Weber | Ein letztes Mal | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 374 Seiten

Weber Ein letztes Mal


1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7628-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 374 Seiten

ISBN: 978-3-6957-7628-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie lange hält Freundschaft, wenn sich alles verändert? Jonas, Leon und Chris wachsen gemeinsam auf. Zwischen Schulfluren, Fußball, ersten Partys und großen Zukunftsplänen entsteht eine enge Verbindung - zumindest scheint es so. Doch mit jedem Jahr werden Unterschiede deutlicher. Ehrgeiz, Unsicherheit, Erwartungen und unausgesprochene Gefühle mischen sich unter das, was einmal so selbstverständlich war. Was nach außen wie eine unzertrennliche Clique wirkt, ist längst komplexer geworden. Kleine Bemerkungen, verschobene Treffen, neue Bekanntschaften - nichts davon wirkt dramatisch. Und doch verändert sich etwas. Als die Schulzeit sich dem Ende nähert, stehen die drei vor ihrem letzten gemeinsamen Sommer. "Ein letztes Mal" ist ein intensiver, psychologischer Jugendroman über Freundschaft, Zugehörigkeit und das unbemerkte Mobbing unter Gleichaltrigen. Über das Mitlaufen. Über das Nicht-Eingreifen. Und über den Moment, in dem aus einem Spiel plötzlich Ernst wird. Ein Roman, der leise beginnt - und lange nachhallt.

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1 – Linien


Jonas


Jonas kam an diesem Nachmittag nach Hause, als die Sonne schon tiefer stand und die Schatten in den Flur hineinreichten, obwohl draußen noch genug Licht war, um zu glauben, der Tag hätte noch Zeit. Die Wohnung roch nach irgendetwas Warmem, das man nicht genau benennen konnte – vielleicht nach dem Waschmittel, das seine Mutter benutzte, vielleicht nach dem Essen von gestern. Vielleicht auch einfach nur nach Zuhause. Nach einem Ort, der jeden Tag ähnlich war und genau deshalb sicher. Seine Schuhe flogen nicht ordentlich in die Ecke, sondern landeten so, wie es gerade passte. Einer halb auf dem Teppich, der andere mit der Ferse gegen die Fußleiste. Später schob er sie mit dem Fuß ein bisschen zur Seite, damit niemand stolperte, was schon als Ordnung durchging.

Aus dem Wohnzimmer klang der Fernseher. Nicht laut, eher so, dass er immer da war. Wie ein Geräusch, das man irgendwann nicht mehr hört, wenn man es lange genug akzeptiert. Irgendwas mit Menschen, die sich anbrüllten oder lachten, und dazwischen Werbung, die viel heller klang als alles andere. Jonas blieb kurz stehen und schaute ins Wohnzimmer. Seine Mutter saß auf dem Sofa, die Beine angewinkelt, ein Kissen im Rücken, das Telefon irgendwo in der Nähe, und sie sah nicht richtig hin.

„Hallo Mama“, sagte Jonas.

„Hm“, machte sie, sah kurz zu ihm und lächelte, ohne den Fernseher auszuschalten. „Wie war die Schule?“

Das war die Frage, die immer kam. Und Jonas wusste, dass sie nicht „erzähl alles“ bedeutete, sondern eher „alles okay“.

„Ganz normal“, sagte er.

„Wie schaut es mit den Hausaufgaben aus?“

Jonas zog seinen Schulranzen vom Rücken, als wäre er plötzlich schwerer geworden, nur weil das Wort gefallen war. „Na ja“, sagte er, obwohl er nicht wusste, wie viele es wirklich waren. Er wusste nur: Mathe. Irgendwas mit Zahlen, die sich nicht so anfühlten, als würden sie zu ihm gehören. Deutsch wahrscheinlich auch, aber das war okay. Deutsch war wie eine Geschichte, bei der man schon weiß, wie man anfängt.

„Dann mach erst mal“, sagte seine Mutter. „Ich mach später noch was zu essen.“

„Okay.“

Jonas ging in sein Zimmer, das eigentlich nicht groß war, aber groß genug, um sich darin Fußballposter an die Wand zu hängen und trotzdem noch das Gefühl zu haben, es sei sein eigenes Reich. Direkt neben der Tür stand der Schreibtisch, auf dem immer ein bisschen Chaos war: Stifte, die man gesucht und dann liegen lassen hatte, ein kaputtes Lineal. Ein paar Zettel, auf denen er mal versucht hatte, eine Mannschaftsaufstellung zu malen, und ein Becher mit alten Filzstiften, die teilweise schon ausgetrocknet waren. Auf dem Bett lag ein Bayern-Schal, den er nie ordentlich zusammengelegt hat, weil er fand, dass man Schals nicht zusammenlegt, wenn sie wichtig sind.

Er ließ den Schulranzen auf den Boden fallen. Nicht aus Wut, sondern weil der Boden näher war als der Schreibtisch und weil niemand ihn dafür anschreien würde. Dann setzte er sich auf den Stuhl, der beim Draufsetzen leise knarrte, und zog das Hausaufgabenheft heraus. Er schlug es auf und blätterte, als könnte er die Aufgaben damit irgendwie vergessen machen. Mathe. „Seite 38, Nr. 1–4“. Jonas starrte sein Heft an und machte dieses Gesicht, das er immer machte, wenn er nicht wusste, womit er anfangen sollte. Er versuchte, sich zu erinnern, was die Lehrerin gesagt hatte, aber im Kopf war nur ein Gemisch aus Zahlen und dem Geräusch, wie jemand in der letzten Reihe mit dem Stuhl gescharrt hatte.

Vom Wohnzimmer her hörte er die Stimmen aus dem Fernseher. Eine Frauenstimme sagte irgendwas Dramatisches, dann lachte jemand. Es war beruhigend, dass da jemand redete, ohne dass man selbst etwas sagen musste. Jonas mochte dieses Gefühl, dass die Wohnung nicht still war, weil Stille manchmal bedeutete, dass man nachdenken musste.

Er nahm den Bleistift in die Hand, drehte ihn zwischen den Fingern und schrieb seinen Namen oben aufs Blatt. Das war immer der erste Schritt. Wenn der Name auf dem Blatt stand, hatte man angefangen. Und anfangen war oft schon die halbe Miete, auch wenn das eigentlich gelogen war. Er rechnete bei Aufgabe 1 irgendwie herum, radierte, schrieb neu, radierte wieder, bis das Papier grau wurde. Manchmal kam er sich dabei vor wie ein Spieler, der den Ball am Fuß hat, aber nicht weiß, wohin passen, und der dann einfach ein bisschen nach links und rechts dribbelt, bis jemand anderes ihm den Ball abnimmt.

Er hörte, wie seine Mutter im Wohnzimmer etwas mit der Fernbedienung machte, dann wurde es kurz leiser und gleich wieder laut, als hätte sie das Programm gewechselt.

Werbung. Jonas erkannte die Melodie von irgendeiner Versicherung, und plötzlich war ihm klar, dass er Hunger hatte, obwohl er vor fünf Minuten noch keinen Hunger gehabt hatte. Er schob sein Matheheft zur Seite und zog das Deutschheft heraus, einfach um das Gefühl zu haben, dass es auch Dinge gab, die funktionierten.

Deutsch lief besser. Definitiv. Deutsch war logisch, aber nicht so logisch wie Mathe. Deutsch war mehr so: Wenn man es fühlt, ist es meistens richtig.

In Deutsch sollten sie eine kleine Geschichte schreiben, irgendwas über „einen besonderen Tag“. Jonas überlegte kurz, was denn ein besonderer Tag gewesen sein könnte.

Dann dachte er an einen Spieltag. An das Gefühl, wenn Bayern spielt und man vorher schon aufgeregt ist, obwohl es doch „nur Fußball“ ist. Er fing an zu schreiben, ohne viel nachzudenken, und er merkte, wie seine Hand schneller wurde. Es machte Spaß, Wörter zu setzen, Sätze zu bauen, einen Anfang zu finden. Er war nicht der Beste in der Klasse. Aber er war gut genug, dass Frau Huber manchmal „schön geschrieben“ an den Rand schrieb. Und das war ein gutes Gefühl, ein sehr gutes sogar, weil es nicht nur nach „richtig oder falsch“ klang, sondern irgendwie… nach akzeptiert.

Er hörte draußen im Treppenhaus Schritte, eine Tür, dann Stimmen. Nachbarn. Irgendwer lachte. Jonas schaute kurz zum Fenster, wo das Licht auf dem Rahmen lag. Er hatte das Gefühl, die Welt draußen passiert ohne ihn. Aber das war okay, weil er drinnen war und drinnen war kontrollierbarer.

Die Gitarre stand in der Ecke, neben dem Kleiderschrank. Leicht schief, weil er sie am Wochenende benutzt und dann nicht mehr zurückgestellt hatte. Jonas sah sie an und tat so, als wäre sie ein Möbelstück. Er mochte es, wenn er spielen konnte, wenn niemand zuhört. Wenn er allein war und die Saiten unter den Fingern spürte und es sich so anfühlte, als würde etwas in ihm raus dürfen, ohne dass er dabei sprechen musste.

In der Schule wusste das keiner. Nicht, weil er es absichtlich geheim hielt, sondern weil es nie diesen Moment gegeben hatte, es jemandem zu sagen. Und weil er sich nicht vorstellen konnte, dass jemand dann nicht lacht oder irgendeinen Spruch macht. „Spiel mal was“, würden sie sagen, und dann müsste er. Und dann würden sie gucken, und dann würde er es versauen, weil seine Hände plötzlich nicht mehr das machen würden, was sie sonst machen.

Er schrieb weiter, machte seine Deutschaufgabe fast fertig, und das Matheblatt lag daneben wie ein unerledigtes Problem, das einen anstarrt und dabei nicht loslässt. Jonas schob es wieder vor sich hin, als wäre es eine Strafe, die man abarbeiten muss. Er seufzte leise.

„Jonas?“, rief seine Mutter aus dem Wohnzimmer.

„Willst du was trinken?“

„Wasser“, rief er zurück, obwohl er eigentlich keine Lust hatte aufzustehen. Kurz darauf hörte er Schritte im Flur, dann stand seine Mutter in der Tür mit einem Glas. Sie sah ihn an, sah die Hefte auf dem Tisch, sah sein Gesicht. Und man merkte, dass sie sofort wusste, welche Aufgabe das Problem war.

„Schon wieder Mathe?“, fragte sie.

Jonas verzog das Gesicht. „Ja.“

Sie stellte das Glas ab. „Soll ich dir helfen?“

Jonas zögerte. Hilfe war gut, aber Hilfe bedeutete auch, dass jemand mitbekommt, dass man es nicht kann. Auch wenn es die eigene Mutter ist. „Vielleicht später“, sagte er.

Sie nickte, so als wüsste sie, dass „später“ manchmal auch „nie“ bedeutet. „Okay. Aber du schaust, dass du’s machst. Sonst steh’ ich morgen wieder da.“

„Ja“, sagte Jonas, und es klang brav, obwohl er es nicht so gemeint hatte.

Seine Mutter blieb noch einen Moment stehen. „Und sonst? Alles gut?“

Jonas schaute kurz hoch. „Ja, klar“, sagte er. Es war die Wahrheit. Alles war gut. Schule war halt Schule. Freunde waren halt Freunde. Zuhause war zuhause. Und in diesem Rahmen, war für Jonas alles gut.

Sie ging wieder, und der Fernseher im Wohnzimmer wurde wieder lauter, als hätte er kurz genau auf diesen Moment gewartet. Jonas trank einen Schluck von seinem Wasser. Dann starrte auf die Matheaufgaben. Er nahm den Stift, schrieb eine Zahl hin, radierte sie sofort wieder weg, und dann dachte er plötzlich, ohne zu wissen warum, an den nächsten Tag. An das...



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