Walder | Die Wundernacht des Elfenkönigs | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Walder Die Wundernacht des Elfenkönigs


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7320-1126-1
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-7320-1126-1
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kalt ist es im Zauberwald und dunkel. Eine geheimnisvolle Bedrohung überschattet den Zauberwald. Das Ende steht bevor. Nur eine uralte Prophezeiung verspricht Rettung. Der Elfenkönig muss von einer Braut erwählt werden. Doch welche ist die richtige? Vielleicht Ariane, das Menschenmädchen? Während sich Ariane auf den Weg in den Zauberwald macht, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit ...

Vanessa Walder wurde 1978 in Heidelberg geboren und wuchs in Wien auf. Ihr Traumberuf stand schon früh fest: Anwältin. Darum studierte sie auch einige Semester Jura. Erst als eine ihrer Kurzgeschichten veröffentlicht wurde, kam sie auf den Gedanken, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Mit neunzehn brach sie das Studium ab und arbeitete zunächst als freie Journalistin, dann als Chef vom Dienst für ein Jugendmagazin. Im Jahr darauf schrieb sie den ersten von insgesamt sechzehn Bänden der Jugendserie 'sisters' und machte sich als Schriftstellerin selbstständig. Seither erschienen vor allem im Loewe Verlag zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, die bisher in neunzehn Sprachen übersetzt wurden. Selbst übersetzt Vanessa Walder Bücher aus dem Englischen und schreibt für Film und Fernsehen. Wenn sie nicht unterwegs auf Lesereise ist, lebt sie in Berlin.
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Ein hormonischer Sonntag

Es gibt Tage, an denen auch das schönste Frühlingswetter nichts nützt. Da kann sich die Sonne noch so sehr ins Zeug legen und die letzten schmutzigen Schneereste wegputzen. Vergeblich zaubern Krokusse, Primeln und Schneeglöckchen bunte Farbkleckse in die Parks. Die Knospen an den Bäumen, der Gesang der Vögel und der Duft der neuen Blüten bleiben unbemerkt.

Im achten Stock eines Mietshauses mitten in der Stadt waren die Vorhänge in den Schlafzimmern zugezogen, die Betten nicht gemacht und die vierköpfige Familie saß in Pyjamas und Nachthemden am Küchentisch. Bislang hatte an diesem Sonntagvormittag keiner auch nur einen Blick aus dem Fenster geworfen. Mit großen Augen beobachteten die beiden Kinder, wie ihre Mutter das fünfte Brötchen verzehrte, das sie fingerdick mit Marmelade beschmiert und mit einer Gurke verziert hatte.

Das Mädchen mit den langen, dunklen Haaren und den tiefblauen Augen warf seinem Bruder einen verstohlenen Blick zu. Ariane und Erik hatten sich daran gewöhnt, dass Linda alles verschlang, was sich nicht schnell genug in Sicherheit brachte. Ein paar Mal hatte sich Ariane sogar bei dem Gedanken ertappt, dass sie froh war, keine Haustiere zu haben. In einem ihrer Heißhungeranfälle hätte Linda wahrscheinlich auch vor gebratenem Meerschweinchen nicht haltgemacht. So etwas durfte Ariane natürlich nicht laut sagen, nicht einmal als Witz. Ihre Mutter und Joachim fanden solche Witze zurzeit gar nicht witzig. Gerade das kam Ariane äußerst komisch vor. Bis vor vier Monaten war das nämlich vollkommen anders gewesen.

Damals waren Arianes Mutter und Eriks Vater durchaus bereit gewesen, bei Kissenschlachten und Kitzel-Attacken mitzumischen und die Sonntagvormittage vor dem Fernseher oder mit Spielen zu verbringen.

Geändert hatte sich das erst an einem verregneten Tag im November des vergangenen Jahres. Joachim und Linda hatten das Wohnzimmer festlich geschmückt und ihren Kindern strahlend verkündet, dass sie in sieben Monaten ein Geschwisterchen bekommen würden. Bevor es so weit war, wollten die beiden auch noch heiraten.

Erik war vor Freude durchs Wohnzimmer gehüpft. Ariane hingegen hatte nur still gelächelt und die Papiergirlanden über ihrem Kopf betrachtet. Ein Geschwisterchen also. Schon damals hatte sie sich gefragt, was das wohl für sie bedeuten würde.

Ariane hatte Joachim sehr gern und sein Sohn Erik war ihr Bruder, auch wenn sie ihn erst vor drei Jahren kennengelernt hatte. Was jedoch, wenn Erik eine richtige Schwester oder einen richtigen Bruder sehr viel lieber hatte als seine zwölfjährige Stiefschwester? Würde Linda und Joachim ihr gemeinsames Kind vielleicht auch mehr bedeuten? Früher hatte Ariane nie daran gezweifelt, dass sie für ihre Mutter der wichtigste Mensch auf der Welt war. Doch Ariane war auch die Tochter ihres Vaters, und der hatte sich verdrückt, als sie noch nicht einmal geboren war.

Seit jenem Tag vor fünf Monaten achtete Ariane genau darauf, wie sich Linda ihr gegenüber verhielt. Zuerst einmal hatte Linda furchtbar viel geschlafen. Nicht nur, dass sie bei Weitem später aufstand als früher. Sie hielt auch im Laufe des Tages immer wieder Nickerchen. Lange hatte es nicht gedauert, bis Linda obendrein anfing, sich seltsam zu benehmen.

Manchmal kam es Ariane so vor, als wäre ihre Mutter verreist und an ihrer Stelle wohne eine merkwürdige Fremde in ihrer Wohnung. Normalerweise war Linda Fameck eine Frau, die nichts umwerfen konnte. Sie hatte Ariane ganz allein großgezogen und sich trotzdem ihren Traum erfüllt, Zeichnerin zu werden und schließlich sogar Kinderbücher zu schreiben. Es gab keine Sorge, mit der Ariane nicht zu ihrer Mutter kommen konnte, und kein Problem, für das Linda keine Lösung fand, keinen Scherz, den sie nicht mitmachte, und kaum etwas Kindisches, für das sie sich zu erwachsen fühlte. Linda war nicht nur Arianes Mutter, sondern auch ihre beste Freundin. Diese Linda schien jedoch gerade Ferien zu machen.

Als hätte sie die Gedanken ihrer Tochter gelesen, legte Linda das Brautmagazin beiseite, in dem sie geblättert hatte. Sie betrachtete ihren Körper, legte die Hände auf ihren kugelrunden Bauch und fing an zu weinen.

Auch das war neuerdings nicht ungewöhnlich. Linda weinte oft: bei der Hundefutterwerbung im Fernsehen, wenn jemand einen Witz erzählte, wenn der Nachbar unten zu laut Musik hörte, wenn niemand Musik hörte … Nur bei Joachim brach jedes Mal Panik aus, wenn Tränen über Lindas Wangen liefen. Vielleicht hatte er Angst, sie könnte eine Überschwemmung auslösen? Er sprang auf, als hätte ihn ein Skorpion gestochen, und wollte gleichzeitig Lindas Schultern massieren, ihr ein Glas Wasser bringen, das Fenster aufmachen und ein Taschentuch holen.

„Ich bin zu fett!“, schluchzte Linda, während sich Joachim hilflos im Kreis drehte. „Ich passe nie in eins dieser Kleider. Sag die Hochzeit ab!“

Vor zwei Wochen hatte Joachim den Fehler gemacht, diese Aussage ernst zu nehmen. Er hatte alle Gäste angerufen und ihnen abgesagt. Als Linda davon erfuhr, sperrte sie sich stundenlang im Klo ein und weinte. Daraufhin musste Joachim alle anrufen und sie wieder einladen.

„Aber Schatz, das sind nur die Hormone“, erklärte er jetzt.

Seit Monaten bemühte Joachim die Hormone. Sie waren die Entschuldigung für alles. Wenn Linda Ariane vorwarf, dass sie ihr Zimmer nicht aufgeräumt hatte, obwohl dort bloß drei Bücher auf dem Bett lagen. Wenn Erik vergessen hatte, in den Ecken Staub zu saugen, und Linda deshalb ganz außer sich geriet. Für Lindas Verdauungsprobleme waren sie verantwortlich und manchmal selbst für das schlechte Fernsehprogramm. Sogar für Eriks Verhalten waren laut Joachim ausschließlich Hormone zuständig.

Arianes Stiefbruder war nicht schwanger, sondern dreizehn Jahre alt. Für Ariane bedeutete das, dass er sich jetzt lieber mit seinen Freunden herumtrieb als mit ihr. Vor ein paar Tagen hatte sogar jemand angerufen, der sich eindeutig wie ein Mädchen angehört hatte. Erik hatte eine Stunde mit diesem Mädchen telefoniert und dabei gekichert. Doch als Ariane ihn gefragt hatte, ob das Mädchen seine Freundin war, hatte er ihr die Tür vor der Nase zugeknallt.

Noch hatten Erik und Ariane eigene Zimmer. Doch auch das würde sich vielleicht bald ändern. Es gab nämlich kein zusätzliches Zimmer für das Baby. Wenn sie in zwei Monaten zur Welt kam, würde es eng werden in der Wohnung. Ja, sie – das Baby war ein Mädchen und würde Freya heißen. Erik hatte den Namen vorgeschlagen und das war ein Glück für das ungeborene Würmchen. Wenn es nach Joachim gegangen wäre, hätte es eine Kunigunde, Mechthild oder Peternella werden sollen. Ariane fand, solche Namen konnte nur ein Buchhändler ernsthaft für seine Tochter in Betracht ziehen.

Trotzdem war Joachim der Einzige, der immer noch ganz er selbst war. Schön, er unterhielt sich hin und wieder mit Lindas Bauch und war auch etwas rührseliger als sonst. Er hatte aber nicht vergessen, dass er eine Stieftochter hatte, die gerne las. Erst gestern hatte Joachim wieder einen Karton mit Büchern mitgebracht, die er in einem Antiquariat gekauft hatte. Ariane mochte alte Bücher. Sie stellte sich immer vor, wem sie früher gehört hatten und auf welchen verschlungenen Wegen sie bei ihr gelandet waren.

Am liebsten hatte sie fantastische Geschichten. Warum sollte sie Bücher lesen, in denen es um Probleme in der Schule ging oder mit Geschwistern und Eltern? Die kannte sie selbst zur Genüge. Wenn hingegen Drachen darin vorkamen oder Elfen, magische Welten und große Abenteuer, dann war es, als öffnete sich irgendwo eine Tür, die hinausführte aus dem Hier und Jetzt.

Ariane war durch diese Tür gegangen. Das war ein Geheimnis, das sie nur mit Erik teilte. Wie gerne hätte Ariane sich mit ihm zusammen an all die zauberhaften Dinge erinnert, die hinter der Tür auf der anderen Seite geschehen waren.

Sie wollte über den Drachen Obligo reden, sich fragen, was aus dem Hasen Theodor und seinem Koboldfreund Knaster geworden war. Ariane vermisste die Schlange Lukretia und die Wölfin Elvira, vor allem aber ihre Freundin, die junge Hexe Yvelle. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem Palast auf der Elfeninsel inmitten des Weidensees. Dorthin, wo der Elfenkönig Leandro über den Zauberwald herrschte.

Ariane war dort gewesen. Nicht in einem Traum, nicht in ihren Gedanken, sondern in Wirklichkeit. Sie wusste, dass sie sich das nicht nur einbildete, und war verletzt, weil Erik sich weigerte, darüber zu sprechen. Sobald Ariane den Zauberwald erwähnte, wurde Erik verschlossen und mürrisch. Mit keinem Wort gab er zu verstehen, dass er wusste, wovon seine Schwester sprach.

Vielleicht hätte Ariane irgendwann angefangen, an ihrem Verstand zu zweifeln. Wahrscheinlich hätte sie den magischen Wald jenseits der Weltengrenze längst für ein Gespinst ihrer Fantasie gehalten und sich für ihre überschäumenden Träume geschämt. Wenn, ja wenn es nicht die Zigarrenkiste in ihrem Zimmer gegeben hätte. Sorgsam war sie im Regal hinter den Büchern verborgen, damit niemand sie versehentlich entdecken konnte. Denn was sich in der Kiste befand, durfte keinem in die Hände fallen.

Auf den ersten Blick sahen die beiden kleinen Wesen aus wie Fellknäuel. Erst wenn man sie streichelte, streckten sich die Nubbel aus und zeigten ihre kleinen Hände und Füße und die großen schwarzen Augen. Es konnte gut sein, dass jemand auf den Gedanken verfiele, es handle sich um behaarte Raupen oder Tausendfüßler mit Fell. Es gab ja auch in der Menschenwelt genug ungewöhnliche Kreaturen. Die Heimat der Nubbel allerdings war der Zauberwald.

Das merkte man spätestens, wenn man sich einen von ihnen aufs Ohr...



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