E-Book, Deutsch, Band 278, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Wallner Alpengold 278
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6757-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Unrecht des Vaters
E-Book, Deutsch, Band 278, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-6757-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Unrecht des Vaters - Was er auf dem Sterbebett beichtet, zerstört Kathrins Glück
Schon seit Jahren hat Kathrin Marsteiner keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater und lebt in der Stadt ihr eigenes Leben. Eigentlich wollte sie ihn nie wiedersehen, doch als er im Sterben liegt, bittet er seine Tochter, in ihre Bergheimat zurückzukehren.
Und dann beichtet der Todkranke ihr seine große Schuld, die er in seinem Leben auf sich geladen hat. Viele Familien aus Aichhofen hat er aus Raffgier um Hab und Gut gebracht und sie in schweres Unglück gestürzt. Nun bereut er seine Schandtaten zutiefst, und es ist sein Letzter Wille, dass seine Tochter bei den Geschädigten für Wiedergutmachung sorgt. Dazu soll ihr Erbe dienen.
Kathrin verspricht es ihm und ahnt nicht, welch dunkle Schatten die kriminellen Machenschaften ihres Vaters bald auf ihr eigenes Leben werfen werden ...
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Kathrin Marsteiner setzte ihre Reisetasche und den Rucksack ab, nachdem sie aus dem Bus gestiegen war, der sie in ihr abgelegenes Heimatdorf gebracht hatte.
Eine beschwerliche Reise lag hinter ihr, bis sie schließlich in Aichhofen angekommen war. Zweimal war sie umgestiegen und hatte zuletzt den Anschluss versäumt, sodass sie lange auf einem trostlosen Busparkplatz hatte warten müssen.
Auch die Fahrt in dem klapprigen Gefährt über eine unbefestigte, holprige Straße war quälend für sie gewesen, weil sie so übermüdet war.
Und nun stand Kathrin an der Haltebucht, und der Bus hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt. Suchend sah sie sich um, doch eigentlich hätte sie es besser wissen müssen. Wer hier ausstieg und auf einem der Gehöfte außerhalb lebte, war auf sich selbst angewiesen.
Seufzend lud sie sich den Rucksack auf und ergriff die schäbige Reisetasche, sie würde den Weg zum Marsteinerhof zu Fuß zurücklegen müssen.
Als Kathrin die Dorfstraße entlangschritt, stellte sie fest, dass sich kaum etwas verändert hatte, obwohl sie den Ort seit Jahren nicht mehr besucht hatte. Die altertümlichen Häuser waren gut instand gehalten, Geranien flammten auf den Fensterbrettern, und der Eingang des Wirtshauses »Zum Lamm« war sogar mit bepflanzten Terrakottatöpfen geschmückt.
Zwei Männer standen rauchend vor dem stattlichen Gebäude, und als Kathrin sie grüßte, wandte der eine den Kopf ab, und der andere tat so, als habe er nichts gehört. So hatte sich auch das nicht geändert – die Marsteiners waren immer noch so verhasst im Dorf wie früher. Denn die beiden Männer hatten sie sehr wohl erkannt, davon war sie überzeugt.
Nun öffnete sich der kleine Marktplatz vor ihr, der Mittelpunkt des Ortes mit der Kirche mit dem Zwiebelturm und dem Rathaus, das einen Anbau erhalten hatte, der sich gut in das Gesamtbild einfügte. Neu war außerdem ein kleines Café mit Stühlen und Tischen auf dem Platz davor, bunte Sonnenschirme spendeten Schatten. Offensichtlich ein Anziehungspunkt für die Dorfjugend, dem lebhaften Treiben, das dort herrschte, nach zu schließen.
Ein wehmütiges Lächeln umspielte Kathrins Lippen. Sie war immer aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt worden, hatte nie eine Freundin gehabt. Und das hatte nicht nur daran gelegen, dass sie schon früh ein Klosterinternat besucht hatte, in dem sie auch später meistens während der Ferien geblieben war.
Kathrin hatte mittlerweile die Landstraße erreicht und schritt zügig voran. Einmal hielt ein Lastwagenfahrer an und musterte sie grinsend von oben bis unten.
»Dich tät ich überall hinbringen. Wie wär’s? Steig ein!«, meinte er anzüglich.
»Geradewegs hoch ins Gebirge? Glaub mir, wo ich hingeh, dort willst du net hin«, gab sie ungerührt zur Antwort.
»Schad drum«, meinte er bedauernd und setzte seine Fahrt fort, nicht ohne noch einmal Abschied nehmend zu hupen, ehe er aus ihrem Blickfeld verschwand.
»Diese Mannsleut aber auch«, murmelte Kathrin und schüttelte den Kopf.
In einer Haltebucht blieb sie aufatmend stehen. Sie bereute es nun, sich im Dorf nicht noch ein Getränk besorgt zu haben, denn in der Flasche, die sie aus der Reisetasche gezogen hatte, befand sich nur noch ein ungenießbarer Rest. Sie verspürte brennenden Durst, und so trank sie noch ein paar Schlucke, ehe sie wieder aufbrach. Die anstrengendste Wegstrecke zum Marsteinerhof lag noch vor ihr.
Kathrin bog in die unwegsame Abkürzung ein, die zu einem Wirtschaftsweg führte, der sich zu dem Gehöft hoch schlängelte. Jeder Schritt war eine Qual. Auf dem Wirtschaftsweg war ein besseres Fortkommen, aber als sie an dem Marterl an der Wegkreuzung anlangte, ließ sie sich auf die verwitterte Bank, die daneben aufgestellt war, niedersinken. Ein großer, ausladender Bergahorn spendete angenehmen Schatten.
Von hier aus hatte man eine herrliche Aussicht über das Bergtal, bis hin zu der Gebirgskette, die es begrenzte. Die Gletscher, von der Abendsonne rot überhaucht, glitzerten und gleißten, bald aber würden Dunstschleier die Gipfel umhüllen.
Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie schön ihre geliebte Bergheimat war! Immer hatte sie die Erinnerung daran und ihr Heimweh verdrängt, denn sie war überzeugt davon gewesen, dass sie niemals wieder nach Aichhofen zurückkehren würde.
Kathrin lehnte sich zurück und genoss die Stille, die sie umgab. Nur ein Raubvogelpaar kreiste mit sehnsüchtigen Schreien am tiefblauen Himmel umeinander, von Ferne klang Hundegebell auf, aber sonst war alles ruhig. Wie sich das von dem Getöse und der Hektik der Großstadt unterschied, in der sie nach ihrem Schulabschluss gelebt hatte. Ihr Arbeitsplatz, ein Forschungslabor, zeichnete sich zwar auch durch eine ruhige Atmosphäre aus, aber gelegentlich brandete doch Erregung auf, wenn man glaubte, zu einem Ergebnis gekommen zu sein.
Und wenn sie erst an ihre Studienzeit zurückdachte …
Eine schöne Zeit war das gewesen, voller Abwechslung und Turbulenzen. Aber trotz der geistigen Bereicherung hatte sie immer das unbestimmte Gefühl gehabt, im Grunde genommen ein anderes Leben führen zu wollen. Es war wohl das Blut ihrer bäuerlichen Vorfahren, das sein Recht einforderte.
Ein kühler Lufthauch streifte sie, und Kathrin erhob sich. Sie hatte nun genug Kraft gesammelt, den Rest des Weges schnell zurückzulegen, und bald stand sie auf der kleinen Anhöhe, von der aus sie den Marsteinerhof überblicken konnte.
»Maria und Josef«, entfuhr es ihren Lippen.
In ihrer Erinnerung war der Hof ein stattliches Anwesen, mit blühenden Geranien vor den Fenstern, idyllisch inmitten von Streuobstwiesen gelegen. Doch was sich jetzt ihren Augen bot, war ein heruntergekommenes Gehöft mit schadhaftem Dach und Fensterrahmen, die eines Anstrichs bedurften. Der riesige Hausbaum dahinter war wohl einem Blitzeinschlag zum Opfer gefallen. Doch man hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihn zu fällen, sodass sich kahle geschwärzte Äste trostlos gen Himmel reckten.
Auf dem Hofplatz wucherte hohes Unkraut zwischen den Steinen, der Brunnen war offensichtlich versiegt, und auch die Hundehütte daneben war verwaist. Wie hatte es nur so weit kommen können?
Erschüttert ging Kathrin auf das Anwesen zu, das schon seit Generationen im Besitz ihrer Familie war. Ihr Vater war immer so stolz auf den Marsteinerhof gewesen, einen der prächtigsten und größten im ganzen Tal.
Als sie näher kam, sah sie erst das ganze Ausmaß der Vernachlässigung. Verrostetes Gerät lag vor der Scheune herum, ein übler Geruch wehte ihr entgegen, und als sie in den offenen Stall trat, entdeckte sie, dass er leer stand.
Wo waren die gesunden Milchkühe geblieben, mit denen ihr Vater so manchen Preis gewonnen hatte?
Spinnweben hingen von der Stalldecke herunter, und der Boden war verschlammt, sodass sie angeekelt zurückwich. Auch sonst war kein Lebewesen sichtbar, weder die muntere Gänseschar noch die Hühner, die den Hofplatz bevölkert hatten. Und auf der Hausbank neben der Tür rekelte sich auch keine der Nachkommen der geliebten Katzen, mit denen sie in Kindertagen so gern gespielt hatte.
Wüst und öde war der Marsteinerhof geworden, es fielen ihr keine anderen Ausdrücke dafür ein. Die Haustür stand halb offen, und es kostete Kathrin einige Überwindung, den Flur zu betreten. Auch hier drang ein feuchter, scharfer Geruch auf sie ein, der sie unwillkürlich zurückschrecken ließ.
»Vater«, rief sie, nachdem sie sich endlich ein Herz gefasst hatte.
Sie hörte einen undeutlichen Laut, wie ein Gurgeln, dem sie in die Stube folgte.
In einer Ecke, unter dem Fenster, befand sich auf einem alten Sofa das behelfsmäßige Lager, wo Valentin Marsteiner auf mehrere Kissen gebettet war. Über sich hatte er Decken gebreitet, doch er schien immer noch zu frieren, so als ob sein ganzer Körper von einem nicht enden wollenden Frösteln ergriffen wäre.
Kathrin schrak beim Anblick ihres Vaters so zusammen, dass sie kein Wort über die Lippen brachte. Valentin Marsteiner, vor nicht allzu langer Zeit von allen noch als ein Urbild männlicher Kraft gepriesen und noch keine fünfzig, war nicht mehr wiederzuerkennen.
Hochgewachsen und breitschultrig war er immer gewesen, keiner hatte es gewagt, sich mit diesem Mann mit der beeindruckenden Erscheinung anzulegen. Er hatte immer als Schürzenjäger gegolten, auch noch, als er schon verheiratet gewesen war, denn er hatte früher gut geschnittene, markante Züge und volles, lockiges Haar gehabt. Außerdem konnte er, wenn er es darauf anlegte, sehr charmant sein und war um keine Ausrede verlegen.
Das wusste Kathrin, denn als Kind hatte sie zufällig eine Auseinandersetzung ihrer Eltern belauscht, als ihre Mutter ihm seine Treulosigkeit vorgeworfen hatte.
Aber trotz seines Charmes hatte er noch eine andere Seite. Er konnte tagelang düster vor sich hin brüten, gefolgt von Wutausbrüchen und einer bösartigen Gewalttätigkeit, die vor nichts Halt machte.
Noch nicht einmal vor seiner Frau, obwohl er immer wieder beteuert hatte, dass er sie als Einzige – trotz seiner Seitensprünge – liebte. Kathrins Mutter hatte unter der unerträglichen Tyrannei gelitten und zu kränkeln begonnen, und mit jeder Demütigung, jedem Streit war immer mehr Lebenskraft aus ihr gewichen.
Als Kind hatte Kathrin in anhaltender Furcht vor ihrem Vater gelebt und war immer ängstlicher geworden, bis es ihrer Lehrerin aufgefallen war und sie ihre Eltern in die Schule gerufen hatte. Daraufhin wurde Kathrin in das Internat geschickt, wo sie unter...




