E-Book, Deutsch
Waugh Die Tote im Herrenhaus
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-641-26445-1
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-26445-1
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daisy Waugh, die Enkelin des britischen Schriftstellers Evelyn Waugh, ist Autorin und Tarotkartenlegerin. Sie hat eine Reihe von Romanen sowie diverse Sachbücher, Zeitungsartikel und Kolumnen verfasst. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie in Barnes, South West London. Mit »Die tote Lady« hat sie eine Reihe von humorvoll-nostalgischen Kriminalromanen um die skurrile britische Landadelfamilie von Tode Hall begonnen.
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Die Todes von Tode Hall
Die Nördliche Rasenfläche
Dienstag, 8:41 Uhr
Die Rasenflächen rund um Tode Hall hatten im Sommer eine triste Senffarbe angenommen, sodass das helle Mauerwerk des siebtbekanntesten in Privatbesitz befindlichen Herrenhauses von Großbritannien ein wenig schmuddelig wirkte. Doch das ließ sich nicht ändern. Es war Mitte August, und in der Grafschaft Yorkshire hatte es seit fast sechs Wochen keinen Tropfen geregnet. Auf den britischen Social-Media-Plattformen wurde fieberhaft über das drohende Aussterben der Eisbären und das nahende Ende der Welt diskutiert. In London, Manchester, Edinburgh, ja, sogar in York ketteten sich wütende junge Leute an Busse und forderten ein Ende des Lebens, wie wir es kennen. Und im Souvenirshop in den alten Stallungen am Ende der Auffahrt sowie in dem an der Kasse und in den drei Restaurant-Cafés von Tode Hall kam es zu einem nie da gewesenen Run auf Eis am Stiel. In sämtlichen Läden auf dem Anwesen war nur noch welches mit Zitronengeschmack erhältlich.
Es war ein außergewöhnlicher Sommer, ein wunderbarer Sommer für fast jeden, und ein nützlicher für Aktivisten, die forderten, dass etwas gegen den Klimawandel getan werden müsse. Trotzdem beklagten sich – wie immer in England – alle.
Sir Ecgbert Tode (52), der zwölfte Baronet, zum Beispiel, der ein dickes Cordjackett, ein Poloshirt und eine lange Hose trug und mit großen Sätzen über den ausgetrockneten Rasen eilte, den Sicherheitscode am Privateingang eingab und dabei imaginäre Fliegen verscheuchte, ließ sich in just diesem Augenblick negativ über seine Körpertemperatur aus.
»Es ist erst halb neun morgens, und schon läuft mir das Wasser herunter, Trudy«, jammerte er. »Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes am . Ist das zu fassen?«
Diese Nachricht hinterließ er auf der Mailbox der ebenfalls zweiundfünfzigjährigen Alice Liddell, die er aus unerfindlichen Gründen »Trudy« nannte und die gegenwärtig als »Event- und Spaßmanagerin« von Tode Hall wirkte, was immer das heißen mochte. Niemand schien es genau zu wissen – am allerwenigsten Alice selbst, die besagte Stelle seit fast einem Jahr bekleidete. Aber es war ein angenehmer Job. Sehr entspannt. Zusatzleistungen waren ein hübsches Cottage hinter einer hohen Hecke inmitten des alten Rosengartens von Tode Hall und ein kleiner Wagen mit kaputten Sicherheitsgurten. Alice, eigentlich eingefleischte Londonerin, hatte einen großen Teil ihrer Kindheit bei ihrer mittlerweile verstorbenen Großmutter, der persönlichen Zofe der ebenfalls verstorbenen Lady Tode, auf dem Anwesen verbracht, weswegen Tode Hall so etwas wie ein zweites Zuhause für sie war. Sir Ecgbert hatte an diesem Morgen ihre Nummer gewählt, weil er sie liebte. Doch natürlich würde er ihr das nicht gestehen.
»Ich bin im Haupthaus«, sagte er stattdessen. »Da ist es wie im Backofen, Trudy. Wie in einem riesigen Backofen …«, hallte Ecgberts Stimme wider, als er den Großen Saal betrat. »Im ganzen Land ist es wie in einem riesigen Backofen, wird mir gerade klar. Es gibt kein Entrinnen. Ich mache mir Sorgen um die Dachse in Brendan Wood. Wie die wohl die Hitze überstehen? Bist du wach? Kommst du rüber, frühstücken?«
Alice liebte Sir Ecgbert genauso sehr wie Sir Ecgbert Alice liebte. Aber das hätte sie ihm auch dann nicht sagen können, wenn sie es gewollt hätte, weil sie es selbst noch nicht wusste. Außerdem war es viel zu früh fürs Frühstück, besonders nach einem so merkwürdigen und unangenehmen Abend. Sie schob ihren Arm unter der dünnen Zudecke in Richtung Telefon und schaltete es stumm.
Sir Ecgbert, der eigentliche Erbe von Tode Hall, wohnte nicht im Haupthaus und war zum Glück auch nicht für das Anwesen verantwortlich. Zum Glück, denn es handelte sich nicht nur um eines der prächtigsten und schönsten im Land, nein, dazu gehörten überdies mehr als viertausend Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche, fünfzig oder sechzig kleine Cottages, die bereits erwähnten Souvenirshops und Restaurant-Cafés, ein Hofladen, eine Moorhuhnjagd, ein luxuriöser Campingplatz, ein Ausstellungszentrum, eine Gärtnerei, eine Bogenschießschule, ein Schießplatz und so weiter und so fort … Tode Hall war ein ziemlich großes Unternehmen und ein wichtiger örtlicher Arbeitgeber, weshalb man es keinesfalls einem Mann anvertrauen konnte, der in seinem mehr als fünfzigjährigen Leben noch keinen einzigen Tag bezahlte Arbeit geleistet hatte. Sir Ecgbert oder »Mad Ecgbert – der Verrückte Ecgbert«, wie Freunde und Familie ihn nannten, wäre kein geeigneter Verwalter gewesen.
Das Anwesen war seit Langem ins Todesche Treuhandvermögen und schlaue Steuerkonstruktionen eingebettet und »gehörte« somit ohnehin keinem Einzelnen mehr. Doch das Recht, als Herrscher der Hall dort zu residieren (ganz zu schweigen von dem Einkommen aus den nicht unerheblichen Einnahmen), war nicht ganz so genau festgelegt. Dieses Recht hätte traditionsgemäß Ecgbert zugestanden. Aber kurz vor ihrem schockierenden Ableben hatte seine verwitwete Mutter Lady Tode beschlossen, die Zügel einem Tode zu übergeben, der sich besser dafür eignete.
Lady Tode hatte alle ihre drei Kinder übergangen und sich stattdessen an Sir Ecgberts jungen Cousin Egbert ( Egbert, beachten Sie bitte das fehlende »C«) gewandt. Nach allgemeiner Ansicht schlugen sich Egbert (Mr) und seine wunderschöne fröhliche Gattin India hervorragend. Zugegebenermaßen hatte sich in den ersten Monaten der eine oder andere Todesfall ereignet, zuerst der von Lady Tode selbst und dann der von diesem anderen Burschen – doch zum Glück war keiner in der Familie als dafür verantwortlich erachtet worden, und noch besser: Der Verkauf der Eintrittskarten florierte. In dem Jahr seit der Übernahme von Tode Hall durch den jungen Cousin Egbert (Mr) waren die Besucherzahlen, die sich ohnehin schon im sechsstelligen Bereich bewegten, um vierzehn Prozent gestiegen. Erstaunlich. Großartig. Wunderbare Nachrichten allüberall. Natürlich spielte der lange heiße Sommer ebenfalls eine Rolle. Dito die Zeitungsschlagzeilen nach dem Blutbad. Aber das ist eine andere Geschichte (erhältlich in sämtlichen guten Buchhandlungen).
Nun denn.
Ecgbert (. Sir Egbert »C«) schlenderte ein wenig ziellos im Haus herum, wie er es morgens gern tat. Er traf oft zu zeitig zum Frühstück ein. Seit dem Tod seiner Mutter vor inzwischen fast zehn Monaten hatte er an Selbstvertrauen und Format gewonnen und war von einer Luxusnervenheilanstalt im nahe gelegenen Todeister in ein eigenes Haus auf dem Anwesen der Todes gezogen. Da er das erste Mal und obendrein noch nicht lange allein wohnte, eignete er sich gerade erst die Fähigkeit an, den Kühlschrank zu füllen, weswegen er dazu neigte, viele seiner Mahlzeiten in der Hall einzunehmen.
Für gewöhnlich kehrte sein gutmütiger Cousin Egbert (Mr) um diese Uhrzeit nach einem Dreißig-Kilometer-Radausflug vor dem Frühstück schlammverspritzt und rotwangig zum Haus zurück. Doch an diesem Dienstagmorgen hatte er beschlossen, das Radfahren ausfallen zu lassen, und leistete lieber seiner Frau India bei ihrem genüsslichen tagtäglichen Ausschlafen Gesellschaft.
Ecgbert (Sir) schien das Haus für sich zu haben. Es war voller Gäste, das wusste er sehr wohl, da er an dem unangenehmen Dinner des Vorabends teilgenommen hatte. Trotzdem war es um halb neun Uhr morgens beunruhigend still.
Eigentlich hätte Mrs Carfizzi in der Küche damit beschäftigt sein müssen, das Frühstück für alle zuzubereiten. Ecgbert schnupperte in der Hoffnung, gebratenen Speck zu riechen.
Fehlanzeige.
Er spitzte die Ohren in der Hoffnung, das Brutzeln von Fett in der Pfanne zu hören.
Fehlanzeige.
Er ging in die Küche. Keinerlei Lebenszeichen. Bei dem unangenehmen Dinner hatte India erwähnt, wie seltsam sich die Carfizzis benahmen. Und es stimmte: Das Essen war ungewöhnlich lieblos zusammengeschustert gewesen. Mrs Carfizzi (die Köchin) hatte sich den gesamten Abend über kaum blicken lassen, und das, womit sie schließlich aufwartete, entsprach nicht den Erwartungen. Ihr Ehemann Mr Carfizzi (der Butler) war nur wenig öfter zu sehen gewesen, obwohl er es normalerweise liebte, bei großen Einladungen in Tode Hall in Erscheinung zu treten.
Unsicherheit vibrierte und perlte durch den groß gewachsenen Körper des zwölften Baronet. Was war los? War die in Kalabrien geborene und aufgewachsene Mrs Carfizzi in der Hitze Englands geschmolzen? Unwahrscheinlich. Was war mit ihr geschehen? Ecgbert liebte Mrs Carfizzi inniger als seine eigene Mutter, die mittlerweile im Jenseits weilte. Mrs Carfizzi briet in der Küche Speck, solange Ecgbert denken konnte. Das Frühstück und Mrs Carfizzi waren (den Eindruck hatte Sir Ecgbert jedenfalls in diesem Moment) die einzigen echten Konstanten in seinem Leben. Er holte tief Luft. Seine Therapeutin hatte ihm Techniken zur Bewältigung solcher Situationen gezeigt. Sir Ecgbert versuchte, sie sich ins Gedächtnis zu rufen:
Tief durchatmen.
Keine Panik!
Vergiss nicht: Du bist schön.
Bestimmt geht es Mrs Carfizzi gut.
Vielleicht ist ja Mrs Carfizzis Wecker kaputt.
(Oder so ähnlich.)
Jedenfalls schwante Ecgbert, dass er sich an diesem Morgen möglicherweise selbst um sein Frühstück kümmern musste. Das war in Ordnung. Fast ein Abenteuer. Ihm fiel ein, dass India den Gästen nach dem...




