Weber Honor Harrington: Honors Mission
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1111-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bd. 25. Roman
E-Book, Deutsch, Band 25, 480 Seiten
Reihe: Honor Harrington
ISBN: 978-3-8387-1111-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Honor Harrington auf diplomatischer Mission. Ein Krieg gegen die mächtige Solare Liga scheint unausweichlich. Um so wichtiger ist es, die Kampfhandlungen mit der Republik Haven endlich zu beenden. Deshalb wurde der 'Salamander' ausgeschickt, um die Friedensverhandlungen in Gang zu bringen. Doch niemand ahnt, wer bei diesem interstellaren Konflikt wirklich die Fäden zieht ...
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Kapitel 1
Hätte der Herausgeber eines Bildwörterbuches nach einem geeigneten Modell gesucht, das den Begriff ›paralysiert‹ veranschaulichen sollte, so hätte er hier einen Volltreffer gelandet.
Ein objektiver Beobachter hätte sich vielleicht sogar gefragt, ob Innokentiy Arsenovich Kolokoltsov, der Permanente Leitende Staatssekretär für Äußere Angelegenheiten, überhaupt atmete, während er das Display betrachtete. Zum Teil war seine Reglosigkeit dem Schock geschuldet – aber nur zum Teil. Auch Unglaube gehörte dazu … nur dass ›Unglaube‹ ein viel zu schwacher Begriff für das war, was der Staatssekretär in diesem Moment empfand.
Astrid Wangs persönliches Chrono verriet ihr, dass er mehr als zwanzig Sekunden lang reglos dort saß. Dann atmete der Staatssekretär ruckartig tief ein, schüttelte den Kopf und blickte zu ihr auf.
»Liegt bereits eine Bestätigung vor?«
»Das ist die Original-Nachricht der Manticoraner, Sir«, erwiderte Wang. »Sobald der Außenminister sie gesehen hatte, wurde uns der Chip zusammen mit der zugehörigen offiziellen Note per Kurier zugestellt.«
»Nein, das meine ich nicht. Gibt es noch eine unabhängige Bestätigung für das, was die da sagen?«
Wang hatte zwei Jahrzehnte Erfahrung mit den bürokratischen Gepflogenheiten der Solaren Liga, und so kannte sie auch das Elfte Gebot: ›Du sollst niemals deinen Vorgesetzten in eine peinliche Lage bringen. Nicht in Gedanken, nicht in Worten, nicht in Taten.‹ Trotzdem war Wang das Erstaunen deutlich anzumerken, als sie Kolokoltsov anblickte.
»Sir«, setzte sie ein wenig vorsichtig an, »laut den Mantys ist das alles auf New Tuscany geschehen, und wir haben noch nicht einmal eine unabhängige Bestätigung für den ersten Zwischenfall, der sich laut den Mantys dort ereignet haben soll. Also …«
Kolokoltsov verzog das Gesicht und schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. Natürlich nicht! Bis zur unabhängigen Bestätigung des Ersten Zwischenfalls auf New Tuscany würde noch fast ein weiterer Monat vergehen, wenn Josef Byng in der üblichen Art und Weise verfahren war. Der Staatssekretär könnte sich schon lebhaft vorstellen, wie die Presse dieses Ereignis ausschlachten würde. Die verdammten Mantys saßen mitten im Zentrum der Liga-Kommunikation im Talbott-Sektor. Dank ihres Wurmlochknotens (den man gar nicht oft genug verteufeln konnte!) waren sie in der Lage, Berichte über die dortigen Ereignisse innerhalb von kaum mehr als drei T-Wochen ins Sol-System zu schicken. Ein direkter Bericht, per Kurierboot von New Tuscany nach Alterde geschickt, bräuchte für diese Reise beinahe zwei Monate. Und wenn das Boot dabei zuvor noch das Meyers-System ansteuerte, so wie es die Vorschriften verlangten, damit auch im Hauptquartier des Liga-Amtes für Grenzsicherheit der entsprechende Bericht vorlag, dann kam man auf mehr als elf T-Wochen.
Angenommen, die Mantys lügen uns hier nicht etwas vor und basteln sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund ihre ganzen ›Beweise‹ einfach zurecht, dann wurde jeder Bericht Byngs auf jeden Fall über Meyers geschickt, dachte er. Wenn Byng hier gegen die Vorschriften verstoßen hätte und den Bericht unmittelbar über Mesa und Visigoth geschickt hätte – so wie es jeder Admiral getan hätte, der etwas in der Birne hat! –, dann läge dieser Bericht doch schon seit acht Tagen vor!
Kolokoltsov verspürte das gänzlich uncharakteristische Bedürfnis, den Bildschirm aus seiner Verankerung zu reißen und quer durch den Raum zu schleudern. Er wollte sehen, wie das Gerät in tausend Stücke zerbarst, und aus Leibeskräften fluchen. Doch auch wenn jemand aus der Prä-Diaspora-Zeit von Alterde ihn auf höchstens vierzig geschätzt hätte, war Kolokoltsov doch schon fünfundachtzig T-Jahre alt. Fast siebzig dieser Jahre hatte er damit verbracht, sich zu seiner aktuellen Stellung emporzuarbeiten, und nun halfen ihm all diese Jahre eiserner Disziplin dabei, zumindest äußerlich Ruhe zu bewahren. Er hatte wirklich gelernt, dieses Spiel zu spielen. Er erinnerte sich an das Zwölfte Gebot: ›Du sollst in Gegenwart Deiner Untergebenen niemals die Beherrschung verlieren.‹ Und so brachte er es sogar fertig, seine Stabschefin anzulächeln.
»Das war wohl wirklich eine dämliche Frage, oder, Astrid? Ich bin anscheinend doch nicht ganz so immun Überraschungen gegenüber, wie ich immer angenommen habe.«
»Nein, Sir.« Wang erwiderte das Lächeln, doch die Überraschung stand dennoch in ihren blauen Augen zu lesen – und diese Überraschung galt seiner Reaktion ebenso wie der Nachricht an sich. »Ich glaube nicht, dass es unter den gegebenen Umständen irgendjemandem anders ergangen wäre.«
»Das vielleicht nicht, aber das hier wird noch reichlich Ärger geben«, gab er zurück – was ebenfalls gänzlich unnötig war. Er fragte sich, ob es ihm vielleicht nur herausgerutscht war, weil er sich immer noch nicht ganz gefangen hatte.
»Holen Sie Wodoslawski, Abruzzi, MacArtney, Quartermain und Rajampet her«, fuhr er fort. Ich möchte sie in einer Stunde in Konferenzraum Eins sehen.«
»Sir, Admiral Rajampet befindet sich in einer Besprechung mit dieser Delegation der Justizministerin, und …«
»Es ist mir völlig egal, in was für einer Besprechung er gerade steckt!«, fiel Kolokoltsov ihr ins Wort. »Sagen Sie ihm einfach nur, er soll herkommen.«
»Jawohl, Sir. Öhm … darf ich ihn darüber in Kenntnis setzen, warum diese Besprechung so dringend ist?«
»Nein.« Kolokoltsov gestattete sich ein schmales Lächeln. »Für den Fall, dass die Mantys die Wahrheit sagen, möchte ich, dass niemand irgendwelche Bemerkungen vorbereiten kann. Für derartigen Unsinn ist das einfach zu wichtig.«
»Worum geht es hier denn überhaupt?«, verlangte Flottenadmiral Rajampet Kaushal Rajani zu wissen, als er mit großen Schritten den Konferenzraum betrat. Er war der Letzte, der eintraf – genau das hatte Kolokoltsov auch beabsichtigt und im Vorfeld entsprechende Vorkehrungen getroffen.
Rajampet war ein kleiner, drahtiger Mann mit chronisch schlechter Laune – was sehr gut zu seinem fast schlohweißen Haar und den tiefen Falten in seinem Gesicht passte. Körperlich und geistig war er immer noch bestens in Form, dabei war er bereits einhundertdreiundzwanzig Jahre alt und damit einer der ältesten noch lebenden Menschen. Als seinerzeit die Prolong-Therapie erster Generation entwickelt wurde, wäre er beinahe zu alt gewesen, um noch davon zu profitieren – der entscheidende Stichtag war bei ihm keine fünf Monate mehr entfernt gewesen.
Zugleich diente er bereits seit seinem neunzehnten Lebensjahr als Offizier in der Flotte der Solaren Liga, auch wenn er schon seit mehr als einem halben T-Jahrhundert kein Raumkommando mehr innegehabt hatte. Und dass er Dummheit schlichtweg nicht ertragen konnte, zeigte er sogar mit einigem Stolz. (Natürlich bestand der Rest der Menschheit seiner Ansicht nach fast ausschließlich aus Gestalten, die mit Dummheit im Übermaß gesegnet waren – allerdings wollte Kolokoltsov ihm in dieser Hinsicht kaum widersprechen.) Zugleich hatte Rajampet in der allmächtigen Hierarchie der Liga-Bürokratie beachtlichen Einfluss, auch wenn er nicht ganz in der Spitze mitmischte. Mit allen Belangen der Raumstreitkräfte war er bestens vertraut, er kannte sämtliche höheren Offiziere, wusste um das gesamte komplizierte Geflecht von familiären Bündnissen und Schirmherrschaften und wer welche Leichen im Keller hatte … und er war auch umfassend darüber informiert, wer am Füllhorn der allgegenwärtigen Bestechung und Korruption bei den Streitkräften kräftig in die eigene Tasche wirtschaftete. Gerade dann war er selbst ganz vorne mit dabei und überwachte persönlich, wohin diese Gelder flossen.
Wenn dieser Idiot jetzt bloß noch wüsste, was seine geliebte Navy im Augenblick im Schilde führt, dachte Kolokoltsov eisig.
»Es sieht ganz so aus, als hätten wir ein kleines Problem, Rajani«, sagte er und wies dem ordenbehangenen Admiral mit einer Handbewegung einen Sessel am Konferenztisch zu.
»Ich will verdammt noch mal hoffen, dass es nicht nur ein ›kleines‹ Problem ist«, murmelte Rajampet mit zusammengebissenen Zähnen, während er zu dem entsprechenden Sessel hinüberstapfte.
»Wie meinen?«, fragte Kolokoltsov höflich nach, als hätte er nicht ganz verstanden, was man zu ihm gesagt hatte.
»Ich befand mich gerade in einer Besprechung mit den Mitarbeitern der Justizministerin«, gab Rajampet zurück, ohne für die vorangegangene Bemerkung um Verzeihung zu bitten. »Die sind immer noch nicht fertig mit den Anklageschriften bei diesen ganzen verdammten Prozessen. Das bedeutet, wir stehen gerade erst am Anfang, den ganzen Schlamassel mit Technodyne auseinanderzunehmen.« Mit dem Kinn deutete er zu Omosupe Quartermain, der Permanenten Leitenden Staatssekretärin für Handel, und Agatá Wodoslawski, der Permanenten Leitenden Staatssekretärin für Finanzen, hinüber. »Ich hatte Omosupe und Agatá versprochen, ihnen bis zum Ende dieser Woche die Empfehlung hinsichtlich der Neustrukturierung zukommen zu lassen. Es hat eine Ewigkeit gedauert, einfach nur alle zusammenzutreiben, sodass man sich wenigstens endlich zusammensetzen könnte. Deswegen bin ich nicht gerade erbaut darüber, aus etwas derart Wichtigem einfach herausgerissen zu werden.«
»Ich verstehe, warum es Ihnen ungelegen kommt, bei der Arbeit unterbrochen zu werden, Rajani«, gab Kolokoltsov kühl zurück. »Bedauerlicherweise muss die Kleinigkeit, um die es hier geht, dringend erörtert werden – und zwar umgehend. Und …« – nun bohrten sich seine dunklen Augen quer über den Tisch...




