E-Book, Deutsch, 538 Seiten
Watson Der letzte Verräter
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-882-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman - Ein packender Thriller über die dunklen Verwicklungen des Buckingham Palace
E-Book, Deutsch, 538 Seiten
ISBN: 978-3-96655-882-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Peter Watson, geboren 1943 in Birmingham, ist der Autor zahlreicher internationaler Bestseller. Er studierte Psychologie und Musik in Durham, London und Rom und war anschließend als Journalist für angesehene Zeitungen wie die »Times« und den »Observer« tätig. Er gilt als einer der besten Kunstspezialisten der Welt und konnte zur Aufklärung zahlreicher Kunstdiebstähle und Fälschungen beitragen. Bei dotbooks veröffentlichte Peter Watson die Romane »Die sixtinische Auktion«, »Das Gemälde des Todes«, »Der letzte Verräter« und »Die ehrenwerte Familie«.
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Kapitel 4
Samstag
Edward war nur einmal zuvor in der Privatwohnung des Oberstallmeisters im Buckingham Palace gewesen, und zwar kurz nachdem man ihn zum Verwalter ernannt hatte. Damals war er zu einem Glas Sherry geladen worden.
Am Seiteneingang zum Palast in Buckingham Gate wurde er von einer Frau in mittleren Jahren eine lange Treppe hinaufgeführt. Sie trug ein Kostüm aus leichtem Wollstoff, denn im Palast wollte man nämlich soweit wie möglich auf Uniformen verzichten. Die von einem Oberlicht erhellte Treppe mündete in einen weitläufigen Korridor, der zum offiziellen Treppenhaus führte. An einer Seite des Treppenhauses befand sich der prächtige Balkon mit Blick auf die Mall, wo sich die Königsfamilie nach Krönungen, Hochzeiten oder bei Paraden versammelte. Auf der anderen Seite des Treppenhauses gelangte man zu einem kleineren Balkon und dann zu einem schmalen Korridor, der Edward entfernt ans Parlament erinnerte, im Gegensatz dazu jedoch nicht auf künstliche Beleuchtung angewiesen war. Einige Sofas – blauer Satin mit vergoldetem Gestell – säumten die eine Seite des Korridors, während eine ganze Reihe getäfelter Türen von der anderen Seite abgingen. Der dicke, flauschige Teppich war tiefblau – an den Wänden hingen englische Porträts aus dem 18. Jahrhundert. Sie gefielen Edward recht gut, auch wenn sie nach Museumsmaßstäben nur zweitklassig waren. Die Royal Collection war wirklich sehr umfangreich.
Im letzten Drittel des Korridors stand eine Tür offen. Edward wurde hindurchgeführt. Das Büro, wo werktags Sekretärinnen emsig tätig waren, lag nun verlassen da. Durch eine zweite, ebenfalls offene Tür konnte Edward Francis Mordaunt sehen, der auf einem Sofa saß und Zeitung las.
»Hier herein!« rief Mordaunt, faltete die Zeitung zusammen und sprang auf. Er bedankte sich bei der Frau, die wieder auf den Korridor hinaustrat, und schloß hinter ihr die Tür. Erst dann ergriff er Edwards Hand und führte ihn zum Sofa. »Kaffee gibt’s leider nicht am Samstag. Mineralwasser?«
»Nein, danke.«
Der helle, lichte Raum hatte ein rundes Erkerfenster mit Blick auf die Gärten, den Teich und die obere Hälfte des »Hilton Hotels«. Hauptschmuck waren unzählige Fotografien. Francis Mordaunt – pardon, Sir Francis natürlich, aber heutzutage gibt es im Palast ebenso viele von der Königin Geadelte, wie es in früheren interessanteren Zeiten königliche Mätressen gab – stammte aus einer guten Westcountry-Familie mit vielen Tanten und Onkeln, Nichten und Neffen, Patenkindern und Schoßtieren, die alle irgendwie und irgendwo in diesem Zimmer abgebildet waren. Ansonsten war es perfekt aufgeräumt. Hier gab es keine Zeitungshaufen, die sich wie Wolkenkratzer in Hongkong hochtürmten. Aber schließlich hatte Mordaunt ja auch drei Sekretärinnen.
Sie setzten sich nebeneinander auf das Sofa. Der fast schmächtig zu nennende Mordaunt war heute ausnahmsweise fast lässig gekleidet. Er trug einen Blazer, ein weißes Hemd ohne Krawatte, blaßgraue Flanellhosen und braune handgearbeitete Slipper. Der dunkle Blazer ließ ihn nicht nur schmächtig, sondern auch extrem blaß erscheinen. Bei der ersten Begegnung konnte man sich versucht fühlen, den Oberstallmeister für einen unbedeutenden Mann zu halten.
Edward wußte genau, daß dies nicht stimmte. Mordaunts graue Augen konnten eisig blicken, falls sich jemand mit ihm anlegte. Sein Durchhaltevermögen war legendär, und seine frühere Ausbildung als Diplomat befähigte ihn dazu, ein Problem gleichzeitig von allen Gesichtspunkten aus zu betrachten – und das normalerweise rascher als jeder andere. Er war nun schon seit fast zwei Jahrzehnten Privatsekretär der Queen.
Mordaunt begann, seine Brille mit einem Taschentuch zu polieren. »Man berichtete mir, daß Ihnen anonym ein Bild geschickt wurde, das möglicherweise von den Nazis im Zweiten Weltkrieg gestohlen wurde.«
»Heute morgen kam ein zweites.«
Das Polieren hörte auf, wenn auch nur für einen Moment.
»Erzählen Sie mir alles, und zwar von Anfang an.«
Edward schilderte das bisherige Geschehen und schloß mit dem Eintreffen des zweiten Paketes an diesem Morgen. »Es war in das gleiche Papier verpackt wie das erste und trug dieselbe Handschrift. Dieses zweite Bild sieht für mich aus wie ein Canaletto. Eine Ansicht von Venedig ... Kanäle, Palazzi, kurzum die übliche Mischung.«
»Ebenfalls Nazi-Beute?«
Edward schüttelte den Kopf. »Das wüßte ich auch gern. Aber ich hatte noch keine Zeit, es zu überprüfen.«
»Lag ein Schreiben bei?«
»Ja, ich habe es hier.« Er griff in sein Jackett, zog einen Umschlag heraus und reichte ihn Mordaunt. Wie zuvor stand Edwards Name in Maschinenschrift auf dem Kuvert, und wie zuvor waren es nur zwei Zeilen Text:
Hiermit müßte unsere Glaubwürdigkeit eigentlich bewiesen sein. Wie Sie sehen, wurden sie nicht zerstört. Die »Apollo-Brigade«.
»Wenn Sie erlauben, möchte ich dies behalten«, sagte Mordaunt, faltete das Papier, schob es in das Kuvert zurück und verstaute es in seiner Blazertasche.
Edward hielt es für sinnlos, ihm zu widersprechen. »Haben Sie eine Idee, worum es hier überhaupt geht? Oder was diese ›Apollo-Brigade‹ ist?«
Statt zu antworten, stellte Mordaunt nun selbst eine Frage. »Wie viele Leute wissen schon davon? Sie, der Lord Chamberlain, Arran von der National Gallery, dieser Ramsay. Ihre Sekretärin ...?«
Edward schüttelte den Kopf. »Sie hat zwar den Raffael gesehen, ahnt aber nichts von dessen Bedeutung.« Er fixierte den Oberstallmeister. »Was das betrifft, so bin ich selbst übrigens auch nicht schlauer.«
Mordaunt biß bei diesem Köder nicht an. »Wann können Sie herausfinden, ob dieses zweite Bild ebenfalls Nazi-Beute ist?«
»Sobald ich Martin Ramsay erreiche. Er besitzt ein Buch, genaugenommen ein Dossier, das von Italien und Deutschland in den siebziger Jahren herausgegeben wurde. Darin sind alle bedeutenden Kunstwerke aufgelistet, die nach übereinstimmender Meinung beider Regierungen im Krieg erbeutet wurden und immer noch verschwunden sind.«
»Können Sie das übers Wochenende klären?«
»Ich kann es versuchen, falls es so wichtig ist.«
»Ja, es ist so wichtig!« sagte Mordaunt scharf.
»Ich habe Arrans private Telefonnummer, und er kann mir sicher Ramsays geben. Meinen Sie nicht, Sir Francis, daß dies eine Angelegenheit für Scotland Yard ist ...?«
»Sie haben doch noch niemanden eingeschaltet, oder?« erkundigte sich Mordaunt erschrocken.
»Nein, bisher noch nicht.«
»Gott sei Dank! Dies ist eine interne Angelegenheit des Palastes, Edward, und muß es auch bleiben, zumindest vorläufig. Sie dürfen niemandem erzählen, was Sie mir eben erzählt haben. Niemandem! Wenn Sie diesen ... Ramsay anrufen, dann erwähnen Sie nicht mal das zweite Bild. Denken Sie sich irgendeine Erklärung aus, die vielleicht etwas mit dem ersten Bild zu tun hat. Versuchen Sie, ihm das Dossier abzuluchsen, ohne weitere Informationen zu geben. Überlassen Sie alles übrige mir. Ich werde fürs erste mal annehmen, daß auch dieses zweite Bild im Krieg erbeutet wurde. Aber sobald Sie herausfinden, daß es tatsächlich so ist, müssen Sie es mich wissen lassen. Wie sehen Ihre Pläne fürs Wochenende aus?«
Edward zögerte. Mordaunts heftige Reaktion auf seine Bemerkung über Scotland Yard irritierte ihn. Bisher hatte sich noch keine Gelegenheit geboten zuzugeben, daß er auch Nancy in die Bilderaffäre eingeweiht hatte, und nun konnte er sich nicht mehr dazu aufraffen. »Ich fahre nach Yorkshire, um Freunde zu besuchen. Eigentlich wollte ich schon letzte Nacht los.«
Mordaunt biß sich auf die Unterlippe. »Nein, ganz ausgeschlossen! Ramsay muß für Sie an erster Stelle kommen!«
Edward wollte schon protestieren, doch Mordaunt schnitt ihm das Wort ab. »Sehr bedauerlich, aber auch ich muß meine Pläne über Bord werfen. Wenn Sie Ramsay rasch kontaktieren können, um so besser. Dann können Sie Ihr Wochenende genießen. Aber was auch geschieht, ich lege großen Wert darauf, daß Sie am Montag früh um 9 Uhr in Ihrem Büro sind. Für alle Fälle.«
»Für alle Fälle, Sir Francis? Ich begreife überhaupt nichts mehr.«
Mordaunt stand auf und ging zum Fenster hinüber. »Sie brauchen auch noch nichts zu begreifen, Edward. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Es tut mir leid, aber Sie müssen eben mein Wort dafür nehmen, daß dies eine Palastangelegenheit ist, und zwar eine äußerst prekäre.« Er blieb noch einen Moment stehen und schaute auf den Garten hinunter. Aus der Ferne wurde der jaulende Sirenenton eines Rettungswagens herübergetragen.
Mordaunt schüttelte seine nachdenkliche Stimmung ab und wandte sich zu Edward um. »So, nun machen Sie sich auf die Suche nach diesem Ramsay.« Als Edward sich erhob, fügte er hinzu: »Und vergessen Sie nicht, die zwei Bilder an einem sicheren Ort aufzubewahren. Wir wollen sie schließlich nicht verlieren. Finden Sie allein Ihren Weg nach Bukkingham Gate zurück?«
Edward nickte und machte zum Abschied eine matte Handbewegung. Mordaunt saß inzwischen schon an seinem Schreibtisch, den Blazer aufgeknöpft, die Hand am Telefon. »Schließen Sie doch bitte die Tür hinter sich.«
Edward zog die Tür sachte ins Schloß. Zu den vielen kleinen Dingen, die er inzwischen im Buckingham Palace schätzte, der von außen nicht gerade sein Lieblingsgebäude war, zählten auch die schweren Türen, die so perfekt eingepaßt waren, daß sie sich mühelos und fast lautlos zuziehen ließen.
Bevor sich die Tür ganz schloß, hörte Edward noch die Stimme des Oberstallmeisters, der bereits telefonierte. »Ist dort Windsor Castle? Hier ist Francis Mordaunt. Ich möchte mit Ihrer Majestät verbunden...




