Walther | Das Weihnachtslied Eine Erzählung für Junge Mädchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 185 Seiten

Reihe: Classics To Go

Walther Das Weihnachtslied Eine Erzählung für Junge Mädchen


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98826-074-1
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 185 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98826-074-1
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
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Auszug: Die Adventszeit hatte begonnen. Am Morgen war der erste Schnee gefallen; jetzt erglänzte der Abendhimmel klar und rein; die mit den feinen Krystallen des Rauhreifs geschmückten Zweige hoben sich scharf ab von seinem leuchtenden Hintergrunde; vom nahen Rain herüber hörte man die Stimmen jubelnder Kinder, die zum erstenmal in diesem Jahre auf ihren Handschlitten die rasche, immer aufs neue beginnende Reise machten, vom Hügel zur darunter liegenden Wiese. Am Ende einer Lindenallee, die mit ihren feinen Zweigen ein besonders strahlendes Bild in der lichten Landschaft abgab, wenige Minuten nur von der kleinen Stadt entfernt, öffnete sich jetzt die Thüre eines großen, grauen Hauses, und mit leisem, fröhlichem Geplauder erschienen auf der Schwelle etwa 20 bis 25 jugendliche Gestalten, einige schon jungfräulich erscheinend, andere noch in der Kindheit stehend. Sobald sie die breite Freitreppe verließen, war es, als sei ein Trupp gefangener Vögel in Freiheit gesetzt worden: die älteren wanderten paarweis oder zu dreien plaudernd dahin; die jüngeren versuchten zu schlittern, und hie und da griff eine mit etwas scheuem Seitenblick nach den Fenstern des Hauses wohl auch nach einem Schneeball, eine fröhliche Kanonade zu beginnen. Da hörte man etwas lauter als gewöhnlich eine schlanke Blondine sagen: ?Kinder (Kinder ist eine sehr oft gebrauchte Anrede zwischen Backfischen), sie ist reizend!? Als ob das Signal zum Sammeln geblasen wäre, so flogen jetzt die Köpfe aller größeren Mädchen nach der Seite der Sprecherin; sie stand sofort von einem dichten Kreis umgeben, aus welchem immer wieder die Ausdrücke: ?Entzückend! einzig! süß! zu lieb!? zu hören waren.

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1.
Einleitung.
Die Adventszeit hatte begonnen. Am Morgen war der erste Schnee gefallen; jetzt erglänzte der Abendhimmel klar und rein; die mit den feinen Krystallen des Rauhreifs geschmückten Zweige hoben sich scharf ab von seinem leuchtenden Hintergrunde; vom nahen Rain herüber hörte man die Stimmen jubelnder Kinder, die zum erstenmal in diesem Jahre auf ihren Handschlitten die rasche, immer aufs neue beginnende Reise machten, vom Hügel zur darunter liegenden Wiese. Am Ende einer Lindenallee, die mit ihren feinen Zweigen ein besonders strahlendes Bild in der lichten Landschaft abgab, wenige Minuten nur von der kleinen Stadt entfernt, öffnete sich jetzt die Thüre eines großen, grauen Hauses, und mit leisem, fröhlichem Geplauder erschienen auf der Schwelle etwa 20 bis 25 jugendliche Gestalten, einige schon jungfräulich erscheinend, andere noch in der Kindheit stehend. Sobald sie die breite Freitreppe verließen, war es, als sei ein Trupp gefangener Vögel in Freiheit gesetzt worden: die älteren wanderten paarweis oder zu dreien plaudernd dahin; die jüngeren versuchten zu schlittern, und hie und da griff eine mit etwas scheuem Seitenblick nach den Fenstern des Hauses wohl auch nach einem Schneeball, eine fröhliche Kanonade zu beginnen. Da hörte man etwas lauter als gewöhnlich eine schlanke Blondine sagen: „Kinder (Kinder ist eine sehr oft gebrauchte Anrede zwischen Backfischen), sie ist reizend!“ Als ob das Signal zum Sammeln geblasen wäre, so flogen jetzt die Köpfe aller größeren Mädchen nach der Seite der Sprecherin; sie stand sofort von einem dichten Kreis umgeben, aus welchem immer wieder die Ausdrücke: „Entzückend! einzig! süß! zu lieb!“ zu hören waren. „Ja“, rief eine kleine runde Braune, „es giebt nur eine Fräulein Feldwart. O, wie ist sie liebevoll! und so anmutig! Stundenlang kann man ihr mit Spannung zuhören; bei der alten Fräulein Klug wurde ich immer in der ersten Viertelstunde müde!“ „Was weiß sie alles“, rief eine andere, „wie erzählt sie, wie schön singt sie!“ Der Gegenstand dieser Begeisterung war die neue Lehrerin, Martha Feldwart, welche seit Ostern in die Schule der Frau W., für die alte, gebrechlich gewordene Fräulein Klug, eingetreten war. Jetzt öffnete sich die Hausthüre noch einmal, und die schwärmerisch Verehrte erschien auf der Schwelle, in der Hand den Regenschirm und die Mappe mit den Zeichnungen, Noten und Büchern. Es war eine leichte, schlanke Gestalt, mit einem feinen, ein wenig blassen Gesichte, dessen dunkle Augen in lieblicher Freundlichkeit leuchteten, als die jungen Mädchen sie umdrängten, und von allen Seiten die Bitte ertönte: „Ach, lassen Sie mich Ihren Regenschirm tragen! Ihre Mappe, Fräulein Feldwart!“ „Laßt es mir nur“, sagte sie mit angenehmer, herzlicher Stimme, „ich kann es ja doch nicht allen zugleich geben.“ „Aber jeder ein kleines Stück, bitte, bitte!“ fing der Chor noch einmal an, und die Kühnsten hatten sich schnell in Besitz der fraglichen Gegenstände gesetzt. „Trugt ihr Fräulein Klug auch immer die Mappe nachhaus?“ fragte Fräulein Feldwart. Die Kinder blickten sich an mit wunderlichen Gesichtern; endlich sagte eine: „Ach, das hätten wir gar nicht gewagt; sie sah immer so böse aus, Fräulein Feldwart!“ „O“, erwiederte diese ernst, „sie ist gewiß immer recht müde und matt gewesen, die Arme! Wie schwer mag ihr der Unterricht bei ihren Schmerzen in letzter Zeit geworden sein. Nun hört! bis an die Ecke der Schustergasse dürft ihr mir die Sachen tragen, — wenn ihr es durchaus wollt; dann gebt ihr sie mir ohne Widerrede und laßt mich alleine nachhause gehn.“ Wenn Fräulein Feldwart so bestimmt sprach, war ihr nichts abzuhandeln, gar nichts! das wußten die Kinder. Die Schustergasse war schnell erreicht, und mit herzlichem Gruße trennten sich Lehrerin und Schülerinnen. „Warum wir nicht weiter mitkommen sollen?“ fragte die kleine braune Helene. „Ich glaube, ich weiß es“, rief die blonde Eva, „es ist von wegen der Klug, die wohnt mit ihr in einem Hause!“ „Hört!“ fing jetzt Agnes mit leuchtenden Augen an, „mir fällt eben etwas zu Schönes ein; sie ist noch so fremd hier; wir müssen ihr zu Weihnachten ein Bäumchen putzen, und jede von uns hängt eine kleine Arbeit daran.“ Begeisterung und Zustimmung von allen Seiten! Welch neuer Stoff zur Unterhaltung! An jeder Straßenecke gab es vor der Trennung noch eine lange Konferenz, und den Müttern wurde zuhause kaum Zeit gelassen, sich nach der ungewöhnlichen Verzögerung des Heimwegs zu erkundigen. Bevor noch das sonst so ersehnte Vesperbrot angerührt wurde, waren sie überschüttet mit den schönen Weihnachtsplänen, und die meisten von ihnen, froh über den beglückenden Einfluß der jungen Lehrerin, boten gerne die Hand zu ihrer Ausführung. Indessen hatte Martha Feldwart das bescheidene Haus erreicht und die beiden Treppen erstiegen, welche zu ihrer einfachen Wohnung führten. Angenehm überrascht blieb sie einen Augenblick auf der Schwelle stehen; das Feuer im Ofen brannte schon und verbreitete eine behagliche Wärme; der Kaffeetisch war gedeckt, und die kleine Kanne stand in der Ofenröhre. „Die gute Fräulein Klug!“ rief die Eintretende gerührt, „da hat sie ’mal wieder alles für mich gethan, trotz ihrer steifen Glieder!“ Kaum hatte sie Hut und Mantel abgelegt, da eilte sie den Korridor entlang zum Stübchen der alten Kollegin, ihr Gruß und Dank für ihre Mühe und Sorgfalt zu bringen. Es war eine krumme, gebeugte Gestalt mit einem Angesichte voller Runzeln und Falten, die dort im Lehnstuhl ruhte, und da sie viel an Gliederschmerzen litt, trugen ihre Züge einen leidensvollen, grämlichen Ausdruck; aber aus den Augen leuchtete es doch freundlich, als sie ihrer jungen Nachfolgerin die welke Hand entgegenstreckte: „Ich bin ja froh, Fräulein Marthchen, wenn ich noch ’mal was thun darf“, erwiderte sie auf Marthas warmen Dank. „Sie sollten herüber kommen und den Kaffee mit trinken!“ bat diese. „Lassen Sie mich, liebes Kind! ich habe eben eine Lage gefunden, in welcher ich es ohne Schmerzen aushalten kann, und Sie müssen ja doch dann Hefte korrigieren; da können Sie keine Gesellschaft gebrauchen.“ „Ich sehe aber nachher noch einmal herein und helfe Ihnen ins Bett; das darf ich doch?“ „Gewiß“, lächelte die Alte, und die Jüngere kehrte in ihr ungemein sauberes, gemütliches Zimmer zurück. „Ich will mir doch morgen Wolle mitbringen zu einem Tuch für sie“, sagte sie leise. Schöne Adventszeit! Das Christkind ist nicht weit; seine Liebe dringt durch Paläste und Hütten, seine dienstbaren Geisterchen gehen von Haus zu Haus, von Herz zu Herz, erwecken Liebesgedanken, entzünden zu Liebesthaten: groß und klein, und alt und jung. Gar so schnell eilten Tage und Stunden dahin für alle die emsig schaffenden Hände; der Christabend erschien, bevor man sich dessen versah. Es war kein freundlicher Tag mit strahlendem Sonnenschein über der weißgekleideten Erde. Vom Morgen an tanzte der Schnee durch die Luft in so dichten Flocken, daß man kaum wenige Schritte weit sehen konnte; der Wirbelwind jagte ihn, schlug ihn an die Fensterscheiben, und trieb ihn den mühsam dahinschreitenden, vermummten Gestalten ins Gesicht, welche ihre letzten Weihnachtsbesorgungen machen wollten; er warf an den Straßenecken Schneeberge auf, als wollte er allen Verkehr hindern und hemmen; er entführte die leinenen Wände der Buden auf dem Weihnachtsmarkte, und dort an der Ecke, wo sie seiner Gewalt am meisten ausgesetzt waren, stürzten mit großem Krachen zwei Honigkuchenbuden um; der Besitzer schimpfte und rieb sich die Glieder, die etwas getroffen worden waren. Mit großem Hallo! und Heisa! eilte die Straßenjugend herbei, wühlte im Schnee und suchte verunglückte Honigkuchenmänner, Pfeffernüsse und Bonbons darunter hervorzuziehen. Der Mann wehrte, seine Frau drohte, aber es war ja Weihnachten! Ein sehr schlimmes Gericht erging nicht über die Eindringlinge, und manches arme Kind hielt in den kalten dunkelroten Händchen mit strahlendem Angesichte ein süßes Beutestück. Auch Martha hatte sich gegen Abend wohl vermummt noch einmal hinausgewagt mit einem Korb am Arme. Ihre Waschfrau war krank gewesen und erst seit wenigen Tagen wieder außer Bett; ihr trug sie etwas Lebensmittel und selbstgestrickte Müffchen und Strümpfe für die Kinder hin; viel konnte sie nicht erübrigen von ihrem kleinen Gehalt, aber es war ja Weihnachten! da mußte sie auch die Freude des Schenkens haben. Sie fand die Familie um ein Tannenbäumchen versammelt, an dem wenige Äpfel und Nüsse hingen und ein paar kleine Lichter brannten. Mit Jubel wurden ihre Gaben empfangen, und die Danksagungen aller folgten ihr, als sie von da den weiteren Weg zum Vespergottesdienst antrat. Es war ein rechtes Kämpfen gegen Sturm und Wetter; aber es war ja Weihnachten! Von rechts und links, aus kleinen Gassen und breiten Straßen eilten mit fliegenden Mänteln und Kleidern alte und junge Gestalten herbei, und als die kleine Kirche mit den lichtübersäeten, liliengeschmückten Weihnachtsbäumen die Wanderer in ihren Friedenshafen aufnahm, als ihnen entgegenklang: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit; das Kind, dem alle Engel dienen, bringt Licht in meine Dunkelheit, und dieses Welt- und Himmelslicht weicht hunderttausend Sonnen nicht“; — da verstärkte der Gegensatz von drinnen und draußen das selige Gefühl, beim Christkind geborgen zu sein vor allem Weh und allem Leid des Lebens. Auch in Marthas empfängliches Herz drang der Strahl der Weihnachtssonne,...



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