E-Book, Deutsch, Band 5, 592 Seiten
Reihe: Boys of Tommen
Walsh Taming 7
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98585-336-6
Verlag: Adrian & Wimmelbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ausgabe ebook
E-Book, Deutsch, Band 5, 592 Seiten
Reihe: Boys of Tommen
ISBN: 978-3-98585-336-6
Verlag: Adrian & Wimmelbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie ist ein Sonnenschein. Er ist der liebenswerte Klassenclown. Aber Gewitterwolken ziehen auf. Tommens frechster Junge, Gerard 'Gibsie' Gibson, war schon immer ein Komiker. Aber die meisten Menschen erkennen nicht, was sich hinter seiner Fassade verbirgt. Dämonen aus der Vergangenheit suchen ihn heim und er nutzt seinen Humor, um damit klarzukommen. Doch sein wahres Ich verbirgt er so vor der Welt. Claire Biggs, der Inbegriff von Lebensfreude, hat Gibsie, den Freund ihres Bruders und ihren Lieblingsnachbarn, schon immer geliebt. Sie hat immer eine Seite an ihm gesehen, die niemand sonst zu bemerken schien. Sie ist fest entschlossen, ihren wilden unbändigen besten Freund aus Kindertagen zu besänftigen. Als Grenzen überschritten werden, wird unklar, ob die Freundschaft zwischen Gibsie und Claire bestehen wird. Wird mehr daraus werden, oder wird ihr enges Verhältnis im Sand verlaufen?
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PROLOG
NIMM DAS MÄDCHEN NICHT MIT
CLAIRE
MAI 1995
ICH HATTE DEN GESTANK VON RAUCH in meiner Nase und mochte ihn nicht. Mammy sagte, es sei Weihrauch; dasselbe Zeug, das Pater Murphy sonntags in der Messe verbrannte.
Ich mochte es nicht, zur Messe zu gehen. Die Kirche fühlte sich stickig und alt und traurig an.
Am schlimmsten war, dass man eine ganze Stunde lang nicht reden durfte.
Eine Stunde fühlte sich wie eine Ewigkeit an, wenn man fünf war.
Irgendwie war die Kirche heute sogar noch schlimmer, und es war Dienstag.
Sie war trauriger.
Als ich mich umsah und all die weinenden Gesichter betrachtete, zupfte ich an einem losen Faden meiner Strickjacke und schwang meine Beine vor und zurück, wobei ich jedes Mal lächelte, wenn ich gegen die Rückseite der Kirchenbank vor mir trat.
»Sitz still, Claire«, wies Daddy mich an und legte eine Hand auf mein Knie. »Es ist gleich vorbei, Schätzchen.«
»Es stinkt«, flüsterte ich zurück und hielt mir die Nase zu. »Ich mag es nicht, Daddy.«
»Ich weiß, Schätzchen«, stimmte er zu und strich mir über die Locken. »Sei ein großes Mädchen für Daddy und bleib noch fünf Minuten schön ruhig.«
»Kann ich dann mit Gerard spielen?«
Er antwortete mir nicht.
»Kann ich heute mit Gerard spielen, Daddy?«, wiederholte ich und zog am Hosenbein seines Anzugs. »Bitte? Ich vermisse ihn.«
»Vielleicht nicht heute, Schätzchen«, erwiderte er, und dann tat er das, was die anderen Männer taten. Er beugte sich vor und drückte seine Daumen in seine Augen, um seine Tränen zu verbergen.
»Aber wieso denn nicht?«, argumentierte ich. »Er ist doch gleich da vorne.« Ich zeigte auf den vorderen Teil der Kirche. »Ich kann ihn sehen, Daddy.«
»Nein, Claire.«
»Aber –«
»Shh.«
Ich verstand das alles nicht.
Ich drehte mich zur Seite und sah meinen Bruder an. Er weinte auch. Mammy zog ihn an ihre Seite, als er an ihrer Schulter schluchzte.
»Hey, Hugh?«, flüsterte ich leise und bedeckte meinen Mund mit meinen Händen. »Willst du nach der Messe mit Gerard spielen?«
»Shh, Claire«, schniefte Mammy und benutzte das Taschentuch, das sie in ihrem Ärmel versteckt hatte, um ihr Gesicht damit abzuwischen. »Nicht hier.«
Nicht hier?
Was bedeutete das?
Ich konnte nicht verstehen, was hier vor sich ging, aber es gefiel mir nicht. Ich hatte ein seltsames Gefühl in meinem Bauch, das jedes Mal stärker wurde, sobald ich die Särge ansah. So nannte Hugh die Kisten in der Nähe des Altars.
Es gab einen großen braunen und einen kleinen weißen. Hugh hat gesagt, dass Gerards Daddy Joe in dem großen braunen lag und seine Schwester Bethany in dem kleinen weißen.
Weil sie letzten Samstag ertrunken waren.
war ein neues Wort für mich, und es war schwer zu verstehen, aber es machte mich trotzdem supertraurig. Denn wenn man ertrank, kam man in eine Kiste.
»Ertrunken.« Mit gerunzelter Stirn versuchte ich das Wort zu buchstabieren. »E-R …«
»Shh, Claire.«
Nein, es war zu schwer für mich.
Ich faltete und entfaltete meine Hände, sah mich um und winkte, als ich Hughs und Gerards Lehrerin auf der anderen Seite entdeckte.
»Hör auf damit, Claire«, warnte Mammy, schnappte meine Hand aus der Luft und legte sie auf meinen Schoß. »Sei brav.«
Ich dachte, ich brav.
Für Mammy versuchte ich so brav wie möglich zu sein, setzte mich auf meine Hände und schwang meine Beine nicht mehr.
Bis Musik erklang und alle aufstanden.
»Oasis, Daddy«, quietschte ich und konnte meine Aufregung kaum zurückhalten. Ich kannte dieses Lied. Es war das Lieblingslied meines Daddys und Joes. Das Lied, das gespielt wurde, hieß »Stop Crying Your Heart Out«.
Daddy lächelte nicht. Er war zu traurig. Joe war sein allerbester Freund auf der ganzen Welt und er lag in dem braunen Sarg, aber Gerard war mein allerbester Freund auf der ganzen weiten Welt, und ich war glücklich, weil er nicht mit Joe und Bethany ertrunken war.
Mein Daddy hatte Gerard aus dem Wasser geholt. Er war hineingesprungen und hatte ihn gerettet. Mit seinem Anzug und seinen Schuhen. Und seinen Socken. Mein Daddy war ein Held. Das sagten die Nachbarn.
Als Pater Murphy den Gang hinunterging und diesen stinkenden Rauch verteilte, hielt ich mir die Nase zu und wand mich unbehaglich, aber ich vergaß den Geruch schnell, als mein Blick auf die Särge fiel. Sie wurden den Gang hinuntergetragen.
Zuerst der große braune.
Dann der kleine weiße.
Das Weinen wurde zunehmend lauter und machte mich noch trauriger. Als der weiße Sarg an unserer Kirchenbank vorbeikam, brach mein Bruder in Tränen aus und er weinte laut und heftig an der Brust meiner Mutter.
»Shh, Hugh«, tadelte ich. »Sei brav.«
»Shh, Claire«, ermahnten Mammy und Daddy gleichzeitig.
Ich verstand es nicht.
Die Leute begannen, dem Sarg zu folgen.
Gerards Oma und Opa, seine Tanten und Onkel und Cousins. Seine Mammy, Sadhbh, die von ihrem Freund Keith und seinem doofen Sohn Mark gestützt wurde.
Ich mochte Mark nicht. Ich mochte seine gemeinen Augen nicht, oder seine großen Hände, oder wie er uns immer finster anstarrte.
Hinter ihm, neben seiner Tante Jacqui, schlurfte mein allerbester Freund auf der ganzen Welt.
Gerard.
Bei seinem Anblickt blubberte Aufregung in mir hoch und ich konnte mich kaum davon abhalten, auf der Stelle zu hüpfen. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete ich, wie der blonde Junge mit den Locken, die meinen so ähnlich waren, den Ärmel seines weißen Hemdes benutzte, um sich die Nase abzuwischen, bevor er mich anschaute.
»Hi«, formte ich lautlos mit den Lippen und winkte ihm zu.
Seine Augen sahen so traurig aus und seine Wangen waren tränenverschmiert, aber er hob seine Hand und winkte zurück. »Hi.«
Mein Herz begann wild zu schlagen, als wäre ich ein Wettrennen gelaufen, und mein Bauch machte einen Salto wie ein Pfannkuchen in der Pfanne.
»Bleib sitzen«, begann Mammy, aber ich konnte nicht anders. Ich rutschte schon aus der Kirchenbank und rannte den Gang hinunter. »Peter, halt sie auf!«
»Claire«, zischte Dad kaum hörbar, aber es war zu spät.
Ich hatte ihn schon erreicht und blieb erst stehen, als ich mich direkt neben meinem besten Freund befand. Ich schlüpfte mit meiner Hand in seine und drückte sie. »Ich hab dich vermisst.«
Schniefend verstärkte Gerard seinen Griff um meine Hand und wischte sich nun mit dem Ärmel seines schwarzen Anzugs über die Wange, während wir hinter den Särgen aus der Kirche gingen. »Ich hab dich auch vermisst.«
»Ich bin froh, dass nicht du in der Kiste liegst«, flüsterte ich ihm ins Ohr und beugte mich so nah zu ihm, dass nur Gerard mich hören konnte. »Du bist mein allerliebster Mensch auf der ganzen weiten Welt und ich würde alle gegen dich eintauschen. Sogar Hugh.«
»So was darfst du nicht sagen«, flüsterte er zurück, aber er klang nicht wütend. Stattdessen verstärkte er seinen Griff um meine Hand, als wir der Menge zum Friedhof folgten.
»Ich habe gebetet, dass du es bist«, sagte ich schnell. Ich musste ihm einfach all die Dinge erzählen, die sich seit dem Bootsunfall in meinem Kopf aufgestaut hatten. Seit dem Ertrinken. »Als sie sagten, dass jemand aus dem Wasser gerettet wurde. Ich habe gebetet, dass du es bist.«
Er schluchzte auf und drehte sich zu mir hin. »Das h-hast du?«
Ich nickte. »Ich habe Gott versprochen, dass ich alle guten Dinge auf der Welt tun würde, wenn er dich zurückbringt.« Ich strahlte ihn an. »Und er hat zugehört.«
»Das war nicht Gott, Claire«, flüsterte er und wischte sich mit dem Ärmel die Nase ab. »Das war dein Dad.«
»Es ist mir egal, wer es war«, erwiderte ich. »Hauptsache, du bist hier.«
»Ich glaube nicht, dass meine Familie genauso denkt«, wandte er ein und blickte wieder auf den Boden, während wir gingen. »Ich glaube, sie wollten, dass dein Dad Bethany rettet.«
»Ich wollte das nicht«, gab ich ehrlich zu. »Ich wollte dich am allermeisten behalten.«
»Claire, komm bitte zu uns zurück«, unterbrach uns Daddy, der uns eingeholt hatte und eine Hand auf meine Schulter legte. »Du kannst jetzt nicht bei Gerard sein.«
Ich öffnete den Mund, um mich zu beschweren, aber Gerard antwortete für mich. »Bitte nimm sie mir nicht weg.«
»Lass sie, Pete«, sagte Tante Jacqui zu Daddy. »Gott weiß, dass der arme Junge in dieser Zeit ein vertrautes Gesicht braucht.«
Daddy sah nicht sehr überzeugt aus, aber er ließ mich mit Gerard zum Grab gehen.
»Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll«, flüsterte er, als wir das Grab erreichten. »Ich will nicht mit ihnen nach Hause zurück.«
»Mit deiner Mam und Keith?« Angewidert rümpfte ich die Nase und murmelte: »Und dem doofen Mark.«
Gerard nickte steif. »Ich will meinen Dad zurück.«
»Dein Dad ist jetzt aber ein Engel, oder?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das hat Pater Murphy gesagt.«
»Glaubst du ihm nicht?«
»Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll«, antwortete er, und dann schwieg er für einen langen Moment, bevor er frustriert ausatmete. »Ich hab wie ein Dummkopf ausgesehen.«
»Wann?«
»Bei der Messe.«
»Wieso?«
»Weil ich es nicht lesen...




