Wallace | Der Doppelgänger | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 242 Seiten

Wallace Der Doppelgänger


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1033-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 242 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1033-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mr. Miller, der in Australien lebt, glaubt, dass sein Vermögensverwalter und entfernter Verwandter Harry Salsbury in London sein Geld verwirtschaftet hat. Er beschließt, gemeinsam mit seiner Nichte Jenny nach Europa zu reisen, um Harry zur Rede zu stellen. Jenny, die gerade volljährig ist, hat sich bereits in Australien in das Bild ihres Vetters Harry verliebt. Durch einen Trick gelingt es ihr in Neapel, ihren Onkel nach Paris zu schicken und selbst heimlich nach London zu fliegen. Dort quartiert sie sich kurzerhand bei Harry ein und stellt dessen Leben auf den Kopf. Dieser kann zwar beweisen, dass das Vermögen von Jennys Onkel in Aktien und Wertpapieren gut angelegt ist. Er muss aber unter Jennys Aufsicht seinem vermeintlich schlechten Lebenswandel ein Ende setzen. Jenny zwingt ihn, Sport zu treiben und verwehrt ihm seine Lieblingsspeisen ... (aus wikipedia.de)

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13


Gordon zögerte noch vor dem großen Spiegel des Zimmers, das er im Hotel gemietet hatte. Er hatte das Rasiermesser in der Hand, der kleine Backenbart war eingeseift. Es gibt keinen feierlicheren Akt, als wenn Männer sich den Bart abnehmen. Es liegt so etwas Unwiderrufliches, so etwas von Selbstaufopferung darin, dass man sich wundern muss, warum so wenige große Dichter dieses Thema behandelt haben.

Er biss die Zähne zusammen und ging mit fester Hand zum Angriff über. Die breite Klinge blitzte im Sonnenlicht … es war geschehen.

Er reinigte sein Gesicht vom Seifenschaum und betrachtete dann das Resultat im Spiegel. Sein Aussehen hatte sich tatsächlich vollkommen verändert. Er betrachtete sich erstaunt – er sah zehn Jahre jünger aus.

"Wie ein Junge!" rief Gordon aus. Seine Gefühle hielten zwischen Freude und Verzweiflung die Mitte.

Bis jetzt hatte er sich seinen Anzug noch nicht besehen. Er hatte beinahe schon wieder vergessen, wie dieses moderne graue Karo mit den roten Tupfen aussah …

"Mein Gott!" sagte er plötzlich.

Er war kein Stutzer. Einmal hatte ihm Diana einen solchen Ausruf entlockt. Aber Dianas modernstes Kleid war zahm im Vergleich zu diesem Kunstwerk des Schneiders, das auf dem Bett lag.

Das konnte er doch unmöglich anziehen! Aber der schwarze Cut, den er jetzt trug, und der glänzende Zylinder waren für eine kurze Seereise ebenfalls unmöglich.

Die Zeit verging im Fluge, er musste sich entschließen. Also zog er zunächst einmal die Beinkleider an. Er betrachtete sich im Spiegel, sie sahen eigentlich gar nicht so schlecht aus … er machte sich fertig.

Nun stand er in seiner vollen Größe vor dem Spiegel, staunte und bewunderte sich. Eins war sicher: Auch sein bester Freund hätte ihn so nicht wiedererkannt. Außerdem konnte er ja seinen Mantel anziehen, der verdeckte fast alles. Dieser neue Gordon Selsbury faszinierte ihn geradezu.

"Wie geht es Ihnen?" fragte er sein Spiegelbild freundlich. Die Gestalt in dem Spiegel machte eine höfliche Verbeugung.

Plötzlich erschrak Gordon – er hatte zu viel Zeit mit dem Umziehen versäumt. Er packte schnell und klingelte dann dreimal nach dem Hausdiener. Das Zimmermädchen erschien. Glücklicherweise war es ein Durchgangshotel, Gäste kamen über Nacht und verließen das Haus am Morgen wieder. Niemand erkannte jemand, es sei denn, dass Rechtsanwälte durch ihre Leute schnelle und dringende Nachfragen stellen oder das Gästebuch einsehen ließen.

Zehn Prozent der Hotelangestellten waren dauernd als Zeugen vor Gericht beschäftigt.

"Rufen Sie mir den Hausdiener!" sagte Gordon. Als dieser erschien, gab er ihm Instruktionen wegen des Handkoffers, in den er seinen Anzug verpackt hatte, und wegen der Hutschachtel. Erst jetzt fiel es ihm ein, dass man nicht im Zylinder nach Schottland reist, und er war sehr froh, dass Diana ihn nicht gesehen hatte, als er sein Haus verließ.

Der Würfel war nun gefallen. Er nahm den anderen Koffer, zahlte seine Hotelrechnung und trat auf die Straße. Die Uhren schlugen gerade Viertel vor elf, als er auf den Victoria-Bahnhof kam. Der Zug fuhr um elf. Er brauchte sich nicht um Plätze zu bemühen, er hatte die Platzkarten in der Tasche. Glücklicherweise war das Wetter ziemlich schlecht – Sonnenschein und Regen wechselten miteinander ab, und es wehte ein ziemlich heftiger Wind. Er konnte also getrost den Kragen seines Mantels hochschlagen. Auf dem Anschlagbrett las er: Wind Nordnordwest, See mäßig bewegt bis stürmisch, Sicht gut.

Er war auf jeden Fall froh, dass die Sicht gut war.

Dann schaute er sich nach Heloise um. Sie wollten sich erst kurz vor Abgang des Zuges treffen.

Zehn Minuten vor elf wurde er unruhig. Aber plötzlich sah er sie auf sich zueilen. Sie drehte sich ein paarmal ängstlich um, und es lag ein Ausdruck in ihrem Gesicht, vor dem er erschrak.

"Folgen Sie mir in den Wartesaal!" Sie war an ihm vorbeigehuscht und hatte ihm nur diese Worte zugeflüstert. Wie im Traum nahm Gordon seinen Koffer auf und ging ihr nach. Der große Raum war fast leer.

"Gordon, es ist etwas Schreckliches passiert!" Ihre Aufregung und Unruhe übertrugen sich auf ihn. "Mein Mann ist unerwartet vom Kongo zurückgekehrt. Er verfolgt mich … er ist rasend, er ist wild! Ach, Gordon, was habe ich getan!"

Er wurde nicht ohnmächtig, er ertrug diese Situation, ohne das Bewusstsein zu verlieren.

"Er sagt, ich hätte meine Neigung und Liebe einem anderen geschenkt, und er würde nicht eher ruhen, bis er diesen anderen tot zu meinen Füßen niedergestreckt hätte. Er hat gedroht, furchtbare Dinge zu tun – er ist ein Bewunderer Peters des Großen."

"So, ist er das?" Gordons Frage war kaum am Platz, aber es fiel ihm im Augenblick nichts Besseres ein. Auch war er kein bisschen an Mr. van Oynnes historischen Neigungen interessiert.

"Gordon, Sie müssen nach Ostende fahren und dort auf mich warten", sagte sie schnell. "Ich komme so bald wie möglich nach …. o mein Lieber, Sie wissen nicht, wie ich leide!"

Gordon war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass es ihm gleichgültig war, was andere Menschen fühlten.

"Haben Sie ihm denn nicht erzählt, dass unsere … unsere Freundschaft nur … geistiger Art ist?"

Sie lächelte schwach und traurig.

"Mein lieber Gordon … wer würde denn das glauben? Aber beeilen Sie sich jetzt – ich muss gehen."

Ihre Hand lag einen kurzen Augenblick lang zitternd auf seinem Arm, dann war sie verschwunden.

Er nahm seinen Koffer, der ihm merkwürdig schwer vorkam, und folgte ihr in den Bahnhof. Aber sie war nirgends mehr zu sehen.

Ein Gepäckträger bot ihm seine Dienste an.

"Zug nach dem Festland, Sir? Haben Sie einen reservierten Platz?"

Gordon schaute auf die Uhr. Es war fünf Minuten vor elf.

"Der Zug nach Ostende geht um elf Uhr fünf, mein Herr."

"Ich dachte um elf", sagte Gordon verwirrt.

"Sie haben noch sehr viel Zeit, Sir."

Gordon stand wie erstarrt da. Seine Gedanken arbeiteten

plötzlich nicht mehr. Er war im Augenblick unfähig, sich zu einem Entschluss aufzuraffen oder sich zu rühren.

"Besorgen Sie mir ein Auto."

"Jawohl, mein Herr."

Der Gepäckträger nahm ihm den Koffer aus der Hand, Gordon leistete keinen Widerstand. Er folgte dem Mann ins Freie, absolut hilflos.

"Wohin wünschen Sie zu fahren?"

Der Träger stand da, hatte den Wagenschlag in der Hand und lächelte freundlich. Er hatte nämlich noch nicht sein Geld bekommen.

"Nach Schottland", sagte Gordon heiser.

"Schottland – Sie meinen wohl Scotland Yard?"

Plötzlich arbeiteten die Räder in Mr. Selsburys Gehirn wieder.

"Nein, nicht doch, ich will ins Grovely-Hotel." Das Trinkgeld, das er dem Träger in die ausgestreckte Hand drückte, war sehr hoch.

Der Wagen setzte sich in Bewegung, und der Bahnhof war bald außer Sicht.

Zur selben Zeit suchte Bobby Selsbury fieberhaft den ganzen Zug ab und eilte von Abteil zu Abteil, um seinen Bruder zu finden.

Gordon war nun ruhiger geworden, obwohl er noch keineswegs aus der Gefahrenzone war. Er überlegte. Einen eifersüchtigen, rachegierigen Ehemann, der Waffen trug und wahrscheinlich Mordabsichten hatte, konnte er nicht ganz aus seinen Gedanken verdrängen. Gordon war neugierig, ob er in seiner Bibliothek eine ungekürzte Ausgabe der Geschichte Peters des Großen finden werde.

Der Hotelportier war geschäftsmäßig erfreut, als er wieder zurückkehrte.

"Lassen Sie den Wagen warten", sagte Gordon. Er war nicht ganz sicher, ob er ohne fremde Hilfe fähig war, sich ein anderes Auto zu besorgen.

Er erhielt seinen Schlüssel wieder, ging in sein Zimmer und klingelte nach dem Hausdiener. An seiner Stelle kam der Portier.

"Ach, Sie wollten den Hausdiener sprechen? Der ist nicht mehr im Dienst, er geht am Sonnabend schon um elf."

"Wann wird er denn wieder da sein?"

"Erst am Montag, mein Herr. Wir haben jede zweite Woche einen ganzen Tag frei. Kann ich irgend etwas für Sie tun?"

Gordon schüttelte den Kopf. Er wollte nur den anderen Koffer und sein verlorenes, achtbares Aussehen wiederhaben. Er legte seinen Überzieher ab und schaute in den Spiegel.

"Das bin ich nicht mehr", sagte er gebrochen.

Sein Aussehen hatte sich vollkommen verändert, seitdem er sich zum letzten mal im Spiegel betrachtet hatte. Die Type, die er da vor sich sah, kam ihm bekannt vor – er hatte sie irgendwo in einem Film gesehen, wo jedermann hinter jedem herlief.

Es gab nun zwei Möglichkeiten für ihn. Er...



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