E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Wall Die Geheimnisse der Schwestern Wilde
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96148-698-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 410 Seiten
ISBN: 978-3-96148-698-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Paula Wall wurde in Tennessee geboren und ist in Alaska aufgewachsen. Sie hat in den USA zwei viel beachtete Sammlungen von Essays veröffentlicht und wurde für ihre amüsanten Kolumnen zur »Humor Columnist of the Year« gekürt. Heute lebt sie in der Nähe von Nashville, Tennessee. Mit ihren Romanen feierte sie international große Erfolge. Die Autorin im Internet: http://www.paulawall.com/ Paula Wall veröffentlicht bei dotbooks ihre beiden Romane »Die Frauen der Familie Belle« und »Die Geheimnisse der Schwestern Wilde«.
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Prolog
Der Herr gibt, aber die meisten Frauen wissen nicht zu schätzen, was ihnen gegeben wurde. Bei nicht wenigen Männern hingegen überwiegt die Selbstüberschätzung. Während der Jäger im Mann in einseitiger Zielstrebigkeit dem Mammut nachstellt, spazieren die Sammlerinnen scheinbar unentschlossen mal in die eine, mal in die andere Richtung, ohne genau zu wissen, nach welchen Beeren sie eigentlich suchen – aber mit dem festen Ziel vor Augen, mit den schönsten nach Hause zu kommen. Lorna Wilde hatte ihren Töchtern nicht viel mit auf den Weg zu geben, nur die Weisheit, die bereits ihre Mutter an sie vererbt hatte: »Tragt niemals löchrige Unterwäsche.« Da die Schwestern Wilde kreative junge Frauen waren, verzichteten sie vollständig auf Unterwäsche.
Vibrierend vor Lebendigkeit und Erwartung, stürzten die beiden Mädchen sich kopfüber in diese Welt und kreischten vor Vergnügen, als der Arzt ihnen ihre kleinen Hintern versohlte. Das Haar mitternachtsschwarz, die Augen von einem lodernden Blau, schienen die Schwestern quasi unter Strom zu stehen, so sprühten die Funken, wenn man sie berührte. In der Schule wussten sie die Antworten bereits vor den Fragen, brachen reihenweise die Herzen von Jungen, die sie nicht einmal bemerkten, und wurden von reichen Mädchen beneidet, die alles besaßen. Sie hätten jeden Mann haben können, den sie wollten. Sie hätten alles werden können, was sie sich in den Kopf setzten. Aber wie ihre Mutter und die Mutter ihrer Mutter vor ihnen schlugen auch die Schwestern Wilde stets den Pfad des größtmöglichen Widerstands ein. An jedem Scheideweg im Leben gibt es eine rechte Entscheidung. Wilde-Ladys biegen grundsätzlich nach links ab.
Ihren schlechten Orientierungssinn führten die beiden auf den Tag zurück, an dem ihre Urgroßmutter Cyril Rudolph vor dem Altar einfach stehenließ. Während der Organist den Hochzeitsmarsch intonierte, erblickte Fidela beim Ankleiden ihr Konterfei im Spiegel und sah ihre Zukunft vor sich – ein Leben in Müßiggang und Luxus an der Seite eines Gatten, der sie vergötterte. Und prompt sprang sie aus dem Fenster. Fidela fiel in Ungnade und direkt in die Arme von Bodine Wilde, seines Zeichens Teilzeitmusiker auf einem Flussdampfer und Vollzeitschürzenjäger. Als Cyril sich aus dem Kirchenfenster lehnte, erhaschte er gerade noch einen letzten Blick auf seine Liebste, die, nicht mehr am Leib als ein Paar Pumphosen und ein Fischbeinkorsett, in Richtung Fluss rannte, als sei der Teufel hinter ihr her, einen Schweif aus Rosenblüten von ihrem Brautstrauß hinter sich herziehend. Cyril Rudolph war ein anständiger Mann, der Besseres verdiente. Doch ein anständiger Mann fällt stets am tiefsten. Nachdem alle Hochzeitsgäste ihr Beileid bekundet hatten, blieb er allein am Altar zurück, gedemütigt und von einem Schmerz überwältigt, den zu ertragen er für schier unmöglich hielt. Während ihm die Tränen über die Wangen liefen und er die Hände so fest zu Fäusten ballte, dass die Nägel sich ins Fleisch gruben, bis das Blut hervortrat, wandte er das Gesicht gen Himmel und breitete beide Arme aus. »Lass sie leiden, wie ich leide«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »in diesem Leben und im nächsten!«
Der einzige Unterschied zwischen einem Gebet und einem Fluch liegt im Auge des Betroffenen.
Cyrils Worte entwichen wie Wasserdampf durch den geweihten Raum bis hinauf zum Dachgestühl, wo sie als Echo von den eichenen Balken abprallten und als Flüstern vom Balkon zu ihm zurückgeworfen wurden. Dort oben stand Cyrils bildschöne junge Sklavin und wiegte sich im Schatten hin und her. Ihre schlanken, schwarzen Finger flochten einen feinen Zopf aus Cyrils hellblondem Haar, das sie aus seiner Pferdehaarbürste gezupft hatte, während sie in leisem Singsang die Worte hauchte, die ihre Freiheit bedeuten sollten. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, und die azurblauen Glasaugen von Cyrils himmlischem Retter schienen sich zu schließen. Das Ewige Licht flackerte erregt in der roten Glaskugel, und die aus Stein erbaute Kirche verdüsterte sich, als wäre das Ende aller Tage gekommen. Cyril wusste, was er getan hatte, aber es bekümmerte ihn nicht. Wenn Fidela ihn nicht liebte – und zwar ausschließlich ihn –, war es nur rechtens, dass sie verdammt sei. Liebe kann sich in Hass verwandeln wie Wein in Essig.
Fidela brachte ihre Tage damit zu, Bodine Wilde aus Bars zu schleifen und aus den Armen anderer Frauen zu zerren. Wenn sie nicht gerade einen plärrenden Säugling stillte, erwartete sie das nächste Kind. Entweder war sie dick und unförmig wie ein Walross, oder sie schuftete für zwei. Doch etwas Seltsames geschah. Statt dass Fidela an diesem Leben zerbrochen wäre, wurde sie nur noch stärker. Ihr Rücken schmerzte, und ihre Finger wurden rissig und bluteten, aber ihre Konstitution verhärtete sich zu Gusseisen. Cyrils Worte hatten sich mit dem geflüsterten Zauberspruch der schwarzen Frau auf dem Sklavenbalkon vermengt. Ihr Leben lang würde Fidela von der Liebe besessen sein, doch nie sollte sie die Sklavin eines Mannes werden.
Was die eine nicht zu schätzen weiß, schätzen die anderen umso mehr. Bald konnte Cyril sich vor den in Scharen herbeiströmenden Frauen nicht mehr retten, die ihn mit neckisch kreiselnden Sonnenschirmen umgurrten. Aber er erhörte keine von ihnen. Cyril Rudolphs Ehegespons hieß Rache. Der Hass bohrte sich in sein Innerstes wie ein Wurm in einen Apfel und ließ seine Seele von innen heraus verfaulen. Sein Haar verfärbte sich weiß, seine Augen verblassten zu einem eisigen Blau, und Boshaftigkeit zirkulierte in seinen Adern wie Gift. Jeden Abend stand er allein am Altar der Kirche und erneuerte seinen Racheschwur. »Nie soll sie ihr Bett mit einem Mann teilen, der sie so liebt wie ich«, betete er mit knirschenden Zähnen. »Bring sie zurück zu mir. Bring sie nach Hause.« Und jeden Tag lief Cyril am Hafen auf und ab und wartete, dass sein Gebet erhört wurde.
Als Beweis seines Glaubens und zum Zeitvertreib machte Cyril sich daran, Fidela ein Haus zu erbauen, in das sie hätte heimkehren können. Ein derartiges Bauwerk hatte man in dieser Gegend noch nie gesehen, eine Art Vorkriegsschloss mit Kaminsimsen, die aus Frankreich mit dem Schiff herbeigeschafft wurden, und mit Mosaikfliesen aus Italien. Es dauerte allein zwei Jahre, bis die Glaskuppel aus Europa eintraf, und sechsundzwanzig Männer mit Maultieren und Flaschenzügen arbeiteten daran, sie auf die Mauern zu setzen.
Ein Haus strahlt stets den Charakter seines Besitzers aus. Trotz der unermesslichen Kosten und der Detailversessenheit wirkte der Tempel der Liebe, den Cyril für seine Angebetete erbaute, so einladend wie ein Peitschenhieb. Die schweren Türen waren sowohl von außen als auch von innen zu verriegeln. Jeder Baum, jeder Busch und jedes Grasbüschel, das hoch genug hätte wachsen können, damit man sich dahinter verstecken könnte, wurden getrimmt oder auf Bodenhöhe geschoren. Und das schmiedeeiserne Stabwerk vor den Fenstern war kaum breit genug, um auch nur einen Zinnteller hindurchzuschieben. Cyrils geliebte Bastille thronte auf dem höchsten Hügel im County, mit freiem Blick über den Fluss. Jeden Abend zündete Cyril eine Laterne im Fenster seines Schlafzimmers an, ein dunkler Stern, der Fidela nach Hause leiten sollte. Bald begannen die Einheimischen dieses rote Brandloch im schwarzen Himmel Devil's Eye – das Auge des Teufels – zu nennen.
Eine geschäftliche Meinungsverschiedenheit, an der fünf Herzdamen und zwei Colt-Revolver beteiligt waren, führte schließlich dazu, dass Bodine Wilde sich unversehens mit dem Gesicht nach unten im Tennessee River treibend wiederfand. Fidela hatte nicht das Geld, ihren toten Gatten zu bestatten. Und so füllte sie seine Taschen mit Steinen, küsste seine erkalteten Lippen und sah zu, wie sein männlich schönes Gesicht im schlammigen Grund versank.
Am Tag von Fidelas Heimkehr wartete Cyril bereits sehnsüchtig am Hafen. Aber als sie den Dampfer verließ, blieb ihm vor Staunen der Mund offen stehen. Fidela Wilde hing am Arm eines noch schlimmeren Hurensohnes, als es derjenige gewesen war, mit dem sie damals durchgebrannt war. Obwohl sie sich im Leben nie etwas geschenkt hatte, war Fidela seit ihrer Flucht kaum einen Tag gealtert. Nichts hielt sich lange bei Fidela, nicht einmal die Zeit. Lachend spazierte sie an Cyril vorbei, vergnügt wie ein Betrunkener auf einem sinkenden Schiff. Ihre Blicke trafen sich, und sie lächelte. Was als Freundlichkeit gedacht war, kam bei Cyril als Mitleid an. Doch um die Wahrheit zu sagen – Fidela erkannte ihn nicht, diesen welken alten Mann, der dort am Hafen stand. Von dem Cyril, den sie einst gekannt hatte, war nichts mehr übrig geblieben.
Letzten Endes holte Fidela sich vier blendend aussehende, aber nichtsnutzige Ehemänner in ihr Bett. Wie viele Kandidaten sie für diese Position getestet hatte, bleibt der Phantasie eines jeden Einzelnen überlassen. Doch Cyril war ihr nicht einmal ein paar Worte wert. Nie würde Fidela ihr Bett mit einem Mann teilen, der sie so liebte wie Cyril. Indem er Fidela verflucht hatte, hatte Cyril sich selbst verdammt.
Die Sünden der Mütter werden die Töchter heimsuchen. Von diesem Tag an wurden alle Frauen der Familie Wilde mit einem Splitter vom Spiegel des Teufels im Auge geboren. Ein sanfter junger Mann mit Liebe im Herzen schlägt sie in die Flucht. Ein geradliniger, hart arbeitender Kirchgänger verwandelt sie in einen frigiden Eiszapfen.
Die Frauen der Familie Wilde fühlen sich zu wilden Männern hingezogen, zu Männern, die sich eher den Arm abhacken würden, als sich einen Ring an den Finger zu stecken. Gefährliche Männer, deren Blick nichts als Ärger verspricht, zaubern ein sehnsuchtsvolles Schmollen auf die Lippen der Wilde-Ladys. Für einen Mann, der keinem Gesetz außer seinem...




