Walter | 52 deutsche Jahre | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 802 Seiten

Walter 52 deutsche Jahre

Eine preußische Familienchronik 1894-1945
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-99146-323-8
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine preußische Familienchronik 1894-1945

E-Book, Deutsch, 802 Seiten

ISBN: 978-3-99146-323-8
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1895-1945: Eine spannende Familiensaga über 5 Dekaden Der Niedergang des Deutschen Kaiserreiches und der Weimarer Republik, die wilden Zwanziger, der bittere Verlauf des Dritten Reiches: Durch die politischen Wirren und dramatischen Ereignisse wird eine preußische Familie über zwei Generationen hin- und hergeworfen. Verzweifelt versuchen Otto und Käthe Waischwillat und später ihre beiden Töchter Waltraud und Kriemhild, sich über Wasser zu halten. In den unsicheren Zeiten zwischen 1894 und 1945 bedeutet dies immer wieder den Spagat zwischen Liebe und Verzicht, zwischen Fliehen und Kämpfen, zwischen Moral und Pflichterfüllung. Gelingt es der Familie, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken?

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Die Weltkriegsjahre 1914–1918

Berlin – das Vaterland ruft

Es war Montag, der 3. August 1914 um halb acht Uhr morgens. Direktor Schramm, der Leiter des Bismarck Pädagogiums an der Alten Jakobstraße 124/125 saß in seinem mit Eichenholz vertäfelten Dienstzimmer an seinem großen Schreibtisch und hatte das Berliner Tageblatt vor sich liegen und überflog mit gerunzelter Stirn und kopfschüttelnd die Titelschlagzeilen. Es klopfte an der Tür.

„Ja, bitte? Herein!“

Die Tür öffnet sich und Otto stand auf der Schwelle.

„Guten Morgen Herr Direktor Schramm. Darf ich eintreten?“

„Bitte sehr. Treten Sie ein.“

„Danke.“ Otto trat vor den Schreibtisch und holte tief Luft.

„Ich kann mir denken, warum Sie so früh bei mir auftauchen“, seufzte Schramm. „Sie möchten bestimmt, dass ich Ihnen eine Entschuldigung schreibe, damit Sie weiter am Unterricht teilnehmen können?“, fügte er scherzhaft resignierend hinzu.

„Nein, Herr Direktor. Ich möchte, dass Sie mir Dispens vom Unterricht erteilen. Das Vaterland ruft.“

„Das Vaterland entvölkert gerade mein Institut. Meinen Sie nicht, dass Ihrem Vaterland mehr gedient sein wird, wenn sich ein weiterer Bürger mit dem Orden des Abiturs schmücken kann?“

„Herr Direktor. Die Bataille wird nicht lange dauern. Ich komme wieder und setze mein Studium fort.“

„Wenn Sie dann noch unter den Lebenden sind. Kann ich Sie noch irgendwie umstimmen?“

„Nein, Herr Direktor. Der Kaiser ruft zu den Waffen.“

„Und Sie meinen, er hat allen Grund dazu?“

„Der Russe rüstet auf. Der Franzose macht mobil. Wir sind von Feinden umgeben.“

„Wer oder was hat sie uns zu Feinden gemacht? Was meinen Sie?“

„Der Franzmann hat die Niederlage 1870/71 nicht verwunden. Er sinnt auf Rache.“

„Hat er nicht allen Grund dazu? Ist er damals fair behandelt worden? Die Krönung des deutschen Kaisers in den heiligen Hallen von Versailles! Der Verzicht auf Elsass-Lothringen.“

„Elsass-Lothringen gehörte zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Ludwig XIV. und Napoleon haben es uns gestohlen.“

„Nun ja, aber die Hälfte seiner Einwohner spricht französisch. Wäre es nicht besser, die Region zu einem Kern eines vereinten Europas zu machen?“

„Wir dürfen unsere Reichsbürger nicht verraten, Herr Direktor.“

„Und warum schlägt der Kaiser sich mit Russland, mit seinem Cousin, dem Zaren?“

„Der Zar hat sich mit Frankreich vereint, um uns zu schaden. Der Kaiser hat ihn lang genug gebeten, sich aus einem Waffenhandel herauszuhalten.“

„Nun, der Zar hat Interessen im Balkan, die denjenigen der Österreicher widersprechen. Und er weiß von dem unseligen Pakt unseres Kaisers mit der Donaumonarchie.“

„Herr Direktor, die Österreicher sind derzeit unsere einzigen Freunde.“

„Keine anderen Freunde? Hat unser Wilhelm II. da etwas falsch gemacht?“

„Vielleicht die Engländer …“

„Die hat er doch auch verärgert mit dem Ausbau seiner Flotte.“

„Aber auch da sind verwandtschaftliche Bande …“

„Auf die sich keiner verlassen kann, lieber Herr Waischwillat. Eine letzte Frage noch. Sie haben doch gedient. Sagen Sie mir, was ist die größte Gefahr im Falle eines Krieges?“

„Wie meinen Sie das?“

„Seien Sie mal General. Was wollten Sie am dringendsten vermeiden?“

„Ich verstehe nicht …“

„Nun, der Kaiser hat dem Zaren den Krieg erklärt, der residiert im Osten, die Franzosen …“

„Stehen im Westen. Sie meinen einen Zweifrontenkrieg?“

„Genau. Ich bin kein Militärexperte, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass eine solche Lage von Vorteil ist.“

„Herr Direktor, wir haben das schlagkräftigste Heer in ganz Europa, wir werden die Franzmänner und die Russen in die Schranken weisen, und ich werde mein Anteil dazu beitragen. In ein paar Wochen stehe ich wieder hier und setze mein Studium fort.“

„Ich sehe schon, Ihr Entschluss steht fest“, seufzte Direktor Schramm erneut.

„Unbedingt. Ich habe heute den Einberufungsbescheid erhalten.“

„Dann kann ich weder bitten noch betteln. Herr Waischwillat, möge Gott sie behüten und unserem Vaterland gnädig sein. Sie können sich ihren Studiennachweis bei Gelegenheit abholen. Ich lasse ihn anfertigen und bereitlegen.“

„Danke, Herr Direktor. Otto Waischwillat meldet sich ab.“

Otto drehte sich und verließ mit schnellen Schritten das Zimmer. Als er die Tür schloss, hört er noch: „Möge Gott sie behüten.“

In seinem Zimmerchen hatte er schon gepackt und seiner Vermieterin die Kündigung überreicht, brav mit der Miete für den gerade begonnenen August. Die verabschiedete ihn unter Tränen mit den gleichen Worten: „Möge Gott sie behüten, lieber Herr Waischwillat.“

Ganz Berlin war im Ausnahmezustand. Extrablätter der Zeitungen überschwemmten die Straßen. Es herrschte eine fast hysterische Euphorie. Nachdenklichkeit oder Zukunftsängste suchte man vergeblich. Und wenn sie jemand hegte, dann traute er sich nicht sie auszusprechen.

„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“, hatte Kaiser Wilhelm II. vom Balkon gerufen. Da meinten auch viele kritische Sozialdemokraten, sich dem nicht entgegenstellen zu können.

Am Sonntag trafen sich die Freunde noch einmal in ihrer Kneipe. Alle vier hatte die Einberufung ereilt. Konrad sollte sich in Kassel melden. Alfred in Cottbus und Karl in Hannover. Sie tauschten ihre Adressen aus und schworen sich, Briefe zu schreiben und sich, wenn der Krieg in ein paar Wochen beendet sei, wieder in Berlin zu treffen.

***

Ottos Einsatzort war Prenzlau. Dort meldete er sich beim Infanterieregiment 64. Nach seiner Einkleidung wurde er unter das Kommando von Oberst von Henk ins Reserveinfanterieregiment 207 versetzt. In allen Reserveeinheiten herrschte ein ziemliches Durcheinander, es galt die Waffen- und Munitionsdepots aufzufüllen, die Ausrüstung der Soldaten dem neuesten Stand anzupassen und mit der neuen Ausrüstung zu schulen. Mit den Kenntnissen seiner bestandenen Ausbildung als Zahlmeister konnte Otto sich in vielerlei Weise nützlich machen, zusätzlich war seine Schulung der Reservisten am MG sehr erfolgreich. Das fiel auf höherer Ebene auf und er wurde am 28. August zum Feldwebel befördert.

In der zweiten Oktoberwoche war es so weit. Sie wurden an die Westfront nach Belgien verlegt. Für Ottos Einschätzung viel zu früh, denn sowohl die Ausbildung als auch die Ausstattung der Soldaten hielt er noch nicht für abgeschlossen. Er sollte Recht behalten.

Die belgische Hauptstadt hatten die deutschen Truppen schon eingenommen. Ottos Einheit, das XXII. Reservekorps mit der 44. Reservedivision, sollte ab dem 20. Oktober mit anderen Verbänden nördlich der flandrischen Stadt Dixmuide den Übergang über die Yser erkämpfen, ein Fluss, der durch Flandern fließt und bei Nieuwpoort in die Nordsee mündet. Dabei standen den deutschen mäßig vorbereiteten Reservisten wild entschlossene belgische und britische Berufssoldaten gegenüber, verstärkt durch eine französische Brigade. Unerfahrenen deutschen Offizieren war zudem entgangen, dass der Ort Dixmuide zu einer Festung ausgebaut worden war. Die Gefechtslage war unübersichtlich. Die benachbarte 43. Reservedivision bekam den Auftrag, Dixmuide zu stürmen, biss sich aber am verbitterten Widerstand die Zähne aus. Daher sollte Ottos Einheit den Ort nördlich umgehen und aus dem Rücken angreifen.

Otto als Führer eines selbstständigen MG-Zuges mit vier MGs gehörte zur zweiten Linie, weil die schwerfälligen Schnellfeuergewehre nur langsam die Stellungen wechseln konnten und aus den schon beschriebenen Mängeln die wenigen Munitionsfuhrwerke bei zu schnellem Vormarsch nicht hinterherkamen. Dennoch schaffte er es mit List und Umsicht, die Frontsoldaten bei ihrem Vorstoß erfolgreich zu unterstützen. So gelang der Einheit der Durchbruch über die Yser. Das Unternehmen musste aber abgebrochen werden, da die 43. Division an der Einnahme Dixmuides erneut mit großen Verlusten gescheitert war. Ende Oktober musste das Oberkommando der 4. Armee in Flandern sich eingestehen, dass ein weiteres Anrennen sinnlos war. In Folge der tagelangen Materialschlacht war es zu Engpässen in der Versorgung mit Nachschub und Verpflegung gekommen. Man befahl die Stellungen zu befestigen und zu halten und die Bestände aufzufüllen.

Nach etlichen Umstellungen verschiedener Truppenteile wurde Anfang November zu einem zweiten Schlag ausgeholt. Die verstärkte 43. Division begann erneut den Sturm auf Dixmuide und südlich davon bei Bixschoote-Langemarck stürmte Ottos Einheit gut einen Kilometer vor bis an den Yserkanal und machte zahlreiche französische Gefangene. Auch da zeichnete sich sein MG-Zug besonders aus. Dieser kurze, seltene Lichtblick eines deutschen Erfolges, zudem noch von jungen Reserveeinheiten, wurde von der Obersten Heeresleitung zum Langemarck-Mythos hochstilisiert und fand den Weg auf die ersten Seiten der deutschen Presseorgane.

Zur selben Zeit nahmen die Soldaten der 43. Division in verlustreichem Häuserkampf die Festung Dixmuide endlich ein und machten über tausend französische und englische Gefangene. Dennoch war der deutsche Plan gescheitert, bis an die Küste, ja sogar bis Calais vorzudringen,...



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