Weber | Digitale Diktatur in Dösendorf | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Weber Digitale Diktatur in Dösendorf


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-8016-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-6951-8016-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Digitale Diktatur in Dösendorf Ein Heimatroman über Technik, Effizienz und den Mut zum Chaos. Willkommen in Dösendorf, einem charmant-verstaubten Nest voller grantiger Eigenbrötler, eigensinniger Bräuche und der besten Käsknödel weit und breit. Doch dann kommt Heidi. Und mit ihr: Digitalisierung. Vernetzung. Effizienz. Ordnung. Was als Fortschritt gefeiert wird, entpuppt sich bald als Überwachungsalbtraum mit WLAN Anschluss. Plötzlich zählt nur noch das Optimum, und der Mensch bleibt auf der Strecke. Aber nicht mit Dösendorf. Ein anarchisch-warmherziger Roman über smarte Systeme, sture Dorfbewohner und die wunderbare Unordnung des echten Lebens.

Niklas Weber, geboren 2006 in Innsbruck, ist Absolvent einer Höheren Technischen Lehranstalt. Er schreibt über das, was oft übersehen wird: kleine Alltagsbeobachtungen, zufällige Begegnungen, stille Momente. Seine Geschichten wurzeln im österreichischen Lebensgefühl, zwischen Melancholie, Humor und einer feinen Wahrnehmung für das, was unter der Oberfläche liegt. Mit einem offenen Blick für das scheinbar Nebensächliche macht er das Alltägliche zum Ausgangspunkt literarischer Erkundungen.
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1. WILLKOMMEN IN DÖSENDORF


Es war Sonntagmorgen. In Dösendorf, einem kleinen Ort irgendwo im niederösterreichischen Flachland, bedeutete das: Frühmesse, Frühschoppen und Frust. Alles wie immer. Wer versuchte, sonntags etwas anderes zu tun, als den gewohnten Ablauf zu befolgen, wurde entweder für einen Künstler, einen Ketzer oder einen Wiener gehalten – und das war in Dösendorf alles drei kein Kompliment.

Punkt sechs Uhr früh läutete die Glocke. Nicht weil ein Timer es so programmiert hätte oder weil eine Automatik funktionierte, sondern weil Franz Pinter, der Mesner, sich keinen Wecker leisten wollte. Und wenn man ihn fragte, warum er jeden Tag um exakt fünf Uhr dreiundfünfzig aufstand, dann sagte er: „Der Herr schläft nicht. Aber wenn doch, wach i’n halt auf.“ Seit 1963 hatte sich für ihn nichts verändert, und genau deshalb wurde er vom Dorf respektiert. Er war die menschgewordene Zeit. Eine Mischung aus Räuchermännchen, Uhrwerk und Grant. Selbst seine Kleidung schien aus einer anderen Ära zu stammen: braune Lodenhose, Wollweste, ein Hemd mit gestärktem Kragen, das selbst dem Pfarrer zu fromm gewesen wäre. Seine Wohnung befand sich direkt hinter der Sakristei – ein kleines Zimmer mit Eisenbett, Heiligenbildern an der Wand und einer Kommode, auf der ein altes Transistorradio stand, das nur Radio Niederösterreich empfing.

Die Kirche stand mitten im Ort, so zentral, dass man ihr nicht entkommen konnte – selbst wenn man wollte. Schief war sie, wie das Gemeindebudget, und mit abblätternder Farbe an den Fenstern, die wie müde Augen aus einer vergangenen Zeit in die Welt blickten. Der Turm neigte sich leicht nach Westen, was man im Dorf als symbolisch ansah. Manche glaubten, er zeige auf das Wirtshaus. Drinnen roch es nach Weihrauch, feuchtem Mauerwerk und einem Hauch von Mottenkugeln. Ein Duft, den man nicht beschreiben, nur erleben konnte. Die Bänke knarrten bei jeder Bewegung, die Heiligenfiguren wirkten müde, als hätten sie den Glauben an die Menschheit ein wenig verloren. Die Orgel hatte ihre besten Zeiten hinter sich, und manchmal klang ein Ton so falsch, dass man sich fragte, ob das nicht schon Blasphemie war.

Alle waren versammelt. Wer fehlte, war entweder tot oder krank – und wer krank war, ließ zumindest seinen Namen im Fürbittbuch eintragen. Das war Pflicht. Nicht aus Glauben, sondern aus sozialer Notwendigkeit. Denn in Dösendorf wurde jeder bemerkt. Besonders, wenn er nicht da war.

Pfarrer Weixelbaum, ein großer Mann mit schwarzem Haar, Hornbrille und einem ewigen Schweißfilm auf der Stirn, trat an den Altar. Seine Stimme war sonor, aber träge. Wie ein alter Diesel, der nur mit viel gutem Willen anspringt. Seine Predigten galten als langweilig, aber berechenbar. Die Gemeinde schätzte das. Überraschungen gehörten nicht in die Kirche. Dabei hatte der Pfarrer durchaus Tiefgang. Er war studierter Theologe mit einem Hang zur Philosophie, hatte einst sogar einen Aufsatz über Kierkegaard und das niederösterreichische Kirchenrecht verfasst – unveröffentlicht, aber immerhin mit Fußnoten. Seine Predigten waren durchzogen von Bonmots, die man oft erst verstand, wenn man schon beim Kirchenwirt saß. Im Dorf sagte man: „Wennst vom Pfarrer nix verstehst, dann is es entweder g’scheit oder a Blödsinn.“ Heute sprach er über Veränderung – und warum sie meistens nix Gutes sei. „Schau’ts, de Welt is eh scho deppert genug. Mir müss’n net a no mitrennen, wenn irgendwo wer wieder a neue Idee hat. Der Herr war auch net modern, der war g’rad recht.“

Gundi Ratzinger, erste Bankreihe links, schnalzte zustimmend mit der Zunge. Ihre rot gefärbten Haare wirkten wie ein warnendes Schild vor Veränderung. Sie war kettenrauchende Kriegsreporterin des dörflichen Soziallebens. Schon lange in Pension, geschieden seit über zwanzig Jahren. Ihr Mann war irgendwann einfach mit einer Kellnerin aus Hainfeld durchgebrannt. Sie hatte danach das Rauchen angefangen, aufgehört zu weinen und nie wieder über ihn gesprochen – außer, wenn sie sagte: „I hab ihn g’waschen, g’nährt und groß g’macht. Und dann is er weg wie a scheues Reh.“ Früher hatte sie als Sekretärin im Gemeindeamt gearbeitet, dort die Steuerakten mit eiserner Hand verwaltet und Bürgermeister Adi Fuchs noch als pubertierenden Schulpraktikanten herumgescheucht. Ihre Wohnung lag direkt über dem alten Lebensmittelgeschäft, das längst geschlossen war. Aus dem Fenster sah man auf den Dorfplatz – ein strategischer Posten.

Neben ihr saß Annemarie, ihre beste Freundin und regelmäßige Feindin. Die beiden waren seit der Schulzeit unzertrennlich – und gleichzeitig in permanentem Kleinkrieg. Ihre Gespräche waren wie Schachpartien, in denen keine jemals verlieren wollte. Gemeinsam kommentierten sie jede Kleinigkeit – flüsternd, aber laut genug, dass alle es hören konnten. „Jetzt redt er wieder über den Wandel“, murmelte Gundi. „Vielleicht meint er die neue Glocke vom Nachbardorf. Die is elektrisch“, zischte Annemarie zurück. „Pff. Elektrisch. Da fehlt’s an Segen.“

Der Gottesdienst verlief in gewohnter Monotonie. Gebete wurden gemurmelt, Lieder angestimmt, aber kaum gesungen. Nur Frau Obermayer versuchte, wie jeden Sonntag, mit Inbrunst den Ton anzugeben – leider immer knapp daneben. Ihr „Lobet den Herrn“ klang wie ein kranker Hahn auf Koffein.

Nach der Messe zerstreute sich die Gemeinde – oder besser gesagt, sie wanderte kollektiv weiter zum Kirchenwirt. Der Kirchenwirt war mehr als ein Gasthaus. Er war Herz, Lunge und Leber von Dösendorf. Wer hier nicht regelmäßig verkehrte, galt als verdächtig – oder Schlimmeres: als Städter.

Adi Fuchs, Bürgermeister und eingebildeter Ortskaiser, betrat als Erster die Gaststube. Seine Lederhose war zu neu, das Hemd zu strahlend, der Händedruck zu feucht. Adi hatte den Bürgermeisterposten geerbt wie andere Familien den Grundbesitz. Es war weniger eine Wahl als ein Naturgesetz gewesen. Dass er eigentlich nie etwas gewonnen hatte außer den dritten Platz beim Schnapsen 2004, störte ihn nicht. In seiner Vorstellung war er ein Macher, ein Visionär. In Wirklichkeit war er ein Mann mit guten Beziehungen und mittelmäßigen Ideen. „Grüß eich, meine Damen und Herren!“, rief er, als wär er auf einer Pressekonferenz. „Oida, du bist beim Kirchenwirt, net im ORF“, rief Rudi, der Feuerwehrkommandant, zurück.

Lachen. Schulterklopfen. Das war das höchste Gericht Dösendorfs: der Stammtisch. Am Stammtisch saßen bereits drei alte Männer mit Filzhut, ein junger Landwirt mit Bierdurst, und Toni Leberkäs, der mit bürgerlichem Namen Anton Lebertaler hieß. Toni war vor wenigen Wochen aus Wien zurückgekommen – offiziell, um seine Mutter zu pflegen, inoffiziell, weil ihn die Stadt ausgespuckt hatte wie einen überreifen Apfel mit Studienkredit. Sein Blick war wach, seine Kleidung urban, sein Hafermilchkaffee eine Provokation. Man nannte ihn „Leberkäs“, weil sein Vater Metzger war. Ein stämmiger Mann mit schwerer Hand und leichter Faust. Der Vater war tot, die Fleischerei verkauft, die Kindheitserinnerungen rochen nach Blut und Bratenfett. Toni saß mit Laptop in der Ecke und versuchte zu wirken, als würde er nicht alles hören – was natürlich gelogen war. „Der glaubt, er is a Hacker“, murmelte Gundi. „Dabei schreibt er wahrscheinlich Briefe an den Kanzler“, ergänzte Annemarie.

Toni hob eine Augenbraue. Er hatte hervorragendes Gehör. Aber anstatt zu kontern, tippte er ruhig weiter. Er hatte eine Idee, eine große sogar – jedenfalls in seinen Augen. Dösendorf sollte einen Podcast bekommen: „Dorfgeflüster“. Geschichten aus der Region, erzählt mit Wiener Schmäh und Hintergrundmusik. Bisher hatte er eine halbe Folge aufgenommen – bestehend aus fünf Minuten Vogelgezwitscher und einem Monolog über die Bedeutung von Stille.

Pfarrer Weixelbaum kam herein, wischte sich mit einem Stofftaschentuch die Stirn und ließ sich an einem Nebentisch nieder. Er bestellte wie immer ein kleines Bier und eine Eierspeis. Die Kellnerin nickte. Sie wusste es ohnehin schon. Seit 23 Jahren kam er jeden Sonntag, immer nach der Messe, immer das Gleiche. Er nannte es: „Routine mit Aussicht auf Erkenntnis.“ „Heut hast wieder gscheit daherphilosophiert, Herr Pfarrer“, sagte Gundi. Er hob den Blick, lächelte mild: „Die Veränderung ist das einzige Beständige im Leben. Außer in Dösendorf – da braucht selbst der Fortschritt a’n Wanderausweis.“

Ein paar Lacher. Annemarie kicherte. Der Pfarrer war beliebt – nicht weil er gläubig war, sondern weil er ein guter Zuhörer war. Und weil er einem auch ein Stamperl Schnaps nicht verweigerte, wenn es ernst wurde. So begann der Tag in Dösendorf. Mit Predigt, Parolen und Paranoia. Und irgendwo, unter dem dumpfen Läuten der Kirchenglocke, formte sich schon das nächste Gerücht. Am späten Vormittag wechselte die Stimmung von träge zu beschwipst. Der zweite Frühschoppen, wie man das Bier um...



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