E-Book, Deutsch, Band 410, 272 Seiten
Reihe: KBV Krimi
Walter Sherlock Holmes, Sisi und das Erbe des Karl Marx
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95441-425-3
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 410, 272 Seiten
Reihe: KBV Krimi
ISBN: 978-3-95441-425-3
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klaus-Peter Walter, Dr. phil., geb. 1955 in Michelstadt/Odw., studierte Slawistik, Philososophie und osteuropäische Geschichte in Mainz und promovierte 1983. Er lebt als freier Autor in Bitburg/Eifel. Von 1993 bis 2014 war er Herausgeber des Lexikons der Kriminalliteratur LKL und schrieb neben zahlreichen Kurzgeschichten in diversen Anthologien auch für FAZ, Kindler und Reclam. Seit 2008 schreibt er Sherlock-Holmes-Romane, -Erzählungen und -Hörbücher.
Autoren/Hrsg.
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I.
Wir hatten unsere Freundschaftsbande noch nicht lange geknüpft und unsere gemeinsamen Räume in der Baker Street noch nicht lange bezogen, als mich einige schwer erträgliche Eigenarten meines Mitbewohners Sherlock Holmes zu ärgern begannen. So blendend organisiert sein Gehirn war, so unerträglich erschien mir seine Unfähigkeit, Ordnung in seinen Siebensachen zu schaffen und zu halten. Dies betraf nicht nur ihn selbst, sondern vor allem seine Bibliothek, die gleichzeitig unsere gemeinsame Bibliothek war und die auf verschiedene Schränke, Regale und Tische in unserem Wohnzimmer verteilt war. Das heißt, einige Dutzend Bände stapelten sich auch in bedenklicher Schräglage neben seinem Bett auf seinem Nachtschränkchen, aber das sei hier nur am Rande vermerkt.
»Eines Tages werden Sie noch im Schlaf von dem umstürzenden Bücherturm erschlagen werden«, warnte ich deshalb besorgt, als ich der absturzgefährdeten Literaturlawine einmal zufällig ansichtig wurde.
»Was kann es Schöneres geben, als sein Leben unter einem Berg von Büchern auszuhauchen?«, erwiderte er gelassen. »Irgendwie habe ich mir das Paradies immer als eine große Bibliothek vorgestellt. Und eigentlich wollte ich auch gar nicht Detektiv werden, sondern Leser.«
»Kein sehr einträgliches Gewerbe, wenn man nicht gerade der oberste Literaturkritiker der ist! Trotzdem kenne ich außer Ihnen niemanden, der für Bücher mehr ausgibt als für Kleidung! Vom Essen ganz zu schweigen!«
»Da mögen Sie recht haben! Aber …« Er brach ab, um kritisch, mit hochgezogener rechter Braue, die Zeitschrift zu beäugen, in der ich gerade las. Es war ein illustriertes Journal voller Klatsch- und Tratsch-Geschichten aus der europäischen High Society. Mrs Hudson hatte es mir überlassen, nachdem sie gemerkt hatte, dass ich mich für so etwas mehr interessierte, als sich ein Gentleman anmerken lassen sollte. »Ich wusste gar nicht, dass Sie sich so sehr für den Sittenverfall des europäischen Hochadels interessieren, Watson!«
»Tue ich das?«, fragte ich, Arglosigkeit vortäuschend. Kein Zweifel: Holmes spielte wieder das Spiel , das mir damals, am Anfang unserer Freundschaft, noch nicht so vertraut war. Heute beherrsche ich es so gut, dass ich es jederzeit mit mir selbst spielen könnte.
»Natürlich tun Sie das, Watson! Sie lasen wie gebannt, vom Text fasziniert und regelrecht gefesselt. Dann fiel Ihr Blick auf die patriotischen Initialen VR, die ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, im Kokain-Rausch in die Wand geschossen habe. Sie schüttelten den Kopf, fassten sich an Ihre Schulter. Dann lächelten Sie und lenkten Ihren Blick wieder in das Journal zurück. Sie dachten also zuerst an unsere verehrte Queen und kamen kopfschüttelnd zu dem Schluss, dass sie niemals solche Dinge tun würde wie die habsburgischen Damen in Österreich. Dann betasteten Sie Ihre Schulter, in der noch immer eine Taliban-Kugel steckt. Zweifellos dachten Sie an die Verteidigung von Gaeta, die Franz II. von Sizilien und seine wackere Gemahlin Königin Marie, heldenhaft bis zum Ende, durchstanden. Und von der handelt, wie wir wissen, der Hauptartikel dieser Hausmädchen-Postille. Habe ich recht?«
»Sie haben wie immer recht, Holmes. Ja, der Artikel handelt von Marie von Sizilien. Sie ist eine begeisterte Jägerin und besitzt ein Jagdschloss hier in England. Dorthin lud sie auch ihre Schwester Kaiserin Sisi von Österreich ein. Wussten Sie eigentlich, Holmes, dass ich damals die Kaiserin leibhaftig mit eigenen Augen gesehen habe?«
»Und Sie sind nicht spornstreichs erblindet vor Glück?«
»Spotten Sie nur, Holmes, spotten Sie nur! Mein Großonkel Ebenezer hatte mich gegen Ende meiner Studienzeit auf ein längeres Wochenende eingeladen. Ich arbeitete gerade in Edinburgh an meiner Dissertation. Die Abwechslung kam mir gelegen, um auf andere Gedanken zu kommen, und so fuhr ich zu ihm nach London. Sisi weilte ebenfalls gerade hier in England. Sie war auf dem Weg zum Buckingham Palace, wo ihr zu Ehren ein Empfang stattfinden sollte. Ich ging zufällig mit meinem Verwandten die Straße entlang, auf der sie unterwegs war, was ich aber nicht wusste. Verwundert waren wir nur über die vielen Leute, die da in der Sonnenhitze auf wen oder was auch immer warteten. Plötzlich kam Unruhe auf, weil einige offene Kutschen heranbrausten. Sie wären sicher in hohem Tempo an uns vorübergehuscht, hätte es nicht plötzlich eine Verzögerung gegeben. Irgendetwas zwang den Konvoi zum Anhalten. Genau vor uns kam die Kutsche des Prinzen von Wales zum Stehen. Er lächelte, während ihm eine schöne Frau gerade angeregt etwas erzählte. Man könnte sogar sagen, sie tuschelten miteinander. ›Die Kaiserin von Österreich‹, erklärte mir Onkel Ebenezer. ›Sisi.‹«
Ich hatte natürlich von ihr gehört. Sie galt schon damals als eine Art Märchenprinzessin. Als sie bemerkte, dass ich sie direkt anblickte, verbarg sie hastig ihr Gesicht hinter einem Fächer. Obwohl sie sehr schnell war, konnte ich gerade noch ihre grauen, unansehnlichen Zähne erkennen.
»Wenn ich solche Zähne hätte wie die Kaiserin, würde ich sie auch den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen trachten«, sagte ich zu meinem Onkel, doch den interessierte das wenig.
»Mein eitler Watson!«
»Nun ja! Dann setzte sich die Kolonne wieder in Bewegung. Offenbar war das Verkehrshindernis beseitigt. Im nächsten Augenblick waren die Wagen auf und davon.«
»Das war alles?«
»Das Eigentliche stand erst später in den Zeitungen. Es war ein Skandal!«
»Davon weiß ich gar nichts!«
»Es dürfte auch nicht zu den Dingen gehören, die Sie interessieren. Das provokante, despektierliche Betragen der Kaiserin war tagelang wichtigstes Thema selbst der seriösen Blätter. Sie hatte den Unmut von Königin Queen Victoria auf sich gezogen, deren Gehör bekanntlich schon damals mit den Jahren stark nachgelassen hatte. Sisi hatte es gewagt, mit voller Absicht so leise zu ihr zu sprechen, dass sie kaum ein Wort verstanden hatte.«
»Nein gar! So etwas aber auch!«
»Nicht wahr? Aber viel schlimmer war Sisis Konflikt mit ihrer Schwester Marie. Sisi war die weitaus bessere und elegantere Reiterin und obendrein eine famose Jägerin. Füchse und sogar Hirsche! Da war sie ja bei uns in England genau richtig. Marie konnte da nicht mithalten. Aus Verärgerung darüber, dass alle Engländer Sisi statt sie bewunderten, soll Marie Sisis Sohn, dem Kronprinzen Rudolf, erzählt haben, seine Mutter habe ein Verhältnis mit Captain Bay Middleton, dem Vorreiter. Seitdem, so wird erzählt, sprächen die beiden Damen kein Wort mehr miteinander.«
»Nicht auszudenken, was das für den Fortgang der Weltgeschichte bedeutet!«, spottete Holmes.
»Lachen Sie nur! Aber interessant ist es schon! Zudem schadet mein kleines lasterhaftes Interesse an ausländischen Royals niemandem. Aber wo wir gerade bei der Weltgeschichte sind: Ich vermisse eines meiner Bücher. Ein militärmedizinisches Fachbuch. Ganz neu. Dieses Jahr in Edinburgh und London erschienen. Der Verfasser heißt Brown. Dugald Blair Brown. Er diente in derselben Einheit wie ich, nur früher. Etwas älter als ich. Er hat es mir schon vor der Auslieferung geschickt, noch ohne Einband. Außen drauf hat er eine Widmung geschrieben. Es lag hier auf dem Rauchtisch. Jetzt ist es weg. Wissen Sie, wo es geblieben ist?«
»Wie lautet der Titel?«
». Wie gesagt, es hat keinen Einband.«
»Ja, der fehlende Einband war es auch, der mir ins Auge stach. Ich nahm es zur Hand blätterte es durch. Eine Illustration erweckte mein besonderes Interesse, und ich begann ein wenig darin zu lesen. Ohne Sie vorher um Erlaubnis zu bitten, wie ich einräumen muss, aber Sie weilten in der Praxis bei Ihren Patienten. Als ich wusste, was ich wissen wollte, schlug ich das Buch zu und legte es wieder irgendwohin.«
»Geht das auch ein bisschen genauer? Wo liegt es denn jetzt?«
»Es kann durchaus sein, dass ich inzwischen das eine oder andere Buch obendrauf gelegt habe. Warten Sie … Es war am Montag voriger Woche, nicht wahr? Sie halfen, Zwillingsbuben auf die Welt zu bringen. An jenem Nachmittag befasste ich mich mit den folkloristischen Elementen in der von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Gleich nachdem ich mich mit den Padaung der Shan befasst hatte.«
Nun wusste ich, dass mein Freund sich prinzipiell für alles interessierte. In diesem Fall aber hatte ich keine Ahnung, wovon er sprach. »Den was?«
»Na, diesen mit Metallringen verlängerten Hälsen der Shan-Frauen. Auch Kayan...




