Weber | Tod der Filzlaus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 264 Seiten

Reihe: Die Toten von Bottrop

Weber Tod der Filzlaus


1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9000-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 264 Seiten

Reihe: Die Toten von Bottrop

ISBN: 978-3-6957-9000-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nikolaustag. Weihnachtsfieber in Bottrop: Weihnachtsmarkt, geschmückte Geschäfte und ein plötzlicher Schneesturm, da ist der Weihnachtsmann aber schon tot und für Matthias bedeutet der Tag eine Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit. Ein alter Freund von ihm ist nur eines der Opfer, die Wahrheit war es schon früher. Und plötzlich ist für ihn nichts, wie es zu sein schien. Aber er ist nicht der einzige, der es mit einem Mörder zu tun hat, der Größeres vor hat.

Tom Weber, 1974 in Bottrop geboren, studierte Rechtswissenschaften und arbeitet heute im Bereich Medien- und Urheberrecht.
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EINS


Mittelalterliche Kälte zog durch das morgendliche Haus, es war kalt wie in einer gotischen Kathedrale.

Dabei war Matthias Wohnung gerade so groß, wie man es vor 150 Jahren für eine Bergarbeiterfamilie für ausreichend gehalten hatte. Aber die dicken Mauern hielten die Temperaturen fest, genauso wie sie im Sommer die Hitze draußen hielten.

In der weniger romantischen Zeit seines Lebens, in der er nicht den Betrieb jeder Heizung bezahlen konnte, waren Kerzen sein bevorzugtes Heizmittel gewesen.

Und gerade im Winter passte nichts besser als Kerzen in eine kalte Wohnung, fand er. Und überhaupt schien elektrisches Licht zu diesen Häuser gar nicht zu passen.

Jedes Mal, wenn er den Blick durch die Nachbarschaft schweifen ließ, und ihm die roten Ziegel, die Sandsteineinfassungen der Fenster und weißen Balken, die die Dächer trugen, bewusst wurden, fiel ihm auf, dass bei den alten Bergmannssiedlungen eher an öde und reizvolle Fassaden in einem trostlosen Umfeld dachte.

Seine Nachbarschaft war ganz eindeutig vor der Zeit gebaut worden, als Pappwände und Tristesse zum Siedlungsdesign gehörte. Von oben mussten die Häuser wie eine kitschige Szenerie einer Miniatur-Modell-Landschaft aussehen.

Von seinem Küchenfenster aus sah er in ein Feld von kleinen Gärten, die mit niedrigen Hecken voneinander getrennt in geheimer Symmetrie aneinander stießen.

Und wenn nicht einige Mieter verbotener Weise Gartenhäuschen aufgestellt hätten, hätte man den Eindruck einer offenen Gartenanlage, die vielleicht von irgend einer historischen Gartenbaukunst beeinflusst war, die Matthias nicht kannte.

Aber so, wie er seine Nachbarn kannte, überlegten die schon, wie sie die Gartenhütte so verstellen mussten, um ein zusätzliches Dekostück auf dem Grün unterzubringen. Schließlich war es Winter – genug Zeit, um sich schlimme Dinge für die kommende Garten-Saison auszudenken.

Im Augenblick war nur die Nachbarskatze da, die diesmal nicht hinter dem Eichhörnchen her war. Sie schien sich die wallkürenhaften Tauben, die durch das Gras wie über eine Opernbühne stolzierten, als winterlichen Festschmaus ausgesucht zu haben.

Mittelalterliche Kälte, dachte Matthias wieder, und das am Nikolaustag. Dabei war der jährliche Mittelaltermarkt längst vorbei, schließlich spielte man Mittelalter nur, wenn es warm war und bequem, und nicht wenn es kalt und windig ist und man froh über die Segnungen des 21. Jahrhunderts ist. Alles in allem konnte Mittelalter-Romantik nur aufkommen, wenn man sich nicht ständig nach einer Zentralheizung und gedämmten Fenstern sehnte, dachte Matthias.

Jetzt war die Zeit der Weihnachtsevents und Weihnachtsmärkte, am besten drei pro Stadt. Nikolaus im Kaufhaus Althoff, der Budenzauber, der Nikolausmarkt – und nicht zu vergessen der Weihnachtsmarkt als solcher. Dabei wusste Matthias nicht einmal, welche Veranstaltung an welchem Ort welchen Namen hatte. Und hatte er eine Weihnachtsveranstaltung auf einem der vielen Plätze vergessen? Bestimmt.

Er ging nochmal das heutige Vorweihnachtsprogramm durch.

Außer dem Weihnachtsmarkt, der sich durch die Einkaufsstraßen zog, kam keine Stadt mehr ohne weihnachtliches Event aus. Und deswegen startete auf dem Rathausplatz ein drei Tage dauerndes Ereignis.

Der Bürgermeister eröffnete die Veranstaltung jedes Jahr mit ein paar Sätzen und wurde dann vom obligatorischen Nikolaus abgelöst, der Stutenkerle unter die anwesenden Kinder verteilte.

Um die transportable Bühne, auf der das und ein umfangreiches Programm stattfinden sollte, würde ein Weihnachtsbaum stehen umringt von einem Parcours von Attraktionen.

Und diesmal war er mittendrin.

„Du musst mal raus aus deiner Schreib-Werkstatt“, hatte Margret gesagt.

Die meisten Leute machten sich kein Bild von der Macht eines Abgabetermins. Erst recht nicht Margret, für die Termine aus Optionen bestanden: die Option zu verschieben, abzusagen oder mehrere gleichzeitig wahrzunehmen.

Und neuerdings war es letzteres Kunststück, mit dem sie offenbar einen Meistertitel erwerben wollte, seit dem sie wieder Mutter geworden war. Allerdings eher Mutter 2. Grades, also Oma mit Mutteraufgaben, seitdem ihre Kinder für die Arbeit Nomaden geworden waren und dabei nicht zwei schulpflichtige Kinder mitnehmen konnten.

Und das war letztlich auch der Grund, warum Margret ihn mitgenommen hatte: „Du musst mal raus und außerdem muss jemand die Neffenscharr ablenken, während ich die Geschenke kaufe – und danach lagern wir die bei dir ein.“

Zumindest hatte jemand einen Plan, dachte Matthias.

So war er also in Margrets „Geheimoperation Weihnachten“ eingeweiht worden. Und „Geheimoperation“ war nicht zu viel gesagt. Das Auto musste geparkt werden, und eigentlich hatte er damit gerechnet, dass es mit laufendem Motor bereit zu stehen hatte, so sehr war Margret mit dem Orten, Zeiten und Planung befasst. Denn der Einkauf musste mit Schulzeit, Mittagessen, Nachhilfeunterricht und dem üblichen Alltag mit dem Nikolaus und dem Weihnachtsmarkt koordiniert werden.

„Und das Internet?“ hatte Matthias gefragt.

„Da gibt es auch nicht alles. Und wenn was nicht so ist, wie ich es haben will, kann ich es wieder zurückschicken. Oder schlimmer: Es ist nicht so, wie die Kinder es haben wollen. Und dann die Paketdienste! Die finden nicht mal Häuser an der Hauptstraße. Da geht Einkaufen schneller.“

Also fragte er nur noch: „Dein Auto?“

„Nein, das Auto meines Neffen.“

Also des erwachsenen Neffen, verstand Matthias sofort. Es war klar, dass er nicht mit Matchbox-Autos der Kinder die Geschenke mit nach Hause fahren sollte.

Am Garderobenspiegel kontrollierte er noch kurz, ob er so gehen konnte. Matthias war groß und schlank und sein Bart war so zurückgenommen, dass sich andere Leute nicht einig darüber waren, ob man ihn als Spitzbart oder als Dreitagebart bezeichnen sollte. Kurz, den Weihnachtsmann – oder Nikolaus – konnte er nicht ohne weiteres geben. Zumindest diese Diskussion war abgeschlossen.

Pascal, der jüngste von Margrets Neffen, hatte eine vorweihnachtliche Familiendiskussion über die Existenz von Nikoläusen, Weihnachtsmänner und Christkinder sowie deren Rangfolge ausgelöst.

Margret war das gar nicht recht gewesen. „Ich weiß, irgendwann“, hatte sie zu Matthias später gesagt, „irgendwann wird der Zauber von Weihnachten vorbei sein. Aber dafür ist es doch noch ein wenig zu früh, oder?“

Zu früh war Matthias jedenfalls heute nicht dran. Aber seitdem er kein Auto mehr hatte, fiel es ihm schwer zu planen, wenn er mal wieder auf eines zurückgreifen konnte – oder es ihm, wie in diesem Falle, aufgezwungen worden war.

„Wir müssen nicht hetzen“, hatte er zu Margret gesagt.

„Der Nikolaus ist drei Tage lang im Kaufhaus. Das Althoff lässt sich nicht lumpen. Lass uns das auf mehrere Tage verteilen und dann ganz in Ruhe machen.“

Aber nicht mit Margret.

„Egal“, hatte sie gesagt, „wir arbeiten das alles an einem Tag ab – und du kommst mit. Du kannst dich schließlich nicht immer an deinem Zeichentisch vergraben.“

Und im Stillen hatte er ihr Recht gegeben. Das war nicht sein Stil.

Er warf noch einen kurzen Blick auf den Mann in Spiegel, sah in sein Gesicht und dachte: Um die 50, aber er wusste, dass er definitiv älter war. Aber das, dachte Matthias und lächelte in sich hinein, war eh nur für Leute interessant, die sich zu viele Gedanken über Äußerlichkeiten machten. Und außerdem hatte er ein volles Programm vor sich. Keine Gelegenheit also, alter Mann zu spielen: Natürlich konnte er so gehen, was für eine Frage!

Der einzige Grund, warum ihm diese Gedanken kam, und das wusste er sehr genau, war die Tatsache, dass er einfach nicht mehr in dem Alter war, in dem man sich ungestraft die Nacht um die Ohren schlug und am nächsten Tag frisch am Arbeitsplatz saß. Auch wenn sich sein, wenn auch kleiner, Arbeitsplatz zu Hause befand.

Jedenfalls würde er jetzt nicht weiter arbeiten, denn dann würde der Zeitplan nicht mehr aufgehen. Erst der Nikolaus, dann die Geschenke, dann auf den Rathausplatz: Dort zum nächsten Nikolaus und während Jamie und Pascal ihre Stutenkerle abholten, würde Matthias den Autoschlüssel Margret zurückgeben.

Er sah in die Küche und fragte sich: Nichts vergessen?

Für Außenstehende war es schwierig, den Raum als Küche zu sehen. Die Küchenzeile war auf das Minimum begrenzt, damit er ein brauchbares Arbeitszimmer hatte. Ein alter Zeichentisch dominierte den Raum statt eines Küchentisches und überzeugte jeden Besucher davon, dass er sein Arbeitslosengeld mit dem Schreiben von Gebrauchsanweisungen aufbesserte.

Mittlerweile nutzte er den Zeichentisch nur noch für kleinere Arbeiten, und war nur dann im Einsatz, wenn er sich nicht mit dem Computer abgeben wollte. Der Computer stand ganz unscheinbar auf einem unauffälligen kleinen Tisch neben dem Zeichentisch.

Nicht weit davon stand der Esstisch, der genauso unauffällig war und für zwei Personen reichte.

Er sah...



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