E-Book, Deutsch, 324 Seiten
Wahl Reisende im Wind der Zeit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-7927-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Licht der kommenden Tage: Band 3
E-Book, Deutsch, 324 Seiten
ISBN: 978-3-7526-7927-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Volker Wahl hat viele Jahre in der Werbebranche gearbeitet und malt in seiner Freizeit Aquarelle. Das Titelbild basiert auf einem seiner Werke.
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5
Laura wohnte ebenfalls in Babelsgrund. Da sie außer ihrem Großvater Arthur keine Verwandten hatte, war sie froh, dass Eric und Vera ihr bei der Betreuung ihres Sohnes zur Seite standen. Mit der Hilfe der beiden konnte sie trotz ihres Kindes bald ein Studium in Frankfurt beginnen. Von ihrem Großvater Arthur hatte sie seit Monaten nichts mehr gehört. Beim Abschied, nach der Flucht aus dem Arnháton-Zentrum, hatte Arthur ihr schon angekündigt, dass er wenig Gelegenheit haben würde, sich bei ihr zu melden. Dass es aber kaum Lebenszeichen von ihm gab, hatte sie nun doch überrascht.
Die schlimmen Ereignisse in Mali hatte sie zunächst nur schwer verkraftet. Die ungewollte Schwangerschaft durch die Arnháton-Sekte war ein traumatisches Ereignis. Zuerst hatte sie mit dem Gedanken einer Abtreibung gespielt. Sie hatte das Kind nicht gewollt. Die Umstände der Empfängnis waren für sie rätselhaft. Alles deutete darauf hin, dass die Arnháton-Sekte während ihrer Gefangenschaft eine künstliche Befruchtung bei ihr vorgenommen hatten. Was da in ihrem Bauch heranwuchs, war ihr unheimlich. Gegenüber Eric hatte die Sekte von Experimenten gesprochen, bei denen man versuchte, einen vor mehr als dreitausend Jahren verstorbenen Pharao zu klonen. Und alles deutete darauf hin, dass sie nun Teil dieses Experimentes war. Möglicherweise war das Kind, das sie nun ausgetragen hatte, wirklich eine neue Version des Mannes, den die Welt als Pharao Echnaton kennt.
Fast alle Menschen, die sie um Rat gefragt hatte, rieten ihr damals zu einer Abtreibung. Zu grauenvoll war die Vorstellung, mit was Laura bei einem Fehlschlag des Experiments konfrontiert worden wäre. Von Totgeburt oder von schlimmen Missbildungen war die Rede. Aber auch davon, dass Laura das Kind nie wirklich lieben könne.
Laura hörte sich damals die mehr oder weniger gut gemeinten Ratschläge an und ließ sich regelmäßig von Ärzten untersuchen. Auch Eric und Vera hatte sie damals gefragt, aber sie scheuten sich davor, Ratschläge zu geben. Sie vermittelten ihr Kontakte zu Selbsthilfegruppen vergewaltigter Frauen. Jedoch stellte Laura bald fest, dass ihr Fall in vielen Bereichen nicht mit den Fällen der anderen Frauen vergleichbar war.
Entscheidend war für sie ein Erlebnis, das sie in der neunten Schwangerschaftswoche hatte. Sie lag damals in ihrem Bett und war schon lange eingeschlafen. Selten hatte sie sich an ihre Träume erinnert. Doch diesen Traum wird sie niemals vergessen. Sie träumte damals von einer Welt, die scheinbar völlig aus den Fugen geraten war. In diesem Traum befand sie sich im hessischen Frankfurt. Einige Details der Stadt erkannte sie. Manche Gebäude erschienen ihr extrem ungewöhnlich, fast futuristisch. Sie hörte Sirenen, sah Menschen in Panik flüchten und versuchte selbst auch Schutz zu suchen. Aber sie wusste nicht, wovor sie flüchten musste. In ihrer Ratlosigkeit rannte sie den anderen Menschen hinterher. Kurze Zeit später hörte sie in der Ferne Explosionen. Die Menschen um sie erstarrten vor Angst und blickten zwischen den Häuserschluchten nach oben. Das dröhnende Geräusch der Detonationen kam immer näher. Jetzt fragte Laura in ihrem Traum die anderen Menschen, wo sie Schutz finden könnte, aber sie schienen sie nicht wahrzunehmen. Dieses gespenstische Szenario steigerte die Panik in ihr ins Unermessliche. Sie rannte zur Eingangstür des nächstliegenden Gebäudes und versuchte vergeblich die Tür zu öffnen. Wieder rief sie den anderen Menschen etwas zu, aber noch immer standen sie regungslos auf der Straße und blickten gebannt nach oben. Niemand nahm von ihr Notiz. Die Explosionen kamen immer näher. Eine Staubwolke kam meterhoch durch die Straßenschlucht auf sie zu.
Sie rannte zur nächsten Tür. Auch sie war verschlossen. Sofort eilte Laura weiter. Voller Angst blickte sie sich um und sah die Staubwolke immer näher kommen. Dahinter blitzten Detonationen auf. Der Lärm war jetzt ohrenbetäubend.
So versuchte Laura, an mehr als zwanzig Türen, in ein schützendes Haus zu kommen. Auch sonst fand sie keine Nische, die ihr Deckung versprach. Sie war völlig außer Atem. Erschöpft sank sie auf die Knie, um einen Augenblick neue Kräfte zu schöpfen.
Da hörte sie, trotz des gewaltigen Lärms, eine Stimme hinter sich. Erstaunt sah sie sich um und erkannte einen kleinen Jungen, der sie ansah und seine Worte wiederholte: „Hab keine Angst. Folge mir und dir wird nichts geschehen.“ In diesem Moment erschienen Laura die Worte so klar und einleuchtend, dass sie nicht im mindesten daran zweifelte, dass der Junge die Wahrheit sagte.
Die Menschen auf der Straße waren nun nicht mehr erstarrt, sondern blickten nun alle in Richtung des Jungen. Der sah noch immer Laura an und hatte den Menschen den Rücken zugewandt. Langsam hob er nun beide Arme und rief laut: „Folgt mir!“ Dann nahm er Laura bei der Hand und rannte los. Viele der Menschen auf der Straße folgten ihnen. Manche blieben trotz allem stehen. Laura hatte Mühe, das Tempo des Jungen mitzuhalten, immer wieder sah sie sich um. Nun kamen die Bombeneinschläge so nah, dass die Menschen, die ihnen nicht folgten, von den Explosionen zerrissen wurden. Laura schrie auf und umklammerte die Hand des Jungen fester. Jetzt rannten sie auf ein Gebäude zu, dessen Eingangstür sich wie von Geisterhand öffnete. Kaum hatten sie die Tür passiert, war von dem Bombenlärm nichts mehr zu hören. Der Junge eilte mit Laura bis zum Ende des großen Eingangsbereiches, dann blieben sie stehen und drehten sich um. Unzählige Menschen waren ihnen nachgekommen. Allen war die Erleichterung zu spüren, dass sie hier Schutz gefunden hatten. Einige kamen nun auf den Jungen zu und brachen in Tränen aus. Jetzt hörte Laura das Wort „Danke“ aus unzähligen Mündern. Die Menschen fielen vor dem Jungen auf die Knie und gaben lautstark ihrer Dankbarkeit Ausdruck.
Erst jetzt betrachtete Laura das Gesicht des Jungen näher. Irgendwie schien es ihr vertraut. Es war kein gewöhnliches Gesicht. Sie konnte nicht einmal sagen, ob der Junge europäische Züge trug oder die eines anderen Kontinents. Irgendwie hätten die Gesichtszüge zu jedem Ort der Welt gepasst. Eines war aber besonders auffällig. Das Gesicht des Jungen war schmal. Sehr schmal. Dafür war die Stirn ungewöhnlich hoch. Laura wusste, dass sie diese Gesichtszüge schon einmal gesehen hatte. Nicht bei einem Jungen, sondern bei einem erwachsenen Mann. Jetzt fiel es ihr ein, woher sie dieses Antlitz kannte. Auf Bildern hatte sie es gesehen. Auf Bildern, die die Darstellungen eines Pharaos zeigten. Bilder von Echnaton.
In ihrem Traum war Laura über diese Erkenntnis nicht erschrocken. Vielmehr machte sich eine allumfassende Erleichterung in ihr breit. Der Junge hielt immer noch Lauras Hand. Ihm war anzumerken, dass er die Huldigungen der Menge als unangenehm empfand.
„Nein. Dankt nicht mir“, rief er der Gruppe zu. „Ich habe nur Türen geöffnet und euch den Weg gezeigt. Den Weg zu Gott müsst ihr selbst gehen.“ Nun wurde es ruhiger und es war einigen anzumerken, dass sie ein leises Dankgebet sprachen.
Der kleine Echnaton sah nun Laura an und lächelte. „Es sind nicht viele, die gerettet werden. Aber wir können helfen, dass es täglich mehr werden.“
„Und wie können wir ihnen helfen?“, fragte Laura.
„Mit unserem Leben“, antwortete der Junge und sah Laura liebevoll in die Augen. „Einfach mit unserem Leben. Mutter.“
Seit Laura dieses Traumerlebnis hatte, war ihr klar, dass sie das Kind in ihrem Bauch austragen würde. Als sie Vera und Eric ihre Entscheidung mitgeteilt hatte, sagten sie ihr ihre volle Unterstützung und Hilfe zu.
Die Schwangerschaft war problemlos verlaufen. Trotz ihrer inneren Gewissheit, dass ihr Kind einen Auftrag Gottes erfüllen würde, ließ sie sich, so oft es ging, von Fachärzten untersuchen. Glücklicherweise entwickelte sich das Baby in ihrem Bauch prächtig. Erst kurz vor der Geburt entschieden die Ärzte sich dann doch zu einem Kaiserschnitt zu raten, da das Kind in einer ungünstigen Position lag und sich nicht drehen wollte. Laura wünschte sich, dass Vera bei der Geburt dabei wäre. Da Phánuëls Geburt inzwischen einige Wochen zurück lag, kam sie dem Wunsch gerne nach.
„Welchen Namen soll dein Sohn haben?“, fragte Vera, als sie zusagte, bei der Geburt dabei zu sein.
„Thomas“, entschied Laura. „Thomas bedeutet Zwilling. Und Thomas hat ja einen Zwilling, auch wenn der vor mehr als dreitausend Jahren auf dieser Erde gewandelt ist.“ Vera und Eric waren erstaunt darüber, dass Laura so unbefangen mit der Situation umging, dass ihr Kind das Produkt eines gewagten Klonexperiments ist.
„Thomas ist auch ein biblischer Name“, fügte Eric an. „Einer von Jesu Jüngern hieß Thomas. Ich wünsche ihm, dass er ebenso ein Apostel wird, wie sein Namensvetter.“
„Das wird er“, bestätigte Laura. „Da bin ich mir sicher.“
Der Kaiserschnitt verlief planmäßig und ersparte Laura die schlimmen Stunden der Geburtswehen. Als die junge...




