E-Book, Deutsch, Band 2, 969 Seiten
Reihe: Die Dalriada-Trilogie
Watson Das keltische Amulett
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-238-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman | Die große Schottland-Saga: Die Dalriada-Trilogie 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 969 Seiten
Reihe: Die Dalriada-Trilogie
ISBN: 978-3-98690-238-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jules Watson wurde 1970 als Tochter englischer Auswanderer in Perth geboren. Sie wuchs in Australien auf und lernte ihren späteren Ehemann Alistair, einen Schotten, bereits an der Highschool kennen. Nach ihrem Studium der Archäologie und PR arbeitete sie unter anderem in diesen Berufen, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Sie lebte viele Jahre lang abwechselnd in Australien und der UK, bis sie schließlich mit ihrem Mann in ein kleines schottisches Glen an der Westküste zog. Die Website der Autorin: juleswatson.com Von Jules Watson erscheinen bei dotbooks die drei Teile der Dalriada-Trilogie »Tartan und Schwert«, »Das keltische Amulett« und »Die Rose der Kelten«.
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Kapitel 1
Diese Tage auf See waren seit vielen Jahren für sie die erste Zeit vollkommenen Friedens. Zu dieser Erkenntnis gelangte Rhiann, während sie im Bug kauerte und die Wange gegen die hölzerne Bootswand drückte. Ihr war, als schwebe das kleine Boot zwischen dem schimmernden Wasser und dem fahlen Himmel. Das weiße Segel glich einer ausgebreiteten Schwinge, die durch die blaue Unendlichkeit glitt.
Das sachte Schwanken des Bootes hatte sie in eine Art Trancezustand versetzt. Kleine Wellen plätscherten gegen den Rumpf und lullten sie mit ihrer rhythmischen Musik ein, dazwischen verwandelte sich die Wasseroberfläche immer wieder in einen dunklen, von dahintreibendem Tang durchsetzten, glatten Spiegel. Der Wind wehte von Westen, vom Meer her, die günstigste Richtung, um sie so schnell wie möglich nach Hause zu bringen, doch die Brise war zu schwach, sodass sie kaum das Segel in der Mitte des aus Tierhäuten gefertigten curraghs blähte.
Rhiann liebte diese curraghs. Sie lagen flach auf dem Wasser und schossen mit der Schnelligkeit einer Möwe über die Wellen, und wenn sie eine Hand in das kalte Meer eintauchte, konnte sie den Sog an ihren Fingern spüren. Doch meistens saß sie nur still da und nahm wenig mehr wahr als den Geruch nach Salz und Teer, das Knarren der Ruder und die Sonne auf ihren Augenlidern.
Und so kam es, dass sich Rhiann erst nach den drei sonnigen Tagen, die seit ihrem Aufbruch von der Heiligen Insel verstrichen waren, allmählich des leisen, nagenden Unbehagens bewusst wurde, das irgendwo in ihrem Unterbewusstsein gelauert hatte und nun an die Oberfläche drängte.
»Schuft! Das wirst du mir büßen ... hah! Schön kalt, nicht wahr?« Auf Caitlins empörte Worte folgte ein lautes Aufkreischen, und Rhiann brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu wissen, was passiert sein musste. Conaire, dessen Hände sehr viel größer waren als Caitlins, hatte seiner Frau eine weitere eisige Meerwasserdusche verpasst. Entweder hatte Rhianns Gänsefingerkrauttrank Caitlins Seekrankheit gelindert, oder Caitlin bot ihren bekanntermaßen eisernen Willen auf, um sich ihr Unwohlsein nicht anmerken zu lassen. Von den anderen Ruderbänken erscholl lautes Gelächter: Dort saßen Eremons Gefährten, die ihn zur Heiligen Insel begleitet hatten, und ein paar Inselbewohner, die das Boot bemannten.
Rhianns Knie waren taub geworden, sie verlagerte ihr Gewicht auf den Planken aus Weidenholz und massierte ihre Beine, um die Blutzirkulation anzuregen. Dann stützte sie das Kinn auf eine Hand und blinzelte in den goldenen Schein, den das Sonnenlicht auf das Wasser warf. Eine Insel glitt an ihr vorbei: schwarze, mit Strandnelken übersäte Klippen, grüne Hügel, auf denen gelber Ginster wuchs, weiße Gischt auf hellem Sand. Ein Seehund, der sich auf einem Felsbrocken sonnte, musterte sie mit hoch erhobenem Kopf neugierig. Seine dunklen, feuchten Augen schimmerten so unergründlich wie das Meer selbst.
»Hallo, mein pelziger Freund.« Rhiann winkte ihm mit einem Finger zu.
Unter dem Ruheplatz des Seehunds brandete das Wasser zwischen den Felsen hindurch und warf weiße Gischtschwaden auf. Und während Rhiann auf die tosende Brandung starrte, erkannte sie plötzlich, was sie schon eine ganze Zeit lang am Rande ihres Bewusstseins gespürt und gehört hatte – ein tiefes, gespenstisches Dröhnen, das die Luft erzittern ließ und ihr durch Mark und Bein ging. Der Strudel, dachte sie, sich erschrocken aufrichtend.
Der Sog des Strudels peitschte die schmale Meerenge zwischen den Dunadd vorgelagerten Inseln auf; er bildete eine Grenze zwischen der diesseitigen Welt und dem Schattenreich. Und Rhiann begriff mit dem geschärften Sinn einer Priesterin, dass sie ihn nur aus so großer Entfernung hatte hören können, weil sein Ruf ein Zeichen für sie war. Also tat sie, was jeder vernünftige Mensch an ihrer Stelle getan hätte: Sie biss sich auf die Lippe, schloss die Augen und bemühte sich, an etwas anderes zu denken.
Sie hatte die Ärmel ihres Wollkleides hochgekrempelt, und die Sonne brannte auf ihre bloßen Unterarme, doch innerlich war Rhiann zu Eis erstarrt. Denn der Strudel mahnte sie, aus den Träumen zu erwachen, in denen sie seit ihrer Abreise geschwelgt hatte. Bald galt es, zu ihrem gewohnten Tagewerk überzugehen; sie waren fast daheim, und sie musste sich all dem stellen, was sie dort erwartete. Und bei der Göttin, davor graute es ihr!
Nein, lieber wollte sie sich das beseligende Glücksgefühl bewahren, das sie erfüllte, seit sie in den Schoß der Schwesternschaft zurückgekehrt war. Seit das Licht der Göttin sie von neuem erfüllt hatte, dort im Kreis der heiligen Steine. Seit ...
»Meine kleine Meerjungfrau.« Die Planken knarrten leise, dann strich eine Hand sacht über Rhianns Wange. »Weilst du endlich wieder unter uns Sterblichen?«
Seit Eremon wirklich der Ihre war, spann Rhiann den Gedanken zu Ende, dann lächelte sie. Alle anderen hatten instinktiv gespürt, dass sie allein sein wollte, und sie während der Reise in Ruhe gelassen, nur Eremon hielt sich nicht an diese stumme Übereinkunft, und darüber freute sie sich. »Was bleibt mir anderes übrig?«, erwiderte sie, konnte aber ein Seufzen nicht unterdrücken, als sie sich räkelte und die Augen wieder aufschlug.
»Soll dieser Seufzer bedeuten, dass du Sehnsucht nach mir hattest?« Der Stapel von Lederbündeln und in Tücher gewickelten Waffen neben ihr erzitterte, als sich Eremon darauf niederließ. »Hast du dich gar in den Tiefen deines nassen Reiches nach mir verzehrt?«
Rhiann blinzelte mit zusammengekniffenen Augen zu ihm empor, konnte aber in dem gleißenden Licht nur ein breites Grinsen in einem sonnengebräunten Gesicht erkennen. »Verspotte mich nur weiter, mein geliebter Gemahl, dann wirst du dich schneller in meinem nassen Reich wiederfinden, als du glaubst, das verspreche ich dir.« Doch dabei kroch ihre Hand vor und schloss sich um seinen warmen Knöchel, als wolle sie sich vergewissern, dass er wirklich lachend und lebendig neben ihr saß.
»Schon gut, schon gut.« Eremon grinste und schlang die Arme um die Knie. Das Sonnenlicht fing sich in seinen grünen Augen, sein gebräuntes, kantiges Gesicht wurde von dunklen Zöpfen umrahmt. Er hatte seine Hosenbeine hochgerollt und die Ärmel seiner leinenen Tunika abgeschnitten, und schon nach wenigen Tagen in der Sonne glänzte seine Haut so dunkel wie geöltes Eichenholz. »Außerdem verursachen mir so poetische Worte Kopfschmerzen, und ich habe mich gerade erst von all den Festen auf der Heiligen Insel erholt.«
Rhiann stützte das Kinn auf Eremons Knie und spielte mit einem seiner wie Otterfell schimmernden Zöpfe. »Ich muss mich über die Häuptlinge der Inseln doch sehr wundern ...« Sie zog spöttisch eine Augenbraue hoch. »Erst nehmen sie so viele Mühen auf sich, um dich zu ihrem Kriegsherrn zu ernennen, und dann versuchen sie, dich mit Ale zu vergiften.«
»Als Hirschkönig muss ich mich allen Aufgaben gewachsen zeigen, die man mir auferlegt ... auch dem Leeren der Alehumpen, wie es aussieht.«
»Dein Training mit Conaire dürfte dir da sehr zugute kommen.«
Ein lauter Schrei ließ sie herumfahren. Im Heck des Bootes waren ihre Gefährten in ein von wilden Gesten begleitetes Gespräch verstrickt. Der hitzköpfige Fergus erdreistete sich, den ihn um Haupteslänge überragenden Conaire zu provozieren, indem er das Ende von dessen Ruderstange packte und herumdrehte, sodass sich ein salziger Regen über sie alle ergoss. Mit einem schrillen Schrei sprang Caitlin auf, um ihrerseits Fergus mit Wasser zu bespritzen. Conaire verschränkte seine muskulösen, von der Sonne verbrannten Arme vor der Brust und prustete vor Lachen, Colum strich mit gottergebener Miene sein feuchtes graues Haar aus der Stirn, aber dabei spielten Lachfältchen um seine Augen.
Nachdem sich Eremon davon überzeugt hatte, dass seine Freunde anderweitig beschäftigt waren, ließ er sich an dem Stapel von Lederbündeln heruntergleiten, bis er Rhiann gegenüber im Bug saß und seine breiten Schultern den anderen den Blick auf sie beide versperrten.
Eremons klare Züge wirkten immer noch so hart wie damals vor zwei Jahren, als Rhiann ihm zum ersten Mal begegnet war. Die leicht schräg gestellten Augen blickten so scharf und wachsam wie eh und je, aber die Anspannung, unter der er früher ständig gestanden hatte, war aus seinem Gesicht verschwunden. Er schenkte seiner Frau ein Lächeln; jenes strahlende, von Herzen kommende Lächeln, das Rhiann bislang so selten an ihm gesehen hatte, denn vor den Tagen auf der Heiligen Insel war es stets mit Bitterkeit vermischt gewesen.
Mit der vollen Kraft dieses Lächelns bedacht zu werden war immer noch eine neue Erfahrung für Rhiann, und sie registrierte verwirrt, dass sich ihr Pulsschlag beschleunigte.
»Rhiann.« Eremon legte einen Arm um sie und spielte mit einer Locke, die in ihrem Nacken tanzte, dann beschrieb er mit dem Daumen kleine Kreise auf ihrer Haut.
Ein wenig zaghaft erwiderte Rhiann sein Lächeln. Jedes Mal, wenn in der letzten Zeit jener Ausdruck ungläubiger Verwunderung auf Eremons Gesicht trat – ein Ausdruck, der besagte, dass es ihm immer noch wie ein Wunder erschien, sie tatsächlich berühren zu dürfen –, setzte ein merkwürdiges Ziehen in ihrer Magengrube ein. Nein ... etwas tiefer. Dann war ihr, als schöbe sich eine warme Hand zwischen ihre Schenkel. Und natürlich wurde dieses wohlige Gefühl sofort von eisiger Furcht abgelöst.
Seit dem Überfall war jeder Anflug von Verlangen, den sie verspürte, mit Furcht durchsetzt. Jedes Mal, wenn eine Männerhand über ihre Haut strich, durchlebte sie noch einmal jenen Moment, wo die grobschlächtigen Räuber, an deren Händen noch...




