E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Wambach Das Mädchen, das die Welt in Flammen setzte
21001. Auflage 2021
ISBN: 978-3-646-60790-1
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Romantasy in der flammende Kräfte über das Schicksal der magischen Welt entscheiden
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-646-60790-1
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leni Wambach wurde 1997 geboren und lebt noch in ihrem Geburtsort Essen. Derzeit studiert sie Anglistik und Linguistik und belegt Sprachkurse in Italienisch, um eines Tages in ihrer Herzensheimat Italien wohnen zu können. Sie schreibt, seit sie denken kann, und taucht am liebsten in fantastische Welten ein - sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben. Wenn sie keines von beidem tut, macht sie Musik oder ist auf einem Pferderücken zu finden.
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Gavin
Gavin spähte über Fulvias Schulter und überflog die hastig hingekritzelten Zeilen, als seine beste Freundin und Mitjägerin keine Anstalten machte, den Brief vor ihm zu verstecken. Die Worte ließen ihn leise seufzen und er kehrte zu seinem Platz im Sessel am Fenster ihres gemeinsamen Arbeitszimmers zurück. Es war nicht das erste Mal, dass eine von Fulvias Bekanntschaften den Kontakt abbrach, sobald ihr bewusst wurde, wie viel Zeit Fulvia mit ihrer Arbeit verbrachte. Jägerinnen und Jäger, eine Art Gruppe von Auserwählten, die angeblich besser waren als die »einfachen Wachen« und sich für die Ausbildung durch besondere Prüfungen qualifizieren mussten, waren ein beliebtes Ziel für Annäherungsversuche. Allerdings auch äußerst schwierig im Unterhalt, wie ein älterer Jäger einmal spöttisch zu Gavin gesagt hatte.
»Sie hat länger gebraucht, als ich gedacht hätte«, erklärte Fulvia und warf den Brief auf den chaotischen Stapel auf ihrem Schreibtisch, vor dem sie stand.
»Fulvia …«
Sie zuckte mit den Schultern. »Es ist in Ordnung. Weißt du, was wir heute zu tun haben?«
Wenn sie nicht darüber reden wollte, konnte Gavin nicht viel tun, also ließ er das Thema widerstrebend fallen. Solange ihnen noch ein ganzer Arbeitstag bevorstand, würde sich Fulvia ohnehin kaum von diesem ablenken lassen. Mit recht, für den Turm der Hoffnung zu arbeiten forderte alles an Konzentration, das er aufbringen konnte. Er war zwar schon als Kind für diese Aufgabe auserwählt worden, übte seit Jahren, aber gerade in letzter Zeit fühlte er sich jeden Abend wie erschlagen. Er konnte es kaum erwarten, bald die letzten Prüfungen der Akademie der Jagenden abzulegen. Dann würden sie sich ihre Aufgaben in einem gewissen Rahmen aussuchen können und waren nicht nur für die Arbeit verantwortlich, die kein anderer übernehmen wollte. Das Los derer, die am unteren Ende der Nahrungskette standen.
»Gavin«, lenkte Fulvia seine Aufmerksamkeit ungeduldig wieder zurück in die Gegenwart.
»Jaja … Wir sollen zum Kantenwald gehen. Irgendetwas hat den Weidezaun eines Bauern in der Nähe eingerissen, wir sollen uns das näher ansehen«, beantwortete er ihre Frage und verdrehte die Augen. »Ist das überhaupt die Aufgabe der Akademie?«
Fulvia schaute ihn mahnend an. »Als Jäger der Akademie bist du dafür verantwortlich, die Bevölkerung der Insel zu schützen. Egal vor welchen Gefahren und wenn es nur ein wildgewordener Eber ist.«
»Das hast du schön auswendig gelernt«, murmelte Gavin.
Und hob bei ihrem noch finsterer werdenden Blick abwehrend die Hände. Für Fulvia war ihr Dasein als Jägerin der Akademie der Jagenden das Allergrößte. Es war ihre Gelegenheit, sich zu beweisen. Als Tochter von Ausgestoßenen war sie von Anfang an misstrauisch beäugt worden. Unberechtigterweise, wie Gavin fand, aber er war selbst nur der Sohn einfacher Leute. Die einzige Möglichkeit, wie er Fulvia helfen konnte sich einen Namen zu machen, war, Seite an Seite mit ihr seine Arbeit so gut er konnte zu verrichten.
»Na komm, lass uns gehen. Je schneller wir das erledigt haben, desto schneller sind wir auch wieder hier«, sagte er versöhnlich.
Fulvia schien einen Moment zu überlegen, ob sie ihm doch einen Vortrag halten sollte, dann nickte sie ergeben und setzte sich in Richtung Tür in Bewegung. Sie trug bereits ihre komplette Uniform, schwarze Hose und eine enge, rote Jacke mit silbernen Knöpfen. Während Gavin ihr folgte, schnappte er sich schnell seine eigene Jacke und streifte sie über. Am Gürtel hing seine Feuerwaffe und in seinem Stiefel steckte zur Sicherheit ein Messer.
Gegen einen wildgewordenen Eber würde er beides nicht brauchen, dafür wären andere zuständig, aber es bestand immer eine geringe Möglichkeit, auf etwas anderes zu stoßen. Etwas weitaus Gefährlicheres, das sich sofort auf sie stürzen würde, hatte es sie einmal gewittert. Allerdings war das sehr unwahrscheinlich. Die Brücke war so gut bewacht, niemand würde dort hindurchkommen. Und sich dann auch noch quer über die halbe Insel schlagen, bis zum östlichen Rand im Kantenwald, ohne entdeckt zu werden.
Sie verließen das Gebäude der Akademie, in dem die beiden Zimmer lagen, die sie sich teilten, und traten auf den großen Platz. Wobei dieser eher wie ein Trichter riesigen Umfangs wirkte. An seinem tiefsten Punkt ragte der Turm der Hoffnung in den Himmel, umgeben von einer nicht allzu hohen Mauer. Auf den ersten Blick kein Hindernis, das schwer zu überwinden war – und doch betrat niemand den Turm. Nicht einmal der Rat. Das hoch aufragende Gebilde lenkte stets die Aufmerksamkeit auf sich und war gleichzeitig noch weiter entfernt als die Schwesterinsel auf der anderen Seite der Brücke.
Gavin schüttelte den Kopf und beeilte sich zu Fulvia aufzuschließen, die schon auf halbem Weg zu den Stallungen war.
Der mittlerweile grauhaarige Stallmeister überwachte eine Handvoll seiner Lehrlinge, die gerade dabei waren, Sättel und Zaumzeug zu reinigen. Er nickte ihnen zu, als er sie bemerkte.
»Auftrag?«, fragte er und kratzte seinen noch überraschend schwarzen Vollbart.
»Ja. Zum Kantenwald«, antwortete Gavin.
»He, das Leder ist mehr wert als drei eurer Monatslöhne! Passt besser auf, verdammt noch mal!«, knurrte der Stallmeister an zwei der Jungen gerichtet und Gavin musste ein Grinsen unterdrücken. Für kein Geld der Inseln würde er für den breitgebauten Mann arbeiten wollen.
»Ihr seid zum richtigen Zeitpunkt gekommen«, wandte sich der Stallmeister wieder an sie, während er mit Argusaugen seine Lehrlinge beobachtete. »Die Nichtsnutze haben gerade Pferde von den Weiden geholt und geputzt. Sucht euch zwei aus.«
Das war definitiv ein Angebot, das sie nicht ausschlagen würden, also beeilten sie sich im Stall zu verschwinden.
Die Mehrheit der Boxen war leer, die meisten Pferde befanden sich auf den Weiden direkt außerhalb des Trichters. Gavin entschied sich für einen Rappen, den er schon einige Male geritten war, und Fulvia führte einen Schecken aus seiner Box. Zaumzeug und Sättel waren schnell gefunden und in kürzester Zeit verließen sie auf dem Rücken der Pferde den Trichter.
Rund um diesen breiteten sich ordentlich angelegte Straßen aus, die die einzelnen Viertel voneinander abtrennten, und sie wählten jene, die sie am schnellsten aus der Hauptstadt in Richtung Landesinnere herausführen würde. Da hier entlang der Straße hauptsächlich Mitglieder der Wache und der Akademie wohnten und diese alle bei der Arbeit waren, sahen sie kaum andere Menschen.
Je weiter sie sich vom Trichter entfernten, desto schlechter wurde der Zustand des Kopfsteinpflasters, bis es von Erde abgelöst wurde und die Häuser schließlich durch grasbewachsene Hügel ersetzt wurden. Über ihren Köpfen breitete sich ein blassblauer Himmel aus. Wäre das Land hier flacher, würde Gavin den Horizont sehen können, wo die helle Farbe immer dunkler wurde und schließlich in ein schwarzes Nichts auslief. Die Erschafferin der Inseln hatte zwei wundersame Orte erschaffen, die zwar nicht groß waren, aber deren Geheimnisse nie gänzlich gelüftet schienen. Doch dahinter war nichts, nur ein endloses, ewiges, dunkles Meer.
Was, wenn man Gavin fragte, wenig Sinn ergab, denn irgendwohin war die Erschafferin ja verschwunden. So etwas gehörte allerdings nicht zu den Dingen, die man gegenüber dem Rat äußerte, also behielt er sie für sich.
»Was für Informationen haben wir über das, was die Weide des Bauern zerstört hat?«, fragte Fulvia in diesem Moment.
Beinahe unheimlich, wie sie immer zu wissen schien, wann er gefährlichen Gedanken nachhing.
»So gut wie keine«, antwortete Gavin und schnitt eine Grimasse. »Er hat nichts gesehen oder gehört. Abends war alles in Ordnung und am nächsten Morgen war der halbe Zaun eingerissen, hat die Wache erzählt, die seine Aussage zur Hauptstadt gebracht hat.«
»Waren Tiere auf der Weide?«
»Nicht einmal das.«
Fulvia schnalzte frustriert mit der Zunge. »Auf die Gefahr hin, dir schlechte Laune zu bereiten: Ich glaube nicht, dass wir heute zur Akademie zurückkommen.«
Nach jahrelanger Freundschaft stellte Gavin ihre Intuition nicht mehr infrage. Auch wenn ihm das an diesem Tag noch viel weniger gefiel als sonst. Mit einem abgrundtiefen Seufzen trieb er sein Pferd an, bis es bereitwillig in einen Galopp verfiel.
***
Der Bauer stand neben ihnen und wrang hilflos die Hände. Mit nicht enden wollender Geduld stellte Fulvia ihm eine Frage nach der anderen,...




