Wall | Gott will uns tot sehen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Eichborn

Wall Gott will uns tot sehen

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0592-0
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7325-0592-0
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Da saßen wir, aufgemischte Aussiedlerkinder mit blutigen Nasen und geschwollenen Lippen, auf einem Bordstein, im matten Bielefeld, tausende Kilometer westlich des Urals, der Felsenmauer, hinter der wir nie hätten hervorkommen sollen. Aber wir waren weiter gekommen als die Truppen Dschingis Khans.

Dimitrij Wall erzählt vom Rand der Gesellschaft, vom Kampf gegen die Machtlosigkeit und vom Sinn des Träumens.

Er erzählt von der Welt, in der wir alle leben und die wir doch so unterschiedlich wahrnehmen. Eine Welt, in der zwei Brüdern der Einlass zum Schulfasching verwehrt wird, weil ihnen das Eintrittsgeld fehlt und der ältere auf die Frage 'Ist eine Mark viel?' des jüngeren antworten muss: 'Ja, eine Mark ist viel.' Eine Welt, in der du ein Handy für einen Euro bekommst, die guten Gespräche aber unerreichbar scheinen.

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Früher war da ein Mensch, der redete, lachte und weinte, und jetzt waren da nur noch ein Stein und etwas Erde, auf der bunte Blumen wuchsen. Wir glauben unser Leben lang, dass wir etwas Besonderes sind, und am Ende werden wir von Maden gefressen. Ein Tropfen fiel mir auf die Hand. Ich schaute nach oben, der Himmel verdunkelte sich, Gewitterwolken zogen heran. Ich ging zurück zum Auto und fuhr zur Arbeit.

Meine Mutter war seit fünf Jahren tot, und ich arbeitete in diesem Laden, verkaufte Telekommunikation und meine Seele. Auch an jenem verregneten Montagmorgen, als dieser Mann in den Laden stürmte und mich anbrüllte: »Zweitausend Euro! Ich werd’ das nicht bezahlen! Sicher nicht, ihr Bonzenärsche! Keinen Cent werdet ihr Juden von mir bekommen!«

Er musste wahnsinnig sein. Ich verdiente, wenn es hoch kam, tausend Euro im Monat und war Agnostiker.

»Das ist mir völlig egal«, erwiderte ich und wandte mich dem Pokerspiel auf meinem Computer zu. Für einen Augenblick schien er sich im depressivblauen Verkaufsraum zu verlieren. Dann brüllte er wieder los:

»Jetzt hör mal zu! Ich hab diesen Vertrag bei euch gemacht, und die kleine Blonde hinterm Tresen hat mir versprochen, dass ich nie mehr als 25 Euro pro Monat dafür zahlen muss!«

Er hatte Glück, dass ich nur eine durchschnittliche Hand bekam. Ich passte und pausierte das Spiel.

»Kleine Blonde haben mir auch schon so einiges versprochen«, sagte ich.

Er verstummte für einige Sekunden und stammelte schließlich: »Ich dachte ja nur …«

»Ja, das ist euer Problem. Ihr denkt alle nur. Zeig mal her den Mist.«

Behutsam breitete er die Rechnung auf dem Tresen aus. Seine tätowierten, leicht verdreckten Hände zitterten und offenbarten eine wilde Jugend. Die Rechnung war nicht nur fast doppelt so hoch wie zwei meiner Monatsgehälter, sie war auch mit lauter Blut- und Fettflecken bespritzt. Dieser Mann musste die Kontrolle über sein Leben längst verloren haben, vielleicht hatte er sie auch noch nie gehabt, aber jetzt hatte er auf jeden Fall ein paar zweifelhafte Abos.

»Du hast lauter Abos heruntergeladen«, erklärte ich ihm.

»Was für Abos? Was ist das? Ich benutze dieses Scheißhandy nicht. Meine Freundin telefoniert damit.«

Noch ein Schwachsinniger, der in der Gosse landen würde, weil er Verträge für andere Schwachsinnige abgeschlossen hatte. Aber mit der Gosse schien sich dieser Nikolaj Schneider ohnehin bereits auszukennen – das verrieten sein hochprozentiger Atem und die schmutzige Kleidung. Das Kruzifix aus rotem Gold war vermutlich ein Erbstück und sicher sein letztes Vermögen.

»Alles was ich für dich tun kann, ist, die Abos zu kündigen. Das Geld wirst du bezahlen müssen.«

Seine Pupillen weiteten sich. »Einen Dreck werde ich tun! Keinen Cent wirst du von mir bekommen, du Pisser in deinem billigen Anzug!«

Ich wandte meinen Blick wieder dem Pokerspiel zu. Ich hatte eine gute Hand. Zwei Damen. Damit kann man arbeiten, dachte ich. Nikolaj fluchte, fuchtelte mit den Armen, schnappte sich die Rechnung und riss sie in Stücke. Dann verließ er wutschäumend den Laden und versuchte dabei, die Tür zuzuknallen. Aber sie war gefedert, und ich verlor gegen eine Straße. Ich hatte schon schlimmere Jobs.

Die Sonne spiegelte sich auf dem glatt polierten Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone, und ich saß im Schaufenster und schaute den Leuten beim Einkaufen zu. Ich wollte, dass es regnete.

In der Mittagspause kam Wladimir vorbei. Ich verriegelte die Ladentür, und wir legten uns auf die Sofas im hinteren Teil des Ladens, um einen Joint zu drehen. Das Gras war wirklich stark, also holte ich noch ein bisschen von dem Sekt, den mein Chef für die Kunden gekauft hatte. Wladimir erzählte mir, was er alles hatte stehlen können.

»Ich hab vorhin zwei Fernseher im Wald versteckt. Nach der Arbeit hole ich sie ab. Willst du einen?«

Ich nahm einen großen Schluck aus der Sektflasche und reichte sie ihm. Fernseher konnte ich nicht mehr ertragen.

»Nein. Das wäre doch schon der zweite. Gib ihn jemand anderem.«

»Wie du willst«, sagte er und deutete auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Ist die nicht schön? Auf der Verpackung stand: ›Für den besten Enkel der Welt, meinen geliebten Patrick‹.«

Ich griff wieder nach der Flasche und nahm noch einen Schluck. Man musste nur oft genug zu kurz kommen, bis man anfing, sich zu holen, was man brauchte, dachte ich und sagte dann:

»Ja, kann sich wirklich sehen lassen.«

Er nahm sie ab und reichte sie mir. Sie hatte ein goldenes Gehäuse mit Glasboden, durch den man das automatische Uhrwerk bestaunen konnte, und ein schwarzes Lederarmband, das sich auf der Rückseite wunderbar samtig anfühlte. Sie musste einige tausend Euro wert sein. Keine Ahnung, wieso Leute so etwas mit der Post verschickten.

Nachdem Wladimir verschwunden war, nickte ich ein. Von einem ungeduldigen Klopfen wurde ich geweckt. Vor dem Laden wartete schon der nächste Kretin. Nur dass dieser hier einen Anzug trug und so was wie ein Verkaufscoach war, den die Zentrale geschickt hatte, damit ich nicht vergaß, warum ich eigentlich dort war.

»Dimitri«, schleimte er, »schön, dich zu sehen!«

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Ben.«

»Wie laufen die Geschäfte?«

»Die Geschäfte?«

»Frank sagt, dass du in letzter Zeit kaum was verkauft hast. Woran liegt’s?«

»Vielleicht am Internet. Oder an den Leuten. An mir jedenfalls nicht, ich hatte schließlich einen der besten Ausbilder, nicht wahr?«

Ben fühlte sich offensichtlich geschmeichelt, wusste aber nicht, was er erwidern sollte. Darauf hatten sie ihn nicht vorbereitet, die Wirtschaftspsychologen dieses Milliardenkonzerns.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis der erste Kunde das Geschäft betrat. Ein Mann in den Vierzigern, Schnurrbart, und so interessiert, dass er nur pleite sein konnte, vermutlich auch einen Schufa-Eintrag hatte. Ben begann sofort, auf ihn einzureden, gab sich richtig Mühe, ihn von einem Mobilfunkvertrag samt Flatrate und überteuertem Handy zu überzeugen. Innerhalb von nur ein paar Minuten hatte er den Mann so weit. Ben war ein wahrer Profi, der selbst vermeintlich bedürfnislosen Menschen und Nonkonformisten ein Handy hätte verkaufen können. Die beiden gingen zum Point of Service (den man in diesem Unternehmen so nannte, weil man sich dann wichtiger fühlte) und begannen, sich mit falscher Freundlichkeit zu überhäufen. Ben gab die Kundendaten ins System ein, lächelte affektiert und bat mich, das Handy aus dem Lager zu holen. Er hatte es mir gezeigt, nur so konnte es laufen, so verkaufte man richtig. Sein Studium und sein Designeranzug machten ihn zum Gewinner. Ich dagegen war nur ein Stück abgestandene Scheiße in einem Anzug von C&A und würde darin bald vor dem Jobcenter stehen. Ich brachte ihm also das Handy, und wir drei warteten schweigend auf die Auftragsbestätigung. Dann kam sie, die Vertragsablehnung. Negativer Schufaeintrag. Es fühlte sich gut an. Ben begann, den Mann aus dem Laden zu ekeln. In seinen Augen konnte ich erkennen, dass er eine verwöhnte Kindheit gehabt haben musste. »Sie haben eine negative Bonität, Herr Frese. Ihr Auftrag wurde leider abgelehnt«, sagte er, während er nach dem Handy griff, das er bereits aus dem Warenwirtschaftssystem gebucht hatte. Der Kunde steckte seinen Ausweis ein und verließ beschämt den Laden. Bonität war das neue Karma. Kapitalismus ließ einfach keine Fehler im Umgang mit Geld zu. Ich schaute wieder zu Ben rüber. Der Mann, der mich in die Welt der Verkaufspsychologie einführen sollte, war gescheitert.

»Beim nächsten Mal klappt’s bestimmt«, ermunterte ich ihn.

Ben warf mir einen gekränkten Blick zu, aber der ließ mich kalt. Und so versuchte er es wieder mit Professionalität. »Ich möchte, dass du den nächsten Kunden übernimmst.«

»Sehr gerne.«

Wir warteten über eine Stunde, doch es wollte einfach niemand mehr das Geschäft betreten. Alles spielte mir in die Karten, und ich dachte: Ha! Mir könnt ihr diese Flaute nicht in die Schuhe schieben – als Ben auf die Idee kam, dass ich doch vor dem Laden Flyer verteilen könnte.

»Mal ehrlich, Ben. Dafür bezahlt ihr doch Promoter. Zumindest in anderen Filialen.«

Ben hatte genug. Sichtlich angefressen griff er sich sein Notizbuch und schrieb irgendeinen Satz rein, der auf »mangelnde Einsatzbereitschaft« endete. Dann warf er sich seine Londoner Messenger Bag über die Schulter und wünschte mir einen angenehmen Feierabend. Ich schaffte es gerade noch, ihm hinterherzurufen: »Grüß Frank von mir, Ben!«

Hin und wieder ließ sich Fred blicken. Er war mal eine große Nummer gewesen, damals in den Achtzigern, bevor er gesessen hatte, ihm die Zähne ausfielen, sich seine Haut in Falten legte. Wofür Fred einsitzen musste, habe ich nie erfahren. Darüber verlor er kein Wort. Es musste etwas mit Raub oder Betrug zu tun gehabt haben, was weiß ich. Für Mord oder Vergewaltigung war er jedenfalls zu deprimiert. Er brachte mir eine Cola,...



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