Warwick | The North Wind – Reich aus Eis und Schatten (The Four Winds 1) | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 544 Seiten

Reihe: The Four Winds

Warwick The North Wind – Reich aus Eis und Schatten (The Four Winds 1)


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8458-6117-3
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 1, 544 Seiten

Reihe: The Four Winds

ISBN: 978-3-8458-6117-3
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Liebe, die die Welt retten könnte … oder sie für immer zerstören. Das Booktok-Phänomen von Alexandria Warwick endlich auf Deutsch!

Jeden Tag kämpft Wren ums Überleben. Seit dem Tod ihrer Eltern versucht sie, ihre Schwester und sich durch den erbarmungslosen Winter zu bringen, der ihre Heimat Edgewood beherrscht. Nur ein magischer Schattenwall trennt Edgewood von den Dunkelgängern, die allen Menschen nach dem Leben trachten. Und nur eine Hochzeit zwischen einer sterblichen Frau und dem unsterblichen Frostkönig Boreas, dem Nordwind, kann diesen Schattenwall aufrechterhalten. Als Boreas ausgerechnet Wrens Schwester zu seiner Braut kürt, ist Wren bereit, alles zu tun, um sie vor dem eiskalten Herrscher zu retten – selbst wenn es bedeutet, sich selbst zu opfern …  

Episch, spicy und fesselnd – eine atemberaubende Enemies-to-Lovers-Geschichte, inspiriert von "Die Schöne und das Biest" sowie dem Mythos von Hades und Persephone.

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Weitere Infos & Material


1


Der Himmel verheißt nahendes Unheil.

Er ist vom blassesten Blassgrau, doch im Osten zeigt sich am Horizont ein roter Fleck – er zeugt von der aufgehenden Sonne. Der Fleck dehnt sich aus, färbt die Wolken ein und breitet sich weiter nach Westen aus. Im Dickicht schneebeladener Bäume zusammengekauert beobachte ich, wie der Tag erwacht, und die Furcht lässt mein Herz fast zerspringen. Der Himmel ist rot wie ein Blutbad.

Rot wie Rache.

Schon seit Tagen warte ich auf diesen Anblick. Es ist wie in den Geschichten: Zuerst die neu sprießenden Zapfen an der alten Zypresse auf dem Marktplatz. Drei Jahrzehnte hatte der Baum geschlafen, und sein erneutes Knospen versetzte die Stadtbewohner in helle Aufregung; die Frauen waren vollkommen aufgelöst, die Männer stoisch mit finster-resigniertem Blick. Die Knospen, dann die blutende Morgenröte. Jetzt gibt es wenig, was ich tun kann. Denn wenn das Himmelszeichen recht behält, erwartet Edgewood einen Besucher, und zwar bald.

Unter seiner weißen, eisigen Haut liegt das Land in bleiernem Schweigen da, der Schnee ist weich und frisch, da die Stürme so regelmäßig kommen wie das Ab- und Zunehmen des Mondes. Fürs Erste werde ich nicht daran denken, was geschehen könnte. Zuerst muss ich hier, in diesem unbesiedelten Streifen Waldland, inmitten schwarzer Bäume und vermodernder Stämme, mit dem Bogen in der steifen, behandschuhten Hand meine Aufgabe erfüllen.

Ich spähe an einem in der Dämmerung daliegenden Baumstumpf vorbei und suche die Umgebung ab. Vor drei Tagen hat mich eine noch frische Wildfährte an diesen Ort geführt, der fünfzehn Meilen westlich von meinem Zuhause liegt. Doch ich habe den Elch noch nicht entdeckt.

»Wo steckst du?«, flüstere ich.

Ein beißender Wind schüttelt die nackten, an Fingerknochen erinnernden Äste. Auch wenn ich meinen oft geflickten Mantel enger um den Körper ziehe, dringt die Kälte durch das kleinste Loch. Die Verzweiflung hat mich tiefer ins Herz des Waldes getrieben, in die letzten Ausläufer der Zivilisation – nach Norden, wo der Fluss Les glänzt und wo sich niemand anzusiedeln wagt.

Plötzlich nehme ich eine Bewegung wahr. Gleich darauf sehe ich das hinkende Tier, es ist allein. Sein langsamer, mühsamer Gang wird offensichtlich durch seinen verletzten linken Vorderlauf verursacht. Bei dem Anblick wird mir übel. Das Leid des Tiers ist nicht sein Verschulden. Dafür ist nur der dunkle Gott verantwortlich, der hinter dem Schattenwall lauert.

Ich wage kaum zu atmen, während ich einen Pfeil aus dem Köcher ziehe. Eine nahtlose Bewegung, dann spanne ich den Bogen, meine Hand streift mein Kinn, die Sehne meine Nasenspitze, als zusätzlichen Orientierungspunkt. Der Elch scharrt im Schnee, sucht ein bisschen Grün, etwas, das Hoffnung ähnelt, das er jedoch nicht finden wird.

Doch ich bin nicht allein.

Bei einem tiefen Atemzug gelangen feine Spuren des Waldes in meine Lunge. Eis und Holz – und Brandgeruch. Es ist eine Warnung, und sie kommt von Norden.

Ich erstarre, meine Sinne sind hellwach. Angestrengt lausche ich nach ungewöhnlichen Geräuschen. In meinen Gliedern breitet sich Anspannung aus, doch ich zwinge mich, einen kühlen Kopf zu bewahren, mich auf das zu besinnen, was ich weiß, und zwar Folgendes: Dieser Geruch ist schwach. Der Dunkelgänger ist weit genug entfernt, dass mir noch Zeit bleibt, aber ich muss mich beeilen.

Als ich mich wieder auf den Elch konzentriere, stelle ich fest, dass er jetzt weiter entfernt ist, womit es deutlich schwieriger wird, ihn ins Herz zu treffen. Ich kann nicht riskieren, mich näher heranzupirschen. Wenn das Tier die Flucht ergreift, werde ich es niemals erwischen, und ich habe nicht genug Vorräte, um mich noch weiter von zu Hause zu entfernen. Von zu Hause, wo unser Brot hart wie Zwieback geworden ist und vom Dörrfleisch nur noch dürftige Reste übrig sind.

Also schieß nicht daneben.

Ich passe den Winkel meines Bogens an, richte den Pfeil ein paar Daumenbreit höher. Atme aus und – lasse ihn los.

Der Pfeil zischt durch die eisige Luft, bohrt sich tief ins warme Fleisch und in ein noch schlagendes Herz.

Heute werden meine Schwester und ich überleben, um dem nächsten Tag entgegenzusehen.

Die letzten Elche sind schon vor Jahrzehnten verschwunden, aber dieses Exemplar hat irgendwie seinen Weg in unser Reich zurückgefunden. Das arme Tier besteht aus kaum mehr als schlaffer Haut und krummen Knochen, und ich frage mich, wann es wohl zuletzt etwas gefressen hat. In den Graulanden gedeiht nur wenig.

Rasch mache ich mich daran, den Elch mit dem Messer, das ich immer bei mir trage, zu zerlegen, und stopfe so viele noch dampfende, vom Kadaver gelöste Fleischstücke wie möglich in meine Schultertasche. Das Tierfell ist blutdurchtränkt. Immer wieder blicke ich mich über die Schulter um und suche die Umgebung ab. Die rötliche Färbung des Himmels ist einem kühlen Blau gewichen.

Neben dem Kupfergestank hängt noch immer der Geruch eines Schmiedefeuers in der Luft. Ich greife tief in den offenen Kadaver, in die aufgeschnittene Bauchhöhle, trenne ein weiteres Stück Fleisch heraus, packe es zu den anderen. Meine Arme sind von den Fingerspitzen bis zu den Ellbogen mit heißem Blut verschmiert.

Als ich gerade die Leber herauslöse, höre ich ein fernes Heulen, bei dem ich Gänsehaut bekomme. Ich beeile mich. Sobald die Bauchhöhle leer ist, konzentriere ich mich auf die Flanken des Tiers. An meiner Gürtelschlaufe baumelt ein kleiner Beutel mit Salz, doch es wird mich nur vor einem Dunkelgänger schützen, allenfalls vor zweien, wenn sie klein sind. Während das Heulen zu einem Brüllen wird, erstarrt mein Körper, und mein Herzschlag gerät ins Schlingern, wie auf dem Scheitelpunkt einer schwarzen Woge.

Mir bleibt keine Zeit mehr.

Mit einer geschmeidigen Bewegung ziehe ich schweißgebadet den schweren Mantel aus und anschließend meine blutbefleckten Handschuhe. Ich beiße die Zähne zusammen, während mich ein quälender Schauder überläuft. Es ist verflucht kalt, zu kalt. Eine tödliche Kälte. Ich nehme eine trockene Wolltunika, in die ich die Weinflasche in meiner Schultertasche eingewickelt hatte, und ziehe sie mir hastig über den Kopf. Bei den Göttern, ich bin nicht zwei Wochen durch diese trostlose Ödnis gezogen, nur um hier den Tod zu finden. Und wenn ich nicht mit dem Fleisch nach Hause zurückkehre, wird Elora ein ähnliches Schicksal ereilen.

Sobald ich mich meiner blutverschmierten Kleidung entledigt habe, stopfe ich alles unter den Kadaver und klettere dann auf den höchsten Baum, den ich finden kann. Die gefrorene Rinde beißt mir in die wunden Handflächen. Hoch, hoch hinauf auf den höchsten Ast, er ächzt unter meinem Gewicht. Meine Fingerknöchel knacken, als ich die Hände zu Fäusten balle und an meinem warmen Bauch reibe. Mein Magen knurrt.

Wenige Augenblicke später taumelt der Dunkelgänger ins Tal, doch er ist nur undeutlich zu erkennen. Schattenfetzen, tiefschwarze Schwaden vor blendendem Weiß. Er untersucht den erlegten Elch eine Weile, dann streift er in der Umgebung umher. Ein buckeliger, gekrümmter Rücken, der schwebende, peitschende Schwanz. Ich presse die Kiefer aufeinander, damit ich nicht mit den Zähnen klappere.

Der Schattenwall – die Grenze, die die Graulande vom angrenzenden Totenreich trennt – soll die Dunkelgänger an ebenjenes Gebiet binden. Und doch erzählen die Leute in der Stadt von Löchern in der Barriere, von Rissen, durch die die Ungeheuer wieder ins Land der Lebenden gelangen können und Jagd auf die Seelen machen, von denen sie sich ernähren.

Der Dunkelgänger ist nicht im eigentlichen Sinne lebendig, doch er kann die kürzlich entwichene Seele des Elchs wittern. Ich hoffe inständig, dass dies ausreichen wird, um ihn von mir abzulenken. Eigentlich hätte aus dem Fell ein neuer Mantel für Elora werden sollen, auch wenn der Saum meines eigenen völlig zerrissen ist. Aber mir bleibt keine Zeit, das Tier zu häuten.

Schließlich macht sich das Untier davon. Eine ganze Weile lang warte ich mit angehaltenem Atem, bis die schneidend kalte Luft rein ist. Erst dann klettere ich vom Baum.

Vom Kadaver des Elchs steigt Dampf auf. Die Hälfte des Fleischs ist noch dran – Essen für zwei Monate. Sosehr es mich schmerzt, es zurückzulassen, kann ich es doch nicht riskieren, die Arbeit zu Ende zu bringen, denn der Dunkelgänger ist zu nahe. Ein Monatsvorrat wird reichen müssen, und mit etwas Umsicht können Elora und ich womöglich sogar noch länger damit auskommen. Vielleicht wird ein anderes halb verhungertes Tier auf die Überreste des Elchs stoßen.

Nachdem ich meinen Mantel und die Handschuhe übergestreift habe, lege ich mir die Schultertasche um und mache mich auf den fünfzehn Meilen langen Fußmarsch zurück nach Edgewood, stöhne unter der schweren Last. Nach drei Meilen habe ich kein Gefühl mehr in den Füßen, Gesicht und Hände sind wie taub. Der Wind lässt nicht nach, ganz egal, zu wie vielen Göttern ich bete. Sie müssen wissen, dass ich den Glauben verloren habe.

Ich brauche den...


Warwick, Alexandria
Alexandria Warwick ist die Autorin der Bestsellerreihe "The Four Winds". Als ausgebildete Violinistin verbringt sie einen Großteil ihrer Zeit damit, in Orchestern aufzutreten. Sie lebt in Florida.

Jakob, Simone
Simone Jakob hat Literaturübersetzen in Düsseldorf studiert und übersetzt Bücher aus dem Englischen und Französischen, u.a. von David Nicholls, Philip Kerr, Yvonne Adhiambo Owuor, Dani Atkins, Sefi Atta und Jennifer Saint. Sie lebt und arbeitet in Mülheim an der Ruhr.

Wachs, Anne-Marie
Anne-Marie Wachs hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Freien Universität Berlin studiert und übersetzt Unterhaltungsliteratur, Phantastik, Essays, Sachbücher und Comics aus dem Englischen.

Alexandria Warwick ist die Autorin der Bestsellerreihe "The Four Winds". Als ausgebildete Violinistin verbringt sie einen Großteil ihrer Zeit damit, in Orchestern aufzutreten. Sie lebt in Florida.

Anne-Marie Wachs hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Freien Universität Berlin studiert und übersetzt Unterhaltungsliteratur, Phantastik, Essays, Sachbücher und Comics aus dem Englischen.

Simone Jakob hat Literaturübersetzen in Düsseldorf studiert und übersetzt Bücher aus dem Englischen und Französischen, u.a. von David Nicholls, Philip Kerr, Yvonne Adhiambo Owuor, Dani Atkins, Sefi Atta und Jennifer Saint. Sie lebt und arbeitet in Mülheim an der Ruhr.



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