Wahl Wie ein flammender Schrei
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-446-24790-1
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-446-24790-1
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mats Wahl, 1945 geboren, zählt zu den großen skandinavischen Jugendbuchautoren. Er hat über 40 Bücher veröffentlicht, darunter Romane für Kinder und Jugendliche, Theaterstücke, Drehbücher für Fernsehfilme und TV-Serien und pädagogische Fachbücher. Für sein Werk erhielt er neben zahlreichen anderen Preisen auch den Deutschen Jugendliteraturpreis. Bei Hanser erschienen u. a. Du musst die Wahrheit sagen (2011), Wie ein flammender Schrei (2014) sowie die ersten drei Bände der Sturmland-Saga: Sturmland - Die Reiter (2015), Sturmland - Die Kämpferin (2016) und Sturmland - Die Gesetzgeber (2016). Die vierte Band der Reihe, Sturmland - Die Lebendigen, folgte im Frühjahr 2017.
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31Als Ellen am nächsten Tag den Schulhof überquert, sitzt Nicko auf einer der Bänke. Er steht auf, als Ellen näher kommt.
»Du, Ellen«, sagt er und stellt sich ihr in den Weg. »Ich kann dir helfen.«
Ellen tritt zur Seite und versucht, an ihm vorbeizukommen, aber Nicko hält sie am Arm fest.
»Du bist schlecht dran.«
Ellen versucht, sich loszureißen, schafft es aber nicht.
»Daniel und Peter sind hinter dir her. Jemand muss dich beschützen.«
»Aber nicht du«, presst Ellen hervor und versucht erneut, sich zu befreien.
»Ich bin der Einzige, der dir helfen kann.«
»Ich will keine Hilfe von dir.«
Nicko hält ihren Arm fest und zieht sie zu sich heran. Er ist stark.
»Es handelt sich nur um ein paar Tage, nächste Woche haben sie alles vergessen. Und ich bin nicht teuer.«
Ellen faucht ihn an: »Wie bitte? Glaubst du, ich würde dich bezahlen?«
Nicko beißt sich auf die Unterlippe und sieht aus, als würde er über den Sinn des Lebens nachdenken. Aber nur einen kurzen Moment.
Er legt eine Hand auf Ellens Haar und berührt es.
»Wenn ich du wäre, würde ich es rot färben.«
Ellen zischt, dass die Spucke spritzt, und Nicko nimmt die Hand weg.
»Lass mich los! Fass mein Haar nicht an!«
Nicko berührt wieder ihre Haare.
»Kurze Haare sind praktisch, wenn man sich prügelt. Du müsstest ganz kurze Haare haben und sie rot färben.«
»Lass mich los!«
Nicko stöhnt.
»Wenn ich dich jetzt loslasse, musst du allein zusehen, wie du klarkommst. Ich biete dir meine Hilfe nicht noch mal an.«
Er lässt ihren Arm los und Ellen macht ein paar Schritte zur Seite.
»Lass sie dir abschneiden!«, ruft er ihr nach, als sie auf den Eingang zuläuft.
In der Schrankhalle steht Mona mit Myriam und Louise zusammen. Louise kaut auf einem Kaugummi und macht eine Blase, groß wie ein Tischtennisball. Dann zieht sie die Blase ein.
»Was wollte er?«, fragt Myriam.
»Mein Beschützer werden. Und außerdem findet er, dass ich meine Haare färben soll.«
»Welche Farbe?«, rufen Myriam und Louise wie aus einem Mund.
»Rot.«
Hinter ihnen sitzt Ramon auf dem Sofa. Mit einem Bleistift hackt er ein Loch nach dem anderen in das weiche Polster, als müsste er ein Monster umbringen, das sich in all dem Weichen versteckt.
Am Nachmittag kommt eine Durchsage über den Lautsprecher. Eine Frau stellt sich als Ulla Persson vor und erzählt, dass sie die neue Theaterlehrerin ist. Sie plant vier verschiedene Theatergruppen, eine für jeden Wochentag, außer freitags. Wer mitmachen will, möge sich bei der Schulsekretärin anmelden.
Als der Schultag zu Ende ist, geht Ellen zum Sekretariat. Ein Junge wartet mit seiner Mutter darauf, bei der Sekretärin vorgelassen zu werden. Sie gehen hinein und die Tür schließt sich. Als sie nach einer Weile wieder herauskommen, unterhalten sie sich in einer fremden Sprache. Die Mutter flüstert, der Junge spricht laut.
Ellen erhebt sich und will hineingehen, aber die Sekretärin bekommt einen Anruf und gibt Ellen ein Zeichen, draußen zu warten. Es dauert eine ganze Weile, ehe Ellen dran ist.
»Ich möchte mich für die Theater-AG anmelden.« Die Sekretärin fragt, an welchem Tag.
»Egal.«
Die Sekretärin öffnet eine Seite auf dem Bildschirm und trägt Ellens Namen ein, druckt die Seite aus und gibt sie Ellen.
»Sind es nur Mädchen?«, fragt Ellen und schaut auf das Blatt.
»Bis jetzt ja, aber ein Junge hat angekündigt, dass er vielleicht auch mitmachen will. Mittwochs und donnerstags beginnt es um sechs, montags und dienstags um vier.«
Ellen faltet das Blatt zusammen, geht auf den Flur, nimmt das Handy hervor und ruft Max an. Es dauert eine Weile, bevor er sich meldet.
»Du, willst du donnerstags nicht bei der Theater-AG mitmachen?«
Er schweigt einen Moment.
»Warum?«
»Weil es schön wäre, wenn du dabei bist. Kannst du bitte lauter sprechen!«
»Kollidiert mit dem Schachklub.«
»Kannst du den nicht sausen lassen?«
»Schach ist mein Leben. Ich mache schlimme Sachen, wenn ich nicht hingehe.«
»Was für Sachen?«
»Anfallartige Fresssucht.«
»Unheimlich, aber ist Schach so viel besser?«
»Viel besser. Kommst du nachher zu mir?«
»Vielleicht.«
Sie versteht nicht, was er antwortet, steckt das Handy in die Tasche, öffnet die Tür zum Treppenhaus und geht in die Schrankhalle hinunter.
Dort ist es ganz leer und still. Kein Mensch, so weit das Auge reicht, nur die grün gestrichenen Schränke. Manche Türen stehen offen und sehen aus wie Flaggen.
Als Ellen an der letzten Schrankreihe vorbeigeht, sieht sie Robin auf dem Sofa sitzen, der ein Handy in der Hand kreiseln lässt.
»Jetzt kannst du was erleben!«, ruft er, sobald er sie entdeckt. Er steckt das Handy in die Tasche und steht auf.
Im selben Moment tritt Daniel hinter dem Pfeiler am Eingang hervor. Ellen dreht sich um. Hinter ihr steht Peter und grinst.
»Jetzt, du Hure, jetzt wollen wir doch mal fühlen, wie feucht es in deiner Fotze ist.«
Ellen macht einige schnelle Schritte zur Seite, aber Robin ist schon hinter ihr und presst ihr eine Hand auf den Mund, während er den anderen Arm über ihre Brust legt. Peter schlägt ihr mit der Faust in die Magengrube, dass ihr die Luft wegbleibt. Sie sieht Daniel von der Seite kommen. Er packt ihre langen Haare und wickelt sie sich um die Hand.
»Zieh die Hose runter!«
Sie kann nicht sehen, wer es ruft.
Sie schnappt nach Luft. Dann hört sie eine andere Stimme rufen:
»Haut ab!«
Daniel lässt Ellens Haar los, Robin gibt sie frei und sie sinkt auf dem Fußboden zusammen. Sie hört Schritte, die sich entfernen, und die Eingangstür schlägt zu. Die Schuhe neben ihrem Gesicht gehören Nicko.
»Das hast du gratis gekriegt, aber nächstes Mal bin ich vielleicht nicht hier und dann geht’s dir dreckig. Denk bis morgen drüber nach. Ich bin nicht teuer.«
Er entfernt sich und Ellen hört, dass er hinausgeht. Sie richtet sich auf und stützt sich am Schrank ab. Ihre Augen tränen, aber sie kann wieder atmen. Sie holt ein paarmal tief Luft, geht zum Sofa und streckt sich darauf aus. Nachdem sie sich etwas erholt hat, kehrt sie zurück zum Sekretariat. Auf der Treppe geben ihre Beine fast unter ihr nach.
Die Tür zum Rektorenzimmer ist geschlossen. Ellen klopft an und das Lämpchen rechts von der Tür blinkt auf. Grünes Licht.
32Frau Kreon sitzt hinter dem Schreibtisch. Links von ihr steht ein Computer und direkt vor sich hat sie einen Laptop. Die Deckenbeleuchtung ist eingeschaltet und Ellen nimmt einen Geruch von Schweiß wahr. Die Rektorin wirkt müde. Ellen schließt die Tür hinter sich.
»Ich heiße Ellen und gehe in die 8b.«
Frau Kreon schließt den Laptop-Deckel und erhebt sich.
»Was gibt es, Ellen?«
Ellen bringt kein Wort heraus. Frau Kreon zeigt auf das Besuchersofa.
»Setz dich. Was ist passiert?«
»Ich bin in der Schrankhalle überfallen worden.«
Ihre Stimme versagt und sie kann nicht weiterreden.
»Möchtest du ein Glas Wasser?«
Ellen nickt und Frau Kreon verlässt das Zimmer. Nach einer Weile kommt sie mit einem Pappbecher zurück. Sie schließt die Tür, stellt den Becher auf den Sofatisch und setzt sich neben das Mädchen. Ellen trinkt.
»Sie haben mich in der Schrankhalle überfallen.«
»Wer?«
»Robin, Daniel und Peter.«
»Und warum haben sie dich überfallen?«
»Ich habe Mona geholfen, als sie sie begrabscht haben.«
Frau Kreon runzelt die Stirn.
»Wer hat Mona begrabscht?«
»Daniel und Peter.«
»Und du hast ihr geholfen?«
»Ja.«
Frau Kreon betrachtet das Mädchen, bevor sie die nächste Frage stellt.
»Und wie hast du Mona geholfen?«
»Ich habe Peter an der Jacke gepackt und ihn zurückgezogen.«
»Und jetzt bist du überfallen worden?«
»Sie haben auf mich gewartet.«
»Sie – das waren Robin, Peter und Daniel?«
»Nicko ist auch dazugekommen.«
»Es waren also vier Jungen?«
»Ja, aber Nicko hat so getan, als ob er mir helfen wollte.«
»Er hat so getan, als wollte er dir helfen?«, wiederholt Frau Kreon. »Wie hat er das gemacht?«
»Er hat den anderen gesagt, sie sollen abhauen. Und das haben sie auch gemacht.«
»Aber dann hat er dir doch geholfen«, sagt Frau Kreon. »Wenn er sie aufgefordert hat abzuhauen.«
Ellen schlägt die Hände vors Gesicht und unterdrückt ein Schluchzen.
»Möchtest du ein Taschentuch?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, steht Frau Kreon auf, geht zu ihrem Schreibtisch und schließt ihn auf. Aus der untersten Schublade holt sie eine Handtasche. Sie öffnet die Tasche, holt ein Paket Papiertaschentücher heraus und kehrt damit zurück zu Ellen.
»Hat Nicko dir also geholfen?«
Ellen schüttelt den Kopf.
»Aber er hat sie doch aufgefordert abzuhauen?«
Ellen nickt.
»Und sie sind wirklich gegangen?«
Ellen nickt wieder.
»Aber trotzdem hat er dir nicht geholfen?«
»Nicko steckt hinter dem Ganzen«, behauptet Ellen. »Er hat sie angestiftet, mich zu überfallen.«
»Woher weißt du das?«
»Er hat mir angeboten, mich zu beschützen. Heute Morgen. Als ich mich geweigert habe zu zahlen, hat er dafür gesorgt, dass sie mich überfallen.«
»Bist du sicher?«
Ellen nickt, putzt sich die Nase und steckt das Taschentuch ein.
»Wie viel...




