Weber | Gut Werdenberg - Der Glanz eines neuen Morgens | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 397 Seiten

Reihe: Gut Werdenberg

Weber Gut Werdenberg - Der Glanz eines neuen Morgens

Roman | Gut Werdenberg, Band 3 | Die große westfälische Gestütssaga
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-635-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman | Gut Werdenberg, Band 3 | Die große westfälische Gestütssaga

E-Book, Deutsch, Band 3, 397 Seiten

Reihe: Gut Werdenberg

ISBN: 978-3-98952-635-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine Gestütssaga, die Jahrzehnte umspannt und die Schicksale mehrerer Familien für immer miteinander verbindet. 1952: Auf dem Gut Werdenberg im Mindener Land versuchen alle, die schweren Jahre hinter sich zu lassen, aber von der einst so glanzvollen Pferdezucht ist kaum etwas geblieben. Vieh- und Landwirtschaft bestimmt den Alltag?... Doch damit wollen sich die jungen Erben des Hofs nicht länger zufriedengeben?- allen voran Sigrid, die davon träumt, eine der begehrten Ausbildungsstellen als Bereiter an einem Landesgestüt zu ergattern. Als ihr der berühmte Tunierreiter Frank-Michael Ludwigstein eine Chance gibt, hat sie das Gefühl, ihrem Familienerbe endlich gerecht werden zu können?- bis ein Skandal das Gestüt erschüttert und Sigrid begreift, welchen Preis Frauen zahlen müssen, die sich in dieser männerdominierten Welt nicht unterordnen wollen?... Der neue Roman über die Generationen der Werdenberg-Familie und die herausfordernde Zeit der Nachkriegsjahre auf dem Land. Das Buch ist unabhängig von den anderen Bänden lesbar und wird Fans von Charlotte Jakobi und Corinna Bomann begeistern.

Annette Weber, 1956 in Lemgo geboren, schreibt seit über 20 Jahren Romane, in die sie stets ihre Begeisterung für Pferde einfließen lässt. Annette Weber ist verheiratet, hat drei Söhne, sechs Enkelkinder und lebt in der Nähe von Paderborn. Die Autorin im Internet: www.annette-weber.com/ und www.sina-trelde.de Bei dotbooks veröffentlichte Annette Weber ihre »Verliebt auf der Isle of Wight«-Reihe mit den Romanen »Das Cottage in Seagrove Bay« und »Die Teestube in Freshwater Bay«, die auch als Hörbücher bei SAGA Egmont erhältlich sind. sowie ihre Familiensaga um »Gut Werdenberg« mit den Bänden »Stürme einer neuen Zeit« (auch erhältlich im eBundle »Schicksalstöchter - Aufbruch in eine neue Zeit«) und »Hoffnung eines neuen Lebens«.
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Kapitel 1


Als der beige DKW des Fahrlehrers Haller auf den Hof der Werdenbergs fuhr, schauten alle auf. Peter war gerade damit beschäftigt, Tizia, die bildschöne Stute, neu zu beschlagen, Sigrid, seine jüngste Nichte, half ihm dabei, indem sie das Hinterbein der Stute festhielt. Jetzt ließ sie es langsam sinken.

»Was für ein schickes Auto!«

Peter nickte und seufzte leise. Auch auf dem Hof der Werdenbergs leistete man sich Autos, allerdings war Peter über einen Käfer nicht hinausgekommen. Robert und Thekla fuhren seit Neustem einen Ford Taunus, hinter den sie auch den Viehtransporter hängen konnten. Das war schon fast Luxus.

Der Fahrlehrer stieg aus, lehnte sich herausfordernd gegen sein Auto und zündete sich eine Zigarette an.

»Ist die Fahrschülerin bereit?«

Er grinste herablassend und ein bisschen mitleidig. »Frau am Steuer – Ungeheuer« war sein Lebensmotto, und dass Peters Frau in ihrem Alter noch glaubte, das Fahren lernen zu müssen, erschien ihm eine ungeheuerliche Idee, das wusste Peter genau. Aber offenbar witterte er ein gutes Geschäft – denn er ging mit Sicherheit davon aus, dass Bettina Berge an Fahrstunden brauchte und mindestens zweimal durch die Prüfung fiel. Dabei fuhr sie schon seit vielen Jahren ohne Führerschein den Trecker, den Mähdrescher und hin und wieder auf dem Hof auch Peters Auto. Sie war sogar in der Lage, den Pferdeanhänger zu rangieren.

»Eigentlich weiß sie, dass die Fahrstunde ansteht«, gab Peter zurück. »Ich hole sie mal.«

Er ließ Tizia bei Sigrid zurück und schritt über den Hof. Dabei betrachtete er den Fahrlehrer misstrauisch. An der Art, wie der Mann an seinem Auto lehnte, glaubte Peter zu erkennen, dass er wieder betrunken war. Und als er an ihm vorbeiging, bildete er sich sogar ein, die Schnapsfahne riechen zu können. Das machte ihn richtig wütend. Seit zwei Jahren hatte man nun eine Promillegrenze eingeführt, die nicht einmal allzu streng war. Sie ermöglichte den Autofahrern immer noch, ein paar Biere und Schnäpse zu trinken. Aber trotzdem glaubten einige, sich noch nicht mal an diese Promillegrenze halten zu müssen. Und dass sich sogar Fahrlehrer das Recht herausnahmen, betrunken hinter dem Steuer zu sitzen, war eine große Verantwortungslosigkeit.

Peter öffnete die Tür, die den Hof direkt mit der Küche verband. Bettina und Thekla standen über ein Backbuch gebeugt und schienen über einem Kuchenrezept zu grübeln. Bettinas Vater sah seinem 77. Geburtstag entgegen, und es würde eine große Feier auf dem Hof geben. Lorenz von Wallmeyer war zeit seines Lebens Sozialdemokrat gewesen, und darum hatten die englischen Besatzer ihn nach dem Krieg als Dorfvorsteher eingesetzt. Diese Aufgabe erfüllte er mit so viel Würde und Reife, dass er stets wiedergewählt wurde. Er war bei allen im Dorf beliebt, und darum war an diesem Tag mit zahlreichen Gästen aus der Umgebung zu rechnen.

Peter trat neben die beiden Frauen.

»Bettina? Der Fahrlehrer ist da.«

Seine Frau fuhr herum.

»Huch! Hab ich ganz vergessen«, rief sie erschrocken. Sie streifte sich hastig die Schürze ab, zog sich dann ihre Hausschuhe aus, um in ihre schwarzen Schuhe mit dem kleinen Absatz zu steigen.

»Lass dir Zeit. Der muss sowieso noch einen kleinen Strothmann zu sich nehmen«, kicherte Thekla.

Das fand Peter überhaupt nicht lustig.

»Der hat tatsächlich eine kräftige Schnapsfahne«, empörte er sich. »Dass so jemand Fahrlehrer wird. Anzeigen müsste man den.«

»Aber erst, wenn ich meinen Führerschein habe«, gab Bettina zurück und küsste Peter auf die Wange. »Mach dir keine Sorgen, Peter. Ich schubse ihn auf den Beifahrersitz, und spätestens an der nächsten Straßenkreuzung ist er eingeschlafen.«

Peter stieß einen Laut der Empörung aus, aber Thekla lachte laut.

»Und dann fährst du am besten die Portastraße entlang«, schlug sie ihrer Freundin vor. »Da gibt es jetzt eine Ampel. Direkt vor der Brücke.«

Die neue Ampel war eine Sensation für jeden Autofahrer. Sie war die erste Ampel in Minden, und viele Autofahrer machten extra einen kleinen Umweg, um fasziniert auf das rote, gelbe und grüne Licht zu starren.

Peter seufzte leise. Thekla besaß schon seit vielen Jahren einen Führerschein, und sie war es gewesen, die Bettina den Floh ins Ohr gesetzt hatte, auch einen zu machen. Dabei hätte Peter sie doch überall hingefahren. Aber diese Frauen hatten sich ihre persönliche Unabhängigkeit auf die Fahnen geschrieben, und nun meinte auch Bettina mit ihren zweiundfünfzig Jahren, es der Männerwelt noch mal beweisen zu müssen. So ein Auto war noch einmal ein ganz neuer Schritt in die Gleichberechtigung. Peter konnte ihr sowieso keinen Wunsch abschlagen und hatte ihr daher die Erlaubnis dazu erteilt. Und sicherlich war es ein kluger Schritt, denn Bettinas Gehbehinderung hatte sich in den letzten Jahren verschlechtert. So war die Möglichkeit, Auto zu fahren, auch eine Chance für sie, weiterhin beweglich zu bleiben.

Als Bettina ihre Schürze über den Stuhl hängte und sich zur Tür umdrehte, bemerkte Peter zum ersten Mal, dass sie etwas rundlicher geworden war. Zu sehen, dass es ihr gut ging, machte ihn glücklich. Die Kriegsjahre waren für Bettina wie für alle anderen aufreibend gewesen, doch sie hatte außerdem zwei Fehlgeburten erleiden müssen, das hatte an ihr gezehrt.

Bettina lächelte ihn an, hob kurz die Hand zum Abschiedsgruß und verließ die Küche. Dabei zog sie wie immer ihr kürzeres Bein langsam hinter sich her. Seitdem sie in jungen Jahren an Kinderlähmung erkrankt war, hatte sie sich im Leben viel erkämpfen müssen. Aber es hatte sie nie aufgehalten, eine sehr talentierte Springreiterin zu werden – und würde sie auch jetzt nicht davon abhalten, den Führerschein zu bekommen.

Ein ungeduldiges Wiehern zog Peter zurück auf den Hof. Tizias Hufeisen wartete. Danach war die Stute Laika an der Reihe, beschlagen zu werden. Sie hatte im vergangenen Herbst ein Fohlen bekommen – Aenna, ein mausgraues bildschönes Geschöpf. Es hüpfte aufgeregt um sie herum und versuchte, dem Dampf auszuweichen, als das Hufeisen eingebrannt wurde.

»Hee, ruhig«, versuchte Sigrid, das Kleine zu beruhigen. »Guck dir genau an, wie es geht. Nächstes Jahr kriegst du auch ein paar schöne Schuhe.«

Sigrid schnappte sich das Fohlen und streichelte es. Wenn es nach Peter ginge, hätte es längst von seiner Mutter abgesetzt werden müssen, aber da hatte er sich nicht gegen die Frauen durchsetzen können. Peter wusste wohl, dass das immer eine herzergreifende Situation war, wenn man Stute und Fohlen voneinander trennte, aber das Heulen musste man Peters Meinung nach aushalten, und nach drei Tagen war es ja auch in der Regel vorbei. Aber die Frauen sahen das anders.

Besonders Sigrid machte sich dafür stark, dass ein Fohlen schrittweise von der Mutter getrennt wurde. Sie nahm sich auch tatsächlich die Zeit, das Kleine abends von der Wiese zu holen und es zu einem längeren Spaziergang durch das Dorf zu führen. Zuerst hatten Mutter und Fohlen dabei sehnsüchtig hintereinanderher geschrien, aber Sigrid hatte sich davon nicht beeindrucken lassen. Doch allmählich genoss das Fohlen neugierig die Landschaft, und seine Mutter war offenbar froh, mal eine Stunde Ruhe zu haben.

Sigrid, da war sich Peter sicher, war noch pferdeverrückter als Thekla und Bettina zusammen. Seit einem Jahr bemühte sie sich vergeblich, einen Ausbildungsplatz als Bereiterin zu bekommen, aber kein Landgestüt hatte ihr bis jetzt eine Chance gegeben. Dieser Beruf war den Männern vorbehalten. Überhaupt drängten die Männer nach dem Krieg wieder in alle Berufe und Positionen und verscheuchten die Frauen, die in dieser Zeit tapfer die Stellung gehalten hatten. Auch ihre Ziehtochter Hanna, die als Flüchtlingskind in Bettinas und Peters Leben getreten war, bekam das deutlich zu spüren. Vergeblich hatte sie versucht, sich im Lehrerseminar zu bewerben, aber auch da hatte sie eine Ablehnung nach der anderen kassiert.

Das Leben war nicht gerecht, das hatte Peter in seiner schweren Kindheit mehr als einmal erfahren müssen. Aber dass es sich so schön entwickelte, dass er seinen Bruder gefunden hatte, dass er seine große Liebe erleben durfte und dass er letztendlich auf dem Hof der Werdenbergs eine Heimat fand, hatte auch den Krieg erträglich werden lassen.

Als Peter das letzte Hufeisen eingebrannt hatte, wies Peter Sigrid an, mit Tizia auf und ab zu gehen. Kritisch betrachtete er ihren Gang. Sigrid ließ die Stute an der Hand traben, dann auf der linken und der rechten Hand im Schritt gehen. Peter war mit seiner Arbeit zufrieden. Die Hufeisen saßen.

»Was für ein bildschönes Pferd das ist«, seufzte er. »Diese Gänge sind so ausdrucksstark.«

»In Schaumburg findet demnächst ein Turnier statt«, fiel Sigrid ein. »Ich wollte daran teilnehmen. Und vielleicht reiten ja auch Hanna und Jochen mit.«

Peter nickte. Er hatte selbst schon einige Male überlegt, die Kinder zu Turnieren zu überreden. Es stimmte ihn traurig, dass die Pferde auf dem Hof zur Nebensache geworden waren.

»Du solltest dir Reitunterricht von deiner Mutter geben lassen«, schlug er vor.

Sigrid verzog das Gesicht. Sie war eine großartige Reiterin, und Peter ahnte, dass sie sich von ihrer Mutter nichts mehr sagen lassen wollte. Doch hin und wieder war es nicht verkehrt, wenn jemand anderes von außen einen Blick auf die Bewegungen von Reiter und Pferd warf.

»Kommst du jetzt allein zurecht?«, fragte sie ihn nun. »Ich würde gerne noch reiten gehen.«

Peter nickte. Sigrid nahm ihre schwarze Stute am Halfter und führte sie zum Reitplatz. Peter sah ihr nach. Seine Nichte trug einen Rock, einen Pulli, Kniestrümpfe und...



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