E-Book, Deutsch, Band 1, 288 Seiten
Reihe: Die Toten von Bottrop
Weber Tod im Arbeitsamt
3. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-7305-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 288 Seiten
Reihe: Die Toten von Bottrop
ISBN: 978-3-7568-7305-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom Weber, 1974 in Bottrop geboren, studierte Rechtswissenschaften und arbeitet heute im Bereich Medien- und Urheberrecht.
Autoren/Hrsg.
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EINS
Am Morgen des 22. Dezember saß auf den leeren Gängen des Arbeitsamtes nur ein nicht mehr ganz so junger Mann. Draußen war es diesig und kühl und auf dem Gang war es öde und leer. Das einzige Fenster am Ende des Ganges ließ nur wenig Licht herein.
Mit seinem Mantel und den Schuhen schien er so gar nicht auf diesen Flur zu passen. Einen Arbeitslosen stellte man sich anders vor. Aber wäre er ein Angestellter gewesen, dann hätte er nicht vor einer Tür gesessen und gewartet.
Versuchte man auf sein Alter zu kommen, verschätzte man sich schnell. Bei der sparsamen Beleuchtung war es schwer, irgendeinen Anflug von Grau in den Haaren zu erkennen. Er selbst achtete nicht darauf und andere kamen aber auch nicht auf den Gedanken, dass er bereits auf die sechzig zu ging. Ein gut geformtes Bärtchen, das sich unaufdringlich in das Gesicht einpasste, machte ihn eher jünger.
Selbst im Sitzen sah man, das er groß war und jede
Bewegung wirkte unbeschwert.
Jetzt saß er so entspannt da, als hätte er mit allem um ihn herum nichts zu tun.
Allerdings tat sich gerade hier auch nicht viel. Geduldig wartete er. Er sah rechts und links den Gang hinunter. Es war niemand zu sehen.
Zwei Tage vor Weihnachten schienen alle Angestellten in den Weihnachtsurlaub gegangen zu sein. Er überlegte, ob die Einladung des Arbeitsamtes nicht ein Irrtum war.
Jetzt war er hier und das Haus lag in vorweihnachtlicher Stille. Der Mann setzte sich streckte seine langen Beine aus und lehnte den Kopf gegen die Wand. Er saß auf einem der vereinzelt zwischen den Türen aufgestellten Stühlen in einem Gang, der auch ohne Stühle bereits eng genug war.
Mit der Zeit hatte er sich an die Arbeitsweise des Arbeitsamtes gewohnt. Trotzdem sollte dieser Morgen auch für ihn Überraschungen bringen.
Wie ein Schlauch reichte der Gang vom Fenster an der schmaleren Straßenseite des Gebäudes bis zu einer Bürotür an der anderen Seite. Ein Gang mit vielen Türen in ewig gleichen Abständen, wie Zellentüren auf einem Gefängnisflur.
Die Wände waren weiß gestrichen.
Er hatte sich nur kurz umgesehen und fand, was er erwartet hatte. Man brauchte nicht lange zu suchen, um die ersten Sohlen abdrücke von Wartenden an der Wand zu finden. Aber mittlerweile gab es einen Warteraum.
Nur saß der einzige Wartende lieber auf dem Gang, um nicht von einem Sachbearbeiter übersehen zu werden. Alles schon passiert, dachte er. Wieder überlegte er, ob es nicht ein Irrtum sei. Fand heute vielleicht der diesjährige Amtsausflug statt und nur ihm hatte keiner gesagt, dass er nicht zu kommen brauchte?
Er sah wieder auf den Brief den er bekommen hatte.
Auf der ersten Seite war man noch höflich. Es war eine „Einladung“, mit der „Bitte“ den Termin wahrzunehmen. Auf der Rückseite folgten der „Einladung“ und der „Bitte“ Drohung um Drohung, was einem alles Böses widerfahren könne, wenn man der Einladung des Arbeitsamtes nicht Folge leisten würden. In Wirklichkeit war es eine Vorladung, fand er.
Der Mann stand auf und schlenderte zum Fenster.
Vom Fenster aus sah er auf die direkt vor ihm liegende Bank. Den Nebeneingang hatte er von hier aus im Auge, der Haupteingang lag zu einem Platz, dem Pferdemarkt.
Der Pferdemarkt war früher der Ort, an dem die Bauern aus Bottrop und der Umgebung ihre Tiere verkauften. Aus dem damaligen Handelsort war der Name für den Platz geblieben und viermal im Jahr wurde der Pferdemarkt als Jahrmarkt oder Kirmes wiederbelebt.
Jetzt hing der Jahreszeit entsprechend weihnachtlicher Schmuck am Sparkassengebäude, auf dem Pferdemarkt stand ein Weihnachtsbaum. Daneben stand passenderweise, wie
Weihnachtsbaumverkäufer. er fand, ein
Er hatte schon vieles in seinem Leben gemacht. Matthias Fehmann, ehemaliger Laborant, ehemaliger Dozent für Physik, Mitinhaber einer Firma für Antriebstechnik, jetzt arbeitssuchend. Damit gehörte er jetzt zum alten Eisen – und damit hatte er nicht gerechnet. Schon gar nicht, dass ihm seine Arbeitslust mal zum Verhängnis werden würde.
Er hatte schnell feststellen müssen, dass ihm, einem Über-Fünfzigjährigen mit einer Karriere als Selbständigen, das Arbeitsamt keine Stelle verschaffen könnte.
Also hatte er wieder zur Eigeninitiative gegriffen... und hatte ein altes Hobby zum Broterwerb aufgenommen. Brötchen wäre wohl die bessere Umschreibung, dachte er. Kleine Zeichnungen hatte er immer schon gerne gemalt und auf Parties waren sie immer gut angekommen.
Jetzt war er Autor von Gebrauchsanweisungen. Aber es reichte nicht, um davon leben zu können. Für eine handvoll Euro komplizierte und schwierige Dinge in ein paar Worte zusammenfassen war besser als nichts, fand er. Und es passte besser zu ihm, als im Call-Center zu arbeiten. Und für ein paar Euro mehr machte er zu dem Text auch die Anleitungszeichungen noch dazu... oder nur die Bilder, ganz wie es gewünscht wurde.
Ihm selbst macht das Zeichnen der Bilder mehr Spaß, als die Texte zu schreiben. Kurze Geschichten hatte er schon im Studium gezeichnet: Eine Seite, drei Bilder und eine Pointe. Aber das war demnächst war vielleicht demnächst vorbei.
Und das war auch der Grund, warum er heute nicht in gewöhnlicher Hose und Pulli ins Arbeitsamt gekommen war. Für die Sachbearbeiter brauchte er sich nicht schick zu machen.
Aber aus einer Laune heraus hatte er mehr als Seite gezeichnet – und er hatte jemanden gefunden, der seine Geschichte drucken wollte.
In seiner Tasche, die ihn ein wenig wie ein Vertreter aussehen ließ, hatte er alles dabei. Es war ein Comic geworden, nicht mehr. Eine spannende Geschichte, nicht weniger, aber er hatte Spaß daran.
Eine späte Karriere, dachte er grinsend bei sich.
Bisher hatte er das als spaßiges Hobby gehalten, wovon er nie gerne erzählte. Wenn andere es sahen, tat er immer so, als würde er nur einzelne Bilder malen und nicht ganze Geschichten konstruieren.
Aber das Arbeitsamt war nur daran interessiert, Leute sozialversicherungspflichtig unterzubringen, auch wenn die Leute dadurch weniger verdienten. Also hatte er ihnen auch nicht erzählt, dass das Geld immer weniger vom Schreiben vom Gebrauchsanweisungen stammte.
Aber von dem Geld wussten sie.
Also warum war er hier?
Wenn er jetzt, statt auf den leeren Fluren des Arbeitsamtes, am Computer sitzen würde, dann könnte er noch ein bisschen weiter arbeiten.
Er trommelte träumend auf das Fensterbrett. Damals hätte er nicht gedacht jemals hier zu landen. Aber er war nicht unzufrieden. Die Arbeit hatte ihn immer davon abgehalten, sich mit seinem Hobby zu beschäftigen. Und jetzt verdiente er tatsächlich etwas Geld damit. Nicht genug, um vom Arbeitsamt los zu kommen. Dabei würde er viel lieber den Laden hier auf Vordermann bringen. Die Defizite stachen geradezu ins Auge, fand er.
Der Mann drehte sich vom Fenster weg und sah in den langgestreckten Gang. Dann sah er wieder auf den Brief in seiner Hand.
In der Regel erfuhr man nicht, warum man sich einfinden sollte. Das Arbeitsamt verschickte Formbriefe, die mit Standartformulierungen auskamen. Die Vorderseite bestand immer aus dem gleichen Text, den jeder zu lesen bekam, der sich im Arbeitsamt einfinden sollte. So viel Aufmerksamkeit widmeten die Arbeitsvermittler dem Bürger. Bestenfalls wurde eine zum Ausfüllen gedachte Zeile genutzt, in der man darum gebeten wurde, Unterlagen mitzubringen – welche, darüber schwieg sich der Brief aus.
Er fragte sich, was wohl passiert sei. Die würden ihn schließlich nicht so kurz vor Weihnachten hier antreten lassen, wenn es nicht wichtig wäre. Schließlich würden die sich in der Weihnachtswoche und vor dem Jahreswechsel nicht noch Arbeit machen.
Vielleicht würden sie ihm in diesem Jahr noch einen festen Job besorgen?
Aber nein, dachte er. Er wusste, dass die Behörde zwei Niederlassungen hatte. In der einen saßen die Arbeitsvermittler, die sich bemühten für die Leute Arbeit zu finden, und in der Anderen, die Angestellten, die das Geld verteilten, oder verweigerten.
Und jetzt stand er einsam auf den Gängen der Stelle, in der das Geld verteilt wurde. Hier musste er seine Einkünfte angeben. Seine kleinen Einkünfte, die er zusätzlich zu seinem Arbeitslosengeld erarbeitete, und die dann von dem Geld abgezogen wurden, die er von der Behörde bekam.
Er setzte sich wieder. Hier war man chancenlos und hoffnungslos, wenn man über 50 war und wenn man sich auf das Arbeitsamt verließ. Dabei war es egal, wie gut die Ausbildung war, wenn man erst mal das gewisse Alter überschritten hatte.
Irgendwann kam ein Angestellter vorüber und der Mann dachte sich: Toll, also bin ich doch nicht der Einzige, der heute hier ist.
„Sie warten auf...?“, fragte er, die Frage offen im Raum stehen lassend.
„Herrn Stegens.“
„Ja, dann kommt der auch gleich. Bestimmt“, sagte der Angestellte.
Es sollte wohl aufmunternd klingen und wirkte dabei doch etwas verunsichert. Aber es war ja auch nicht verwunderlich, dass er irritiert war, wenn jemand in der Weihnachtswoche einsam und verlassen auf den Fluren...




