E-Book, Deutsch, Band 3, 698 Seiten
Reihe: Die Dalriada-Trilogie
Watson Die Rose der Kelten
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-239-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman | Die große Schottland-Saga: Die Dalriada-Trilogie 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 698 Seiten
Reihe: Die Dalriada-Trilogie
ISBN: 978-3-98690-239-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jules Watson wurde 1970 als Tochter englischer Auswanderer in Perth geboren. Sie wuchs in Australien auf und lernte ihren späteren Ehemann Alistair, einen Schotten, bereits an der Highschool kennen. Nach ihrem Studium der Archäologie und PR arbeitete sie unter anderem in diesen Berufen, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Sie lebte viele Jahre lang abwechselnd in Australien und der UK, bis sie schließlich mit ihrem Mann in ein kleines schottisches Glen an der Westküste zog. Die Website der Autorin: juleswatson.com Von Jules Watson erscheinen bei dotbooks die drei Teile der Dalriada-Trilogie »Tartan und Schwert«, »Das keltische Amulett« und »Die Rose der Kelten«.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
»Möge Christus euch in Liebe leiten«, schnaufte der alte Priester, dabei stützte er sich schwer auf den Sandsteinaltar.
Minna schnaubte verhalten. Es mochte ja Sabbat sein, ein heiliger Tag der Christen, weshalb sie jetzt auch in der Kapelle der Villa Aurelius standen, aber sie ahnte, dass das, was ihr bevorstand, mit Liebe wenig zu tun hatte.
Wir müssen eine Entscheidung treffen, hatte ihr Bruder Broc zu ihr gesagt. Über deine Zukunft, Minna. Seine Worte schwirrten wie Motten in ihrem Kopf herum. Über deine Zukunft. Über deine Zukunft. Über deine Zukunft.
Sie fing einen Blick von Severus auf, dem Aufseher auf Aurelius’ Landsitz. Er war ein kräftiger, untersetzter Mann mit braunem Haar, das von grauen Strähnen durchzogen wurde. Sein Gesicht war vom übermäßigen Alegenuss gerötet, aufgedunsen und von der Sonne gegerbt, da er sich den ganzen Tag auf den Feldern aufhielt, um die Sklaven zur Arbeit anzutreiben. Seine Hände wiesen vom Gebrauch der Peitsche harte Schwielen auf, und seine braunen Augen ruhten jetzt abschätzend auf Minna. Neben ihm stand Broc und beobachtete den seine Schwester musternden Severus. Seine mürrische Miene hellte sich dabei nicht auf.
Minna schnippte ihren schwarzen Zopf von ihrem klammen Nacken und straffte die Schultern. Sollten sie nur starren!
»Minna«, flüsterte der kleine Marcus und presste sein Gesicht gegen ihren Arm. »Dauert es noch lange?« Er war erst drei Jahre alt; seine helle Kinderstimme hallte in der schmucklosen Kapelle laut und vernehmlich wider.
Publius Aurelius und seine Frau drehten sich beide gleichzeitig um und blickten nicht ihren Sohn, sondern dessen Kindermädchen missbilligend an. Minna legte Marcus lächelnd einen Finger auf die Lippen. Sein zehnjähriger Bruder Lucius verdrehte die Augen, woraufhin Minna mahnend den Kopf schüttelte. Publius saß die Hand etwas zu locker, wenn es darum ging, seine Söhne mit dem Lederriemen zu züchtigen, und sie hatte gerade erst die ganze Nacht am Bett des fiebernden Marcus gewacht. Zum Glück schien es ihm heute morgen besser zu gehen.
Die heiße Sonnenzeit war in die Zeit des Blätterfalls übergegangen. In der Kapelle mit den frisch getünchten Wänden und dem neuen Mosaikfußboden war es kühl und dunkel, aber sie war so klein, dass die Gottesdienstteilnehmer eng aneinandergedrängt stehen mussten. Obwohl der Herr und die Herrin Christen waren, verehrten die meisten der einheimischen Arbeiter auf dem Landgut auch weiterhin die alten Götter und die Große Mutter und nahmen an dieser Zeremonie nur teil, weil ihnen keine andere Wahl blieb. Die Luft war erfüllt von säuerlichem Schweißgestank und dem schweren ägyptischen Parfüm der Herrin.
Die beiden Jungen verstummten, und der Priester fuhr mit seiner Predigt fort. Minna zupfte seufzend an ihrem kratzenden, an ihrer erhitzten Haut klebenden Kleid herum. So in Ruhe ihren Gedanken nachhängen konnte sie sonst nur, wenn der griechische Lehrer Nikodemes den Jungen Geschichten über die trojanischen und griechischen Kriege oder von übermütigen Göttern und eifersüchtigen Göttinnen erzählte. Die Kapellenwände waren mit roten und weißen Diamanten bemalt, die sie drei Mal zählte, bis sie bemerkte, dass die beiden Töchter der Köchin sie anstarrten. Ah ja, diese zwei hatte sie ganz vergessen. Sie konnte ihnen die Gedanken von den feisten Gesichtern ablesen. Welches Recht hatte sie, die Frau mit den ungewöhnlichen Augen und dem eigenartigen Gebaren, vor der Christusfigur zu stehen, wo sie doch als Heidin galt? Die Mädchen tuschelten hinter vorgehaltener Hand miteinander, und Minna wandte ihr brennendes Gesicht ab. Severus war hier der Einzige, der sie nicht für hellsichtig und nur zur Hälfte menschlich hielt. Was für eine Ironie des Schicksals!
»Amen«, krächzte der Priester endlich.
»Amen«, murmelte die kleine Gemeinde erleichtert. Minna stimmte nicht mit ein, sondern schielte sehnsüchtig zur Tür hinaus. Sie konnte den von den abgebrannten Stoppelfeldern aufsteigenden Rauch und den Duft reifer Äpfel riechen, der von den Obstgärten, wo die Sklaven sie in Fässer pflückten, zu ihr herüberwehte. Die Herrin Flavia hatte ihr befohlen, den Tag mit den Jungen außerhalb des Hauses zu verbringen. Sie konnte es kaum erwarten, endlich ins Freie zu kommen.
Schließlich schlang Publius seinen Umhang enger um sich und schritt eilig zur Tür hinaus. Als einer der reichen Landgutbesitzer in den fruchtbaren Tälern östlich der Stadt Eboracum gehörte er dem Rat an und musste häufig an wichtigen Besprechungen in der nahegelegenen Stadt Derventio teilnehmen.
Sowie er außer Sicht war, stürmten seine Söhne aus der Kapelle. Minna folgte ihnen und blinzelte in die Sonne, deren Strahlen von den weißen Wänden und den roten Dachziegeln der Villa zurückgeworfen wurden. Das Haupthaus und die beiden Nebenflügel umschlossen einen lichtdurchfluteten Hof, dahinter lockten die grünen Hügel.
Doch ehe sie den Jungen zurufen konnte, auf sie zu warten, schlossen sich Brocs Finger um ihr Handgelenk und zogen sie zur Seite. »Was ich gesagt habe, war ernst gemeint, kleine Schwester«, murmelte er. »Und ich dulde keinen Widerspruch.«
Er blickte über seine Schulter hinweg zu Severus, der gerade die Kapelle verließ. Der Aufseher tippte sich mit dem Griff seiner Peitsche gegen die Stirn. Er ließ Minna nicht aus den Augen, während er, an die Mauer gelehnt, auf Flavia wartete.
Minna entwand sich atemlos Brocs Griff. »Du weißt genau, dass ich...«
»Ich will nichts mehr hören!« Brocs rotes Haar war schweißverklebt. Obwohl Minna zwei Jahre jünger war als er, hatte sie ihm oft mit einer mütterlichen Geste die schweren Locken aus der Stirn gestrichen. Aber nicht heute. Als die anderen Diener in den Hof strömten, dämpfte Broc seine Stimme. »Du kannst nicht dein ganzes Leben lang als Kindermädchen arbeiten, Minna.«
»Ich wüsste nicht, was dagegen spricht.«
»Du zählst schon achtzehn Sommer«, zischte er. Sein sommersprossiges Gesicht verhärtete sich vor Zorn. »Wir haben ohnehin schon zu viel Zeit verloren – weil ich dir bislang deinen Willen gelassen habe. Aber damit ist jetzt Schluss.«
Ihre Vorfahren waren Sklaven gewesen und von Publius’ Großvater freigelassen worden. Aber Brocs und Minnas Eltern waren sehr früh gestorben – die Mutter am Fieber, der Vater nach einem Reitunfall – und Minna konnte sich kaum noch an sie erinnern. Seither lebten die Geschwister zusammen mit ihrer Großmutter friedlich in einem kleinen Haus am Fluss. Warum sollte sich daran etwas ändern? Wie konnte Broc solche Andeutungen machen?
Minna hob herausfordernd den Kopf. »Ich bin glücklich mit dir und Mamo.«
»Mamo wird nicht ewig leben.«
»Du bist ja auch noch da.« Sie hielt Brocs Blick unverwandt stand.
Erst jetzt wurde ihnen bewusst, dass mehrere Leute sie neugierig anstarrten und versuchten, ihrer geflüsterten hitzigen Auseinandersetzung zu lauschen. Broc zerrte sie ärgerlich um die Hausecke, wo ein Tor den Hof von den Feldern trennte.
»Das wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen.« Minna rieb sich aufgebracht die Handgelenke. Aber irgendetwas im Gesicht ihres Bruders hinderte sie daran, noch mehr zu sagen.
»Ich werde dir verraten, warum uns keine Zeit mehr bleibt.« Die Sehnen an Brocs Armen traten deutlich hervor, und Minna wurde klar, dass sich in der letzten Zeit nicht nur sein Verhalten verändert hatte. Seine Schultern waren breiter geworden; er war kein Junge mehr, sondern ein erwachsener Mann. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als Broc sich mit einem tiefen Atemzug für das wappnete, was er ihr zu eröffnen gedachte. »Ich bin in die Armee eingetreten. In drei Tagen breche ich auf, ich bin zum Wall abkommandiert.«
Jegliche Farbe wich aus Minnas Gesicht.
»Der Herr hat mir bereits seine Erlaubnis erteilt«, fuhr Broc hastig fort.
Sie sah, wie sich seine Lippen bewegten, vermochte aber seine Worte nicht zu erfassen. Endlich stieß sie tonlos hervor: »Aber du sollst doch eines Tages Verwalter werden, und ... du musst dich doch um mich und Mamo kümmern.«
»Ich werde nicht hier verschimmeln, bis ich alt und fett bin!« Minna zuckte angesichts dieses Ausbruches erschrocken zusammen, und er griff nach ihrer Hand. »Verstehst du denn nicht, was für eine große Ehre das für mich ist, Schwester? Ich bin bei den areani aufgenommen worden, bei den Kundschaftern, und dort nimmt man nur die besten Reiter.« In seinen Augen loderte eine Flamme auf, die durch Minna hindurchzudringen schien, als bestünden sie und dieses Feuer aus so unterschiedlicher Materie, dass es ihr nichts anhaben konnte.
»Und was soll aus uns werden?«, fragte sie, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihre Stimme zitterte. »Du willst Mamo und mich einfach im Stich lassen?«
»Ich kann mich durch euch nicht von meinen Plänen abhalten lassen; du bist meine Schwester, nicht mein Kind. Es wird Zeit, dass sich ein anderer Mann deiner annimmt. Als dein rechtmäßiger Gatte.«
Minna entzog ihrem Bruder langsam ihre Hand. Sie hatte sich an den irrwitzigen Traum geklammert, ihr Leben würde ewig so weitergehen wie bisher: Mamos Geschichten abends am Feuer, nachmittägliche Ausflüge mit Marcus und Lucius. Sie brauchte sich ja nur anzusehen – ihre Sandalen waren schlammverschmiert, ihr Kleid mit Grasflecken übersät. Sie hatte ganz in ihrer eigenen Welt versunken ihre Tage verbracht, und nun war sie unsanft in die Wirklichkeit zurückgeholt worden. »Ich denke, es gibt keinen Bewerber um meine Hand, nicht wahr, Bruder? Wegen meines – wie sagen alle doch immer? –, meines merkwürdigen Verhaltens.«
»Was erwartest du denn, wenn du dauernd diese Wachträume hast,...




