E-Book, Deutsch, 276 Seiten
Walter Autokraten sterben einsam
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-8783-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine satyrische Fantasiereise durch das Jenseits
E-Book, Deutsch, 276 Seiten
ISBN: 978-3-6957-8783-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meine Jugend verbrachte ich lange Zeit damit, die Hürden zu bewältigen, die meine Familie mit gelegentlich eskalierenden Konflikten meiner Eltern errichtete, sowie mit teils nicht ganz legitimen, oft aber erfindungsreichen Abenteuern. Zum Glück erfand ich dabei für mich die Rolle des Problemlösers, war darin ziemlich erfolgreich und das verschaffte mir ein gutes Maß an Zuversicht und Resilienz. Die Hauptschule bewältigte ich mit mittelmäßigen Noten, erlernte dann einen grundsoliden Handwerksberuf, war danach durch Kriegsdienstverweigerung, wie man das damals nannte, Sanitäter auf einem Krankenwagen geworden. Ich entdeckte dabei mein Interesse am gelegentlich ungewöhnlichen Verhalten meiner Mitmenschen und erprobte mich in laienhaften Erklärungsversuchen, legte damit einen weiteren Grundstein für mein späteres berufliches Tätigkeitsfeld. Über den Besuch eines Gymnasiums für Erwachsene - Abschluss mit Strebernoten - sowie dem Studium der Psychologie wurde daraus eine Berufung und fundierte Profession als Psychotherapeut. Heute bin ich aber nur noch Renter und gelegentlich auch Coach und Autor.
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Das Nichts
„Der Präsident kommt zu uns.“ Die Schlagzeile in der Lokalzeitung war nicht zu übersehen. Und die Aufregung in der Bevölkerung war groß, denn das war für den kleinen Ort eine große Sensation. Reporter hatten Jekaterinville wie Heuschrecken überfallen und wollten die unsinnigsten Dinge von den Bewohnern wissen. „Mit welcher Farbe würden Sie ihren Ort charakterisieren?“, wurde ein junger Mann von einem aufstrebenden Volontär gefragt. Der hatte daraufhin zynisch lächelnd gesagt: „Rosarot, wie ein Bonbon.“
Ein betörender Duft von blühenden Magnolien hängt an diesem Tag in der Luft und macht die Menschen in der kleinen Stadt beinahe betrunken. Der leichte Hauch vom warmen Wind hat ihn vom nahen Park hierher geweht. Heute ist der Präsident angekommen. Ganz unbefleckt davon, ist es der bisher schönste Frühlingstag im Mai des Jahres und die Sonne scheint verschwenderisch, hier in Jekaterinville. Schauen wir uns doch einmal um, dann können wir erkennen: Es ist ein urbanes Städtchen, mit gepflegten Häusern und regem Leben in den Straßen und auf den Plätzen, gelegen an einem großen, fischreichen See, auf dem an Tagen wie heute Segelboote ihre Bahnen ziehen und an dessen Strand die Kinder ausgelassen toben. Idyllisch ist es anzusehen, wie die kleine Stadt, malerisch eingerahmt, zwischen Bergen und gesunden Wäldern liegt. Dies hier ist scheinbar eine heile Welt, in der man gerne leben möchte, wenn man den Lärm der Großstadt meiden will und die Ruhe liebt.
Doch der Präsident, in seiner ach so begrenzten Wirklichkeit, hat dafür keinen Blick und riecht auch nicht die Blüten. Er ist halt ein blütenreiner Autokrat. Wichtig sind für ihn nur er selbst und sein Auftritt, der eben erst beginnt. Auf dem größten Platz in diesem Jekaterinville steht er auf einer weiten Bühne, hinter ihm aufgereiht viele Fahnen der Nation und vor ihm sehr viele Menschen, die sich versammelt haben, um ihn zu sehen und von ihm zu hören, wie er die Welt zuerst verbal zerstört und dann mit abstrusen Mitteln wieder retten will.
Wieder einmal streut er gerade seine aufpeitschenden Worte unter die Anwesenden und merkt, wie die Masse ihm folgt, hört ihren Jubel an den kalkulierten Stellen. Alles scheint also wie immer und die Zeit vergeht. Doch ganz plötzlich ist dann alles anders. Inmitten eines rhetorischen Höhepunktes zerreißt ein lauter Knall den gewohnten Gang der Dinge – zerstört in Bruchteilen von Sekunden sowohl die Illusion von Kleinstadtidylle als auch von unendlicher Macht. Der Autokrat spürt einen heftigen Schlag gegen seine Brust, und unmittelbar darauf folgt ein zweiter, jetzt gegen seinen Kopf, und der reißt den Autokraten um. Den Aufschrei der Menge und den zweiten Schuss, das alles hört er schon gar nicht mehr. Es trifft zu spät auf seine Ohren, denn zuvor war es in seiner Wirklichkeit bereits dunkel geworden. Das Nichts beginnt.
Ein Nichts wird immer wieder sein, am Ende jedes Seins und auch davor, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Doch einzig wahr für dich, du kleine autokratische Menschenseele, ist deine beengte, kurze Wirklichkeit dazwischen. Mensch, du weißt doch eigentlich um das unendlich weite Universum, das irgendjemand oder irgendwas geschaffen hat, mit der Milchstraße darin, als eine unter vielen Galaxien. Und du weißt auch um den kleinen hellen Stern, den du als Sonne kennst, der einer unter vielen, unendlich vielen hellen Flecken in dem Sternenhaufen ist – weniger als ein heißes Staubkorn in dieser Unendlichkeit. Und du weißt auch, dass du dort mit jenem kleinen Planeten in einer Laufbahn um den hellen Fleck „Sonne“ kreist. Du weißt, dass seine dünne Schicht von Odem auf wundervolle Weise geeignet ist zum Atmen, um dich am Leben zu erhalten. Du weißt das alles, Mensch, und schaust doch so oft weg, nimmst dich selbst zu wichtig, zerstörst den dünnen Lebensraum, obwohl er doch der einzige ist, den du hast, nur weil du nicht begreifen willst.
Warum ist es bei all deinem Wissen nur so schwer für dich, du kleiner Mensch und aufgeblähter Autokrat, so unendlich schwer, zu akzeptieren, dass du in diesem Universum unbedeutend bist? Glaubst du denn, dass es dich vernichten würde, wenn du dich trautest, der ganzen Dimensionen gewahr zu werden? Würdest du denn wirklich Schaden nehmen, wenn du bereit wärst, angesichts der einzig wirklichen Wahrheit demütig zu sein und Liebe für die Schöpfung zu empfinden?
Wenn du doch nur die Stimme in dir suchtest, die dir sagt: „Habe Mut und schau wahrhaftig hin!“ Wenn du doch nur dieser Stimme folgen würdest, dann würdest du die Angst verlieren und im selben Augenblick würdest du verstehen, dass du gerade in diesem Moment größer bist als jedes Universum, das dich umgibt. Denn nichts ist größer als deine Liebe, deine Demut und deine Erkenntnis.
Der Autokrat hatte all dies bis zu seinem Tode nicht erkannt. Aber den Autokraten gab es jetzt nicht mehr. Die unbedeutende Bedeutung dieses kleinen Wesens war verblichen, ohne jede Spur, und sein kläglicher Ruf nach Macht war in der Unendlichkeit verhallt. Und dann war selbst sein Universum nicht mehr, und das Nichts hatte wieder einmal begonnen und alles Sein für eine kleine Ewigkeit abgelöst.
Doch halt! Das ging zu schnell! War da nicht eben noch ein rauschendes Geräusch? Da denkt man sich: „Das kann doch gar nicht sein. Hier im Nichts dürfte doch überhaupt nichts existieren.“ Und das stimmt. Es ist kein materielles Geschehen, was da zu erleben ist. Es ist allein die Seele dieses Autokraten. Sie bäumt sich tatsächlich noch einmal auf und weigert sich partout, in das Nichts einzutreten. Das autokratische Streben jenes ehemaligen Präsidenten weht wohl noch ins Jenseits nach, möchte man vermuten. Die Seele klammert sich vehement an das vergangene Leben, das doch gar nicht mehr zu erreichen ist. Mit ihren geisterhaften Gollum-Fingern, hält sie sich verzweifelt am nichtstofflichen Rand des Orkus fest – mit allerletzter Kraft, doch ohne jede wahre Chance. Und was man zu hören vermeint, sind ein gegenstandsloses Rauschen und eine feine, körperlose Stimme, die so etwas sagt, wie: „Mein Schatz, ich will nicht von dir lassen!“
Mit einem Mal kommt uns das Erkennen: Was da sphärisch zu uns dringt, klingt wie die Wasserspülung eines WCs. Doch das ist Täuschung, denn es ist vielmehr ein mächtiger Willensstrom, der die vergleichbaren Geräusche suggeriert. Diesen Gewalten kann sich auch eines Autokraten Kern nicht auf Dauer widersetzen. Und mit einem unhörbaren Schrei zerfließt er dann, der letzte Wille des ehemaligen Autokraten. Was an kärglichen, ätherischen Trümmern jetzt noch bleibt, stürzt hinab in die Dunkelheit. Es ist vorbei. Endlich Stille, endlich Ruhe vor dem Despoten. Mit einem imaginären „Pling“ war das allerletzte Licht erloschen.
Und nun denken wir Menschen in unserer beschränkten Wirklichkeit an dieses Nichts und wollen es verstehen. Es ist etwas Dunkles für uns – so ist doch unser aller Glaube? Ein Nichts erscheint uns ohne jedes Licht, ohne jede Zeit und ohne jeden Raum. Es muss einfach substanzlos sein und von unseren Sinnen nicht zu erfassen. So denken wir, denn es ist niemand und nichts während eines Nichts – kein Ding, kein Geräusch, kein Geruch, keine Wärme oder Kälte. Wie sollte es auch möglich sein, dass während eines Nichts noch etwas existiert und sich seine absolute Leere nach etwas anfühlt oder wahrzunehmen ist? Und dieses Denken wird immer bleiben, denn weil es ein Nichts ist, lässt es sich auch niemals von uns hinterfragen.
Es vergehen unendliche Zeiten. Doch halt, wie sollen wir denn wissen, dass in der Unendlichkeit des Nichts noch Zeit vergeht? Mit unseren begrenzten Möglichkeiten müssen wir doch Zweifel daran haben. Aber wir werden darauf niemals eine Antwort finden. Einzig sicher ist nach unserem Denken, dass alles, was geschieht und was geschehen ist und was geschehen wird, nur im Sein geschehen kann, im Materiellen. Um die Unendlichkeit auch nur im Ansatz auszudrücken, müssten für uns Erdenbewohner jetzt vielleicht viele der folgenden Seiten unbedruckt sein oder gar alle. Doch das möchte ich dir und mir in keinem Fall zumuten. Also wagen wir trotz ungeklärter philosophischer Fragen einfach den Gedankensprung in eine unbekannte Zukunft.
Sie beginnt ganz unspektakulär. Mit einem Mal erscheint eine nicht greifbare Absicht für eine neue Wirklichkeit im Nichts. Sie ist nicht zu hören, nicht zu sehen, mit keinem Sinn ist sie zu erfassen, und dennoch lässt sie mit ihrem Erscheinen zwei grundlegende Worte entstehen, und die sind:
„Ich bin.“
Kein Mensch ist da, der diese Worte spricht oder sie wahrnehmen kann. Doch wäre es so, dann würde er spüren: Es liegt eine Gewissheit mit einer Kraft darin, die sie zum Samen eines neuen Seins und zu einem Beginn von Allem in dieser neuen Wirklichkeit macht. Mit der Gewissheit „Ich bin“ werden ein neuer Raum und eine neue Zeit geboren. Und im allmählich werdenden Raum und mit werdender Zeit, kommen weitere Worte hinzu, formen sich zum Denken. Sie verdichten sich und das Denken wird mehr und mehr, fügt...




