Ward | Das letzte Haus in der Needless Street | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

Ward Das letzte Haus in der Needless Street

Thriller
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86552-951-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Thriller

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

ISBN: 978-3-86552-951-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Dies ist die Geschichte von Ted, der mit seiner Tochter Lauren und der Katze Olivia in einem gewöhnlichen Haus am Ende einer gewöhnlichen Straße lebt. Lulu, die kleine Schwester von Dee, ist vor Jahren auf mysteriöse Weise verschwunden. Man glaubt, dass sie ermordet wurde. Als Hauptverdächtiger galt damals der Einzelgänger Ted - ein eigenartiger Mann, der an einer Entwicklungsstörung leidet. Die Anschuldigung eines solch abscheulichen Verbrechens haben sich zudem äußerst nachteilig auf sein Leben ausgewirkt. Dee ist inzwischen erwachsen, aber immer noch fest entschlossen herauszufinden, was Lulu angetan wurde. Deshalb mietet sie ein Haus in der Needless Street und beobachtet das merkwürdige Treiben des Mannes aus der Sicherheit ihres neuen Zuhauses. Als ein Nachbar verschwindet und sich weitere seltsame Dinge ereignen, fällt der Verdacht erneut auf Ted ... Kann Dee das Monster endlich demaskieren? Ein höllisch gut geschriebenes Psycho-Puzzle. Du glaubst du weißt, was im letzten Haus in der Needless Street passiert? Tja, du liegst auf jeden Fall falsch. Stephen King: »Das ganze Lob über THE LAST HOUSE ON NEEDLESS STREET ist nicht übertrieben. Der Roman hat mich umgehauen. Ein wahrer Nervenzerfetzer, der seine grandiosen Geheimnisse bis zum Ende bewahrt. Seit GONE GIRL habe ich so was Aufregendes nicht mehr gelesen.« Alex North: »Ein Meisterwerk. Faszinierend und herzzerreißend. Einer der stärksten und am besten geschriebenen Romane der letzten Jahre.« Joanne Harris: »Bücher wie diese erscheinen nicht allzu oft. Ein raffinierter, gut geschriebener, stilsicherer Psychothriller ... mit einer perfekt strukturierten Handlung und einem perfekt befriedigenden WAAAS am Ende. Ich würde gern sagen, ich habe das Buch in einem Zug eingeatmet, aber ich glaube, ich war zu beschäftigt damit, den Atem anzuhalten.« Joe Hill: »Ein kaltes, wunderschönes Meisterwerk. Ich bin absolut begeistert.« Der Verlag: Liebe Rezensenten, Spoiler müssen bitte vermieden werden!

Catriona Ward wurde in Washington, D. C. geboren und wuchs in den USA, Kenia, Madagaskar, Jemen und Marokko auf. Heute lebt sie in England. Ihr Debüt RAWBLOOD (2015) erhielt den British Fantasy Award als bester Horror-Roman des Jahres. LITTLE EVE gewann den Shirley Jackson Award und wieder den British Fantasy Award für den besten Horror-Roman 2019. Catrionas dritter Roman THE LAST HOUSE ON NEEDLESS STREET erschien 2021 und wurde zum Bestseller, der demnächst verfilmt wird. Festa wird diese drei Romane auf Deutsch veröffentlichen.
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Ted Bannerman

Heute ist der Jahrestag von Kleines Mädchen mit Eis am Stiel. Es passierte am See, vor zehn Jahren – erst war sie da und dann nicht mehr. Es ist also ein schlimmer Tag, an dem ich entdecken muss, dass ein Mörder unter uns ist.

Gleich als Erstes landet Olivia schwer auf meinem Bauch. Wie gewohnt gibt sie schrille Laute von sich. Falls es etwas Besseres gibt als eine Katze auf dem Bett, weiß ich es nicht. Ich beschäftige mich mit ihr, denn wenn Lauren nachher kommt, wird sie verschwinden. Meine Tochter und meine Katze können nicht zusammen im gleichen Raum sein.

»Ich bin wach!«, sage ich. »Du bist dran mit Frühstückmachen.« Mit diesen gelbgrünen Augen blickt mich Olivia an, dann trottet sie davon. Sie findet einen kreisrunden Flecken Sonne, wirft sich hinein und blinzelt in meine Richtung. Katzen verstehen keine Witze.

Ich hole die Zeitung von der Treppe. Ich mag die Lokalausgabe, sie hat nämlich einen Meldeservice für seltene Vögel – man kann hinschreiben, wenn man einen besonderen sichtet, z. B. einen Goldspecht oder eine Bergbraunelle. Selbst so früh ist die dämmrige Luft schon so warm wie Suppe. Die Straße scheint noch ruhiger als sonst. Gedämpft, als würde sie sich erinnern.

Als ich auf die erste Seite schaue, krampft sich mir der Magen zusammen. Da ist sie. Ich hatte vergessen, dass es heute war. Ich achte nicht besonders auf die Zeit.

Sie verwenden immer das gleiche Foto. Ihre Augen sind groß im Schatten ihrer Hutkrempe, die Finger umklammern den Stiel, als glaubte sie, jemand könnte ihr das Eis wegnehmen. Ihr Haar klebt nass und glänzend an ihrem Schädel, so kurz wie das eines Jungen. Sie war gerade schwimmen, aber niemand hat sie in ein flauschiges Handtuch gewickelt, um sie zu trocknen. Das gefällt mir nicht. Sie hätte sich erkälten können. Das andere Foto drucken sie nicht, das von mir. Dafür haben sie eine Menge Ärger bekommen. Aber nicht genug, wenn Sie mich fragen.

Sie war sechs. Alle waren entsetzt. Damit haben wir ein Problem hier bei uns in der Gegend, vor allem am See, deswegen ist alles ganz schnell gegangen. Die Polizei durchsuchte das Haus von jedem hier im County, der Kindern vielleicht schon mal wehgetan hat.

Mir wurde nicht erlaubt, drinnen zu bleiben, während sie das Haus durchsuchten, also stand ich draußen auf der Treppe. Es war Sommer, hell und heiß wie die Oberfläche eines Sterns. Meine Haut verbrannte langsam, während der Nachmittag verging. Ich hörte, wie sie den hässlichen blauen Teppich im Wohnzimmer zurückschoben, die Dielen aufrissen und ein Loch in die Wand hinter meinem Schrank schlugen, weil sie fanden, sie klang hohl. Hunde machten sich in meinem Garten zu schaffen, in meinem Schlafzimmer, einfach überall. Ich wusste, was für Hunde das waren. Sie hatten die weißen Bäume des Todes in ihren Augen. Ein dünner Mann mit einer Kamera kam und machte Fotos, während ich dastand. Mir kam gar nicht in den Sinn, ihn aufzuhalten.

»Keine Bilder, keine Story«, sagte er, als er ging. Ich wusste nicht, was das bedeutete, aber er winkte mir freundlich zum Abschied, also winkte ich zurück.

»Was ist denn, Mr. Bannerman?« Die Polizistin sah wie ein Opossum aus. Sehr, sehr müde.

»Nichts.« Ich zitterte. Musst ruhig bleiben, Little Teddy. Meine Zähne klapperten leise, als wäre mir kalt, dabei war mir so heiß.

»Sie haben meinen Namen gerufen. Und das Wort ›grün‹, glaube ich.«

»Ich muss an diese Geschichte gedacht haben, die ich mir ausgedacht habe, als ich klein war, über die verschwundenen Jungen, die sich in grüne Dinge verwandelt haben, am See.« Sie bedachte mich mit einem Blick. Ich kannte ihn gut. Ich bekomme diesen Blick andauernd zu sehen. Ich hielt mich am Stamm der kleinen Eiche in meinem Vorgarten fest. Der Baum hat mir seine Kraft geliehen. Gab es etwas zu erzählen? Falls ja, so musste es gerade so über dem Rand meiner Gedanken geschwebt haben.

»Mr. Bannerman, ist dies Ihr einziger Wohnsitz? Kein anderes Eigentum hier in der Gegend? Keine Jagdhütte, nichts in der Art?« Sie wischte sich Schweiß von der Oberlippe. Kummer lastete auf ihr wie ein Amboss auf dem Rücken.

»Nein«, sagte ich. »Nein, nein, nein.« Sie würde das mit dem Nest am Wochenende sowieso nicht verstehen.

Die Polizei ist dann schließlich wieder gegangen. Sie mussten auch, denn ich war den ganzen Nachmittag am 7-Eleven gewesen, und das konnte jeder bestätigen. Das Band der Überwachungskamera zeigte es. Was ich da früher gemacht habe, war: Ich saß draußen auf dem Gehweg neben den Schiebetüren. Wenn sie sich mit einem Zischen öffneten und Leute mit einem Stoß kalter Luft entließen, bat ich um Süßigkeiten. Manchmal, wenn sie welche hatten, gaben sie mir davon ab, und manchmal kauften sie mir auch welche. Mommy hätte sich geschämt, hätte sie davon gewusst, aber ich liebte Süßigkeiten so sehr. Ich war nie in die Nähe des Sees oder von Kleines Mädchen mit Eis am Stiel gegangen.

Als sie endlich fertig waren und mich wieder ins Haus ließen, konnte ich sie überall riechen. Spuren von Kölnischwasser, Schweiß, Gummi und Chemikalien. Mich ärgerte, dass sie meine wertvollen Sachen gesehen hatten, wie das Bild von Mommy und Daddy. Das Foto verblasste schon damals, ihre Züge verblichen. Sie verließen mich, entschwanden ins Weiße. Dann war da die kaputte Spieluhr auf dem Kaminsims – Mommy hatte sie aus ihrer fernen Heimat mitgebracht. Die Spieluhr spielte nicht. Ich machte sie am gleichen Tag kaputt, an dem ich auch die Matroschkas zerdepperte, das war an dem Tag mit der Sache mit der Maus. Die kleine Ballerina war von ihrer Stange abgebrochen, umgehauen und tot. Vielleicht tat mir das am meisten leid. (Ich nenne sie Eloise. Ich weiß nicht, warum; sie sieht einfach wie eine Eloise aus.) Ich hörte Mommys schöne Stimme in meinem Ohr. Du nimmst mir alles, Theodore. Du nimmst und nimmst und nimmst.

Diese Leute hatten mit ihren Blicken und Gedanken all meine Sachen betrachtet, und das Haus fühlte sich schon nicht mehr an wie meins.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch, um mich zu beruhigen. Als ich sie wieder öffnete, lächelte die Matroschka feist zurück. Neben ihr stand die Spieluhr. Eloise, die Ballerina, stand stolz und aufrecht, die Arme wunderbar und über ihren Kopf erhoben. Mommy und Daddy lächelten von ihrem Foto herab. Mein schöner orangefarbener Teppich war wie weiche Pillen unter meinen Füßen.

Ich fühlte mich gleich besser. Alles in Ordnung. Ich war zu Hause.

Olivias Kopf stieß gegen meine Hand. Ich lachte und hob sie auf. Davon ging es mir noch besser. Aber oben auf dem Dachboden regten sich die grünen Jungen.

Am nächsten Tag war ich in der Zeitung. Die Schlagzeile lautete HAUS EINES VERDÄCHTIGEN DURCHSUCHT. Und da war ich, stand vor meinem Haus. Sie hatten noch andere Häuser durchsucht, aber in dem Artikel klang es so, als wäre es nur meins gewesen, und ich nehme an, die anderen Leute waren schlau genug, ihre Gesichter zu verbergen. Kein Bild, keine Story. Sie brachten mein Foto direkt neben dem von Kleines Mädchen mit Eis am Stiel, was eine Story für sich war.

Das Bild zeigte nicht den Namen der Straße, aber ich glaube, die Leute haben sie erkannt. Steine und Ziegel kamen durch die Fenster geflogen. So viele. Sobald ich eine Scheibe ersetzt hatte, kam schon der nächste Stein. Ich dachte, ich würde den Verstand verlieren. Es ist so oft passiert, dass ich aufgab und Sperrholz über die Fenster nagelte. Danach wurde es weniger. Macht nicht so viel Spaß, Steine zu werfen, wenn es nichts zu zerbrechen gibt. Ich hörte auf, tagsüber das Haus zu verlassen. Das war eine schlimme Zeit.

Ich lege Kleines Mädchen mit Eis am Stiel – die Zeitung mit ihrem Bild darin, meine ich – in den Wandschrank unter der Treppe. Ich bücke mich, um sie ganz unten im Stapel abzulegen. In dem Moment sehe ich ihn, halb versteckt hinter dem Turm aus Zeitungen – den Kassettenrekorder.

Ich erkenne ihn sofort. Es ist Mommys. Ich nehme das Gerät aus dem Regal. Es zu berühren gibt mir ein seltsames Gefühl, als würde jemand in der Nähe flüstern, gerade so, dass ich es nicht hören kann.

Es ist schon eine Kassette im Rekorder, zum Teil bespielt – ungefähr die Hälfte einer Seite ist aufgenommen worden. Sie ist alt, mit einem gestreiften gelb-schwarzen Aufkleber drauf. Ihre verblasste, förmliche Handschrift. Notizen.

Ich höre mir das Band nicht an. Ich weiß ja, was drauf ist. Sie hat ihre Notizen immer laut hineingesprochen. Ihre Stimme hatte ein leichtes Stocken um die Konsonanten; sie konnte es nie ganz loswerden. Man hörte das Meer in ihrer Stimme. Sie wurde weit entfernt geboren, Mommy, unter einem dunklen Stern.

Ich denke: Lass es einfach da, vergiss, dass du es gesehen hast.

Ich habe eine Gurke gegessen und fühle mich jetzt viel besser. Schließlich ist das alles vor langer Zeit passiert. Das Licht wird heller und es könnte ein schöner Tag werden. Die Vögel werden kommen. Jeden Morgen strömen sie aus dem Wald und lassen sich in meinem Garten nieder. Weiden-Gelbkehlchen, Goldhähnchen, Ammer, Fichtenkreuzschnäbel, Sperlinge, Amseln, Stadttauben. Es ist voll und schön. Ich liebe es, das zu beobachten. Ich habe das Guckloch in genau der richtigen Größe an genau der richtigen Stelle im Sperrholz gemacht – ich kann den ganzen Garten überblicken. Ich achte darauf, dass die Futterspender immer voll sind und es Wasser gibt. Vögel können bei solcher Hitze leiden.

Ich will gerade hinausschauen, wie ich es jeden Tag tue, als sich mir...



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