E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Ward Sundial - Das Haus in der Wüste
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98676-070-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-98676-070-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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Rob
Als ich mich endlich bettfertig mache, ruft Irving laut meinen Namen. Seine Stimme klingt erstickt. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Ich laufe los.
Annie liegt totenbleich zwischen den Laken. Sie zittert am ganzen Körper. Auf dem Boden vor dem Bett sehe ich eine Pfütze Erbrochenes. Irving hat offenbar Angst, sie anzurühren. »Irgendetwas ist nicht in Ordnung.«
Eilig taste ich in den Bettlaken nach Annies kleinen Händen. Die Fäustlinge sind immer noch fest an ihren Schlafanzug geklebt. Aber ich ertaste noch etwas anderes. Ich halte die Flasche ins Licht der Lampe.
»Um Himmels willen, Rob!«, stößt Irving hervor. Er glaubt, dass ich seine Pillen hier versteckt habe. Dass das alles meine Schuld ist.
Auf dem leeren Fläschchen der Diabetes-Pillen fehlt der Deckel. Jetzt folgt eine Erkenntnis der anderen.
»Ich rufe einen Krankenwagen«, erklärt Irving.
»Nein«, widerspreche ich. »Rühr das Telefon nicht an.«
Irving zögert. Ich spüre seinen Blick auf mir, aber ich habe jetzt keine Zeit für ihn. »Vor wie langer Zeit hast du die hier eingenommen, Liebling? Wie lange ist das her?«
»Gerade eben«, antwortet Annie.
Ich hebe Annie auf die Arme und trage sie ins Bad. Grob stecke ich ihr meine Finger in den Hals und zwinge sie, wieder und wieder zu erbrechen. Eine Menge Blau kommt hervor, das sind die Pillen. Dann auch welche mit pinkfarbenem Überzug. Ich höre nicht auf, bis ich überzeugt bin, dass ihr Magen leer ist. Bis sie nur noch trocken würgt.
Dann setze ich sie auf den Boden. »Wie fühlst du dich, Liebling?«
»Besser«, erwidert Annie. Und sie sieht auch besser aus. »Widerliche Bonbons.«
»Vollkommen widerlich. Wer hat dir die gegeben, Schätzchen? Mir kannst du es ja sagen.«
»Ich hab sie selbst genommen«, behauptet sie und fängt an zu weinen.
Aber Annie kann den Deckel des Pillenfläschchens nicht selbst geöffnet haben. Ihre Hände stecken immer noch in den festgeklebten Fäustlingen, und die Kindersicherung der Kappe erfordert sowohl Stärke als auch Geschicklichkeit. Und wo ist die Kappe überhaupt? Irgendjemand muss den Sicherheitsverschluss abgenommen und ihr die Pillen gegeben haben.
Ich lege Annie wieder ins Bett und durchsuche das Zimmer. Ich nehme mir den Inhalt der Schränke vor und taste jeden Quadratzentimeter der Bettwäsche ab, obwohl sie schläfrig protestiert. Aber der Verschluss bleibt verschwunden.
Irving sitzt am Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt. Die ersten Anzeichen eines Katers. »Du musst besser auf sie aufpassen, Rob«, stöhnt er.
Mitten auf dem Küchentisch winden sich immer noch die Maden. Ein paar versuchen wie winzige Finger die Kante der Glasschüssel zu erreichen. Sie wachen langsam auf, werden lebendig. Vielleicht ist es nur meine Fantasie, aber ihre fetten, roten Körper machen beim Aneinanderreiben ein Geräusch, ein trockenes Rascheln. Der Gestank wird ebenfalls stärker, je wärmer sie werden. »Wie kann sie an die Tabletten gekommen sein, Irving?«
»Keine Ahnung. Ich habe eine genommen und sie wieder in den Badezimmerschrank gestellt. Wie immer ins oberste Fach. Wie konnte sie da rankommen? Ich könnte mir vorstellen, dass sie einen Stuhl ins Bad geschoben hat, um sich draufzustellen …«
»Hast du sie ihr gegeben? Die Tabletten, meine ich.« Die Worte sind mir entschlüpft, bevor ich darüber nachgedacht habe. Ein geradezu unfassbarer Gedanke hier in meiner sanft erleuchteten Küche mit den Weinregalen und den ordentlich aufgehängten, handgeschmiedeten Töpfen mit Kupferboden. Beinahe unfassbar.
Irvings Pupillen ziehen sich bis zur Unkenntlichkeit zusammen. Ich spüre die federleichte Berührung von Furcht. »Ich meine, vielleicht zum Spielen.« Ich achte darauf, dass es zögerlich klingt, als würde ich Bestätigung suchen. Aber es ist zu spät. Jetzt liegt die Frage wie eine offene Wunde zwischen uns. Es gibt eben Dinge, die man in einer Ehe nicht sagen kann, ohne sie für immer zu verändern.
Irving schnaubt, es klingt wie ein Bellen. Die Sehnen an seinem Nacken sind zu dicken Tauen geworden. »Jetzt komm mal wieder runter, Rob«, erklärt er. »Du weißt doch, wie sehr du dich in etwas hineinsteigern kannst.«
»Schwör es, auf Callies Leben.«
Er zuckt mit den Achseln. »Also gut, ich schwöre.«
Meine Muskeln geben vor Erleichterung nach und ich sinke auf den Küchenboden. Die Welt dreht sich zu schnell. Ich glaube ihm. Man ist nicht zwölf Jahre mit einem notorisch untreuen Mann verheiratet, ohne einen feinen Instinkt für Wahrheit zu entwickeln.
»Gott sei Dank«, platzt es aus mir heraus. »Gott sei Dank.«
»Wow, Rob«, meint Irving mit schwacher Stimme. »Du brauchst wirklich Hilfe.«
»Ja, allerdings«, antworte ich. Wie habe ich nur glauben können, dass mein Mann mein Kind vergiften könnte, nur um mir eins auszuwischen? »Was glaubst du, was June, die Therapeutin, wohl sagen wird, wenn ich ihr gestehe, dass ich dich eines Mordversuchs beschuldigt habe?«
Wir starren uns eine Sekunde lang an, dann sage ich: »Wie fühlst du dich damit?«
Gleichzeitig sagt auch er: »Wie fühlst du dich damit?«
Leise kichern wir beide. Das löst die Anspannung in uns, wenn auch nur ein bisschen.
Aber eine kühle und doch durchgeknallte Stimme in mir behauptet: Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er es getan hätte. Der Same von etwas noch Schrecklicherem keimt in mir auf.
»Wo ist Callie, Irving?«
»In ihrem Zimmer.«
Der Keim bildet bleichgrüne Triebe.
»Was macht sie da in ihrem Zimmer?«
»Sie schläft, was sonst?«, erwidert er mit offenkundiger Geduld. Ich hatte mich schon gefragt, wie Irving so blind sein kann, aber so langsam komme ich zu der Erkenntnis, dass er das gar nicht ist. Ich kann durch seine arrogante Fassade hindurch sehen, dass er zutiefst verstört ist.
Callie schläft nicht tief. Wir müssten sie aufgeweckt haben. Aber meine ältere Tochter, die ein Faible für Aufruhr hat, die sowohl Streite als auch Autounfälle neugierig und mit gleicher Faszination beobachtet, ist nicht hier. Normalerweise hätte sie sich einen Platz in der vordersten Reihe gesichert, um nur ja nichts vom Drama zu verpassen. Aber sie ist nirgendwo zu sehen.
Wenn Leute Dinge für »undenkbar« halten, dann meinen sie in der Regel, dass sie nicht darüber nachdenken wollen. Das verstehe ich jetzt. Es bedeutet, mit einem Gedanken konfrontiert zu sein, der so gewaltig, so düster und so monströs ist, dass der Verstand ihn nicht erfassen will. Er passt in kein Schema. Er ist Gift und Wahnsinn, der Blüten treibt. Ich räuspere mich, um den Geschmack nach schaler Limonade loszuwerden. Und das Schlimmste ist: Ich bin nicht so überrascht, wie ich eigentlich sein sollte.
Normalerweise versuche ich, kein Drama aus den Dingen zu machen. Ich weiß, wie schwierig die Beziehungen zwischen Schwestern sein können, besonders wenn sie altersmäßig nicht sehr weit auseinanderliegen. Leidenschaftlich bis zum Zorn. Die Mädchen werden da schon rauswachsen, versicherte ich mir immer wieder.
Callie, die eine Haarsträhne von Annie festhält und ihr etwas ins Ohr flüstert. Annies Kopf, der zurückgeworfen ist, mit offenem Mund und Tränen in den Augen. Der rote Abdruck von Fingern auf Annies dünnem Ärmchen. Eine Reihe von blauen Flecken, die Annie nicht erklären konnte. Passt ein bisschen auf beim Spielen, Mädchen.
Habe ich mich zurückgehalten, weil ich verzweifelt die Tatsache leugnen wollte, dass Annie mein Lieblingskind ist? Und wenn das so war, wie werde ich den Rest meines Lebens damit umgehen, jetzt, da ich es weiß?
Callie schläft nicht. Sie sitzt am Schreibtisch ihres Zimmers. Vor ihr liegen Papier und Buntstifte, aber sie malt nichts. Sie sitzt einfach nur da. Anatomische Skizzen bedecken die Wände, wunderschön gezeichnete Bleistiftstudien von Skeletten. Von Vögeln, etwas, das wie ein Eichhörnchen aussieht, und etwas anderem, das wie ein neugeborener Hundewelpe wirkt. Sie sind präzise und maßstabsgetreu gezeichnet. Callie spannt sie selbst in graue Holzrahmen. Es sieht ziemlich gut aus. Callie ist so begabt, aber ein Talent fürs Leben selbst hat sie nicht. Ihre Regale sind voller Psychologiebücher und Abhandlungen über Serienmörder. Sie alle haben kleine bunte Aufkleber auf den Buchrücken – Bücher aus der Bücherei. Wie ich aus Erfahrung weiß, hätten die meisten schon lange zurückgegeben werden müssen.
»Bitte steh vom Schreibtisch auf«, sage ich.
Sie gehorcht, ohne Fragen zu stellen. Mein schlechtes Gefühl verstärkt sich. Ich beginne, nach und nach die Blätter auf ihrem Schreibtisch durchzusehen. Alles ist sehr ordentlich und durchorganisiert. Buntstifte, Malkreiden, Radiergummis, Papier, ein kleines Schneidemesser. Ein paar zerbeulte Anatomiebücher.
»Was machst du da, Mom?« Das klingt eher neugierig als wütend.
»Ich suche etwas. Weißt du vielleicht, worum es sich dabei handelt, Callie?«
Sie hat die Augen niedergeschlagen, kann sich aber nicht davon abhalten, immer wieder in Richtung ihres großen Sitzsacks zu schielen, der in einer Ecke ihres Zimmers steht.
Ich taste den Sitzsack sorgfältig ab, um fremde Objekte darin zu erfassen. Nichts. In der Ecke biegt sich eine Kante des Teppichbodens leicht aufwärts. Wie eine alt gewordene Scheibe Käse auf einem Sandwich. Ich hebe den Teppichboden an, und da ist sie, die lose Diele. Ich versuche sie mit den...




