E-Book, Deutsch, 989 Seiten
Waiblinger Gesammelte Werke
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3952-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 989 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3952-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Wilhelm Waiblinger war ein deutscher Dichter und Schriftsteller, der vor allem durch seine Freundschaft zu Friedrich Hölderlin und Eduard Mörike bekannt wurde. Dieser Sammelband umfasst neben einem großen Querschnitt seiner lyrischen Schöpfungen auch seine Prosa-Werke 'Die Briten in Rom' und 'Phaethon.'
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Die Briten in Rom
Wir wollten heut' ein wenig scherzen
Mit einer großen Nation;
Drum ohne Falsch in unserm Herzen,
Und ohne Arg und Hohn,
Sei uns vergönnt, herauszuwählen,
Was launig ist, und nicht was schlecht!
Und meint auch Mancher, daß wir fehlen,
So gibt er doch uns Recht,
Wenn wir ein andermal das Land so vieler Weisen,
So vieler Helden, großen Geister preisen!
Was tat mit Sokrates der kom'sche Dichter?
Daß wir so viel sind, fällt uns zwar nicht ein,
Doch unter uns modernem Volksgelichter
Dünkt auch ein Sokrates uns rar zu sein.
»Sie bleiben lange aus!« sagte eines Abends Lord M..., der Vater einer englischen Familie, die erst seit kurzer Zeit in Rom angekommen war. Er saß eben in seiner kostspieligen Mietwohnung auf dem Spanischen Platze, mit der Frau Gemahlin und dem Onkel Kapitän zusammen, welche sich Beide mehr als gewöhnlich in üblem Humore befanden, und wartete auf seine beiden ältesten Kinder, einen Sohn von etwa vierundzwanzig Jahren und auf den Augapfel der Mutter, eine Tochter von achtzehn Lenzen, welche nach den merkwürdigen Monumenten des alten Roms ausgeritten und noch nicht zurückgekehrt waren. Der Lord konnte für einen wohlbeleibten, hübschen, kräftigen Mann gelten, ob er schon mehr als funfzig zählte; Lady M... hingegen, seine Gemahlin, ließ in der Tat mehr Jahre vermuten, als sie hatte, und war eine lange, magere Figur, ja man konnte in dem englischen Munde, so klein er auch sein mochte, hinsichtlich der Zähne beträchtliche Verheerungen der Zeit gewahren, wiewohl sie öfters erzählte, daß ihr der Zahnarzt alle herausgerissen. Die sonderbarste Person aber war gewiß der Onkel Kapitän, ein Mann von so außerordentlicher Länge, daß man den Kopf kaum bemerkte, indem dieser so ziemlich zum übrigen Körper das Verhältnis des Knopfs zum Kirchturm hatte. Bei einer so ausgezeichneten Länge fällt die Magerkeit nur desto schreiender auf, und das kleine Hütchen, das er trug, gab der ganzen Gestalt eine so lächerliche Vollendung, daß er gewiß in jeder andern Stadt als Rom, wo man der langen Briten so viele sieht, zum Gespräch für Kinder und Kindeskinder werden würde.
Die Lady konnte die Ankunft ihres geliebten Töchterchens kaum erwarten, und sagte: »Ach das engelgute Kind! Wie es seinen Aufenthalt hier zu seiner Ausbildung, zur Erweiterung der unzähligen Kenntnisse benutzt, die es schon in so zartem Alter gesammelt! Wie spricht Rebecca schon das Italienische! Wahrlich so geläufig, als Henry, der doch ein Jahr länger in Rom ist! Und wie versteht sie zu zeichnen! Nein, das Bildchen, das sie vom Colosseum gemacht, ist unübertrefflich! – Nun wird auch in Kurzem der Bräutigam ankommen –«
»Mylady«, fiel der Vater ein; »was sagen Sie denn aber von unserm Henry, ich meine vielmehr, von seiner schönen Italienerin?«
Wer hat nicht schon bemerkt, wie die Spinnen ihre langen Beine einziehen, wenn man sie in ihrem Wesen stört? Eben so erging es der grämlichen Mama, als sie von der schönen Italienerin sprechen hörte. »Was ist denn auch Schönes an ihr?« sagte sie endlich. »Mylord, ich muß Ihnen gestehen, daß ich diesem Verhältnis gänzlich entgegen bin, daß ich recht eigentlich erschrak, als ich, in Rom anlangend, unsern Henry in die Netze einer so wilden, ungebildeten italienischen Person verstrickt sah.«
»Aber was haben Sie denn dagegen, Mylady?« fragte der Vater. »Das Mädchen ist so übel nicht, und Henry ist über alle Vorstellung verliebt –«
»Aber was hat sie denn für Ansprüche zu machen?« fiel die Lady hämisch ein. »Ist sie reich? Ja doch, reich mit etlichen tausend Piastern! Und lebt dennoch wie eine Prinzessin! Hat sie Kenntnisse, Bildung, oder auch nur Anstand, Bescheidenheit, Grazie, und das Alles, was man von einem Frauenzimmer ohne Vermögen erwarten könnte? Vergleichen Sie diese Römerin mit unserem lieben Kinde, welch' ein Unterschied! Nein, Mylord, Henry soll eine Britin heiraten.«
»Was sagen denn Sie dazu, Herr Schwager?« versetzte der Vater phlegmatisch.
»Jugendliche Tollheit«, antwortete der Kapitän, »Schwärmerei, Phantasterei! Er weiß nicht, was er will! Vorurteil, Blindheit, Nachbeten, Mangel an Urteil! Was ist denn so Seltenes an diesen Italienerinnen? Ich habe in Ost- und Westindien schönere Mädchen gesehen. Und diese Unwissenheit unter dem gesunkenen Volke! Alle sind im Grund verdorben, sind Kreaturen zum Erbarmen, ohne Erziehung, ohne Bildung.«
»Du hast Recht, lieber Bruder«, versetzte die Mama, »du hast einen ungewöhnlichen Blick in den Menschen, die natürliche Folge deiner vielen Reisen! Du bist kaum einige Wochen hier, und kennst sie Alle schon vollkommen! Das sagt auch Rebecca! Sie war schon zweimal in Gesellschaft dieser sogenannten schönen Römerin, und fand sich höchst ennuyiert; sie kennt dieses Volk schon trefflich, und seit dem Vorfall mit dem italienischen Kammermädchen will sie auch gar keinen welschen Umgang mehr. Henry ist blind, unverzeihlich blind.«
»Lassen wir den Jungen«, versetzte der Vater, »er ist nun einmal so. Er hat sich mir erklärt, und liebt diese Camilla mit Leidenschaft, er glaubt durch sie glücklich zu werden, sie selbst ist ihm geneigt; was können wir ihm entgegensetzen?«
»Daß sie katholisch ist«, antwortete der Onkel, der unterdessen unbeweglich auf einem Sofa gesessen, ohne auch nur den Rücken anzulehnen.
»Sie haben Recht, Herr Kapitän. Es soll sich kein katholisches Blut in unsere Familie mischen. Aber wissen Sie, was wir tun? Wir machen zur Bedingung, daß sie zum Glauben der Vernunft und des Verstandes übertrete, dann lassen wir sie in Gottesnamen machen, was sie wollen!«
»So eine Römerin meine Schwiegertochter!« rief die Mama entrüstet aus. »Bin ich darum nach Rom gekommen?« Sie wollte fortfahren, über unsern bis jetzt noch unbekannten Liebeshelden zu schelten, als ein Geräusch auf der Treppe die Ankommenden verkündigte. Aber welch ein Tumult! Man hörte heftig reden, ja sogar schreien.
»Was zum Henker«, rief der Onkel, sich in all' seiner Länge aufrichtend, »poltert die Treppe herauf? Dieses verfluchte Rom, wo man nicht einmal einen Augenblick, nicht einmal in seinen vier Wänden Ruhe vor dem heillosen Schurkenvolk hat!«
Die Mutter, an ihre Rebecca denkend, hatte längst die Türe aufgerissen, und war den Kommenden entgegengeeilt. Aber wie erschrak sie, als das Engelskind bleich, oder vielmehr noch bleicher als gewöhnlich, am Arm des Bruders heraufschwankte und der tiefsten Ohnmacht nahe zu sein schien, welche sich jemals in Rom ereignete! Dem geliebten Paare folgten zum Entsetzen der armen Lady drei Männer nach, welche ein so furchtbares Ansehen hatten, als es nur ein wütender Campagnenbauer für die Phantasie einer großbritannischen Mutter haben mag. »Was ist das? um Gotteswillen, Henry, was ist dem armen Kinde? Was wollen diese schrecklichen Menschen?« rief die Lady, ohne eine Antwort abzuwarten, auf die Tochter zueilend und das holdselige Geschöpf, das sich nicht mehr auf den Beinen zu erhalten vermochte, mit den Armen auffangend und es auf einen Sessel niederlassend.
Der Lord erwachte einigermaßen aus seinem Gleichmut; der Onkel stand bewegungslos und steif in der Mitte des Zimmers, und schaute mit der Lorgnette nach der leidenschaftlichen Trauerszene und den hereinstürmenden Bauern.
»Reitet man so durch die Stadt, Herr Engländer?« schrie einer, ein derber, bärtiger, halb nackter Mann, mit spitzem Hute. »Habt Ihr keine Augen im Kopfe? Mein Weib zu Boden geritten? Daß Euch der Blitz treffe! mein Weib? Und all' ihre Ware zum Teufel? Und Ihr wolltet nur so davon galoppieren! Herr, das soll Euch übel bekommen!«
»Was sagt der Flegel hier?« fragte der Onkel, sich auf dem Absatz herumdrehend, und ihn durch's Augenglas beschauend. »Was gibt's?« rief der Vater. »Was ist dir, teures, süßes Töchterchen?« die Mutter.
»Ihr sollt ja Geld haben«, stöhnte der keuchende Sohn, sich aus Verzweiflung den Hemdkragen bis über die Ohren emporziehend, »Ihr sollt haben, was Ihr wollt. Es ist nur aus Versehen geschehen, es tut mir leid, ich will Euch bezahlen, seid nur still; wie viel wollt Ihr denn?«
»Meint Ihr«, antwortete der Campagnenbauer, »daß man das Alles nur so bezahlen könne? Mein Weib ist ruiniert, vielleicht auf immer ruiniert!«
»Nun, was verlangt Ihr denn? Geschehen ist geschehen!« rief Henry.
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