E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Watson Das Gemälde des Todes
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-880-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-96655-880-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Peter Watson, geboren 1943 in Birmingham, ist der Autor zahlreicher internationaler Bestseller. Er studierte Psychologie und Musik in Durham, London und Rom und war anschließend als Journalist für angesehene Zeitungen wie die »Times« und den »Observer« tätig. Er gilt als einer der besten Kunstspezialisten der Welt und konnte zur Aufklärung zahlreicher Kunstdiebstähle und Fälschungen beitragen. Bei dotbooks veröffentlichte Peter Watson die Romane »Die sixtinische Auktion«, »Das Gemälde des Todes«, »Der letzte Verräter« und »Die ehrenwerte Familie«.
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Kapitel 1
»Vielleicht sind Sie reicher, als Sie glauben, Michael. Kommen Sie mal her, dann zeige ich Ihnen, warum.«
Julius Samuels hob lächelnd ein Glas an die Lippen. Leberflecke hüpften an seiner Kehle auf und ab, als der alte Herr einen Schluck Whisky trank. Es war kurz vor 10.00 Uhr. Mr. Samuels saß in einem reichlich ramponierten Drehsessel aus Mahagoni und trug einen farbbeklecksten weißen Malerkittel. In der linken Hand hielt er eine große ovale Palette, auf der bogenförmig ein ganzes Spektrum aus Farbpigmenten angeordnet war. Eine Zigarre, dicker als ein Daumen, qualmte im Aschenbecher auf einem Bord rechts neben ihm.
Michael Whiting bahnte sich einen Weg an Stapeln vergoldeter Rahmen, Ölbüchsen, Flaschen mit Firnis, so braun wie Bier, und unzähligen Gemälden vorbei, die diskret mit dem Gesicht zur Wand standen. Er schlängelte sich an der großen Staffelei vorbei, sorgsam darauf bedacht, mit seinem Cordanzug nicht an dem rissigen Holz hängenzubleiben, und stellte sich schließlich neben die massige Gestalt des angesehensten Restaurators von ganz London. Hinter und unter ihnen brauste bei herrlichem Wetter der Verkehr durch die Dover Street.
Auf der Staffelei vor den beiden Männern thronte ein Gemälde. Eine Frau mit blasser Haut – nur die Wangen zeigten einen Hauch von Röte – war abgebildet. Sie trug eine blaue Kapuze, die allerdings zur Hälfte von dem Restaurator entfernt worden war, und darunter kam eine wahre Flut kastanienbrauner Locken zum Vorschein.
Samuels griff nach seiner Zigarre und zog daran, bis das Ende wie die gezwirbelten feinen Drähte einer altmodischen Glühbirne aufleuchtete. »Ich nahm den Firnis ab und arbeitete dann mit etwas verdünntem Azeton und Spiritus.« Er räusperte sich umständlich, bevor er weiterredete. »Das Blau ging sofort ab, so problemlos wie Naseputzen. Darunter entdeckte ich diese prachtvollen Haare. Dann auch noch den Ohrring … deshalb habe ich Sie gleich angerufen.« Er stopfte sich die Zigarre wieder in den Mund.
Michael begutachtete das kastanienbraune Haar der Lady. Es war wunderbar gemalt, man konnte fast die einzelnen Strähnen zählen. »Verflucht großartig!« sagte er. »Aber warum überschmiert jemand eine solche Pracht mit dieser häßlichen Kapuze?«
»Komische Vögel, diese Viktorianer. Ich bin schon auf ähnliche Sachen gestoßen. Die Leute waren damals frommer als heute, und italienische religiöse Kunst war besonders in Mode, was sie sehr kostspielig machte. Aber es war nicht schwierig, eines jener Familienporträts zu ›frisieren‹, die viel gängiger und deshalb auch billiger waren. Schnapp dir das Bild einer hübschen Frau, vorzugsweise tot, damit sie sich nicht beschweren kann. Überpinsele den Schmuck, das Dekolleté, die modische Frisur, und in Null Komma nichts hast du eine Heilige oder die Jungfrau Maria.« Er kicherte, obwohl es bei ihm eher nach Gurgeln klang. »Das waren damals Spitzbuben.«
Michael lächelte, ließ aber kein Auge von dem Gemälde. »Wer wüßte das besser als Sie.«
Samuels antwortete, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen: »Wie wär’s mit einem Whisky, Michael? Sie denken heute morgen nicht logisch. Natürlich ›verschöne‹ auch ich manchmal Bilder. Das tun alle Restauratoren. Weil es die Kunden nämlich wollen – alte Meister sollen so aussehen, als ob sie erst am vergangenen Wochenende gemalt worden wären. Aber ich erfinde nie etwas hinzu.« Er schob Michael die Flasche Bell’s und ein Glas hin. Während Michael sich einschenkte, sprach Samuels weiter: »Ich habe Sie aus folgendem Grund angerufen: Falls Sie mir grünes Licht geben und ich all diesen viktorianischen Mist entferne, können Sie die Lady vielleicht an ihrem Schmuck identifizieren. Mag sein, daß sogar auch noch ein Wappen im Hintergrund verborgen ist. Wenn es Ihnen gelingt festzustellen, wer die rätselhafte Unbekannte ist, dann steigt der Wert des Bildes ganz gewaltig. Und deshalb sind Sie womöglich reicher, als Sie denken.«
Der starke Whisky so früh am Tag trieb Michael die Tränen in die Augen, doch er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sein Puls beschleunigte sich, was nicht nur auf den Alkohol zurückzuführen war, und er schaute wie gebannt das Bild an. Die Erregung, die er bei einer unerwarteten Entdeckung empfand, war einer der Gründe, warum er Kunsthändler geworden war. Natürlich liebte er es auch, Gemälde einfach nur anzuschauen – ganz besonders englische. Michael war der Meinung, daß die englische Malerei allgemein unterschätzt wurde. Zugegeben, die Amerikaner waren von ihr begeistert, doch Franzosen und Deutsche hatten die englische Kunst nie so hoch geachtet wie ihre eigene. Die wenigen Gelegenheiten, bei denen Michael Gemälde an ausländische Museen verkauft hatte, zählten zu den stolzesten Momenten in seiner Karriere. Die aufregendsten Momente jedoch verdankte er seinen Entdeckungen.
Er beugte sich etwas vor, um das Bild noch genauer zu inspizieren. Haarmähne und Schmuck waren eindeutig besser gemalt als die blaue Kapuze. Wie der alte Jules schon sagte, verbarg sich möglicherweise ein wirklich gutes Gemälde hinter dieser trübseligen viktorianischen Heiligen, die er bei einer Haushaltsauflösung zusammen mit etwas anderem erstanden hatte, an dem er weitaus mehr interessiert gewesen war.
Julius hatte inzwischen ein großes Buch von einem Bord genommen. Wie alle guten Restauratoren schrieb er immer genau auf, was er mit einem Bild anstellte. Da gab es Anmerkungen und kleine Zeichnungen, teils als eine Art Rückversicherung, falls es je zu einem Streit über die Authentizität dessen käme, was er restauriert hatte, teils aber auch als eine Gedächtnishilfe für den Fall, der immer wieder vorkam, daß ein Werk später erneut in seine Hände gelangte. Samuels schlug das Buch auf und zeigte Michael eine winzige Skizze. »Soviel habe ich bisher entfernt. Der Rest dürfte nicht mehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Was meinen Sie?«
Michael legte ihm die Hand auf die Schulter und gab zur Antwort: »Falls diese Lady sich als Glücksgöttin entpuppt, Jules, wird das Ihrer Leber nicht guttun.« Zwischen ihnen bestand die Vereinbarung, daß Michael stets mit Whisky bezahlte, um die Steuer zu umgehen.
Samuels gab ein heiseres Lachen von sich. »Michael, in meinem Alter wird die Leber zum liebsten und wichtigsten Organ.« Er kicherte in sich hinein, und die braunen Flecke vollführten wieder einen kleinen Tanz auf seiner Kehle. Gutgelaunt deutete er auf Michaels Glas: »Trinken Sie aus, und lassen Sie mich weitermachen. Sie müssen ja wohl auch in Ihren Laden, oder?«
Diesmal war es an Michael aufzulachen, bevor er den letzten Schluck Whisky trank. Samuels machte es einen Heidenspaß, Galerien als Läden zu bezeichnen, da er wußte, wie sehr er dadurch die Kunsthändler in ihrer Eitelkeit verletzte.
Draußen im hellen Sonnenschein wandte sich Michael in Richtung Piccadilly. Er hatte seine eiserne Regel gebrochen, nur schottischen Malt-Whisky zu trinken, was ihm eigentlich jedesmal passierte, wenn er Jules besuchte. Aber er lächelte vor sich hin, denn eine Begegnung mit dem alten Restaurator brachte ihn immer in gute Laune.
Er wich dem Verkehrschaos auf dem Piccadilly aus, lief die St. James’s Street entlang, an White’s vorbei, bog in die Jermyn Street ein und dann direkt gegenüber dem Kaufhaus Fortnum and Mason in die Duke Street. Seine eigene Galerie befand sich in Mason’s Yard auf der linken Straßenseite hinter einem Tordurchgang. Die Lage war zwar nicht so gut wie die eigentliche Duke Street und schon gar nicht so gut wie Old Bond Street, aber er war ganz zufrieden. Michael und sein Partner konnten sich hier größere Räumlichkeiten leisten, und jeder, der etwas von englischer Malerei verstand, wußte, wo sie zu finden waren.
Er kam an einigen anderen Galerien vorbei. In einem Schaufenster gab es ein Porträt zu bewundern, und Michael blieb auch prompt stehen. Es handelte sich um eine kleine Kreidezeichnung von Degas; Farbtupfer in puderigem Rosé, zartem Blau und Apricot sprühten zwischen dunklen Umrißlinien hervor. Sie zeigte einen Mann mittleren Alters mit Bart und schütterem Haar. Er trug ein gutgeschnittenes, elegantes Jackett, ein Hemd mit steifem Kragen und ein geblümtes Einstecktuch in der Brusttasche. Ein wohlhabender Mann aus der wohlhabenden Welt des 19. Jahrhunderts, einer Welt der Dienstboten, Fahrräder, Picknicks. Eine Welt, in die viele Leute zurückkehren wollten – wenn schon nicht im wirklichen Leben, dann wenigstens in der Kunst.
Michaels Blick wandte sich von dem Porträt ab und seinem eigenen Spiegelbild in der Fensterscheibe zu. Cordanzüge waren passé, das hatte er sich schon tausendmal anhören müssen. Sie paßten zu Jazz und Espressobars, die seine jüngere Schwester, Robyn, respektlos als alte Hüte des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen pflegte. Doch mit seinen dreiunddreißig Jahren brachte er es einfach nicht über sich, eine liebgewordene Gewohnheit aufzugeben. Außerdem war die Einheitskleidung der Kunsthändler – dunkler Zweireiher, Hemd aus amerikanischer Baumwolle, schwarze Schuhe, die wie ölige Oliven glänzten – auch nicht gerade verführerisch. Da Michael blond war, stand ihm der braune Anzug ausnehmend gut, was sogar Robyn zugeben mußte, die ihn oft um seine dichten, welligen Haare beneidete, obwohl er nie eine ordentliche Frisur zustande brachte. Er schaute versonnen die Zigarre in seiner Hand an. Das Rauchen war eine Schwäche, zugegeben. Zigarren waren teuer, ließen ihn älter wirken, und alle möglichen Leute, vor allem Frauen, haßten den Qualm. Aber Michael war fast süchtig. Er liebte den Duft, das Knistern der Tabakblätter und ihre Farbe. Er genoß das bedächtige Ritual, die Zigarre zu kappen, anzuzünden und im Flämmchen des Zündholzes hin und herzu drehen. Er rollte...




