Wahl | Nachts ist das Meer schwarz | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Wahl Nachts ist das Meer schwarz


2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-9657-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-7583-9657-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine unfreiwillige Beobachtung weckt in Yun den unaufhaltsamen, ursprünglichen Drang nach Wahrheitsfindung. Auf eigene faust macht er sich auf die Suche und findet schließlich noch mehr, als er sich insgeheim erhofft hatte.

Katrin Wahl ist 1977 in Nordfriesland geboren. Sie lebt in einem kleinen Dorf an der Nordseeküste zusammen mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und ihren Tieren. "Nachts ist das Meer schwarz" ist neben zwei Kinderromanen ihr drittes Buch.
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12


„Bis morgen, gleiche Zeit“, rief Udo durch das offene Fenster, nachdem er Yun am frühen Abend wieder vor dem Nachbargrundstück abgesetzt hatte.

„Ja, bis morgen“, erwiderte Yun und hob zum Abschied nochmal kurz die Hand. So erschöpft war er schon lange nicht mehr. Der Arbeitstag eines Auslieferungsfahrers war ziemlich anstrengend, dazu die Wärme und das viel zu frühe Aufstehen und dann hatte der alte Transporter noch nicht mal eine Klimaanlage. Yuns Energie war gänzlich aufgebraucht.

„Hallo“, hörte er plötzlich eine weiche Stimme hinter sich. Als er sich umdrehte, stand Luka vor ihm. Sie trug ein weißes, ärmelloses Top mit einem Bandaufdruck und eine kurze, locker sitzende Jeanshose. Ihre dunklen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und um den Hals schaute der Neckholder eines Bikinis hervor. Unter ihrem rechten Arm hielt sie ein zusammengerolltes Bündel, das wie eine Wolldecke aussah. Freundlich lächelte sie ihn an.

„Was stehst du denn hier so in der Gegend rum?“

Wie niedlich sie aussah, dachte er bei sich und erwiderte ihr Lächeln. Dann strich er sich die schwarzen, längeren Haare seines Ponys aus dem Gesicht.

„Hey, ach, ich komme gerade von der Arbeit und bin total kaputt“, antwortete er, „liegt wohl am Wetter.“

Sie nickte. „Ja, es ist ziemlich warm heute. Wir fahren an die Nordsee zum Baden, möchtest du vielleicht mitkommen?“

Und ob er das wollte, da brauchte er nicht lange überlegen. Nur das wir irritierte ihn etwas.

„Wer ist wir?“, fragte er und sah sich um.

Sie lachte.

Wir, das sind drei meiner Freunde und ich“, antwortete sie, „die holen mich gleich hier ab.“

„Achso, also wenn ihr noch Platz habt, dann würde ich gerne mitkommen, ich müsste nur noch schnell meine Badesachen holen.“

Luka nickte, „wir warten hier auf dich.“

Yun joggte los. Zuhause angekommen kramte er seine Badehose aus einem der Umzugskartons, die noch gepackt und unangetastet im Flur seiner Wohnung standen und rollte sie in sein großes Badehandtuch ein. Danach rannte er zurück zu Luka. Auf halbem Weg wurde er langsamer.

Vor der Einfahrt von Lukas Haus stand ein Mercedes Kombi in dunkelgrünem Metalliclack. Ein älteres Modell aus den Achtzigern. Alle Fensterscheiben waren heruntergekurbelt. Musik, verschiedene Stimmen und Gelächter hallten aus dem Innenraum, als er näher kam. Die rechte, hintere Fahrzeugtür stand noch offen. Dann sah er Luka, die schon auf dem Rücksitz saß.

„Komm, du kannst hier hinten sitzen.“

Drei fremde Augenpaare musterten ihn interessiert, nachdem er eingestiegen war. Er räusperte sich.

„Hallo, ich bin Yun. Echt nett, dass ich mitfahren kann“, sagte er in die Runde.

„Moin, kein Problem, ich bin Erik“, antwortete der junge Mann auf dem Fahrersitz. Er war ungefähr in Yuns Alter, hatte blonde, etwas längere Haare, die hinten aus seinem Cappy herausschauten und ein offenes, freundliches Gesicht. Er schien aufgeschlossen und sehr entspannt zu sein, ganz im Gegensatz zu dem Typ mit den schwarzen Locken, der auf dem Beifahrersitz saß. Ihn konnte Yun auf den ersten Blick nur schwer einschätzen. Er wirkte ein wenig reserviert und nachdenklich, aber auch er grüßte höflich und stellte sich als Lasse vor. Dann war da noch ein Mädchen mit blonden Haaren und einem Bob Cut Haarschnitt, sie saß ganz links am Fenster.

„Hey Yun, ich bin Kerrin“, sagte sie und gab ihm sogar die Hand.

Dann drehte Luka sich zu ihm um.

„Und ich heiße übrigens Luka“, sie schmunzelte.

Obwohl Yun auch sie kaum kannte, gab ihre bloße Anwesenheit ihm eine gewisse Sicherheit und er fühlte sich auf Anhieb wohl.

Während der Autofahrt löcherte Erik ihn mit Fragen. Was machst du so?

Wo kommst du her?

Was hat dich gerade hier nach Nordfriesland verschlagen? Und so weiter.

Yun machte das nichts aus, er versuchte alle Fragen so gut wie möglich zu beantworten. Es war das erste Mal, dass er mit Einheimischen unterwegs war, ausgenommen von Udo natürlich, aber das war ja etwas anderes. Er freute sich darüber, endlich Kontakt zu netten Leuten in seinem Alter gefunden zu haben und Luka mochte er besonders.

Es dauerte nur wenige Minuten und sie hatten das Ende des Dorfes erreicht. Nun ging es hinaus in die umliegenden Reußenköge, wie hier das Vorland der Nordsee genannt wurde. Luka erklärte Yun, dass der Reußenkoog genau genommen aus mehreren einzelnen Kögen bestand, die alle einen eigenen Namen hatten, zum Beispiel dem Hauke-Haien Koog, dem Sönke-Nissen Koog oder dem Sophien-Magdalenen Koog und der Hamburger Hallig, einer früheren Insel, die man heute über einen vier Kilometer langen Damm erreichen konnte. Umgeben von Stoppelfeldern und gigantischen Windkraftanlagen standen hier in der Gegend große landwirtschaftliche Anwesen. Auffällig war, dass fast jedes der großen Gebäude ein grünes Dach hatte. Die Bauern mussten mal viel Geld gehabt haben, um sich solche schönen Häuser bauen zu können, dachte Yun beeindruckt.

Die Luft roch nach Schweinedung, aber niemand im Auto kam auf die Idee, ein Fenster zu schließen, denn dafür war es einfach noch zu warm und jeder von ihnen genoss die angenehme Erfrischung, die der Fahrtwind brachte.

Die meiste Zeit konnte Yun aus seinem Fenster schauend parallel zur Straße den Deich sehen, hinter dem, so vermutete er, direkt das Meer lag, bis sie dann irgendwann nach rechts abbogen. Nun führte die Straße auf den Deich hinauf und an der anderen Seite wieder herunter einen langen Weg geradeaus zwischen den großen Süßwasserseen hindurch, die sich hier mit dem Salzwasser des Meeres mischten, wenn es bei Flut durch die Deichschleusen eingeleitet wurde.

Die Landschaft war herrlich und zog Yun sofort in ihren Bann. Zahlreiche, verschiedene Vogelarten tummelten sich im Wasser und in der Luft über den Seeflächen und mittendrin stand, teilweise bis zum Bauch im Wasser, eine kleine Herde schwarzer Kühe, die Yun aus der Ferne betrachtet zuerst für Wasserbüffel gehalten hatte. Naturbegeisterte Touristen standen mit großen, auf Dreibeinständern aufgebauten Fernrohren an den Straßenrändern und beobachteten die Tiere.

Kurz bevor sie den Außendeich erreichten, mündete die Straße in einen großen Sandparkplatz. Sie waren am Ziel.

„Allemann raus“, witzelte Erik, sprang aus dem Kombi und reckte einmal befreiend die Arme in die Luft.

Yuns T-Shirt flatterte heftig im Wind, als er ausstieg. So eine frische Brise hatte er jetzt nicht erwartet, denn eben, im Ort war es noch brütend heiß gewesen. Er bekam sogar eine leichte Gänsehaut.

Luka bemerkte sein Frösteln.

„Ist dir kalt?“, fragte sie.

„Naja, ist ganz schön frisch hier“, erwiderte er.

„Ja, das ist ja das Schöne daran, an einem heißen Tag am Meer zu sein, da lässt es sich meistens viel besser aushalten.“

Lasse, der das Gespräch mitgehört hatte, grinste spöttisch. „Hey Weichei, kannst meinen Hoody anziehen, wenn du willst“, er warf ihm ohne Vorwarnung seinen Pulli zu.

„Nein danke, geht schon“, antwortete Yun und schmiss den Pulli direkt wieder zurück. Dass Lasse ihn offenbar für einen Softie hielt, passte Yun nicht.

Lasse und Erik rannten vor. Kerrin holte noch einen alten, grünen Bundeswehr-Rucksack aus dem Kofferraum. Bei dem schwungvollen Wurf über die Schulter hörte man ein deutliches Klirren.

„Oh“, sagte Luka, „an etwas zu trinken habe ich gar nicht gedacht.“

„Ach, das macht nichts“, antwortete Kerrin, „ich habe genug für uns alle dabei.“

Die Mädchen gingen den Deich nach oben. Yun folgte ihnen. Er betrachtete Lukas Rücken. Den dünnen Hals, ihre zierliche Figur, die schmale Taille, die sportlichen Beine und zugegeben, er warf auch einen Blick auf ihren Po, den er ziemlich sexy fand.

Direkt am Meer war der Wind noch ein wenig stärker. Grün-bläuliche leuchtende Wellen schwappten über die Stufen der Betontreppe, die hinab ins Wasser führte und das unverkennbare, angenehme Rauschen des Meeres erfüllte die salzige Luft.

Als auch Yun, Luka und Kerrin den Fuss des Deiches erreichten, hatten Erik und Lasse etwas weiter rechts, abseits der anderen Badegäste, bereits ihre Handtücher plaziert und stiegen schon die Treppe zum Wasser herunter.

Luka breitete ihre Wolldecke neben den Handtüchern der Jungs aus, und die beiden Mädchen ließen sich bequem darauf nieder. Yun spürte ihre musternden Blicke, als er sein T-Shirt auszog. Die Boxershorts unter dem Handtuch gegen seine Badehose zu tauschen, ohne dass sie ihn nackt sehen konnten, war eine echte Herausforderung, aber irgendwie bekam er es hin. Obwohl er schon eine Weile keinen Sport mehr gemacht hatte, war sein Körper immer noch durchtrainiert und seine makellose Haut hatte einen leichte Bräune.

„Wollt ihr denn gar nicht...



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