E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Walser Von den Tieren im Notieren
15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-492-97034-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-492-97034-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alissa Walser, geboren 1961, studierte in New York und Wien Malerei. Seit 1987 lebt sie als Übersetzerin und Malerin in Frankfurt am Main. Für ihre Erzählung »Geschenkt« wurden ihr 1992 der Ingeborg-Bachmann-Preis und der Bettina-von-Arnim-Preis verliehen. 1994 erschien ihr Buch »Dies ist nicht meine ganze Geschichte«, im Frühjahr 2000 folgte der Erzählband »Die kleinere Hälfte der Welt«. Als Übersetzerin hat Alissa Walser außerdem die Tagebücher von Sylvia Plath sowie Theaterstücke unter anderem von Joyce Carol Oates, Edward Albee, Marsha Norman und Christopher Hampton ins Deutsche übertragen. 2009 erhielt sie für Ihre Übersetzung der Gedichte Sylvia Plaths den Paul-Scheerbart-Preis. Ihre eigenen Erzählungen wurden in englischer Übersetzung unter anderem in literarischen Zeitungen wie Open City und Grand Street veröffentlicht. Nach ihrem Roman »Am Anfang war die Nacht Musik«, für den sie den Spycher-Literaturpreis-Leuk 2010 erhalten hat. Nach dem Erzählungsband »Immer ich« erschien zuletzt »Von den Tieren im Notieren«.
Autoren/Hrsg.
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Messen Messed-up Missed
Einmal wollte ich eine Liebesgeschichte mit einem Inder schreiben. Sie begann so: An einem warmen Freitagmorgen will ich zum Markt. Ich stehe um sieben Uhr auf, nicht früher als sonst, dusche und wasche mir hastig das Haar. Steige ins Auto, kurble das Fenster runter, sechs Minuten im Fahrtwind das nasse Haar trocknen ersetzt mir ab Ende Mai den Föhn. Um den Parkplatz muss ich nicht kämpfen um diese Zeit. Ich kaufe ein für die ganze Woche. Fleisch und Gemüse beim Biobauern aus der Region, alles frischer als im Supermarkt. Immer stehen zwei Männer am Stand. Lieber möchte ich vom Kleineren bedient werden.
Sein Gesicht ist schmal mit ein paar Bartstoppeln, im Ohr zwei kleine Ringe. Er bietet an, was der Sommer zu bieten hat, Kirschen, Aprikosen. Er ist flink. Und wenn ER es tut, gibt es nichts Tolleres als: Früchte wiegen und in braune Tüten packen. Wenn ER es tut. Um seinen Mund so ein Lächeln, auch wenn er genervt ist: wie der junge Bob Dylan, bestürmt von Journalisten: Sind Sie Revolutionär?
An diesem Punkt merkte ich, dass ich noch sehr weit entfernt war von der Liebesgeschichte mit dem jungen Inder, wie sie mir vorschwebte; als wäre die Erzählerin noch gar nicht am Ort der Handlung eingetroffen. Als säße sie noch neben mir am Tisch und blickte über die Häuserzeile gegenüber Richtung Innenstadt, Richtung Banken, Richtung Marktplatz. Aber irgendwo und irgendwann, möglichst bald würde sie den Inder treffen müssen. Am liebsten in der U-Bahn. U-Bahnen finden sich in aller Welt, und alle Welt findet sich in der U-Bahn. In der U-Bahn spräche er sie an, auf Englisch, versteht sich, mit Akzent, versteht sich, von dort gingen die beiden ins Eiscafé und dann ins Kino, erst danach zum Inder in die Wohnung (die mir in diesem Moment noch nicht greifbar war). Irgendwie müsste die Erzählerin mit dem Inder also das Tageslicht rumkriegen. Im Kino geschähe dann etwas noch nie Beschriebenes, oder es deutete sich an, oder die Dunkelheit müsste so beschrieben sein, dass das, was zwischen Inder und Erzählerin geschähe, als unbeschreiblich beschrieben wäre.
Während ich also überlegte, wie weiter, fragte ich mich, warum ich den für diese Geschichte denkbar ungünstigsten Ausgangspunkt gewählt hatte, indem ich die Erzählerin frühmorgens mit dem Auto losschickte in einen Alltag voller Vorgänge, die ich auf das Tätigkeitswort »messen« zurückführen müsste: Es ist Sommer, nicht Winter, sie misst die Stunden, sieben Uhr, sie misst die Minuten. Sechs Minuten dauert die Fahrt in die Stadt, sie kalkuliert die Gefahr von Fahrtwind auf nassem Haar ein, sechs Minuten Sublimes statt enervierendes Föhnen. Sie kann, bei so vielen freien Plätzen, leicht einparken, sie möchte immer von dem einen Mann bedient werden, sie verliert beim genauen Betrachten dieses einen den anderen völlig aus den Augen etc.
Vom Messen ist die Rede, in all seinen Bedeutungsrichtungen, also vom Vergleichen, vom Kämpfen, vom Erreichen, vom Ansehen. Das Messen war in diesem Anfang eine Art Passwort, vom Messen ging der Text aus, mit dem Messen begann alles. Ich dachte, dass das eingefleischte Maß eine Anfangsbedingung der Geschichte, und die Geschichte dieser Anfangsbedingung wegen meiner eigenen Lebensrealität ähnlich wäre und der von sehr vielen Menschen, die ihr Leben auf die Stadt, auf die Geraden, auf das Geradewegs, das nur Zwei-Ecken-Weiter ausrichten. Die größte Ähnlichkeit zwischen mir und der Erzählerin war der Maßstab, den die Erzählerin anwandte, ohne darüber nachzudenken, und das heißt, ohne dass er von der Erzählerin als belastende (historische, gesellschaftliche) Relation auf die Stimmung der Geschichte abfärbt. Es ist der Maßstab einer Frau, unterwegs auf einem gewöhnlichen Finalgang, unterwegs also um zu, zum Zweck, zum Ziel: damit sie einkaufen kann für die ganze Woche. Jede ihrer Handlungen zielt auf die Erledigung einer praktischen Pflicht. Das Erledigen wird zum Maßstab ihrer Handlungen. Das Einführen des Maßstabs als Bedingung der Geschichte war mir als Schreibender eine Notwendigkeit, um einen Ausgangspunkt zu schaffen. Gleichzeitig war mir klar, dass die Erzählerin, wenn ich als Schreibende den Anfangsmaßstab meiner Erzählerin beibehielte, ihren Inder nie treffen würde. Sie würde ihn vielleicht von Weitem zu sehen bekommen, im Vorbeigehen, sie würde ihn betrachten, wie den Biobauern, würde vielleicht zwei, drei Sätze über ihn erzählen, über seine dunklere Haut, über das Gemüse, das er kauft, um irgendetwas zu kochen. Über das Fremdartige oder eben nicht mehr Fremdartige seiner Erscheinung in der hiesigen Regionalität. Über Greencards vielleicht. Über die Ferne einer Politik, die als Diener einer globalen Ökonomie Fremdheit immerhin so aufzulösen vermag, dass wir sie als etwas Inneres wahrnehmen. Über sein schwärzeres Haar, das ununterscheidbar die Form des Kopfes nur noch betonte, im Gegensatz zum Biobauern, dessen Haar den Kopf aus der Kopfform entfernt zur wirren Krone seines morgendlichen Handels mit der Welt der Hausfrauen, der Hausmänner, der Hausmenschen. Die Erzählerin würde den Inder also wahrscheinlich vergleichend mit Blicken abmessen, würde feststellen, dass er mindestens zehn Jahre jünger, zwanzig Jahre jünger, eine Generation jünger, ein Leben jünger war als sie…; aber eine Liebesgeschichte würde, falls die Erzählerin ihrem Maßstab treu bliebe, wahrscheinlich nicht daraus werden. Oder es würde eine Geschichte werden, die ein Missverständnis, eine Fremdheit beschriebe, die die Erzählerin oder ihr Problem von außerhalb beschriebe. Denn dieser Maßstab meiner Erzählerin zielte auf nichts so direkt hin wie auf das reibungslose Abwickeln eines Alltags.
An dem Punkt fiel mir ein Satz ein, den ich öfter mal zu hören bekomme, und zwar immer von zwei Freunden aus handfesten Berufen, der eine ist Arzt, der andere katholischer Pfarrer. »Mir passieren die tollsten Geschichten«, sagt der Arzt und: »Ich bräuchte nur mitzuschreiben.« Dahinter vermutete ich das Schlaraffenland, die pralle Parallelwelt der schreibenden Zunft, wo statt fertig gebratener Hähnchen den Autorinnen heiße, gesottene Geschichten aufgetischt werden. »Ach, was ich für Geschichten mitkriege«, sagt jetzt der Pfarrer seufzend. »Wenn ich die aufschreiben dürfte«, sagt er in einem Ton, als ginge es darum, die Geschichten vom verbotenen Baum des Lebens zu pflücken. Und immer fordere ich die beiden zu einer Kostprobe auf, die ich nach einem selbstverständlichen Schweigegelübde auch bekomme. Ich kenne das Gefühl, das Leben stecke voller Geschichten, die man nur aufzuschreiben bräuchte. Aber diese Vorstellung entspricht nicht meinen Schreiberfahrungen. Obwohl auch ich manchmal, wenn ich in die Innenstadt fahre, jedes Gesicht, jede Hausecke oder Parkuhr für trächtig halten kann. Der Alltag also als Baum, von dem ich die Geschichten zu ernten habe, ein schöner Traum, der mir nicht entspricht. Eher die Vorstellung, man müsste die Realität wie einen Baum schütteln können. Herab fielen Bruchstücke, fremde Erinnerungen, Gesichter, Tote, diverse Liebhaber, Präsidenten und Präsidentenanwärter, Ängste, Träume und Werbeslogans, aber keine Geschichte. Und warum kommt mir der Alltag vor wie eine Einbahnstraße für Geschichten? Alles bewegt sich in eine Richtung: auf das Ende zu. Der Alltag als Geschichten-Erlediger, -Entzauberer.
Vielleicht muss eine Geschichte, wie ein Fahrzeug den Weg, den Alltag erst fressen, ihm entgegenfahren, ihn rammen, die auf ein Niveau standardisierten Stoßstangen eindellen oder, um im Bild zu bleiben, dem Alltag erst auffahren, und so die Regel des Immer-in-dieselbe-Richtung erst mal kreuz und quer brechen, allen erdenklichen Verkehr zulassen, alle erdenklichen Unfälle, damit sie überhaupt werden kann. Die Autorin als Geisterfahrerin: von allen guten Maßstäben, mit denen sie in ihrem bisherigen Leben gut gefahren ist, verlassen. Mit etwas Glück geht mein Alltag unter, auf ästhetischer wie moralischer Ebene, auf der Höhe, das heißt in den Niederungen der Zeit, den Ausnahmen der Haftpflicht, und dies ist die Grundvoraussetzung dafür, dass eine Geschichte entstehen kann. Mit etwas Glück komme ich dabei weder um, noch verwahrlose ich. Im Gegenteil und konkreter: Nehmen wir mal an, ich kratze zusammen, was ich an Bruchstücken, zum Beispiel über Inder, vom Realitäts-Bäumchen herabgeschüttelt habe: den Informatik-Inder, von der Regierung ins Land gelockt, ein Jahr später arbeitslos abgeschoben, die blonde Sigrid, nach acht Wochen Aschram als Yogini Kurnamurti zurück in Hanau, das Ayurveda-Kochbuch in meinem Regal, Schaufenster voller Billigschuhe made in India, hergestellt unter schlimmstmöglichen, heimlich vom ARD-Team gefilmten Bedingungen, der indische Gemüsehändler an der Ecke, dessen Schaufenster eines Nachts zu Bruch ging– aus Gründen der Revierbereinigung. Der indische Textilhändler, für den ich Preislisten übersetzt habe, die wunderschöne, nicht ganz lebensgroße Papp-Inderin mit dem Bindi, dem roten Punkt auf der Stirn im Reisebüro oder der junge Inder, mit dem ich eine Nacht im Schlafwagen Wien–Frankfurt gereist bin. Alles Rohstoff für meine noch nicht existierende Geschichte, wiederum nur dazu da, genau jene Maßstäbe darzustellen – natürlich um sie zu überwinden–, die den Bruchstücken im Moment ihres Herabfallens anhaften. Meine Erzählerin sowie ihr indischer Liebhaber in der Geschichte sind demnach, wenn sie zusammen in seine Wohnung gefunden haben und vor der Entscheidung stehen, im Geschlechtsverkehr eins zu werden oder nicht, das Ergebnis eines Überwindungsprozesses von Lebensrealität, den ich als...




