Weber | Nimue Alban: Die Übermacht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 9, 432 Seiten

Reihe: Nimue-Reihe

Weber Nimue Alban: Die Übermacht

Bd. 9. Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1566-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bd. 9. Roman

E-Book, Deutsch, Band 9, 432 Seiten

Reihe: Nimue-Reihe

ISBN: 978-3-8387-1566-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das neue Abenteuer der Nimue-Alban-Reihe! Spektakuläre Abenteuer-SF um den Neubeginn der menschlichen Kultur auf einer fremden Welt. Die Anwendung fortschrittlicher Technik ist untersagt, denn die Menschen dürfen nicht aufgespürt werden: Eine feindliche Spezies hat sie von der Erde vertrieben und dabei fast ausgelöscht. Die ehemalige Offizierin Nimue Alban führt auf der neuen Welt einen harten Kampf gegen die totalitäre Kirche - mit Dampf- und Turbinentechnik. Doch wie soll sie einen Feind bezwingen, der ihr um das 15-fache überlegen ist?

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.I.


Schiffbruch-Inseln, Großer Westozean,
Kaiserlicher Palast, Cherayth,
Königreich Chisholm,
und
Ehdwyrd Howsmyns Arbeitszimmer,
Delthak, Altes Königreich Charis


Noch dunkler kann eine Nacht kaum werden, dachte Merlin Athrawes und blickte zum wolkenverhangenen, stürmischen Himmel hinauf. Der Wolken wegen waren weder Mond noch Sterne zu sehen. Eigentlich war zu dieser Jahreszeit auf Safeholds südlicher Hemisphäre Sommer. Aber die Schiffbruch-Inseln lagen beinahe viertausend Meilen südlich des Äquators. Zudem waren auf Safehold die Durchschnittstemperaturen ohnehin ein wenig niedriger als auf Terra. Damit war ›Sommer‹ ein sehr relativer Begriff. Wieder einmal dachte Merlin darüber nach, wie diese Inselgruppe wohl zu ihrem Namen gekommen war.

Insgesamt waren es vier Inseln, und keine einzige davon hatte je einen eigenen Namen erhalten. Die größte Insel maß an ihrer breitesten Stelle weniger als zweihundertfünfzig, die kleinste nicht einmal siebenundzwanzig Meilen. Es gab einige wenige Arten arktischer Wyvern und Seehunde (der Terra-Spezies gleichen Namens tatsächlich recht ähnlich), die sich an den schmalen Ständen tummelten. Aber abgesehen davon hatte Merlin bislang noch keine Lebensformen auf den Inselchen entdeckt. Es waren Inseln aus kargen, schroffen Klippen und nacktem Fels, die aus dem Großen Westozean aufragten. Es war daher nicht schwer, sich vorzustellen, dass Schiffe, die sich näherten, auf Grund laufen oder an den Klippen zerschellen könnten. Aber Merlin verstand nicht, warum sich ein Schiff überhaupt in dieser Gegend aufhalten sollte und wie es noch überlebende Schiffbrüchige hatte geben können, denen die Inseln den Namen verdankten.

Der Name stammte, wie Merlin wusste, nicht bereits von den Terraformierungsteams, die einst Safehold für menschliche Besiedlung vorbereitet hatten. Merlin hatte Zugriff auf Pei Shan-weis Originalkarten, und darauf war für diese armseligen Brocken wind- und wettergepeitschter Eilande aus Eruptivgestein, Sand und Kies kein Name verzeichnet. Überall auf dem Planeten gab es immer noch unbenannte Regionen – trotz der detaillierten Atlanten, die Teil der Heiligen Schrift der Kirche des Verheißenen waren. Es waren allerdings deutlich weniger als seinerzeit (was hieß: kurz nachdem Shan-wei und der Rest der Alexandria-Enklave ermordet worden waren). Merlin fand es aus historischen Gründen faszinierend, welche dieser Regionen erst einen Namen erhalten hatten, nachdem sich bei den Nachfahren der ursprünglichen Kolonisten das ursprüngliche Standardenglisch zu den derzeitigen Dialekten verschliffen hatte.

Aber Merlin war nicht hier, um etymologische Recherchen zur planetaren Linguistik zu betreiben. Daher wandte er dem heulenden Wind den Rücken zu und überprüfte den letzten der Emitter.

Das Gerät war etwa halb so groß wie er selbst, dabei etwa vier Fuß breit: eine nichts sagende Kiste, die an jeder Seite eine Reihe derzeit geschlossener Zugangspaneele besaß. Über die vier kleinen Inseln waren mehrere ähnliche Geräte verteilt – einige etwas größer, die meisten von gleicher Größe oder sogar kleiner. Nun öffnete Merlin eines der Paneele und musterte die leuchtenden LEDs.

Eigentlich hätte er das nicht zu tun brauchen. Er hätte sein eingebautes Com nutzen und alles mit der künstlichen Intelligenz namens Owl besprechen können. Denn schließlich würde die KI ohnehin einen Großteil der eigentlichen Experimente durchführen. Auch die LEDs hätte Merlin eigentlich nicht benötigt. Selbst das sturmgepeitschte Zwielicht hier reichte ihm aus, um seine Umgebung taghell wahrzunehmen. Es hatte wirklich einige Vorteile, wenn man schon fast tausend Standardjahre tot war: Unter anderem war sein PICA-Körper gegen Unannehmlichkeiten wie Unterkühlung gefeit. Mittlerweile hatte Merlin viele dieser Vorteile immens zu schätzen gelernt – ungleich mehr als seinerzeit, als er noch eine lebende, atmende junge Frau namens Nimue Alban gewesen war, die ihren PICA nur hin und wieder benutzt hatte. Das hielt Merlin Athrawes allerdings nicht davon ab, sehr zu vermissen, nicht mehr besagte junge Frau zu sein.

Diesen Gedanken verdrängte er nun – es fiel ihm nicht leicht, aber er hatte mittlerweile reichlich Übung darin. Mit einem befriedigten Nicken schloss er das Abdeckpaneel. Dann schritt Merlin über felsigen Grund zu seinem Aufklärer-Schwebeboot, erklomm die kurze Leiter und nahm im Cockpit Platz. Einen Moment später stieg das kleine Fahrzeug schon auf seinem KontraGrav-Kissen auf. Turbinen kompensierten den peitschenden Wind, während das Schwebeboot rasch auf zwanzigtausend Fuß Höhe ging. Das Schiff durchbrach die dichte Wolkendecke und stieg weitere viertausend Fuß auf. In der dortigen, deutlich weniger bewegten Luft ging es dann in die Horizontale.

Hier oben, oberhalb des Sturms, gab es reichlich Mondlicht. Merlin blickte in die Tiefe, genoss die Schönheit der schwarzen, silbern beschienenen Wolkenberge. Schließlich atmete er tief durch – aus reiner Gewohnheit, nicht weil er tatsächlich hätte atmen müssen – und ging an die Arbeit.

»Also gut, Owl. Phase eins aktivieren.«

»Aktiviert, Lieutenant Commander«, erwiderte der Computer aus seinem Versteck. Die Höhle, die tief unter Safeholds höchstem Berg verborgen lag, war im Augenblick beinahe dreizehntausend Meilen von Merlins derzeitigem Aufenthaltsort entfernt. Die Signale zwischen dem Aufklärer-Schwebeboot und dem Computer wurden über die selbsttätig navigierenden, autonomen Aufklärer- und Kommunikationsplattformen weitergeleitet, die Merlin rings um den gesamten Planeten im Orbit ausgesetzt hatte. Diese hervorragend getarnten, fusionsbetriebenen SNARCs waren die tödlichsten Waffen in Merlins Arsenal. Er musste sich oft auf sie verlassen. Denn sie verliehen ihm und einer Hand voll Menschen, die in sein Geheimnis eingeweiht waren, Kommunikations- und Aufklärungsmöglichkeiten, mit denen es niemand sonst auf diesem Planeten aufnehmen konnte.

Bedauerlicherweise bedeutete das nicht, dass es nicht jemanden, besser etwas, jenseits des Planeten gab, das es durchaus mit ihnen aufnehmen konnte – oder Merlins SNARCs an Leistungsfähigkeit sogar noch überlegen war. Und genau darum ging es bei diesem Experiment.

Merlin hatte die Schiffbruch-Inseln mit Bedacht ausgewählt. Sie waren wirklich sehr abgelegen: Von hier aus waren es elftausend Meilen bis zum Tempel, fast neuntausend Meilen bis nach Tellesberg und mehr als siebentausend Meilen bis nach Cherayth. Selbst die Ödlande, die nächstgelegene Region, in der es überhaupt Siedler gab, waren noch rund dreitausend Meilen weit entfernt. Niemand würde sehen, was hier geschehen sollte. Und niemand (abgesehen von besagten Wyvern und Seehunden) würde das Leben verlieren, sollte es ... unschön werden.

Im Augenblick ließen die Sensordaten auf den Anzeigen des Aufklärer-Schwebeboots das allerdings nicht erwarten. Tatsächlich meldeten sie gerade, dass es auf den Inseln in einem halben Dutzend Städte und Dörfer mehrere tausend Menschen gäbe – allesamt erkannt an ihrer Thermosignatur. Eine Stadt befand sich angeblich genau dort, wo Merlin gerade eben das Gerät überprüft hatte, mehr als zwanzigtausend Fuß unterhalb des Schwebeboots. Denn genau dort hatte Owl besagtes Gerät aktiviert. Wer mit dem bloßen Auge diese Insel betrachtet hätte, dem wäre nichts aufgefallen. Die Sensoren des Schwebeboots aber hatten die neue Wärmequelle augenblicklich aufgespürt.

Merlin lehnte sich zurück und beobachtete die Thermosignatur: Die Temperatur stieg auf beinahe fünfhundert Grad Fahrenheit – diese Skala hatte vor fast neunhundert Safehold-Jahren Eric Langhorne den Kolonisten aufgezwungen, nachdem er sie einer gründlichen Gehirnwäsche unterzogen hatte. Als diese fünfhundert Grad erreicht waren, gab es keine weitere Änderung mehr. Hätte man den Ort auf der kleinen Insel mit Menschen- oder PICA-Augen betrachtet, so hätte man bemerkt, dass dort nun Dampf aufstieg. Es war nicht allzu viel Dampf, und der Wind trug die kleine Dampfwolke auch fast rascher davon, als sie überhaupt entstehen konnte. Doch die Sensoren hatten sie trotzdem bemerkt, und sie hatten auch erkannt, dass die Dampfentwicklung in Zyklen verlief. Nur eine künstliche Wärmequelle konnte ein solch regelmäßiges Muster entstehen lassen. Merlin wartete weitere fünf Minuten ab und beobachtete dabei unablässig die Instrumente.

»Irgendeine Reaktion der kinetischen Plattformen, Owl?«, fragte er dann.

»Negativ, Lieutenant Commander«, erwiderte die KI ruhig.

»Dann jetzt Phase zwei einleiten.«

»Eingeleitet, Lieutenant Commander.«

Einen Augenblick später orteten die Sensoren weitere Wärmequellen. Zunächst nur eine einzige Quelle, dann zwei, schließlich ein halbes Dutzend. Zwei Dutzend. Es wurden mehr und mehr, verstreut über alle vier Inseln, einzeln oder in Gruppen, alle im gleichen Temperaturbereich, aber von unterschiedlicher Größe. Und von ihnen allen stiegen diese kegelförmigen Dampfwölkchen auf. Die Zyklen waren nicht identisch; die Dampfwolken wurden verschieden groß und blieben verschieden lange erkennbar. Doch sie alle waren unverkennbar künstlichen Ursprungs.

Reglos saß Merlin da, beobachtete seine Instrumente, wartete. Fünf weitere Minuten verstrichen. Dann zehn. Fünfzehn.

»Jetzt eine Reaktion der kinetischen Plattformen, Owl?«

»Negativ, Lieutenant Commander.«

»Gut! Das ist wirklich gut, Owl!«

Dieses Mal antwortete der Computer nicht. Eigentlich hatte Merlin auch nicht mit einer Antwort gerechnet. Dabei zeigte Owl allmählich tatsächlich zumindest erste Ansätze der eigenständigen Persönlichkeit, die das Betriebshandbuch Merlin fest versprochen hatte. Es hatte...



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