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Wallace Ben Hur


1. Auflage, Rechtschreibung und Schreibweise des Originaltextes wurden behutsam angepasst 2016
ISBN: 978-3-95870-522-7
Verlag: nexx verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

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Der Roman schildert das Leben des fiktiven jüdischen Fürsten Judah Ben Hur, der zu Beginn des 1. Jahrhunderts nach Christus wegen eines angeblichen Attentats auf den römischen Statthalter von Judäa zur Galeerenstrafe verurteilt wird, später aber in seine Heimat zurückkehrt und eine Aufstandsbewegung gegen die Römer plant. Ben Hur beendet seine Aufstandspläne, als er vom Glauben an den gekreuzigten Jesus erfasst wird.

Lewis 'Lew' Wallace (1827-1905) war ein US-amerikanischer Rechtsanwalt, General, Politiker und Schriftsteller. Er wurde vor allem durch seinen Roman "Ben Hur" bekannt.
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Erstes Kapitel


Dschebel es Subleh heißt ein über fünfzig Meilen langer schmaler Gebirgszug, von dessen rotweißen Klippen man nach Osten auf die arabische Wüste blickt. Ungezählte Wadis, Rinnsale, haben sich in diesen Gebirgszug eingegraben, und zur Regenzeit füllen sie sich mit Wasser, um es dem Jordan oder dem Toten Meer zuzuführen.

Aus einem dieser Wadis, das vom äußersten Ende des Dschebel gegen Osten ausläuft und in das Bett des Jabbok-Flusses übergeht, kam ein Wanderer hervor, der dem Tafelland der Wüste zustrebte.

Dem Aussehen nach mochte er etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein. Sein über die Brust herabwallender schwarzer Bart zeigte Spuren von Grau, sein Antlitz war tiefbraun und zum größten Teil durch ein rotes Tuch verdeckt. Er ritt ein großes, weißes Dromedar, das ein Zelt auf dem Rücken trug. Die Sonne war gerade aufgegangen, als das Tier sich aus dem Wadi herausarbeitete. Weithin erstreckte sich hier die Wüste, von einem Pfad oder Weg konnte hier keine Rede mehr sein. Aber das Kamel schien einer unsichtbaren Führung zu folgen und strebte in langen Schritten dem Osten zu. Genau um Mittag blieb es von selbst stehen und drückte durch einen klagenden Schrei seine Ermüdung aus.

Sein Reiter fuhr auf, als erwache er aus einem tiefen Schlaf. Sorgfältig prüfte er die Gegend nach allen Richtungen, wie um sich zu vergewissern, dass er am rechten Ort angelangt sei. Dann atmete er befriedigt tief auf und nickte, als wollte er sagen: Endlich! Er legte die Hände kreuzweise über die Brust, neigte das Haupt und verrichtete ein stilles Gebet. Nach Erfüllung dieser frommen Pflicht gab er dem Tiere das Zeichen zum Niederknien. Langsam und grunzend folgte es dem Rufe. Der Reiter setzte seinen Fuß auf den schlanken Hals und trat auf den sandigen Boden.

Wie es sich jetzt zeigte, war der Mann von wunderbar ebenmäßigem Körperbau, mehr kräftig als hochgewachsen. Der Schnitt seines fast schwarzen Gesichts, die breite Stirn mit der Adlernase und das herabwallende glänzende Haar verrieten seine ägyptische Abstammung.

Obschon allein in einer von Leoparden und Löwen wie auch halbwilden Menschen besuchten Wüste, trug er doch merkwürdigerweise keine Waffen, nicht einmal den zum Anspornen der Kamele dienenden gekrümmten Stab. Er befand sich also auf friedlichem Weg und war entweder sehr kühn oder stand unter einem außerordentlichen Schutz.

Der lange und ermüdende Ritt hatte seine Glieder steif gemacht, und daher umschritt er wiederholt sein treues Kamel, wobei sein Blick immer wieder den Horizont musterte. Jedes Mal glitt dann ein leichter Schatten von Enttäuschung über sein Gesicht, der verriet, dass er Gesellschaft erwartete, vielleicht nach vorangegangener Verabredung. Allein, was konnte das für ein Geschäft sein, das an einem so abgelegenen Ort verhandelt werden musste?

Er musste wohl sicher sein, dass die erwartete Gesellschaft kommen würde, denn nachdem er sein Kamel gefüttert hatte, errichtete er mit Stäben aus seinem Gepäck und mitgebrachtem Tuch ein Zelt. Den mitgenommenen Vorräten entnahm er die Bestandteile eines Mahles: Wein in kleinen Lederschläuchen, getrocknetes und geräuchertes Hammelfleisch, syrische Granatäpfel, arabische Datteln, dazu Käse und gesäuertes Brot. Alles dieses stellte er in schöner Ordnung auf den Teppich unter dem Zelte, und legte zum Schluss drei seidene Tücher als Servietten daneben. Hieraus konnte man auf die Anzahl der Personen schließen, die er als Gäste erwartete.

Alles war nun fertig. Er trat wieder hinaus, und sieh! fern im Osten war ein dunkler Punkt auf der Wüstenfläche zu bemerken. Wie festgewurzelt blieb er stehen; sein Auge erweiterte sich, ein heiliger Schauer durchrieselte seinen Leib.

Der Punkt wurde größer, endlich nahm er bestimmte Formen an. Etwas später erkannte er darin ein großes, weißes Dromedar, das genaue Seitenstück seines eigenen, mit der Reisesänfte eines Inders auf dem Rücken. Der Ägypter kreuzte seine Arme auf der Brust und blickte zum Himmel. »Gott allein ist groß!« rief er aus, während seine Augen mit Tränen sich füllten und Ehrfurcht seine Seele durchschauerte.

Der Fremde kam näher und näher, endlich machte er Halt. Auch er schien wie aus dem Schlaf erwacht. Er erblickte das kniende Kamel, das Zelt, und an seinem Eingang den Mann in betender Stellung. Er kreuzte ebenfalls die Arme, neigte das Haupt und betete schweigend. Nach einigen Augenblicken stieg er vom Kamele ab und ging dem Ägypter entgegen und dieser ihm. Einen Augenblick sahen beide einander an, dann umarmten sie sich.

»Friede sei mit dir, oh Diener des wahren Gottes!« sagte der Fremde.

»Auch dir, oh Bruder im wahren Glauben,« entgegnete mit Wärme der Ägypter, »auch dir Friede und Willkommen!«

Der Ankömmling war von schlanker, hagerer Gestalt, die Augen lagen tief in den Höhlen. Haar und Bart waren weiß, die Gesichtsfarbe rötlichbraun. Auch er war unbewaffnet. Seine Kleidung war die eines Inders, um das Haupt gewunden trug er einen Turban mit reichen Falten.

»Gesegnet sind die, die dem Herrn dienen!« sagte nach einer Weile der Ägypter. »Aber warten wir ab, denn sieh, schon kommt dort auch der andere!« Sie blickten gegen Norden, von wo gerade, dem Auge schon deutlich sichtbar, ein drittes Kamel, das ebenfalls von weißer Farbe war, wie ein Schiff herankam. Sie warteten, nebeneinander stehend, bis der Ankömmling nahe und abgestiegen war und ihnen entgegenging.

»Friede sei mit dir!« sagte er, den Inder umarmend.

»Gottes Wille geschehe!« erwiderte dieser.

Der neue Ankömmling war seinen Freunden ganz unähnlich. Er war zarter gebaut und hatte weiße Gesichtsfarbe. Reiches, wogendes Haar von lichter Farbe bildete die Krone seines kleinen, aber schönen Hauptes. Das warmblickende tiefblaue Auge offenbarte ein zartes Gemüt und einen herzlichen, edlen Charakter. Er war unbedeckt und unbewaffnet, und an seiner Kleidung sah man, dass er ein Grieche war.

Nachdem er auch den Ägypter umarmt hatte, sagte dieser: »Der Geist hat mich zuerst hierhergeführt, daraus erkenne ich, dass ich zum Diener meiner Brüder erwählt bin. Das Zelt ist aufgerichtet, das Brot zum Brechen bereit, lasst mich meines Amtes walten!«

Sie bei der Hand nehmend, führte er beide hinein, band ihnen die Sandalen los, wusch ihnen die Füße, goss Wasser über ihre Hände und trocknete sie mit Tüchern ab.

Und als er sich selbst die Hände gewaschen hatte, sprach er: »Lasst uns nun für uns selbst sorgen, Brüder, wie unsere Aufgabe es erheischt, und uns stärken zur Verrichtung dessen, was uns heute noch obliegt. Während wir essen, können wir einander kennen lernen.«

Er führte sie zum Mahl und wies ihnen die Plätze so an, dass sie alle sich gegenseitig anblickten. Sie neigten nun gleichzeitig das Haupt, kreuzten die Arme über der Brust und sprachen gemeinsam und laut folgendes einfache Tischgebet: »Oh Gott und Vater aller! Was wir hier haben, ist von dir; nimm hin unseren Dank und segne uns, dass wir auch fürderhin stets deinen Willen tun.« Beim letzten Wort erhoben sie die Augen und blickten einander verwundert an. Jeder hatte in seiner Sprache gesprochen, die die anderen noch nicht gehört hatten, und doch verstanden sie sich gegenseitig vollkommen. Ehrfurchtsschauer durchbebte ihr Inneres; denn das Wunder ließ sie Gottes Gegenwart fühlen.

Diese Zusammenkunft fand, um nach der damaligen Zeitrechnung zu sprechen, im Jahre 747 nach der Erbauung Roms statt. Es war im Monat Dezember. Der Ritt durch die Wüste hatte in den dreien Esslust erregt, und bald kam auch durch den Wein ihre Unterhaltung in Fluss.

»Einem Wanderer in fremden Landen ist nichts so angenehm, als seinen Namen von Freundesmund genannt zu hören,« sagte der Ägypter. »Viele Tage mag unser Zusammenleben währen, es ist darum Zeit, dass wir einander kennen lernen. Es soll also, wenn es so genehm ist, der zuerst sprechen, welcher zuletzt anlangte.«

Und langsam anfänglich, wie zurückhaltend, begann der Grieche. »Fern von hier im Westen ist ein Land, welches nie der Vergessenheit anheimfallen wird, schon darum, weil die Welt demselben zu sehr zu Dank verpflichtet ist, und zwar für Dinge, die der Menschheit die reinsten Freuden gewähren. Ich spreche von Griechenland. Ich bin Kaspar, Sohn des Kleantes von Athen. Das Volk, dem ich angehöre, hat sich ganz der Kunst und Wissenschaft hingegeben, und ich habe von ihm dieselbe Neigung ererbt. Unsere beiden größten Philosophen, Platon und Aristoteles, gaben uns die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und dem einigen Gott. Aber es musste, dachte ich mir, eine bis jetzt nicht gekannte Beziehung zwischen Gott und der Seele geben, und da mir darüber die Schulen keine Auskunft gaben, verließ ich sie verzagt und ging in die Einsamkeit.«

Ein Lächeln der Befriedigung erhellte bei diesen Worten die hageren Züge des Inders. »Im nördlichen Teile meines Vaterlandes,« fuhr der Grieche fort, »in Thessalien, ist ein berühmter Berg, Olymp genannt. Die Sage meiner Landsleute nennt ihn die Heimat der Götter; auf ihm soll Zeus, der höchste der Götter, seinen Wohnsitz haben. Dorthin begab ich mich. An einem südöstlichen Ausläufer dieses Berges fand ich eine Höhle, da ließ ich mich nieder und widmete mich ganz der Betrachtung, oder vielmehr ich flehte mit jedem Atemzug um Offenbarung.«

»Und du wurdest erhört!« rief der Inder lebhaft aus.

»Höret mich, Brüder,« fuhr der Grieche...



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