E-Book, Deutsch, 498 Seiten
Weber / Roth Die Stadt hat etwas Ideales
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-593-46226-4
Verlag: Campus Verlag Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das bürgerliche Heidelberg und die deutsche Nationalbewegung
E-Book, Deutsch, 498 Seiten
ISBN: 978-3-593-46226-4
Verlag: Campus Verlag Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Marie-Lise Weber (1935-2021) studierte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Geschichte und Germanistik; sie forschte dort über den deutschen Liberalismus und die bürgerliche Gesellschaft im Rahmen des von Lothar Gall geleiteten Forschungsprojektes »Stadt und Bürgertum im 19. Jahrhundert«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Einleitung
Am 5. März 1848 versammelten sich unter dem Beifall zahlreicher Heidelberger Bürger stadtbekannte und zugereiste liberale und demokratische Parlamentarier aus den südwestdeutschen Landtagen im Gasthaus Badischer Hof. Das Treffen gilt als Meilenstein auf dem Weg zur Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt am Main. Die Versammelten beschlossen damals einmütig: »Die Versammlung einer in allen deutschen Landen nach der Volkszahl gewählten Nationalvertretung ist unaufschiebbar, sowohl zur Beseitigung der nächsten inneren und äußeren Gefahren, wie zur Entwicklung der Kraft und Blüthe deutschen Nationallebens.«1 Dem Beschluss folgte mit der von Carl Theodor Welcker angeregten Einsetzung des Heidelberger Siebenerausschusses auch die erste organisatorische Maßnahme zur Umsetzung des Beschlusses. Die Mehrheit der Versammlung hatte den Schritt in eine gewaltsame Revolution zur Durchsetzung einer Republik abgelehnt und sich für eine konstitutionelle Monarchie ausgesprochen. Sie standen damit nicht alleine. Zahlreiche Presseorgane druckten die in der »Deutschen Zeitung« veröffentlichte Erklärung sofort nach. Dem gegenteiligen Gerücht, in Heidelberg sei »die Gründung einer deutschen Republik […] beschlossen worden«, traten gleich mehrere Teilnehmer des Treffens, darunter Friedrich Daniel Bassermann, Friedrich Bissing, Adam von Itzstein, Christian Kapp, Georg Schmitt, Alexander von Soiron, Karl Stößer, Carl Theodor Welcker und Ludwig Weller öffentlich entgegen.2 Der große Biograf der deutschen Revolution von 1848 und 1849, Veit Valentin, würdigte die Heidelberger Tagung vom 5. März als »gewissermaßen […] geschichtliche[n] Gipfelpunkt« in einer Reihe vergleichbarer Versammlungen im Vormärz. Die von ihr herausgegebene Erklärung habe »die völlige und entschlossene Revolution« bedeutet.3
Heidelberg, eine Hochburg des Liberalismus und der Republikaner? Das steht im größten Kontrast zu dem vielfach bewunderten Heidelberg als Ikone der Romantik, eine Charakterisierung, die lediglich 50 Jahre zuvor von Johann Wolfgang Goethe begründet worden war. Die Stadt schlummere in beschaulicher Lage. So sah es Goethe jedenfalls, als er im Jahre 1797 Heidelberg aufsuchte: »Die Stadt in ihrer Lage und mit ihrer ganzen Umgebung hat, man darf sagen etwas Ideales, das man sich erst recht deutlich machen kann, wenn man mit der Landschaftsmalerei bekannt ist, und wenn man weiß, was denkende Künstler aus der Natur genommen und in die Natur hineingelegt haben«.4 Dieser auf einer Durchreise nach der Schweiz empfangene Eindruck hat sich als Bonmot am Beginn des 19. Jahrhunderts rasch verbreitet. Der von Schönheit überwältigte Dichter reflektierte jedoch nicht die Wirklichkeit. Was der romantische Blick Goethes auf die Lage der Stadt inmitten der abwechslungsreichen Landschaft eines deutschen Mittelgebirges im Tal des Neckar verbirgt, ist die wechselvolle Geschichte der Stadt in der gesamteuropäischen Umbruchszeit zwischen 1750 und 1850. Wie in einem Brennglas spiegeln sich die damaligen Ereignisse in der Heidelberger Stadtgeschichte und dem Schicksal seiner Bürger, die fast alle Fährnisse dieser Jahrzehnte durchlitten und zugleich sich bewährend durchlebten.
Erstes Zeichen, dass es oftmals wenig beschaulich zuging, ist die zum Wahrzeichen gewordene Schlossruine, die sich wie eine Warnung vor Kriegszeiten über dem Flussübergang erhebt. Dazu kamen nicht wenige Krisen, wie der Wegzug der pfälzischen Residenz nach Mannheim. Daran hatte auch das ins Auge springende Gegenbauwerk zur Schlossruine, die 1788 fertiggestellte steinerne Brücke über den Neckar nichts zu ändern vermocht. Sie bildete in ihrer Symbolik für Handel und Verkehr einen ähnlichen Hoffnungsträger wie die Alte Brücke in Frankfurt, wenn auch zwischen der Errichtung beider Brücken damals mehr als fünf Jahrhunderte lagen. Im Gegensatz zu Frankfurt eröffneten die Heidelberger ihre Brücke kurz vor dem Beginn einer Epoche des Krieges, die von den Revolutions-, über die Napoleonischen Kriege bis zu den Befreiungskriegen reichte und erst mit dem Wiener Kongress für ein paar Jahrzehnte beendet werden konnte. Mit den Fuhrwerken der Kaufleute marschierten nun immer wieder Soldaten über die Brücke wie nur zwei Jahre nach dem Besuch Goethes, als die Bürger der Stadt am 16. Oktober 1799 den Brückensturm der Franzosen gegen die Österreicher erlebten, der unmittelbar die Erhebung von Beiträgen zu den Kriegskosten und die Entrichtung von Quartiergeldern nach sich zogen.
Was lässt sich also mit etwas Distanz zur Idylle in der Notiz Goethes oder der romantischen Darstellung der Stadt im Bild von Carl Rottmann aus dem Jahre 1815 zum Charakter der Stadt sagen? Das Adressbuch von 1816 bringt das Äußere in kaum zu überbietender Sachlichkeit auf den Punkt: »Heidelberg ist viermal länger, als es in seiner weitesten Ausdehnung breit ist; daher hat es auch nur eine einzige, die Stadt nach ihrer ganzen Länge durchziehende breite Straße. Alle anderen sind eng.«5 Hermann Schmeißer ergänzt dies in ökonomischer Hinsicht mit der ebenfalls ernüchternden Einschätzung: »Der Wert der die Straßen säumenden Häuser war gering«.6 Mehr noch, die Stadt war zur Zeit von Goethes Besuch zur tristen »Landstadt« heruntergekommen und die Universität stand in den kriegerischen Zeiten, die unmittelbar folgten, »vor dem Ruin«.7 Sicher, Heidelberg war seit dem Mittelalter neben der Residenz auch eine Universitätsstadt gewesen. Die erste Einrichtung zur Förderung der Wissenschaften wurde von Pfalzgraf Ruprecht getroffen, der zuerst 1346 eine allgemeine Lehranstalt gründete. Als diese erweitert wurde, erhob er sie 40 Jahre später förmlich zu einer Universität. Diese trotzte dann zwar fast 300 Jahre lang den Konfessionskämpfen und -kriegen, die der Reformation nachfolgten, doch ging dies mit einem allmählichen Verfall einher.
Ohne Residenz und mit einer Universität, die nur noch ein Schatten der einstigen Größe war, verblieb lediglich eine von korporativen Handwerkern und Krämern getragene ständische Bürgergesellschaft im Format einer »Ackerbürgerstadt« mit geringer Bedeutung des Gewerbes. Es gab faktisch nur Kleingewerbe und Kleinhandel, und es muss geradezu von einer »Negierung der Industrie« gesprochen werden.8 »Ackerbau konnte mit Recht als einer der Hauptnahrungszweige gesehen werden«, zu einer Zeit, in der noch mehr als die Hälfte des heute »bebauten Stadtgebiets fruchtbares Ackerland war.«9 Versuche, des Pfalzgrafen Karl Theodor, die Stadt durch staatlich geförderte Manufakturen auf eine neue wirtschaftliche Grundlage zu stellen, blieben Episode und scheiterten – auch am Widerstand der gewerbetreibenden Bürger.
Das ging bruchlos in die Zeit der Revolutions-, Napoleonischen und Befreiungskriege über, in der nicht nur die Not Einzug hielt, sondern es auch zu einer radikalen Veränderung des territorialen Zuschnitts der oberrheinischen Gebiete kam, zu denen die altehrwürdige Universitätsstadt gehörte. Faktisch über Nacht wechselten die Heidelberger Bürger von Untertanen des kurfürstlichen Pfalzgrafen zu Untertanen des Großherzogs von Baden. Das politische Machtzentrum verschob sich erneut von Mannheim nach Karlsruhe. Alles in allem schien damit die Entwicklung auf eine Provinzialisierung neben der neuen Hauptstadt Karlsruhe und der Industrie- und Handelsstadt Mannheim hinauszulaufen. Doch es kam anders, denn von diesem Tiefpunkt aus haben Stadt und Universität ihren Wiederaufstieg begonnen und konnten sich als überregionales geistiges und politisches Zentrum des südwestdeutschen Liberalismus etablieren. Dieser Erfolg war von der Universität beeinflusst, aber keineswegs von ihr bestimmt. Er wurde mehr von einer modernisierungswilligen städtischen Bürgergesellschaft getragen, in der ein erweitertes Fundament aus Kaufleuten, Verlegern, Apothekern und zahlreichen Handwerkern steuernd in die Geschicke der Stadt eingriff.
Wer war nun dieses Bürgertum? Wer gehörte dazu und wer nicht, und wie vollzog sich der Wandel von der mittelalterlichen ständisch geprägten Bürgergesellschaft hin zur modernen aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft? Zum Verständnis trägt ein Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses Buches bei. Im Jahre 1991 nahm ein Leibniz-Projekt der...




