Walpole | Die Burg von Otranto | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 50, 108 Seiten

Reihe: Taschenbuch-Literatur-Klassiker

Walpole Die Burg von Otranto

Band 50
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-4835-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Band 50

E-Book, Deutsch, Band 50, 108 Seiten

Reihe: Taschenbuch-Literatur-Klassiker

ISBN: 978-3-7504-4835-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Burg von Otranto, in der englische Originalfassung: The Castle of Otranto, ist ein Roman des britischen Politikers und Schriftstellers Horace Walpole aus dem Jahr 1764. Walpole begründete damit die Romangattung des Schauerromans, im Englischen 'Gothic Novel', und beeinflusst die Literatur damit bis in unsere Zeit.

Horace Walpole, 4. Earl of Orford, war ein britischer Schriftsteller, Politiker und Künstler. Er wurde am 24.9.1717 in London geboren und verstarb am 2. März 1797 ebenda.
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Vorrede der zweyten Ausgabe.


Die geneigte Aufnahme, deren die Lesewelt diese kleine Erzählung würdigte, fodert den Dichter auf, die Grundsätze zu erklären, nach welchen er sie verfertigte. Doch ehe er sich darüber einläßt, schickt es sich wohl, daß er seine Leser um Verzeihung bitte, in der erborgten Gestalt eines Uebersetzers vor ihnen aufgetreten zu seyn. Nur Mistrauen in seine eigenen Kräfte, und die Neuheit des Versuchs, konnten ihn zu dieser Verkleidung bereden; darum schmeichelt er sich, daß man ihn entschuldigen werde. Er überließ seine Arbeit, dem unpartheyischen Urtheile des Publikums; entschlossen sie in Dunkelheit umkommen zu lassen, wenn man sie verwürfe; und nicht gesonnen, eine solche Kleinigkeit anzuerkennen, wenn nicht bessere Richter dahin urtheilten, daß er sich dazu gestehen dürfe, ohne zu erröthen.

Sein Versuch ging dahin, beyderley Romanengattungen zu vereinigen, die alte und die neue. In jener war alles Einbildung und Unwahrscheinlichkeit: in dieser soll nichts nachgeahmt werden als die Natur, und das geschieht zuweilen mit Glück.

Es fehlt ihr nicht an Erfindung, aber durch strenge Anhänglichkeit an das gewöhnliche Leben, versiegen die großen Quellen der Phantasie. Wenn auf diese Art die Einbildungskraft eingezwängt wird, so rächt sich freilich die Natur, blos nach dem Maasstabe des gegenseitigen Verfahrens; denn von den alten Romanen war sie ganz ausgeschlossen. Die Handlungen, Empfindungen und Aeusserungen, der Helden und Heldinnen der Vorwelt, waren eben so unnatürlich, als die Triebfedern, die sie in Bewegung setzten.

Der Schreiber folgender Blätter hielt es für möglich, beide Gattungen miteinander auszusöhnen. Er wünschte der Macht der Einbildungskraft allen Spielraum zu geben, das unbegränzte Reich der Phantasie zu durchstreifen, und dadurch anziehende Situationen zu bewirken; und es lag ihm daran, die Sterblichen die in seinem Schauspiel auftreten, nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit handeln zu lassen: so daß sie, mit einem Worte, dächten, thäten und sprächen, wie man voraus setzen kann, daß bloße Männer und Weiber in einer außerordentlichen Lage thun würden. Er bemerkte daß alle Schriftsteller aus göttlicher Eingebung, ihre Menschen, die unter dem Einfluß der Wunderwerke stehn, und Zeugen der erstaunlichsten Erscheinungen sind, nie aus der menschlichen Natur heraustreten lassen: dahingegen die Romanenschreiber, eine unwahrscheinliche Begebenheit stets mit einem ungereimten Gespräch begleiten. Verlieren die Gesetze der Natur das Gleichgewicht, so verlieren ihre Personen, wie es scheint, augenblicklich den Verstand. Das Publikum hat dem Versuch seinen Beyfall gegeben, daher darf der Autor nicht sagen, daß er seinem Unternehmen ganz und gar nicht gewachsen war. Bricht aber der neue Weg, den er einschlug, Männern von glänzenderen Talenten eine Bahn, so gesteht er gern und bescheiden, wie sehr er fühlt, daß ein solcher Plan weit schöner ausgeführt werden könne, als seine Einbildungskraft und Behandlung der Leidenschaften ihm zu thun erlaubten.

Der Art, wie die Bedienten geschildert sind, ist bereits in der ersten Vorrede erwähnt, doch erlaubt man vielleicht, hier noch ein Paar Worte darüber hinzuzufügen. Die Einfältigkeit ihres Benehmens, die fast zum Lachen bewegt, und obenhin betrachtet, mit dem ernsten Ton des Werkes in keinem Einklang zu stehen scheint, hielt ich nicht nur nicht für unschicklich, sondern ward von mir absichtlich so dargestellt. Darin war die Natur meine Richtschnur. Wie ernsthaft, wichtig, sogar schwermüthig die Gefühle der Fürsten und Helden auch seyn mögen, ihren Bedienten prägen sie die nemlichen Empfindungen nicht ein; wenigstens drücken die letzteren ihre Gesinnungen nicht in gleich erhabener Sprache aus, oder sollten sie doch so nicht ausdrücken. Ich bin des unterthänigen Dafürhaltens, daß der Abstand zwischen der Erhabenheit der ersten, und der Naivetät der letztern, ein stärkeres Licht auf die Leiden jener werfe.

Fühlt der Leser sich ungeduldig, wenn ihn die niedern Scherze gemeiner Schauspieler verhindern, zur Kenntniß der wichtigen Entwickelung zu gelangen, welcher er entgegen sieht: so vermehrt das vielleicht seine Theilnahme, und beweist sicherlich, es sey der Kunst gelungen, ihn für die obwaltende Begebenheit einzunehmen. Aber ich hatte für diese Behandlungsart einen sicherern Gewährsmann, als meine Meinung. Shakespeare, dieser große Meister der Natur, war das Muster, dem ich nachahmte. Würden, frag' ich, seine Trauerspiele, Hamlet und Julius Cäsar, nicht einen beträchtlichen Theil ihres Geistes und ihrer wunderbaren Schönheiten verlieren, wenn man die Einfälle der Todtengräber, Polonius Narrheiten, und den Pöbelwitz der römischen Bürger, daraus verbannte, oder in Heldenton verkehrte? Wird die Beredsamkeit des Antonius, und die edlere, absichtlich minder gesuchte Sprache des Brutus, durch das rohe Geschrei der Natur aus dem Munde ihrer Hörer, nicht mit weiser Kunst erhöht? Diese Meisterzüge erinnern an den griechischen Steinschneider, welcher, um in dem engern Umkreise eines Siegels den Begrif eines Riesen auszudrücken, einen kleinen Knaben neben ihm stellte, der seinen Daumen mißt.

Nein, sagt Voltaire in seiner Ausgabe des Corneille, diese Vermischung des Grotesken und Feyerlichen ist unerträglich. Voltaire ist ein Genie, aber an Shakespeare's Größe reicht er nicht1. Ohne Schiedsrichter aufzurufen, gegen die sich etwas einwenden ließe, wende ich mich von Voltaire an ihn selbst. Ich leiste Verzicht, auf seine vormaligen Lobreden zu Ehren des mächtigen Dichters; wiewohl der französische Kunstrichter einen Monolog Hamlets zweymal übersetzt hat; vor vielen Jahren in seiner Bewunderung, und neuerlich um darüber zu spotten; es thut mir nur leid zu finden, daß seine Urtheilskraft schwächer geworden sey, da sie hätte sollen reifer werden. Ich bediene mich blos seiner eigenen Worte, über die dramatische Behandlung an sich selbst betrachtet, wobey er nicht daran dachte, Shakespeare's Manier zu empfehlen oder herunterzusetzen: folglich wo Voltaire unpartheyisch war. Die Vorrede zu seinem verlornen Sohn ( einem treflichen Stücke, für welches ich meine Bewunderung an den Tag lege, und das, sollte ich noch zwanzig Jahr länger leben, ich hoffentlich nie unternehmen werde lächerlich zu machen, drückt sich folgender Gestalt über das Lustspiel aus: (und hätte vom Trauerspiele das nämliche sagen können, wenn anders Trauerspiel ist, was es sicherlich seyn soll, ein Gemälde des menschlichen Lebens; noch vermag ich zu begreifen, warum gelegentlicher Scherz von der tragischen Bühne mehr verbannt seyn sollte, als rührender Ernst von der comischen? »Man sieht darin eine Vermischung von Ernst und Scherz, von Lachen und Thränen; oft bringt die nemliche Begebenheit so entgegenstehende Empfindungen hervor. Nichts findet man so häufig, als ein Haus, worin der Vater schmält, die Tochter von einer Leidenschaft hingerissen weint, der Sohn beyde verlacht, und einige Verwandten verschiedenen Antheil an dem nehmen was vorgeht. Wir schließen daraus nicht, daß ein jedes Lustspiel niedrig komische und rührende Auftritte in sich vereinigen müsse: es giebt gute Stücke die blos lustig sind; einige ganz ernsthaft; einige abwechselnd; einige welche die Rührung bis zu Thränen treiben: man muß keine Gattung verwerfen; und fragt man mich, welcher Gattung ich den Vorzug gebe, so antworte ich, der, die am besten behandelt wird.« Wahrlich, darf ein Lustspiel ganz ernsthaft seyn, so mag man auch dem Trauerspiele ein bescheidentliches Lächeln erlauben. Wer hat ihm darüber vorzuschreiben? Soll der Kunstrichter, der aus Selbstvertheidigung keine Gattung des Lustspiels verwerfen lassen will, Shakespeare'n Gesetze geben?

Wohl weiß ich, daß Herr von Voltaire die Vorrede, woraus ich diese Stellen anführe, nicht sich sondern dem Herausgeber zuschreibt. Wer aber zweifelt, daß Herausgeber und Dichter eine Person sind? oder wer ist der Herausgeber, der sich so glücklich der Sprache und der glänzenden Ueberredungskraft seines Dichters bemeistert? Unstreitig waren diese Aeusserungen eigenthümliche Meinung des Schriftstellers. In dem Briefe an Maffei, welcher seiner Merope zur Vorrede dient, behauptet er die nemlichen Sätze, obwohl, wie es mir vorkommt, mit einigem Zusatz von Ironie. Ich will seine Worte wiederholen, und dann der Ursache erwähnen, warum ich sie anführe. Voltaire übersetzt eine Stelle aus Maffei's Merope, und fügt hinzu: »das ist alles sehr natürlich; jeder Zug ist den Personen die Sie auf die Bühne bringen, angemessen, so wie den Sitten, die Sie ihnen geben. Man würde, glaub' ich, diese ungezwungene Vertraulichkeit in Athen gut aufgenommen haben; aber Paris und unser Parterre verlangen eine andere Art von Einfalt.« Ich zweifle, sag' ich, ob nicht ein Gran von Spott unter dieser und ähnlichen Stellen dieses Briefes verborgen liegt; doch verliert die Macht der Wahrheit nicht durch einen Anstrich des Lächerlichen. Maffei sollte eine griechische Geschichte darstellen: sicherlich waren die Athener nicht weniger...



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