E-Book, Deutsch, 679 Seiten
Wall Der Duft von wildem Hibiskus - Zwei Romane in einem eBook
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-350-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
"Die Frauen der Familie Belle" und "Die Geheimnisse der Schwestern Wilde"
E-Book, Deutsch, 679 Seiten
ISBN: 978-3-96655-350-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Paula Wall wurde in Tennessee geboren und ist in Alaska aufgewachsen. Sie hat in den USA zwei viel beachtete Sammlungen von Essays veröffentlicht und wurde für ihre amüsanten Kolumnen zur »Humor Columnist of the Year« gekürt. Heute lebt sie in der Nähe von Nashville, Tennessee. Mit ihren Romanen feierte sie international große Erfolge. Die Autorin im Internet: http://www.paulawall.com/ Paula Wall veröffentlicht bei dotbooks ihre beiden Romane »Die Frauen der Familie Belle« und »Die Geheimnisse der Schwestern Wilde«.
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Kapitel 5
Die Leute, die Dr. Adam Montgomery das alte Lester-Haus verkauften, warnten ihn erst dann vor den Nachbarn, als das Geschäft abgeschlossen war. Mittlerweile hatte er Angela Belle jedoch auf dem umlaufenden Balkon des Hauses gesehen und war ihr rettungslos verfallen.
»Die Belles gehören zu den ältesten und reichsten Familien im County«, erklärte Ann Lester, als sie bei Dr. Montgomery auf der Veranda saß und an ihrem Eistee nippte.
»Ihr Geld setzt schon langsam Moos an, so alt ist es«, fügte ihr Mann nickend hinzu.
»Aber meinen Sie, es würde ihnen einfallen, auch nur einen Groschen an die Kirche oder für karitative Zwecke zu spenden?«
»Nein, eher schneiden die sich die Pulsadern auf, als dass sie auch nur einmal ihre Brieftasche zücken würden.«
»Und ich muss schon sagen, auch ihre übrige Moral« – Ann Lester zwirbelte ihre Perlenkette – »lässt allerhand zu wünschen übrig.«
»Mit einem Wort: weißes Pack mit Geld«, verkündete Judge Lester.
Mit Urteilen über andere war Judge Lester immer schnell bei der Hand. Und das, obwohl er in einer Bank arbeitete. Schon erstaunlich, wie viel Weitsicht seine Eltern bewiesen hatten, als sie ihn Judge – Richter – nannten.
»Geld allein ist eben immer noch keine Garantie für Klasse«, fasste Ann Lester zusammen.
Dr. Adam Montgomery, dessen Geld so neu war, dass die Tinte auf den Banknoten noch nicht trocken war, wusste genau, was sie meinte.
Das von ihm erworbene Haus hatte einem alten, unverheirateten Onkel von Judge Lester gehört, der im Schlaf und mit einem Lächeln auf dem Gesicht verstorben war, neben sich im Bett seine Haushälterin und auf dem Nachttisch eine Dreiviertelliterflasche Jack Daniel's. Zum Glück hatte Judge die Flasche gefunden, bevor der Sheriff kam, sodass der Name Lester unbefleckt geblieben war. Als Nachkomme einer langen Reihe moralisch zweifelhafter Männer legte Judge großen Wert auf Diskretion.
Die Lesters verkauften das alte Haus an den jungen Arzt samt allem Inventar und allen Alkoholvorräten. Das Dach leckte, die Dielenbretter knarrten, und die muffigen Räume waren dunkel wie ein Grab, aber von der Ferne sah das alte Haus prachtvoll aus. Für Adam Montgomery war eine hübsche Fassade ohnehin wichtiger als das, was eventuell dahinter steckte.
Adam Montgomery hatte blondes Haar und dunkelblaue Augen, die man als nachdenklich hätte bezeichnen können. Er hatte einen perfekten Körper und trug seinen maßgeschneiderten Anzug mit unnachahmlicher Eleganz. Mit seinem Gardemaß brauchte er nur leicht das Kinn zu heben und konnte auf alle herabsehen.
Er zog in das alte Lester-Haus, ohne die geringsten Änderungen vorzunehmen. Bis auf den Buchstaben »L« an dem Türklopfer aus Messing ließ er alles beim Alten, und selbst dazu benötigte er noch beinahe ein Jahr.
Wenn die Leute an dem alten Haus vorbeispazierten und Dr. Montgomery zufrieden auf der vorderen Veranda sitzen sahen, eine Zigarre zwischen den Fingern, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Schoß, dann schüttelten sie nur den Kopf. Alle hielten es für ein schlechtes Omen, dass ein junger, lediger Mann das Haus eines alten Hagestolzes gekauft hatte. Aber wann immer die Freude über sein Junggesellendasein ihn zu überwältigen drohte, ließ Adam seine Taschenuhr aufschnappen und betrachtete so lange das Bild seiner feinsinnigen Verlobten, bis die Euphorie verebbte.
Die Zukunft des jungen Paares war bereits bis ins Kleinste geplant. Adam sollte sich ein Haus suchen, es einrichten, die lukrative Arztpraxis des alten Doktors, der in den Ruhestand ging, übernehmen und dann seine zukünftige Braut nachholen. Und Dr. Montgomery war nicht gewillt, von diesem Plan auch nur ein Jota abzuweichen. Die Route, die sein Lebensschiff einschlagen sollte, stand schon lange fest. Umwege waren keine vorgesehen.
Als er nun Angela Belle – flach auf dem Rücken liegend, die Knie angezogen und japsend wie ein Jagdhund – in seinem Blumenbeet vorfand, war er vollkommen hilflos.
»Mein Gott«, stöhnte Dr. Montgomery und fiel auf die Knie, »Sie bekommen ja ein Kind!«
Mit siebzehn musste Angela feststellen, dass sie schwanger war. Charlotte machte dafür voll und ganz ihre philanthropische Natur verantwortlich.
Wäre gerade irgendwo ein Krieg im Gange gewesen, hätte Lettie Angela einen Ring an den Finger gesteckt und jedem erklärt, dass der Vater des Kindes Dienst am Vaterland leistete. Und zur rechten Zeit hätte sie ihn dann sterben lassen und ihm vielleicht sogar noch einen Orden verliehen. Aber es herrschte kein Krieg, zumindest keiner, der in Leaper's Fork wichtig gewesen wäre. Und so wussten alle, dass Angela Belle Mutter wurde, aber keinen Vater für das Balg hatte.
Wie sie in diesen Schlamassel geraten war, war kein Geheimnis. Angela war wild wie eine streunende Katze. Wer derjenige war, welcher, das hätten alle gerne gewusst. Nur eines war sicher – Angela hatte jede Möglichkeit auf ein ehrbares Dasein von Anfang an im Keim erstickt, auch wenn Ehrbarkeit nicht unbedingt einen sonderlich hohen Stellenwert bei den Belles besaß.
Wenn in diesen Zeiten ein junges Mädchen in Schwierigkeiten war, ging sie fort, um das Kind in einer anderen Stadt oder – wenn die Familie wirklich viel Geld hatte – auch auf einem anderen Kontinent zur Welt zu bringen. Es kam gar nicht so selten vor, dass das junge Mädchen und seine Mutter nach einer Weile wieder zurückkehrten und allen den Säugling als neuen Bruder oder neue Schwester vorstellten. Vielleicht aber auch nicht. Doch eine Familie, die etwas auf sich hielt, brachte ihre Bastarde nicht zu Hause zur Welt, vor allem nicht in einem Blumenbeet.
Der Schmerz raubte Angela den Atem. Sie grub ihre Finger wie Wurzeln in die schmutzige Erde, warf den Kopf zurück und lachte wie eine Irre. Neben ihrer lockeren Moral hatte Angela auch das heisere Lachen der Belles geerbt. Hätte der Satan eine Geliebte mit Humor, würde sie bestimmt lachen wie eine Belle. Dr. Montgomery starrte Angela mit offenem Mund an. Da man in Harvard den Umgang mit von Dämonen besessenen Frauen nicht gelehrt hatte, war er mit seinem Latein am Ende.
»Jetzt tun Sie doch was!«, fauchte sie ihn an.
Er zog seine Jacke aus und breitete sie ordentlich über ihre nackten Knie. Angela sah Adam an, als hätte er den Verstand verloren. Zugegeben, es war ihre erste Geburt, aber sie hegte doch den Verdacht, dass unter diesen Umständen mehr als diese Geste gefordert war.
Adam hatte bisher immer nur einen flüchtigen Blick auf sie erhascht, doch selbst aus der Ferne hatte sie ihn hart auf die Probe gestellt mit ihrem dunklen Haar, den schwarzbraunen Augen und Lippen, an denen man sich nicht satt sehen konnte. Adam war ein glühender Anhänger der modernen Dreifaltigkeit aus Kirche, Vaterland und Klasse. Aber wie er jetzt so im Dreck kniete, schwand sein Glaube in Windeseile dahin. Seine Augen wanderten über Angelas Körper, und er spürte, wie eine große Hitze in ihm hochstieg. Er wollte diese Frau mit Haut und Haaren besitzen. Sie sollte ihm allein gehören.
»Ich dachte, Sie sind Arzt«, keuchte sie und riss ihn aus seinen nebulösen Gedanken.
Das hatte er allen Ernstes vergessen.
»Ich werde rasch meine Tasche holen«, murmelte er und wollte aufstehen.
»Was ist denn in dieser verdammten Tasche Wichtiges drin?«
Sein Mut, hätte die ehrliche Antwort gelautet. Doch jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt für peinliche Enthüllungen.
Adam war alles andere als ein begnadeter Arzt. Er besaß einfach kein Gespür für den Umgang mit Kranken. Er war jetzt schon seit über einem Monat in Leaper's Fork, hatte aber noch immer keinen Patienten ohne den alten Doktor an seiner Seite behandelt. Der Geruch nach Jod verursachte ihm Übelkeit, der Anblick von Blut ließ seine Knie schlottern, und bei Notfällen erstarrte er vollends. Mit einem Wort – Kranke machten ihn krank.
Adam war aus demselben Grund Arzt geworden, aus dem er alles im Leben tat – wegen des sozialen Aufstiegs. Die Tatsache, dass er nicht in die Oberschicht hineingeboren worden war, betrübte ihn zutiefst. Sein Stiefvater war begüterter Abstammung, seine Mutter nicht. Seinen leiblichen Vater hatte er nie kennen gelernt, und so empfand er auch keine Schuldgefühle, als er erfuhr, dass er früh verstorben war. Wäre sein Vater noch am Leben gewesen, hätte Adam Montgomery an ebendem Tag, an dem Angela Belles Fruchtwasser in seinem Blumenbeet versickerte, am Wurstkessel gestanden.
Als Sohn eines Metzgers gibt es nur drei Möglichkeiten, dem Schlachthaus zu entkommen – Wirtschaft, Jura oder Medizin. Für Jura fehlte Adam der Biss, für eine Karriere als Geschäftsmann das Rückgrat. So blieb nur noch Medizin. Adam hatte kein Problem, menschliches Leid als Erfolgsleiter zu benutzen. Er wünschte sich nur, das Geschäft wäre nicht so blutig.
Aber Angela Belle hatte nicht viel Verständnis für Menschen, die als Beobachter durchs Leben gingen. Auch dann nicht, wenn sie nicht gerade einen Zeppelin zur Welt brachte. So packte sie Adam mit ihren schmutzstarrenden Fingern an seiner gestärkten weißen Hemdbrust und zog ihn zu sich herab.
»Sie schaffen das!«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich weiß, dass Sie das schaffen!«
Erfüllt vom Glauben einer Frau, krempelte Adam seine Ärmel hoch und tat so, als sei er ein Mann.
»Pressen!«, befahl er ihr, als die Zeit gekommen war.
»Ich kann nicht!«, schrie sie und warf den Kopf in seinem Lilienbeet hin und her.
»Natürlich können Sie das!«, brüllte er.
Adam Montgomery hegte nicht den geringsten Zweifel, dass Angela Belle den Mond aus seiner Umlaufbahn katapultieren könnte, wenn sie es sich in...




