bleiben. Aber heute hab ich noch keinen Arzt gesehen.«

»Auf der Backe kriegst du ein wunderschönes Veilchen«, sagte Kranz. »Ist die Wunde unter dem Pflaster groß?«

Fors zog eine Grimasse. »Drei Stiche.«

»Jetzt erzähl mal von Anfang an«, schlug Molgren vor und verschränkte die Arme.

»Wer ist für die Ermittlung verantwortlich?«, fragte Fors.

»Svensson.«

Oberstaatsanwalt Christer Svensson war meistens für die Ermittlungen zuständig, die von der zentralen Ermittlungsgruppe bearbeitet wurden, der Gruppe, die in Fällen ermittelte, die darauf hindeuteten, dass ein Polizist ein Verbrechen oder einen Dienstfehler begangen hatte. Fors kannte Christer Svensson aus dem Fliegenfischer-Club, in dem sie beide Mitglied waren.

»Erzählst du jetzt von Anfang an?«, bat Molgren erneut.

Fors lehnte sich gegen die Kissen und musterte seine Kollegen.

»Natürlich nur, wenn du das Gefühl hast, du schaffst es«, sagte Kranz.

»Klar«, sagte Fors.

Kranz sah auf seine Armbanduhr und beugte sich zu dem Aufnahmegerät. »Verhör mit Kriminalkommissar Harald Fors wegen verlorener Dienstwaffe. Verhörsleiter ist Kriminalinspektor Lars Kranz. Verhörszeuge ist Kriminalinspektor Felix Molgren. Ort ist die Notaufnahme des Allgemeinen Krankenhauses.«

Dann nannte Kranz Uhrzeit und Datum und lehnte sich zurück.

Fors räusperte sich einige Male und meinte, seine eigene Stimme nicht zu erkennen: »Wir haben beim Motorclub in Vebe zugegriffen und hatten den ganzen Tag gearbeitet. Auf dem Heimweg wollte ich einen Liter Milch kaufen. Ich parkte vor dem Laden im Ugglevägen, der abends geöffnet hat. Es war ungefähr halb neun, ich betrat den Laden und kaufte mir Milch. Als ich wieder herauskam, hatte ich die Milch in der einen und die Brieftasche in der anderen Hand. Ich war schon fast beim Auto, da traf mich ein Stoß in den Nacken. Ich fiel vornüber auf den Kühler. Dann bekam ich einen Tritt gegen den Kopf und mehrere gegen den Körper. Ich weiß, dass ich über den Kühler rutschte und noch dachte, dass ich versuchen müsste, mich aufzurichten, aber es ging nicht. Dann lag ich auf dem Boden und hörte jemanden sagen: ›Nimm das Messer‹. Jetzt ist es aus, dachte ich und verlor das Bewusstsein.«

»Was hast du gesehen?«, fragte Kranz.

»Nichts.«

»Nichts?«

»Nicht das Geringste.«

»Und vorher?«

»Bei der Würstchenbude auf der anderen Straßenseite standen mehrere Leute, aber an die hab ich nicht gedacht. Im Laden war ein Mädchen hinter dem Tresen. Vielleicht hat sie was gesehen.«

»Du hast nicht gesehen, wie viele es waren?«

»Mindestens zwei. Sie haben mich von beiden Seiten getreten, als ich auf dem Kühler lag. Vielleicht waren es drei, aber das weiß ich nicht. Ich hab nichts gesehen.«

»Keine Hosenbeine, keine Schuhe?«

»Nichts.«

»Und die Stimmen?«

»Klangen wie Jungenstimmen.«

»Wie alt?«

»Jungs eben, unter dreißig.«

»Kein Akzent?«

»Das Einzige, was ich gehört habe, war: ›Nimm das Messer‹. Kein Akzent, kein Dialekt.«

»Haben sie dich geschnitten?«

Fors zeigte zum Schrank an der Längswand.

»Hol mal die Hose.«

Molgren ging zu dem Schrank, auf den Fors zeigte, öffnete ihn und holte Fors’ Jeans hervor. In den Schlaufen hingen die Reste eines breiten Ledergürtels mit vernickelter Schnalle. Molgren gab Kranz die Hose.

»Sie haben die Hose aufgeschnitten, um an das Holster zu kommen.«

»Ja«, sagte Fors. »Anders wären sie nicht an die Waffe herangekommen, also mussten sie die Hose aufschneiden.«

»In jedem Fall hatten sie ein scharfes Messer«, sagte Molgren und musterte die Schnittkante.

»Wir nehmen deine Hose mit«, sagte Kranz.

Fors starrte ihn an.

»Und wie stellst du dir bitte vor, soll ich dann von hier wegkommen? Wie eine Art ...


Wahl, Mats
Mats Wahl, 1945 geboren, zählt zu den großen skandinavischen Jugendbuchautoren. Er hat über 40 Bücher veröffentlicht, darunter Romane für Kinder und Jugendliche, Theaterstücke, Drehbücher für Fernsehfilme und TV-Serien und pädagogische Fachbücher. Für sein Werk erhielt er neben zahlreichen anderen Preisen auch den Deutschen Jugendliteraturpreis. Bei Hanser erschienen u. a. Du musst die Wahrheit sagen (2011), Wie ein flammender Schrei (2014) sowie die ersten drei Bände der Sturmland-Saga: Sturmland - Die Reiter (2015), Sturmland - Die Kämpferin (2016) und Sturmland - Die Gesetzgeber (2016). Die vierte Band der Reihe, Sturmland - Die Lebendigen, folgte im Frühjahr 2017.



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