E-Book, Deutsch, 493 Seiten
Watson Die ehrenwerte Familie
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-786-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Wer den Welt-Bestseller »Der Pate« von Mario Puzo liebt, kommt an diesem Buch nicht vorbei!
E-Book, Deutsch, 493 Seiten
ISBN: 978-3-96655-786-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Peter Watson, geboren 1943 in Birmingham, ist der Autor zahlreicher internationaler Bestseller. Er studierte Psychologie und Musik in Durham, London und Rom und war anschließend als Journalist für angesehene Zeitungen wie die »Times« und den »Observer« tätig. Er gilt als einer der besten Kunstspezialisten der Welt und konnte zur Aufklärung zahlreicher Kunstdiebstähle und Fälschungen beitragen. Bei dotbooks veröffentlichte Peter Watson die Romane »Die sixtinische Auktion«, »Das Gemälde des Todes«, »Der letzte Verräter« und »Die ehrenwerte Familie«.
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Kapitel 2
Der knapp vierzigjährige Nino Greco stammte aus Campobello bei Licata. Seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben, und seine langjährige Geliebte, Tomasetta Priola, hatte die Geburt von Annunziata nicht überlebt. Ninos Vater, Fermo, hatte es zum Vorarbeiter in einem Steinbruch bei Gela gebracht, und bereits mit dreizehn Jahren fing Nino ebenfalls dort an. Zwei Jahre lang lief alles gut. Dann jedoch kam heraus, daß Ninos Vater die Mafia mit Sprengstoff belieferte. Die Polizei konnte nachweisen, daß der Sprengstoff, der bei einem Banküberfall in Catania verwendet worden war, aus dem Steinbruch von Gela stammte, und Ninos Vater wurde zusammen mit mehreren anderen angeklagt, verurteilt und eingesperrt.
Während der drei Jahre, die sein Vater im Gefängnis saß, blieb Nino im Steinbruch, wo er das Handwerk erlernte. Man brachte ihm bei, wie Sprengladungen hergestellt und so geschickt angebracht werden, daß die richtige Menge an Felsgestein weggesprengt wird, wieviel davon nötig ist, um eine ganz spezielle Wirkung zu erzielen, wie man mit Lunten umgeht und vieles mehr.
Als Fermo Greco seine Haftstrafe abgesessen hatte, kümmerte sich die Mafia um ihn. Da er nicht in den Steinbruch zurückkonnte, gab man ihm den Posten des guardino, der in den Olivenhainen rings um Licata Schutzgelder einkassierte. Drei Jahre genoß Nino ein ruhiges, stetes Leben, wie er es nie gekannt hatte und vielleicht nie mehr kennen würde. Sein Vater war ein harter Mann, der aber ein gewisses Pflichtgefühl besaß, was seinen Sohn betraf. Er versorgte Nino mit einer Reihe wichtiger Tips über Sprengstoff. Nicht weniger wichtig war, daß er seinen Sohn mit nach Palermo nahm, wo er Nino in das Leben – hauptsächlich das Nachtleben – im Hafen mit all seinen Kneipen und Bordellen einführte.
Fermo und Nino standen bis zu einem gewissen Grade unter dem Schutz der Familie Priola, mit der sie verwandt waren. Da die Priolas mehrere große Dampfschiffe besaßen, brauchten sie gelegentlich Schützenhilfe, um auf den Piers keine Probleme mit den Arbeitern zu bekommen. Die Priolas aus Palermo galten als reiche, angesehene Leute, doch hinter dem offiziellen Schiffahrt- und Transportunternehmen gab es weniger seriöse Geschäfte, die von einigen ihrer Verwandten erledigt wurden.
Mit siebzehn Jahren lernte Nino die Freuden der käuflichen Liebe in der berüchtigten Via Scina von Palermo kennen. An einem Wochenende hatten zwei der Priola-Brüder Nino mitgenommen, hatten ihm mehrere puttane verschafft, wie die Nutten dort hießen, und ihm viele Gläser des starken sizilianischen Weins spendiert, für den der junge Mann eine große Vorliebe entwickelte. Völlig ausgepumpt und stolz auf sich, weil er an einem Tag vier Frauen gehabt hatte, war er eingeschlafen.
Als er wieder zu sich kam, befand sich ein fremder Mann im Zimmer. Ein unangenehmer Typ mit langer Nase und schiefen Zähnen, der sich gleich erkundigte, ob Nino sich gut amüsiert habe.
»Was geht Sie das an?«
»Weil es nichts umsonst gibt, mein Freund. Du hast gestern deinen großen Tag gehabt. Jetzt mußt du dafür zahlen.«
Nino geriet in Panik. »Zahlen? Ich bin erst siebzehn. Ich arbeite in einem Steinbruch und verdiene nicht viel …«
»Ich weiß, wer du bist und was du tust.«
»Aber … aber ich gehöre in gewisser Weise zur Familie.«
»Ja, auch das weiß ich. Ich gehöre nämlich selbst dazu.«
Nino überlegte kurz, ob er an dem Kerl vorbei aus dem Zimmer stürzen sollte. Doch er war nackt und sah auch nirgends seine Kleidung. Irgend jemand hatte sie entfernt. Plötzlich wurde ihm mulmig zumute. Der gestrige Tag und die Nacht waren geschickt inszeniert worden, um ihn in die Falle zu locken.
Es war unnatürlich still im Zimmer. Schließlich lächelte der Fremde. »Wie ich sehe, hast du begriffen.«
Er zündete sich umständlich eine Zigarette an und blies den Rauch in die abgestandene Luft.
»Du bist Sprengstoffexperte. Du arbeitest in einem Steinbruch. Du hast Zugang zu gewissen Substanzen, die wir brauchen.«
»Wer ist ›wir‹?«
»Mit deinen siebzehn Jahren solltest du alt genug sein, um zu wissen, welche Fragen man nicht stellen darf. Hör zu. Ich werde dir jetzt deine Kleidung geben und dich mit rausnehmen. Dann bringe ich dich zu einer Bank hier in Palermo. Ich führe dich in das Gebäude und zeige dir eine Tür. Eine Metalltür zu einem Tresorraum. Den Rest kannst du dir zusammenreimen. Du sollst ausrechnen, wieviel Dynamit nötig ist, um die Tür aufzusprengen. Nur die Tür, nichts sonst. Und dann mußt du uns soviel Dynamit beschaffen.«
Als der Mann fertig war, zitterte Nino am ganzen Leib. Welch perfekt ausgetüftelter Plan! Er dachte fieberhaft nach, schwieg aber verstockt.
Der andere rauchte genüßlich seine Zigarette. Schließlich meinte er: »Kein Grund, wütend zu sein oder zu schmollen. Wenn du den Auftrag gut erledigst, kannst du in Häusern wie diesem Stammkunde werden.«
Er ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor er weiterredete. »Wir haben dich beobachtet. Du bist gut, vielleicht sogar besser als dein Vater. Als er dich auf unsere Anweisung hin anlernte, wußten weder er noch wir, was aus dir werden würde. Es war eine gute Investition.«
Er drückte die Zigarette aus und stand auf. »Nino, dein Vater ist einer von uns. Akzeptier es, und basta. Los, gehen wir.« Er wandte den Kopf und rief: »Beppo!«
Die Tür wurde sofort geöffnet. Ein Mann kam mit Ninos Kleidung herein und warf sie achtlos auf das Bett.
Nino hatte diesen ersten Auftrag höchst widerwillig ausgeführt. Doch es war ein voller Erfolg geworden, und er hatte mehr Lire verdient als in sechs Monaten im Steinbruch. Binnen kurzem wurde er geradezu süchtig nach den Bordellen Palermos und gab all sein Geld dort aus. Ebenso rasch mauserte er sich zu einem Bankräuber ohne Skrupel. Noch vor seinem achtzehnten Geburtstag hatte er den Sprengstoff für vier größere Bankeinbrüche besorgt. Er liebte den Nervenkitzel, er liebte das Geld, und vor allem liebte er die Bordelle.
Und das wurde ihm natürlich zum Verhängnis. Welcher achtzehnjährige Steinbrucharbeiter kann sich die Lasterhöhlen Palermos leisten? Schon bald bekam er Besuch von den Sbirren, die wissen wollten, wo er das Geld herhatte, das er bei den Huren in der Via Scina ausgab. Seine Erklärung, er habe es beim Glücksspiel im Foro Biondo gewonnen, konnte von den Sbirren schwer widerlegt werden, überzeugte sie aber auch nicht. Von da an stand er unter Beobachtung.
Ein Jahr später brach im Hafen von Palermo ein Bandenkrieg aus. Bisher waren die Dockarbeiter von den Priolas kontrolliert worden, die die Arbeiterführer beschützten, sofern die Priola-Schiffe als erste und möglichst rasch beladen wurden. Sizilien exportierte Orangen, Zitronen und Oliven nach Frankreich, England, Holland und Amerika. Da es keine Möglichkeit gab, die Ladung zu kühlen, kam es ganz besonders auf Schnelligkeit an. Als die Eigner einer neuen Schiffahrtslinie, die Orestanos, Verträge mit einigen unabhängigen Besitzern von Orangenplantagen in der Nähe von Platani schlossen, drohte dies die Organisation der Priolas zu schwächen. Die Orestanos wollten nämlich auch eine besonders rasche Abfertigung und benutzten dieselben Piers.
Die wichtigsten Leute im Hafen waren die mandatori, die Agenten, die Ware und Käufer zusammenbrachten. Es handelte sich dabei um erbliche Posten, die vom Vater auf den Sohn übergingen und immer von der lokalen Mafia vergeben wurden. Bis zu dem Zeitpunkt hatten die meisten von ihnen unter dem Schutz der Priolas gestanden. Als man zwei mandatori fand, die garottiert worden waren – die herkömmliche sizilianische Art des Erwürgens –, war es mit dem guten Ruf der Priolas als Beschützer der Agenten nicht mehr weit her. Andere mandatori begannen sofort damit, die Fracht der Orestanos bevorzugt abzufertigen.
Da mußte rasch Vergeltung geübt werden, und zwar viel massiver, als es sich die Orestanos hätten träumen lassen. Eine Vergeltung mit Sprengstoff.
Nino wußte, daß er immer noch von der Polizei beschattet wurde, doch für ihn gehörte es schon fast zur Routine, die Sbirren zu bestechen, wenn es gelegentlich nötig war, seinem »Schatten« wenigstens einige Stunden lang zu entkommen. Der Sprengstoff wurde geliefert, am nächsten Tag flog das Lagerhaus der Orestanos in die Luft, und es regnete Orangen. Als Gegenmaßnahme äußerst wirkungsvoll. Unglücklicherweise explodierten aber nicht nur Orangen, sondern ein Mensch wurde getötet.
So hatte die Polizei keine andere Wahl, als Nino zu suchen und ihn nach Möglichkeit zu verhaften. Der Zusammenhang zwischen ihm und dem Vorfall war zu offensichtlich, als daß man ihn hätte übersehen können. Die Polizei brauchte einen Schuldigen. Die Beweise würde man später dann schon nachliefern.
Nino verschwand von der Bildfläche. Es war nicht allgemein bekannt, daß die Schwester des Abtes von Quisquina mit einem Priola verheiratet war, und die Familie hängte es auch nicht an die große Glocke. Doch mitunter waren solche Familienbande recht nützlich. Nino verbrachte zwei Monate in Quisquina – manchmal sogar als Mönch verkleidet –, bis sich die ganze Aufregung über den Zwischenfall mit dem Lagerhaus gelegt hatte.
Natürlich konnte er nicht ewig im Kloster bleiben, und außerdem brauchte er Geld. Viehdiebstahl schien die beste Lösung zu sein. Tunesien war ein guter Markt für billiges Fleisch aus Sizilien, und gestohlene Rinder waren am allerbilligsten. Das damit verbundene Risiko war minimal, und speziell umgebaute Boote oder Barken verließen mit zwanzig bis vierzig Tieren an Bord regelmäßig die Südküste Siziliens.
Die Tatsache, daß durch seine...




