Wallace | Der Redner | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 198 Seiten

Wallace Der Redner


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1057-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 198 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1057-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieser Band enthält die folgenden Kurzgeschichten des Meisters der spannenden Kriminalgeschichten: Der Redner Die Gedankenleser Die zwei ungleichen Brüder Mord in Sunningdale Die Privatsekretärin Der geheimnisvolle Nachbar Im Banne des Sirius Geschmuggelte Smaragde Der Fall Freddie Vane Der Verbrecher aus Memphis, USA Die Lektion Arsen

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Mr. Giles trat selbstbewußt und sicher in das Büro des Chefinspektors Rater. Schon an seiner Haltung war zu erkennen, daß er von Scotland Yard nichts zu fürchten hatte. Ein Lächeln lag auf seinem gesunden, roten Gesicht, und er sah tatsächlich aus wie einer, der ein gutes Gewissen hat.

"Guten Morgen, Mr. Rater. Sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mich empfangen. Als ich Ihnen schrieb, dachte ich mir, wer weiß, ob der vielbeschäftigte Herr eine Minute Zeit für mich übrig hat."

"Nehmen Sie Platz, Farmer", erwiderte der Chefinspektor.

Der Besucher lächelte strahlend und zog einen Stuhl an den Schreibtisch. Den Spitznamen "Farmer" hatte er wegen seines blühenden Aussehens erhalten.

"Sie wissen ja, wie die Dinge in der Welt nun einmal liegen, Mr. Rater. Wenn jemand mal einen kleinen Konflikt mit der Polizei hatte und seine Existenz von neuem aufbaut, kommt er nicht gern wieder mit ihr in Berührung."

"Sind Sie jetzt ordentlich geworden?" fragte der Redner und sah ihn prüfend und argwöhnisch an.

"Vollkommen. Wissen Sie, gesetzwidrige Sachen machen sich nicht bezahlt. Das ist Ihnen ja gut genug bekannt. Außerdem habe ich in letzter Zeit noch etwas Glück gehabt. Ein Onkel von mir hat mir das nötige Kapital gegeben, um ein Geschäft anzufangen. Gott sei Dank wußte der nichts von meinen früheren Dummheiten –"

"Was für ein Geschäft haben Sie denn?"

Der Mann nahm eine große Karte aus seiner Brieftasche und reichte sie ihm über den Schreibtisch hinüber.

J. Giles & Co. (früher Olney, Brown & Sterner)
Vertretungen
479, Cannon Street, E. C.

"Vertretungen? Das kann allerhand bedeuten. Was machen Sie denn eigentlich? Sind Sie Buchmacher?"

Aber der Farmer war Inhaber einer gutgehenden Generalagentur.

"Das Geschäft hebt sich von Monat zu Monat", erklärte er begeistert. "In anderthalb Jahren habe ich die Firma so in die Höhe gebracht, daß ich den doppelten Umsatz habe wie früher. Mein Onkel ... Ach, ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen, Mr. Rater – ich habe das Geschäft nämlich mit eigenem Geld gekauft, mit tausendzweihundert Pfund. Ich bin immer vorsichtig gewesen, das wissen Sie. Beizeiten habe ich Geld auf die Seite gelegt. Es hat ja doch keinen Zweck, daß ich Ihnen Märchen erzähle. Sie sind zu klug, Ihnen kann man nichts vorflunkern. Aber ich habe mir schon seit langem vorgenommen, Sie einmal aufzusuchen und mit Ihnen zu sprechen –"

"Ich habe Sie neulich in der Stadt erkannt, und Sie haben mich auch bemerkt", unterbrach ihn der Redner. "Ihre Firma ist vollkommen in Ordnung. Das habe ich schon geprüft."

Der Farmer strahlte.

"Sehen Sie, auf Sie kann man sich verlassen! Ich sagte neulich noch zu meiner Frau – sie ist wirklich eine Lady – ›Molly, es gibt keinen klügeren Menschen als Mr. Rater‹. Das habe ich tatsächlich gesagt."

"Sie sind also verheiratet?"

Mr. Giles nickte.

"Seit achtzehn Monaten. Kommen Sie doch einmal am Sonntagnachmittag zum Tee zu uns. Meine Frau ist wirklich sehr nett, die wird Ihnen gefallen. Und hübsch ist sie auch. In einer besonders hervorragenden Gegend wohne ich ja gerade nicht – Acacia Street 908. Wir haben ein paar merkwürdige Leute als Nachbarn. An einem der nächsten Tage will ich mir eine Wohnung im Westen mieten. Aber ich sage immer, man soll sich erst das Geld zusammensparen, bevor man es ausgibt!"

"Acacia Street 908!"

Der Redner hatte wohl Grund, sich zu wundern. Er kannte die Acacia Street. Es war eine lange Straße, an der kleine Einzelhäuser standen. Und er hatte nicht erwartet, den Inhaber der Firma Giles & Co., die in der City Büroräume hatte, in einer solchen Wohnung zu finden.

"Sie müssen meinen Standpunkt verstehen." Der Farmer legte großen Wert darauf, dem Chefinspektor zu erklären, wie bescheiden seine Lebensansprüche waren. "Ich versuche jetzt, mich ehrlich durchzuschlagen. Aber was passiert, wenn ich in den Westen ziehe und eine große Wohnung nehme? Dann fängt die Polizei gleich an, sich zu erkundigen, ich treffe meine alten Freunde wieder, und die Versuchung für mich ist sehr groß. Eines Tages bin ich wieder auf der schiefen Ebene."

"Na, das sind ja sehr solide Anschauungen."

"Sehen Sie, Sie haben mich vollkommen verstanden", sagte der Farmer, nahm seinen Hut vom Boden auf und strich ihn glatt.

"Kennen Sie eigentlich einen gewissen Smith – George Smith?" fragte er noch.

Der Redner schaute zur Decke hinauf.

"Ein außergewöhnlich seltener Name", meinte er nachdenklich.

Der Farmer grinste.

"Der Mann wird Sie interessieren. Er ist mein direkter Nachbar, und es sollte mich sehr wundern, wenn der nicht auch schon im Gefängnis gesessen hätte. Er redet immer so bieder und ehrbar und geht zur Kirche, aber in der Nacht, als der Einbruch in Blackheath verübt wurde, war dieser George Smith die ganze Nacht aus dem Haus. Sie wissen doch, den Jungens sind dabei für achttausend Pfund Juwelen in die Hände gefallen! Um fünf Uhr morgens habe ich ihn nach Hause kommen sehen."

"Ach, haben Sie bis in die frühen Morgenstunden in Ihrem Büro gearbeitet?" entgegnete der Redner langsam.

Mr. Giles wurde etwas verlegen.

"Nein, aber ich bin ein Frühaufsteher."

"Das waren Sie schon immer", erwiderte Mr. Rater ironisch und reichte seinem Besuch wenig begeistert die Hand.

Acacia Street 908! Und 910 wohnte ein anderer ihm bekannter Mann, der von Beruf Holzschnitzer war, sich nebenbei aber auch als Elektriker betätigte.

Das mochte ein Zufall sein – vielleicht aber ein sehr bedeutungsvoller. Jedenfalls dachte der Redner längere Zeit darüber nach.

Giles kehrte zu seinem Büro in der Cannon Street zurück, wo er schöne Räume im zweiten Stockwerk eines Geschäftshauses besaß. Er hatte tatsächlich eine Firma, die Pleite gemacht hatte, gekauft und zwei Angestellte übernommen, aber er kümmerte sich verhältnismäßig wenig darum. Die Firma Giles & Co. wurde eigentlich von dem Geschäftsführer geleitet, der alle wichtigen Briefe schrieb und seinem Chef nur Schecks ins Zimmer brachte, die entweder auf der Vorder- oder auf der Rückseite zu unterzeichnen waren. Mr. Giles selbst behielt sich eine andere Tätigkeit vor, von der seine Angestellten nicht die geringste Ahnung hatten.

Die Verschiffung gebrauchter Autos nach Indien und dem Fernen Osten ist ein rentables Geschäft, wenn man nicht zuviel für die Wagen zahlt, und Mr. Giles zahlte fast gar nichts dafür. Er besaß eine große Garage in der Nähe der London Docks, wo große Holzkisten für die Autos gemacht wurden, und verdiente ein Vermögen durch diesen unreellen Handel. Wie man dieses Geschäft betrieb, hatte er von einem Leidensgenossen im Dartmoor-Gefängnis erfahren. Er war bereits auf dem Weg, der größte Autohehler Londons zu werden. Merkwürdigerweise entwickelte sich auch seine andere Firma glänzend.

In der Nacht vor seinem Besuch bei Mr. Rater war er in einem gestohlenen Wagen nach Sunningdale gefahren. Zwei Komplicen begleiteten ihn, und sie erbeuteten bei einem Einbruch für tausendfünfhundert Pfund Schmuck und Silber. Und dies war nicht sein erstes Abenteuer dieser Art, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war.

Er hatte sich mit seinen Leuten eine sehr einfache Arbeitsmethode zurechtgelegt. Ein Mitglied der Bande stahl irgendein Auto und nahm in einer stillen Straße im Vorüberfahren zwei Kollegen mit. Dann fuhren sie zu dem Haus, das sie vorher genau ausgekundschaftet hatten. Es war Giles jedoch nicht ganz leichtgefallen, die nötigen Leute aufzutreiben. Higgy James, den er schließlich fand, machte ihm einen Vorwurf.

"Sie sind ja recht tüchtig in Ihrem Fach, Farmer, aber Sie haben immer diese verdammte Pistole bei sich. Wenn Sie die nicht zu Hause lassen, mache ich nicht mit. Sie sind schon einmal sieben Jahre ins Loch gewandert, weil Sie einen Schutzmann angeschossen haben, und wenn Sie das nächstemal erwischt werden,...



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