E-Book, Deutsch, Band 2, 710 Seiten
Reihe: Die große Australien-Saga
Watt Wer dem Wind folgt
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-788-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die große Australien-Saga - Band 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 710 Seiten
Reihe: Die große Australien-Saga
ISBN: 978-3-96148-788-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Peter Watt hat in seinem Leben schon in vielen verschiedenen Ländern gelebt, darunter Vietnam, Island, Tasmanien und Papua-Neuguinea. Heute wohnt er im australischen Maclean, im Norden von New South Wales. Er schätzt gutes Essen, das Angeln und die Weite des Outbacks von Queensland, wo auch seine Romane spielen. Die Website des Autors: www.peterwatt.com Von Peter Watt erscheinen bei dotbooks ebenfalls: »Weit wie der Horizont. Die große Australien-Saga - Band 1« »Wer dem Wind folgt. Die große Australien-Saga - Band 2« »Wenn der Sturm naht. Die große Australien-Saga - Band 3« Die drei Bände sind auch im Sammelband »Blauer Himmel, rotes Land« vereint.
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PROLOG
1868
Die Insel war eine Schildkröte. Ihr grüner Panzer trieb auf einer türkisfarbenen See ...
Zumindest war das der erste Eindruck, den David Macintosh hatte. Der sechsundzwanzigjährige Erbe eines in Sydney ansässigen, weltumspannenden Finanzimperiums stand am Bug einer Sklavenhandels-Bark, die im Auftrag seiner Familie den Pazifik durchpflügte, und sah zu, wie die mit Dschungel bewachsene Insel am Horizont abwechselnd aus dem Wasser emporstieg und niedersank. Obwohl der mittelgroße und glatt rasierte junge Mann durchaus wie jemand auftrat, dem man den Reichtum in die Wiege gelegt hatte, ließ ihn seine natürliche Art liebenswert erscheinen.
Die Reise auf der Osprey hatte er gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Mutter angetreten. Er wollte das dörfliche Leben im Südpazifik studieren. Voll abergläubischer Besorgnis wegen eines einst von einem Ureinwohner über die Familie Macintosh ausgesprochenen Fluchs hatte Lady Enid gesagt, er begebe sich damit in schreckliche Gefahr. Doch er hielt ihre Befürchtungen für töricht und unbegründet und hatte sie sanft getadelt. Deutlich stand ihm noch der Ausdruck von Angst vor Augen, den er auf ihrem sonst so gelassenen Gesicht wahrgenommen hatte, als er ihr beim Ablegen der Osprey vom Deck aus zuwinkte.
Während er an der Reling stand und hinübersah zu der Insel, wo er Gelegenheit haben würde, eine Kultur kennen zu lernen, die weit älter war als die westliche Zivilisation, dachte er nicht an ihre Befürchtungen. Im vergangenen halben Jahrhundert hatten die Europäer auf den Pazifik-Inseln tiefer greifende Veränderungen bewirkt, als dort in Jahrtausenden stattgefunden hatten. Nachdem die Inselgötter so gut wie abgeschafft und durch das neu eingeführte Christentum ersetzt worden waren, verbargen sich die alten Götter im Dschungel. Die wahren Gläubigen brachten ihnen nach wie vor die herkömmlichen Opfergaben, um ihren Zorn über die Vertreibung zu besänftigen.
Morrison Mort, der wortkarge Kapitän der Osprey, hatte David erklärt, dass kaum je ein Sklavenhändler Kontakt mit dieser Insel gehabt habe. Ihre Bewohner seien kriegerischer als die der meisten anderen im Pazifik und bekannt dafür, dass sie die Besatzungen von Schiffen abgeschlachtet hatten, als diese Sandelholz an Bord nehmen wollten. Das liege zwar schon lange zurück, fügte er rasch hinzu, ergänzte aber, dass Tiwi, der Herrscher der Insel, zu den Kriegern alten Schlages gehöre, die sich Missionaren und deren Lehren widersetzten. Aus diesem Grunde meide man gewöhnlich den Kontakt mit ihm, da die Häuptlinge anderer Inseln dem Handel der Weißen mit eingeborenen »Vertragsarbeitern« viel aufgeschlossener gegenüberstünden.
Doch David ließ sich von der kriegerischen Haltung der Inselbewohner nicht abschrecken. Er wollte unbedingt Menschen beobachten und kennen lernen, von denen er annahm, dass sie noch viele der althergebrachten Bräuche pflegten. Dem stillen jungen Gelehrten war es weit wichtiger, neues Wissen zu sammeln, als für das ohnehin schon beachtliche Imperium seiner Familie weitere Reichtümer zusammenzutragen.
Während er über das Deck zu Kapitän Mort ging, kam es ihm vor, als husche ein kaum wahrnehmbares Lächeln über dessen harte Züge. Es reichte aber nicht bis zu seinen blassblauen Augen, in denen animalischer Wahnsinn zu lodern schien.
Kapitän Mort war kein glücklicher Mensch. Auch wenn Jack Horton, sein Erster Steuermann, die Osprey auf einen Kurs gebracht hatte, der dafür sorgen würde, dass die Bark die Lagune erreichte, wo sie im Schutz des Korallenriffs vor den heranrollenden Brechern des Pazifiks sicher wäre, war Mort doch fest davon überzeugt, niemand außer ihm wäre in der Lage, das Schiff gefahrlos vor Anker zu bringen. Er war Mitte dreißig, sah gut aus und erregte mit seinem grüblerischen und geheimnisvoll wirkenden Wesen die Aufmerksamkeit so mancher jungen Dame. Diese Anziehungskraft wurde durch Gerüchte über seine bewegte und möglicherweise gewalttätige Vergangenheit noch verstärkt.
Voll Groll sah er David auf sich zukommen. Die Anwesenheit eines Mitglieds der Unternehmensleitung an Bord war ihm ein Dorn im Auge. Er fürchtete, der junge Macintosh könne ihm das Kommando über die Osprey entziehen, sobald sein Wissensdrang gestillt war – vermutlich dann, wenn die Bark wieder in Brisbane eingelaufen war. Nun ja, überlegte er, einen Dorn konnte man schließlich entfernen.
Mort misstraute allen und jedem. Er wusste, dass Lady Enids Sohn erhebliche Vorbehalte gegen den Sklavenhandel hatte. Schon oft hatte David geäußert, er werde diesen Unternehmenszweig der Familie einstellen, sofern dadurch ein Makel auf den Namen Macintosh falle.
Das Jahr 1868 hatte sich für Mort schlecht angelassen. In Sydney hatte es Ärger mit dem verdammten presbyterianischen Missionar John Macalister gegeben, der unter Aufbietung all seines Einflusses versucht hatte, den Kapitän wegen Mordes vor Gericht zu bringen. Nur außergewöhnliches Glück bewahrte Mort vor dem Galgen.
Außerdem war durch die Konkurrenz zahlreicher anderer Schiffe, die ebenfalls Eingeborene nach Australien schafften, die Zahl der von ihm vermittelten Arbeitskräfte deutlich zurückgegangen. Angesichts dieser Schwierigkeiten hatte er sich entschieden, auch Inseln anzulaufen, die von den Sklavenhändlern gewöhnlich gemieden wurden. Nicht nur kannten die Eingeborenen dort ihre Rechte weniger gut, er hatte auch gehört, Häuptling Tiwi sei gegen gewisse Gegenleistungen zu einer Zusammenarbeit bereit. Das dafür Nötige führte die Osprey in ihrem Laderaum mit sich: Musketen samt Pulver und Blei. Tiwi wollte auf den Nachbarinseln auf Kopfjagd und Frauenraub gehen, wobei ihn die technischen Hilfsmittel des weißen Mannes unterstützen sollten. Dieser wiederum brauchte Arbeitskräfte – ein einwandfreies Geschäft.
Sofern Mort in seinem wild bewegten Leben je ein Gefühl wie Liebe empfunden hatte, galt es dem Schiff, das er befehligte. Er hatte sich geschworen, niemand werde ihn je von der Osprey trennen, nicht einmal ihre Eigner. Eher würde er die Bark versenken, als sie an einen anderen Kapitän zu verlieren.
David Macintoshs Anwesenheit an Bord würde wohl nicht mehr von langer Dauer sein, überlegte er. Das verschlüsselte Telegramm, das ihm Granville White aus Sydney über Brisbane hatte zukommen lassen und in dem es für Nichteingeweihte um Schifffahrtswege und Schiffsladungen zu gehen schien, ermächtigte ihn, nach eigenem Gutdünken das Nötige zu unternehmen, damit die Bark unter seinem Kommando blieb. Es gab keinen Zweifel, dass White, David Macintoshs Vetter und zugleich sein Schwager, ebenso hart und rücksichtslos war wie Mort.
Als die Osprey kurz nach Mittag in die von Häuptling Tiwi beherrschten Gewässer einlief, stießen schmale Kanus vom Ufer ab. In den ausgehöhlten Baumstämmen mit Auslegern ruderten muskulöse Krieger der Bark entgegen, die in die geschützte Lagune hinter dem Korallenriff strebte.
Aufmerksam behielten der Kapitän und seine Männer die Besatzungen der Einbäume im Auge. Waffen waren an Deck griffbereit: Gewehre, Äxte, Handspaken und Landungshaken. Doch als die Einbäume näher kamen, zeigte sich, dass die Ruderer unbewaffnet waren.
Sie umkreisten die Osprey, deren Segel eingeholt und belegt wurden, während die Anker rasselnd in das ruhige und klare Wasser der Lagune glitten. Mort achtete darauf, dass das Dorf in Reichweite seines Heckgeschützes lag. Als Besatzungsmitglieder billigen Tand ins Wasser warfen, sprangen einige der braunhäutigen Insulaner hinterher, um die Gegenstände heraufzuholen. Andere Männer an Bord der Osprey versuchten, sich mit den Eingeborenen zu verständigen.
Da von diesen keine unmittelbare Bedrohung auszugehen schien, wies Mort den Ersten Steuermann an: »Sorgen Sie dafür, dass sich der Landungstrupp bereit macht, Mister Horton.«
»Kommt Mister Macintosh mit an Land, Käpt'n?«, erkundigte sich Horton mit breitem Grinsen.
»Ich denke, er wird darauf bestehen. Wir haben keine Handhabe, das zu verhindern. Immerhin gehört er der Unternehmensleitung an und kann tun und lassen, was er für richtig hält. Allerdings habe ich ihn mehrfach vor der Heimtücke dieser Leute gewarnt«, gab Mort mit dem Anflug eines Lächelns zurück.
Horton nickte und spie ins klare Wasser der Lagune. Er hatte für den feinen Pinkel nicht das Geringste übrig. Solche Leute waren ihm aus tiefster Seele verhasst. Falls die Inselbewohner tückisch wurden, würde das dem Mistkerl nur recht geschehen.
Mort und seine Männer nahmen Gewehre mit, David hingegen lehnte die ihm angebotene Waffe ab. Zwar hatte Mort auch den Infanteriedegen umgeschnallt, den er fast immer bei sich trug, doch es war kaum wahrscheinlich, dass ihnen der alte Tiwi feindselig begegnen würde. Dem lag mehr an den Musketen, die sie ihm brachten, als an einer unerfreulichen Begegnung mit den Sklavenhändlern.
Die Menschen am Ufer machten sich eilends auf ins Dorf, um ihrem Häuptling die Ankunft des Schiffes mitzuteilen. Anfangs nahm dieser an, der lästige schottische Missionar John Macalister, der mit seiner ebenso lästigen Frau auf der Insel lebte, solle abgeholt werden. Er duldete den eifernden Presbyterianer, dessen Kampf dem altüberkommenen Erdrosseln von Witwen und dem Genuss des berauschenden kawa galt, lediglich deshalb, weil dieser bei seiner Ankunft Wolldecken als Geschenk mitgebracht hatte. Inzwischen hatte Tiwi zudem den Mut des Missionars achten gelernt. Doch diese Entscheidung galt nicht für alle Zeiten, und so hing Macalisters Leben ständig an einem seidenen Faden.
Kaum liefen die...




